
Mit einer Flügelspannweite
von etwa 1,5 bis 2 cm gehört die Tagfalterart Landkärtchen (Araschnia
levana) eher zu den etwas kleineren einheimischen Arten. Sie bevorzugt
feuchte Au- und Laubwälder, ist aber auch im Hügelland anzutreffen.
In seinen Biotopen findet man das Landkärtchen vorwiegend an halbschattigen
und schattigen Plätzen. Ihren schwarzen Dornraupen dient die Große
Brennnessel (Urtica dioica) als Futterpflanze.
Sie leben dort in größeren Kolonien. Innerhalb eines Jahres entwickeln
sich zwei Generationen, die sich in ihrer äußeren Gestalt unterscheiden.
Dieses Phänomen wird als Saisondimorphismus
(jahreszeitabhängige Gestaltigkeit) bezeichnet.
Saisondimorphismus beruht auf der alternativen Steuerung der Merkmalsausprägung
durch Außenfaktoren, die von der Jahreszeit abhängig sind, also
nicht auf erblichen Unterschieden (die korrekte Bezeichnung ist daher Saisondiphänismus).
Aus den überwinternden Puppen schlüpfen im Frühjahr (April)
die rotbraun gefärbten Falter – die hellere Frühjahrsform levana.
Nach Paarung und Eiablage entwickeln sich die Raupen im Juni, die sich
zum Juli hin verpuppen. Unter optimalen Bedingungen schlüpfen nach
ca. 7-8 Tagen die Schmetterlinge.
Es entsteht im Hochsommer die dunklere, schwarz-weiß gefärbte
Sommerform prorsa. Nach Paarung, Eiablage und
Raupenzeit verpuppt sich die neue Generation Anfang September und überwintert.
Nach ca. 170 Tagen, im Frühjahr, schlüpfen wieder die hellen
Formen.
Die unterschiedliche Farbausprägung der Schmetterlinge ließ
sogar CARL VON LINNÉ (1707-1778) lange daran zweifeln, ob die beiden
Vertreter überhaupt ein und derselben Art angehören. Heute weiß
man genau, wie die verschiedenen Exemplare entstehen.

Die Entstehung der beiden unterschiedlichen Formen wird modifikativ (also
nicht erblich) durch den Umweltfaktor Tageslänge bestimmt. Wachsen
die Raupen im Hochsommer, im Monat Juni, unter Langtagsbedingungen (mehr
als 16 h Helligkeit) auf, entstehen die dunklen Formen der Falter. Werden
die Tage kürzer (weniger als 16 h Helligkeit), entstehen nach ca. 170 Tage dauernder Puppenzeit helle Formen. Die Tageslänge während
der Raupenzeit löst die Modifikation
aus. Die Temperatur spielt keine Rolle, sie beeinflusst höchstens
die Entwicklungsgeschwindigkeiten der einzelnen Metamorphosestadien.
Durch die verschiedenen Färbungen sind die Schmetterlinge gut an
die Farben ihrer Jahreszeit angepasst und haben so einen besseren Fraßschutz
und damit größere Überlebenschancen.
Saisondimorphismus findet man ebenso bei anderen Insektenarten, Wirbeltieren,
Vögeln und auch bei Pflanzen. Bei Wirbeltieren und Vögeln äußert
sich Saisondimorphismus ebenfalls in der Ausbildung heller und dunkler
Formen. Beispiele sind hier das Schneehuhn sowie die weißen (Winter)
und braunen (Sommer) Formen des Hermelins. In diesen Fällen ist die
Umgestaltung mit einem Haar- bzw. Federwechsel verbunden. Die Färbung
des jeweiligen Fells bzw. Gefieders hängt von den jahreszeittypischen
Umweltbedingungen ab.
Unter den Pflanzen findet sich
Saisondimorphismus vor allem unter den Wurzelparasiten der Braunwurzgewächse.
Er äußert sich hier in Unterschieden bezüglich ihrer Blühperiode,
Stängelverzweigung und Internodienzahl. Beispiele dafür sind
Augentrost (Euphrasia), Wachtelweizen (Melampyrum)
oder Klappertopf (Rhinanthus).