


Der Physiker, Chemiker und Ingenieur JAMES LOVELOCK (geb. 1919) arbeitete seit den frühen 60er Jahren für die Weltraumforschung der NASA. Der Schwerpunkt seiner Arbeiten konzentrierte sich darauf, wie man auf Grund der Analyse der Oberflächen und Atmosphären von Planeten eventuell feststellen könnte, ob es auf diesen Planeten Leben gibt oder nicht. Auf Grund der sehr unterschiedlichen Zusammensetzung der Erdatmosphäre und der Atmosphären von Venus und Mars sowie der mutmaßlichen Zusammensetzung der Erdatmosphäre heute, wenn auf der Erde nie Leben existiert hätte, formulierte LOVELOCK den Ausgangspunkt seiner Hypothese.
Zwar wurden ähnliche Gedanken schon viel früher geäußert, zu Beginn des 20. Jahrhunderts z. B. von dem Ukrainer WLADIMIR GALAKTIONOWITSCH KOROLENKO (1853-1921) und seinem Cousin WLADIMIR WERNADSKIJ (1863-1945). Schon im ausgehenden 18. Jahrhundert, 1785, hatte der schottische Naturwissenschaftler JAMES HUTTON (1726-1797) die Ansicht geäußert, dass die Erde ein riesiger Organismus sei und eigentlich von Physiologen erforscht werden müsste. Sein Argument war der Kreislauf der Stoffe in der Atmosphäre, im Ozean und im Boden, den er mit der Zirkulation des Blutes im Körper verglich.
Diese Vorgänger waren LOVELOCK nicht bekannt, als er seine Hypothese 1972 zum ersten Mal formulierte. Er ging davon aus, dass die Zusammensetzung der Atmosphäre und der Meere, das Klima und die Erdkruste auf Grund der Verhaltensweisen von lebenden Organismen so reguliert werden, dass Leben möglich ist. Dies wird nach LOVELOCK durch Rückkopplungsprozesse erreicht. Dabei heißt "Gleichgewicht" (Homöostase) in diesem Zusammenhang nicht, dass alles konstant bleibt, im Gegenteil: Die ständige Evolution der Lebewesen und der ganzen Biosphäre sind Teil dieser Homöostase. Die lebenden Bestandteile der Biosphäre ändern sich im Laufe der Erdgeschichte, dabei tragen sie aber ständig dazu bei, dass insgesamt für das Leben günstige Bedingungen aufrechterhalten werden. Auch plötzlich durch Katastrophen - z. B. einem Meteoriteneinschlag - bedingte drastische Veränderungen können allmählich wieder ausgeglichen werden.
Seine Untersuchungen über die Zusammensetzung und die Stoffkreisläufe
in der Biosphäre brachten LOVELOCK auf einen bis dahin nicht bekannten
Zusammenhang. Im Phytoplankton und in den Makroalgen der Meere kommt in
erheblichem Maße Dimethylsulfonpropionat vor. Dieses schwefelhaltige
Betain hilft den Lebewesen vermutlich, Salzkonzentrationen und Salzkonzentrationsschwankungen
zu ertragen. Wenn Algen absterben, zerfällt das Dimethylsulfonpropionat
rasch in Acrylsäure-Ionen und Dimethylsulfid. Es konnte nachgewiesen
werden, dass auf diese Weise vor allem über den offenen Meeren der
Südhalbkugel große Mengen Dimethylsulfid in die Atmosphäre
abgegeben werden. Bei der raschen Oxidation des Dimethylsulfids in der
Atmosphäre entstehen über dem Meer Kerne, die für die Kondensation
von Wasserdampf zur Wolkenbildung gebraucht werden. Es ist naheliegend,
dass jegliche Einwirkung auf die Wolkendecke über den Meeren das
Klima großflächig stark
beeinflussen kann, da sie die Sonneneinstrahlung hemmt. So ergibt sich
folgender Regelmechanismus:
Je höher die Sonneneinstrahlung, desto mehr Algen entwickeln sich
und desto mehr Dimethylsulfid wird an die Atmosphäre abgegeben. Dieses
Dimethylsulfid führt zur Wolkenbildung. Damit wird die Sonneneinstrahlung
gebremst und das Algenwachstum ebenso. So kommt es zu weniger Dimethylsulfidbildung,
die Wolkenbildung geht zurück und die Sonneneinstrahlung wird wieder
stärker usw. Viele ähnliche Rückkopplungsprozesse
werden vermutet oder konnten auch schon nachgewiesen werden.
Um seine Vorstellungen von den selbstregulativen Kräften Gaias einem
breiten Publikum verständlich zu machen entwickelte LOVELOCK das
Modell "Daisy-World":
"Stellen Sie sich einen Planeten von der Größe
der Erde vor, der sich um seine Achse dreht und sich in demselben Abstand
wie die Erde um einen Stern von der Masse und Leuchtkraft der Sonne bewegt.
Dieser Planet unterscheidet sich von der Erde lediglich darin, dass er
eine größere Landfläche und weniger Meer hat. Die Wasserversorgung
ist jedoch gut und es wachsen fast überall auf dem Lande Pflanzen,
wenn das entsprechende Klima herrscht. Dieser Planet ist Daisy-World,
so genannt, weil seine hauptsächliche Pflanzenart Gänseblümchen
in den verschiedensten Farben sind: einige sind dunkel, andere hell, wieder
andere haben eine unbestimmte Farbe irgendwo dazwischen. Der Stern, der
Daisy-World mit Wärme und Licht versorgt, weist wie unsere Sonne
die Eigenschaft auf, dass sich seine Wärmeentwicklung mit den Jahren
verstärkt. Als sich vor etwa 3,8 Milliarden Jahren auf der Erde Leben
zu entwickeln begann, war die Leuchtkraft der Sonne noch um 30 % geringer
als heute. In ein paar weiteren Milliarden Jahren wird es auf der Erde
so glühend heiß sein, dass alles Leben, das wir kennen, erlischt,
oder sich einen neuen Heimatplaneten suchen muss. Die mir ihrem Alter
zunehmende Strahlungsintensität der Sonne ist ein allgemeines, unbestrittenes
Phänomen von Sternen. Wenn ein solcher Stern Wasserstoff (seinen
nuklearen Brennstoff) verbrennt, sammelt sich Helium an. Helium lässt
in Gestalt von gasförmiger Asche weniger Strahlungsenergie durch
als Wasserstoff und hemmt auf diese Weise den Hitzestrom von dem nuklearen
Schmelzofen im Zentrum des Sterns. Dort steigt die Temperatur an, wodurch
wiederum mehr Wasserstoff verbrannt wird. Das geht so lange, bis sich
ein neues Gleichgewicht zwischen der im Sternzentrum erzeugten und der
von der Sonnenoberfläche abgestrahlten Hitze herausgebildet hat.
Im Unterschied zu einem normalen Feuer verstärkt sich die Hitze bei
nuklearen Bränden in der Größenordnung von Sternen mit
der Zunahme der Asche. Manchmal explodiert ein solcher Stern. Daisy-World
ist vereinfacht in bestimmter Weise sicherlich auch reduziert. So beschränkt
sich die Umgebung auf eine einzige Komponente, die Temperatur, und die
Lebenswelt auf eine einzige Art, die Gänseblümchen. Unterhalb
einer Temperatur von 5 °C können Gänseblümchen nicht
wachsen. Am besten gedeihen sie bei etwa 20 °C. Eine Temperatur über
40 °C ist zu heiß für sie. ... Die Kohlendioxidmenge in
Daisy-World wird als Konstante vorausgesetzt. Sie soll groß genug
sein, dass die Gänseblümchen wachsen können aber nicht
so groß, dass sie das Klima beeinträchtigt. Desgleichen soll
die Einfachheit des Modells nicht durch eine Tagesbewegung gestört
werden. Regen fällt nur während der Nachtzeit. Die mittlere
Temperatur im Reich der Gänseblümchen wird also ganz einfach
durch die durchschnittliche Farbschattierung des Planeten bestimmt, durch
sein Albedo. ... Bei einer dunklen Tönung oder niedriger Albedo absorbiert
der fiktive Planet mehr Wärme aus dem Sonnenlicht und heizt sich
an der Oberfläche auf. Bei heller Farbe ... werden möglicherweise
70 bis 80 % des Sonnenlichts in den Weltraum zurückgestrahlt. ...
Die Albedos schwanken zwischen 0 (ganz schwarz) und 1 (ganz weiß).
Dem unbedeckten Boden Daisy-Worlds wird ein Albedowert von 0,4 zugeordnet,
so dass 40 % des darauf fallenden Sonnenlichts absorbiert werden. Die
Farbtönung der Gänseblümchen reicht von dunkel (Albedo
0,2) bis hell (0,7).
Versetzen Sie sich zurück in Daisy-Worlds graue Vorzeit. Die Wärmestrahlung
des Sterns war damals noch geringer, so dass nur in der Äquatorregion
am Boden eine mittlere Temperatur von 5 °C herrschte, die ein Wachstum
ermöglichte. Hier sprossen und blühen langsam die Gänseblümchen.
Nehmen wir an, dass in der ersten Wachstumsperiode die bunten wie die
hellen und dunklen Arten in gleichem Maß vertreten waren. Noch ehe
die Blütezeit aber vorüber war, sah man die dunklen schon in
der Überzahl. Auf Grund ihrer höheren Sonnenlichtabsorption
erwärmten sie sich an ihren Standorten auf über 5 °C. Die
hellen Gänseblümchen dagegen gerieten ins Hintertreffen. ...
In der nächsten Blütezeit hatten die dunklen Gänseblümchen
bereits einen deutlichen Vorsprung. ... Bald schon wärmte ihr Vorhandensein
nicht nur sie selbst. Während sie wuchsen und sich auf dem blanken
Untergrund ausbreiteten, erhöhte sich auch die Temperatur des Bodens
und der Luft - erst in einigen Orten, dann in der ganzen Region. ... Während
der Stern, der über Daisy-World strahlt, älter und heißer
wird, verschiebt sich das Verhältnis von dunklen zu hellen Gänseblümchen
immer weiter. Schließlich aber ist die Strahlung so groß,
dass auch die weißeste Blumenpracht die Temperatur des Planeten
nicht mehr unter der kritischen Wachstumsmarke von 40 °C halten kann.
An diesem Punkt reicht die Flower-Power nicht mehr aus, der Planet beginnt
wieder zu veröden und die Hitze ist so stark, dass sie den Gänseblümchen
keinen erneuten Start ins Leben gestattet."