





Die biologische Funktion des Zustands Angst liegt ursprünglich in der Warnung vor Gefahren (Alarmsignal) und Auslösung von Aktivitäten zur Beseitigung der bedrohlichen Situation. Als natürliche Folge von Angst treten im Tierreich je nach Situation neben dem dominierenden Fluchtverhalten auch Angriffsverhalten, Verteidigungsverhalten oder Wehrverhalten auf. Auch eine vollständige Lähmung des Körpers kann als Folge von Angst bei Tier (Totstellreflex) und Mensch ("vor Angst wie gelähmt sein") auftreten. Aus Attrappenversuchen des Verhaltensforschers KONRAD LORENZ (1903-1989) hat sich ergeben, dass vielen Tieren ein Feindschema angeboren ist. Chemische Schreckstoffe lösen eine spezifische Schreckreaktion aus. Tiere in freier Wildbahn leben in ständiger ängstlicher Bereitschaft. KONRAD LORENZ war sogar davon überzeugt, dass Tiere, die am meisten Angst zeigen, die besten Überlebenschancen haben. In Situationen stärkster Bedrohung tritt bei manchen Arten eine Angstlähmung ein, die mit einem Totstellreflex einhergeht.
Unsere hervorgehobene Position als Menschen erklärt sich vermutlich
aus unserer Fähigkeit, emotional bereits aktivierte Programme stoppen
oder beeinflussen zu können. Das Bewusstsein
eröffnet uns "Alternativen" zu den im "Emotionsgehirn"
bereits fertig entworfenen und durch Außenreize stimulierten Reflexreaktionen.
Dadurch macht es uns anpassungsfähiger an komplizierte Situationen
(die sich allein durch Flucht oder Angriff nicht optimal lösen lassen)
als ein Tier. Menschlicher Fortschritt dürfte somit vor allem auf
der Fähigkeit beruhen, Emotionen kontrollieren (stoppen, modulieren)
zu können. Zugleich erklärt sich so das Leid mancher Menschen,
die sich ihren Emotionen "ausgeliefert" fühlen (unter Angststörungen
leiden, süchtig werden, sich aggressiv verhalten, Essstörungen
haben usw.) und diese Vorgänge auch nicht verstehen können.
Solche Menschen darf man nicht verachten oder belächeln. Denn es
ist extrem schwer, Emotionen mit dem Verstand zu kontrollieren. Dies liegt
daran, dass weitaus mehr Nervenverbindungen Informationen von den Emotionszentren
zu den Verstandszentren leiten und nicht umgekehrt. Das Emotionshirn hat somit
weitaus mehr Einflussmöglichkeiten als die "Vernunft".
Obwohl im Angstzustand die meisten positiven Gefühle unterdrückt
werden, kann Angst auch hilfreich sein. Durch das Erleben von Angst in
bestimmten Situationen wird beispielsweise deutlich, wo noch persönliche
Unsicherheiten bestehen, wo eine Weiterentwicklung hilfreich für
das Individuum sein könnte (Ein gut vorbereiteter Schüler kann
deutlich weniger Prüfungsangst empfinden als ein schlecht vorbereiteter.).
Ein Leben ganz ohne Angst sollte sowieso nicht als erstrebenswert gelten,
da dann eine wichtige Funktion unseres Organismus nicht mehr zur Verfügung
stünde. Als Folge können Gefahren, Bedrohungen oder Unsicherheiten
nicht mehr mit der notwendigen Aufmerksamkeit und Handlungsbereitschaft
erkannt und bewältigt werden.
Ursachen von Angst
Die Stärke des Gefühls Angst (Grad
der Ängstlichkeit) ist bei
jedem Menschen anders ausgeprägt. Während einige Menschen Extremsituationen
wie Unfälle, Entführungen, Überfälle oder Misshandlungen
ohne anschließende vermehrte Angst überstehen, zeigen andere
vermehrte Ängstlichkeit als Reaktion auf relativ banale Zwischenfälle,
wie verbale Bemerkungen oder kleine Misserfolge in Schule oder Beruf.
Noch konnte nicht endgültig geklärt werden, ob die Ursachen
hierfür in der genetischen Ausstattung eines Individuums oder in Erlebnissen
in frühen Lebensphasen zu suchen sind. Vermutlich wird ein gewisses
Maß an Angstneigung genetisch angelegt und das "Angstprofil"
jedes einzelnen Menschen durch seine individuellen Erlebnisse im Leben
geprägt.
Die mit Emotionen befassten Gehirnbereiche können auch Erinnerungen (genauer gesagt: Erfahrungen) speichern (Angstgedächtnis). Allerdings sind diese Erinnerungen meist nur sehr schemenhaft. Sie reichen jedoch aus, um sehr schnell eine emotionale Reaktion in Gang zu setzen. Individuelle "Angstursachen" beruhen daher überwiegend auf Erfahrungen und Erlebnissen, die v.a. in den ersten Jahren des Lebens zu suchen sind (weitgefasste Definition). Häufig lösen wiederholte angsteinflößende Situationen längerfristig anhaltende Angsterscheinungen aus. Angst vor Dunkelheit, vor großen Tieren, vor Spinnen, vor Naturgewalten u.a. rühren sicherlich größtenteils von der offensichtlichen Gefahr und Bedrohung für den Organismus her und begleiten den Betroffenen über Jahre. Dabei spielen sowohl unbekannte Strukturen als auch bereits bekannte Faktoren eine Rolle.
Manche Ursachen gewisser Ängste
werden nie erforscht, zu komplex können verschiedene Ereignisse und
Angstauslöser miteinander gekoppelt sein. Ein Unfallbeteiligter kann
beispielsweise auf sämtliche Reize der Umwelt ängstlich reagieren,
die zum Zeitpunkt des Erlebnisses aufgetreten sind. Ausschlaggebend dabei
ist nicht die Erinnerung an dieses "Randgeschehen", sondern
die Intensität der Emotionen, die durch dieses Ereignis ausgelöst
wurden. So kann das Bellen eines Hunds, der am Unfallort anwesend war,
oder die Farbe des Unfallautos zukünftig Angstgefühle bei dem
Betroffenen hervorrufen.
Formen von Angst
Wie schon beschrieben, kann Angst in unterschiedlichsten Formen auftreten.
Kinder einer 5. Klasse haben ihre Ängste so beschrieben:
| Aber manchmal habe ich Angst, dass ich mich mit meiner Freundin streite, dass ich eine schlechte Note in der Arbeit schreibe, dass meine Großeltern bald sterben, dass Verwandten oder Freunden etwas Schlimmes zustößt. Kara |
| Aber manchmal habe ich Angst, dass sich meine Eltern scheiden lassen wollen. Sabine |
| Aber manchmal habe ich Angst, dass ich auf die Hauptschule komme, dass ich auf die Schule gehe und keine Freunde finde, dass meine Katze bald stirbt. Jennifer |
Prüfungsangst überwiegt bei Kindern und Jugendlichen. Gute Vorbereitung der Klassenarbeit oder mündlichen Prüfung durch die Lehrer (Themen richtig bearbeitet, Vorstellungen zum Thema gut entwickelt) und die Schüler (kontinuierliche Wiederholung des Unterrichtsstoffs, Erfahrungsaustausch mit Eltern und Freunden) können die Prüfungsangst senken. Aber auch ausreichend Schlaf, ausgewogenes und nicht in Hast verzehrtes Frühstück, gute Zusammenstellung des erlaubten Hilfsmaterials sind gute Hilfen gegen übermäßige Angst, sie sichern die Funktion der GABA-Bremse (GABA: Gamma-Amino-Buttersäure).
Angst vor Krankheit und Tod ist auf
viele Faktoren zurückzuführen. Die Unsicherheit über die
Zustände, die Überhöhung der Vorstellungen über diese
Zustände (z. B. extreme Schmerzvorstellungen) sowie eigene Reaktionsunfähigkeit
führen zu diesen Ängsten. Ärzte und Schwestern unseres
Vertrauens, liebevolle und ehrliche Familien und Freunde und unzählige
Hilfsorganisationen können den Menschen diese Ängste nehmen
bzw. sie mindern.
Angst vor einbrechenden Naturkatastrophen
und ihren Auswirkungen, beispielsweise die Flutkatastrophe 202 in
Sachsen oder Erdbeben und der Tsunami 2011 in Japan, treffen Menschen
auch heute noch oft unvorbereitet. Die Angst wird durch das gemeinsame
Zupacken, durch nationale und internationale Hilfe gemindert. Häufig
ängstigen sich Menschen vor Gewittern. Die unverhofft einbrechenden
Blitze, das Wissen um ihre Folgen und die lauten, erschreckenden Donnergeräusche
lösen diese Emotionen aus. Durch Aufklärung und entsprechende
Schutzmaßnahmen kann man sich vor Gewittern und der damit verbundenen
Angst schützen.
Angst vor bestimmten Gegenständen oder Organismen wird heute vorrangig mit Verhaltenstherapien behandelt. Über die "Kontaktaufnahme" (Berührung) mit dem angstauslösenden Objekt werden gezielte Verhaltensweisen erlernt und trainiert, bis betroffene Personen über ein sicheres und jederzeit abrufbares Verhaltensrepertoire in solch einer Situation verfügen und damit die Angst bewältigen können. Ursachen für diese Art von Ängsten liegen im persönlichen Repertoire des einzelnen Menschen begründet. Beispielsweise empfindet mancher bereits die Gestalt oder Farbgebung eines Tiers als bedrohlich. Oft werden Tiere, z. B. Spinnentiere oder Schlangen, dann zu unrecht als angsteinflößende Monster verurteilt.
Aktuell ist die sogenannte "Angst-Lust" (Thrill) ein vielbesprochenes Thema. Bungee-Jumping, Extremsport oder Autoraserei sollen lähmende Angst abbauen und Glücksgefühle auslösen. Wie auch immer diese Vorstellungen durch physiologische Reaktionen bestätigt werden, sind diese Aktivitäten im Endergebnis eine Gefahr für sich selbst und andere.
Angst und Gehirn
Beim Hervorrufen des Angstgefühls werden Schutzreflexe ausgelöst,
an denen häufig mehrere Reaktionen beteiligt sind. Beispielsweise
kann das Quietschen einer Autobremse einen Angstzustand verbunden mit
den Schutzreflexen Zurückweichen, Hände vor das Gesicht halten,
Schreien usw. auslösen. Die Latenzzeit
(Zeit vom Reizbeginn bis zur Reaktion) beträgt dabei ca. 30 bis 45
ms. Die Reflexe werden von übergeordneten Hirnstrukturen kontrolliert,
das sind u.a. der Thalamus, das limbische System und die Großhirnrinde.
Weitere dabei auftretende Reflexe werden durch das autonome (vegetative)
Nervensystem gesteuert und führen u.a. zur Aufrichtung der Körperhaare
und zur Schweißsekretion.
Wie schon beschrieben, haben Ängste ihr eigenes (emotionales) Gedächtnis.
Mitverantwortlich für das Angst-Gedächtnis ist das limbische
System, speziell die Amygdala (Mandelkern). Man vermutet, dass traumatische
Erlebnisse in früher Kindheit zwar keine Erinnerung zulassen, da
der für das deklarative Gedächtnis verantwortliche Hippocampus
noch nicht ausgereift ist, die Amygdala aber das Erlebnis festhält
und späteres Verhalten beeinflusst.
Aus dem Gehirn von Mensch und Ratte konnte ein Peptid aus 105 Aminosäuren
isoliert werden, welches in der Lage ist, Angstzustände zu erzeugen
("Angstpeptid"). Bei diesem DBI (Diazepam-Bindungs-Inhibitor)
handelt es sich wahrscheinlich um einen der natürlichen Liganden
(hier Inhibitor), welcher die Bindungsstelle des GABA-Rezeptors ("Angst-Stopper")
verändert. DBI findet sich in Gehirnregionen, die für das Gefühlsleben
verantwortlich sind, besonders in Bereichen mit besonders hoher GABA-Rezeptor-Konzentration.
Das sympathische Nervensystem (Sympathikus) leitet das Aktivierungsmuster ein, welches dem, das bei positiver Erregung ausgelöst wird, sehr ähnelt. Die körperliche Erregung spiegelt den dafür verantwortlichen Gefühlszustand nicht wider. Nur durch individuelle Befragung kann die genaue Ursache ergründet werden. Die Reaktionskette des Organismus auf diesbezügliche Reize gliedert sich in zwei gleichzeitig verlaufende Reaktionen:
Adrenalin und Noradrenalin gehören zu den Katecholaminen und sind Nervenbotenstoffe (Neurotransmitter), die auf den Sympathikus (Teil des vegetativen Nervensystems) erregend wirken. Sie beschleunigen kurzfristig die Energiebereitstellung. Das zeigt sich in einer beschleunigten Herztätigkeit, Erhöhung des Blutdrucks, Freisetzung von Glucose und verstärkter Durchblutung der Muskulatur. Normalerweise werden Adrenalin und Noradrenalin fortlaufend in kleinen Mengen in das Blut abgegeben. In Stress- und Angstsituationen allerdings kommt es zu einer hoch dosierten Ausschüttung. Die wichtigste Aufgabe der in einer Alarmsituation freigesetzten Hormone Adrenalin und Noradrenalin besteht darin, gespeicherte chemische Energie wie Fett oder Glykogen zu mobilisieren und die Glucoseaufnahme in die Körperzellen zu unterstützen, um der vermehrten Muskeltätigkeit ausreichend Energie zur Verfügung zu stellen. Denkvorgänge werden unterdrückt bzw. blockiert. Das ist der Grund, warum es in Prüfungssituationen bei einigen Menschen zu einem Wissensloch kommen kann, bei dem auch sicheres Wissen plötzlich wie weggeblasen ist (Blackout).
Die zweite Reaktionskette wirkt kurzfristig. Bei langfristigem Stress
und Angst überwiegt die erste Reaktionskette. Normalerweise baut
sich eine Angstreaktion
schnell auf und auch schnell wieder ab. Nicht abgebaute Angst wirkt lange
nach und der Körper kann nicht zu seinem normalen Gleichgewicht zurückfinden. Im Gegenteil: Ist der allgemeine Erregungszustand dauerhaft erhöht,
so können Stress- und Angstsituationen, die früher die "Angstschwelle"
nicht erreichten, jetzt zu einer heftigen Angstreaktion führen, die
weit über der "Angstschwelle" liegt. Menschen, deren allgemeine
Erregungslage durch nicht abgebaute Angst dauerhaft höher liegt,
können folgende Symptome zeigen: der Blutdruck ist hoch, der Puls
ist schnell, die Muskeln sind verkrampft, die Magensäurebildung ist
hoch, die Fortpflanzungsorgane arbeiten vermindert, die Verdauungsorgane
sind schlecht durchblutet.
Das kann nachhaltige Wirkungen auf die Gesundheit haben, z. B. Spannungskopfschmerz,
Schlafstörungen, Lern- und Konzentrationsstörungen, Depressionen,
Ruhelosigkeit, Reizbarkeit, Verstopfung oder sexuelle Funktionsstörungen.
Die auf durch Umweltreize verursachte Angst hin ausgelösten Reflexe des Organismus sollten die Reaktionen also nur kurzfristig bestimmen. Nach Beseitigung des/der Angstauslöser sollten die Angstemotionen wieder abklingen. Dafür Sorge tragen Neurone des ZNS, die angstbedingte physiologische Reflexe und die Verhaltensreaktionen kontrollieren. Diese Neurone geben Gamma-Amino-Buttersäure (GABA) als Transmittersubstanz ab und mindern dadurch die Angst. Ist die GABA-"Bremse" zu schwach, dann kommt es zu extremen Angstzuständen, wie Phobien und posttraumatischem Stress, die v.a. auf frühere Erfahrungen zurückgeführt werden können. Solche Erkrankungen werden psychotherapeutisch oder/und medikamentös behandelt.
Wichtig für die Minderung
von Angst ist ein gutes Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen. Trügerisch
und nicht dauerhaft hilfreich sind Verdrängung der Angst durch Alkohol,
Drogen oder Suchen von extremen Gefahrensituationen gegen die Angst.
Alkohol verstärkt kurzfristig die GABA-"Bremse", die Angst
scheint zu verschwinden und dadurch verringert sich die natürliche
Einschätzung der Gefahr. Durch die Alkoholwirkung ist die Reaktionsfähigkeit
des Organismus stark herabgesetzt, sodass Gefahren für ihn nicht
mehr klar erkennbar sind, geschweige denn eine angemessene Reaktion darauf
erfolgen kann. Zusätzlich wird vom Körper eine Gegenreaktion
ausgelöst, die in eine Sucht führen kann.