





Im Freien wären die entdeckten Höhlenmalereien der Verwitterung ausgesetzt gewesen. Abgeschirmt in den Tiefen vieler Höhlen, geschützt vor schädigenden Lichteinflüssen und bei konstanten Temperaturen konnten sich jedoch etliche Felsbilder bis zum heutigen Tag in sehr gutem Zustand erhalten.
Die meisten Fundorte in Europa befinden sich in Frankreich (150 Orte), gefolgt von Spanien (128) und Italien (21). Auch aus Afrika und den anderen Kontinenten sind Funde bekannt. Die Felszeichnungen handeln meist von Tieren und Menschen, wobei Pferde und Wisente den Hauptanteil ausmachen. Zeichen und unbestimmte Linien ergänzen die Vielfalt der Felskunst, die auch als "Kunst einer Jagdkultur" bezeichnet wird.
Beispiele für die bekanntesten Vorkommen von Höhlenmalerei in Europa (Name des Ortes, nähere Beschreibung des Fundortes, in Klammern das Entdeckungsjahr und das geschätzte Alter der Höhlenzeichen):
| Name | Fundort | Alter (Jahre) |
| 1. Chauvet | Vallon Pont d'Arc/Südfrankreich (1994) | 32 000 – 35 000 |
| 2. Cosquer | Marseille (1985 bzw. 1992) | 18 000 – 27 000 |
| 3. Altamira | Kantabrien/Spanien (1880) | 14 000 – 15 000 |
| 4. Lascaux | Montignac/Dordogne (1940) | 17 000 |
Frankreich verfügt über insgesamt 24 zugängliche Höhlen,
die jedes Jahr von mehr als 1 Million Besuchern bewundert werden, davon
kommen allein 400 000 zu der Reproduktion der Lascaux-Höhle.
Die Grotte von Chauvet
In Südostfrankreich haben Amateur-Höhlenforscher in einer Felswand
der Schluchten der Ardèche-Region die älteste mit Wandmalereien
verzierte prähistorische Höhlenwohnung der Welt entdeckt. Dieses
altsteinzeitliche (paläolithische) Heiligtum, gibt nun allmählich
seine Geheimnisse preis und verblüfft dabei so manchen Urgeschichtsforscher:
tatsächlich malte und gravierte bereits der Cro-Magnon-Mensch vor
rund 31000 Jahren mit einer nie geahnten Präzision. Das gilt es näher
zu erforschen:
Die Entdeckung der Grotte Chauvet im Vallon Pont d'Arc in Südfrankreich durch die Höhlenforscher CHAUVET, DESCHAMPS und HILLAIRE am 18. Dezember 1994 stellte in der Höhlenforschung einen Meilenstein dar. Die heute für die Öffentlichkeit nicht zugängliche Höhle gilt als die bisher älteste und bedeutendste Bilderhöhle aller bisher entdeckten Höhlenkunstwerke. Ihr Alter wurde auf etwa 33 000 Jahre datiert. Im Inneren der Höhle wurden mehrere weitläufige Wandgemälde mit großflächigen und ausladenden Darstellungen von Tieren und Tiergruppen entdeckt. Die steinzeitlichen Künstler zeichneten sich durch ein sehr hohes Maß an Fähigkeit zur Abstraktion und Bildgestaltung aus und ihre Höhlenzeichen besitzen bereits eine beeindruckend hohe künstlerische Qualität.
"...Draußen herrscht an diesem 18. Dezember 1994 trotz Sonnenscheins beißende Kälte in Vallon-Pont d'Arc. Hier unten strahlt der feuchte Lehmboden großzügig seinen süßlichen Duft aus, und das ist gut so. Ringsum tiefe Stille. Die Dunkelheit ist vollständig und hüllt alles ein: wir befinden uns zehn Meter unter dem Erdboden. Das Abenteuer beginnt für JEAN-MARIE CHAUVET, ELIETTE BRUNEL-DESCHAMPS und CHRISTIAN HILLAIRE, die eine Leidenschaft verbindet: das Wühlen im Inneren der Erde ihrer Heimat... So haben die Höhlenforscher bei Entdeckung dieser Höhle, neugierig gemacht durch einen spürbaren Luftzug, erst einen Hohlraum entdeckt, dann ein ausgedehntes System von Gängen und Einzelhöhlen. Staunen und Begeisterung prägen von nun an das Unternehmen der Entdecker. Im Lichtstrahl ihrer Stirnlampen tut sich vor ihnen eine wunderbare Szenerie auf: riesige Säulen aus weißem Kalkstein, durchscheinend oder mit Perlmutterglanz, üppige Vorhänge aus Stein, funkelnde Teppiche auf dem Boden, der mit Bärenknochen übersät ist, einige davon in Unterschlüpfen für den Winterschlaf; die Wände sind von Krallenspuren gezeichnet. ELIETTE stösst einen Schrei aus: vor ihr taucht das Bild eines kleinen Mammuts auf. Nun kommt der Höhepunkt der Entdeckung: Wände, auf denen eingeritzte Zeichnungen erscheinen, Malereien mit rötlichem Ocker oder in schwarzer Farbe. Die Entdecker trauen ihren Augen nicht. An die 300 Pferde, Nashörner, Löwen, Büffel, Mammuts, einzeln oder in prächtigen Gruppen, scheinen plötzlich aus einem vieltausendjährigen Schlaf zu erwachen ...".
JEAN CLOTTES, bekannt als Spezialist für Höhlenmalerei, wird
beauftragt, die Höhle zu begutachten; er merkt sehr schnell, dass
es sich hier tatsächlich um altsteinzeitliche oder auch paläolithische
Kunst handelt. Es passt alles zusammen: "...Untersucht
man mit der Lupe einen Abschnitt der Malerei, bemerkt er, dann bemerkt
man rasch, dass die scheinbar durchgezogene und intakte Linie in Wahrheit
eine Reihe kleiner Lücken aufweist, die auf die Erosion zurückzuführen
sind ...".
Der Fachmann versteht sein Handwerk und hat auch die nötigen Erklärungsansätze
parat: Das Innere der Gravuren muss sich mit der Zeit mit Mikrokristallisationen
füllen, Konkremente (geologischer
Fachbegriff: hierbei handelt es sich um Mineralausscheidungen in den unterschiedlichen
Sedimenten, die von einem Kern – in der Regel ein Fossil – aus nach außen
gewachsen sind) müssen die Kunstwerke überdecken. Wenn diese
Indizien nachzuweisen sind, handelt es sich tatsächlich um altsteinzeitliche
Kunst.
Ein weiterer Beweis: Ein Pferd, ein Mammut und eine Eule sind in der
Rundung eines Gewölbes eingraviert, heute in fünf Metern Höhe,
weil der Boden sich mit der Zeit abgesenkt hat. Für die Höhlenmaler
wäre es unmöglich, an diese Zeichnung zu gelangen, ohne Spuren
zu hinterlassen; aber es gibt nicht die geringste Spur jüngeren Datums:
Der Boden ist unversehrt, die Reste der Zeichnung sind intakt, und das
ganze Kunstwerk, dank des pfleglichen Umgangs der Entdecker, gut erhalten.
JEAN CLOTTES hat seine Mission als Höhlenexperte erfüllt: Durch
seine Argumentation konnte er die Echtheit der Zeichnungen bezeugen.
Im nächsten Schritt sollte anhand der Radiokarbonmethode das Alter dieser Wunderwerke festgestellt werden:
Prinzip der Radiokarbonmethode:
Mit dem Tod von Lebewesen endet ihre Kohlenstoffaufnahme. Die Überreste
der Lebewesen enthalten Spuren von Kohlenstoff. Natürlicher Kohlenstoff
enthält einen minimalen Anteil des radioaktiven
-
Kohlenstoffisotops. Dieses zerfällt im Laufe der Zeit zu dem stabileren
- Kohlenstoff.
Die Halbwertzeit des
-
Kohlenstoffs beträgt 5 730 Jahre, d. h. innerhalb dieses Zeitraums hat
sich die Hälfte des radioaktiven Kohlenstoffs umgewandelt. Durch
Bestimmung des Gehalts an übrig gebliebenem
-
Kohlenstoff lässt sich mit einer Abweichung von ca. 1000 Jahren das
Alter von Tier- und Pflanzenresten bestimmen.
Sechs Monate danach kommt endlich das heiß ersehnte Resultat:
Die
- Analyse
zeigt, dass das Bild eines Büffels und zweier Nashörner ein
Alter von sage und schreibe 31 000 Jahren hat. Damit sind die Malereien
von Vallon-Pont d'Arc vom Kultusministerium zu den "ältesten
bis heute bekannten" Höhlenmalereien
erklärt worden, und der tüchtige Cro-Magnon-Künstler hat
sich den Rang eines kleinen Genies erworben. Tatsächlich fügt
die Behörde hinzu, diese Datierungen würden "... die
bislang allgemein anerkannten Annahmen bezüglich des erstmaligen
Auftretens von Kunst und ihrer weiteren Entwicklung in Frage stellen und
den Beweis dafür abgeben, dass der Homo sapiens bereits sehr früh
zur Meisterschaft im Zeichnen gelangt ist ...". Allgemeine
Verwirrung. Und noch eine Entdeckung: Einige tausend Jahre nach diesem
Ahnherrn des künstlerischen Talents sind andere Menschen da gewesen.
Rußflecken von Fackeln an der Wand und Spuren späterer Wohnstätten
sind der Beweis dafür.
Wenn man nun die Zeichnungen näher betrachtet, dominieren unter den dargestellten Tieren eindeutig die Nashörner. Es folgen Löwen, Mammuts und Pferde, von denen zwei in gelb gemalt wurden. Es gibt aber auch Büffel, Bären, Rentiere, Auerochsen, Steinböcke, Hirsche, und, am Ende der Karawane, einen roten Panther und eine eingravierte Eule. Menschenähnliche Darstellungen wurden nicht gefunden, mit Ausnahme einzelner Körperteile und einer Art Mischwesen, halb Mensch, halb Büffel.
Zeichnungen mit einem kräftigen Strich, bisweilen in satten Farben ausgemalt, gekonnte Modellierung, Tiefe: Das gesamte Werk zeugt überall von hoher Kunstfertigkeit. Unsere Vorfahren waren – welch eine Überraschung – bereits Meister in der Kunst der Verwendung des Raums von Höhlenwänden, in der Wischtechnik und in der Perspektivtechnik. Vor allem vier Pferdeköpfe vermitteln durch ihre Anordnung übereinander und die Abschattierungen der Farbe Schwarz einen verblüffenden Eindruck von Relief und Zweifarbigkeit. Zudem wurden einige Wände durch Abschaben vorbereitet, um die Striche besser hervortreten zu lassen.
Geradezu strotzend vor Leben und Kraft stellen sich diese Jahrtausende alten Tiere zum Kampf, verfolgen einander oder bilden Gruppen, die durch ein und dieselbe Haltung verbunden sind. Sehr erstaunlich sind auch die häufigen Aktionsszenen: Löwen auf der Lauer, Rentiere in vollem Lauf.In Chauvet ist von Grobheit keine Rede. Da gibt es kein Gekritzel, sondern
"Gemälde" alter Meister, die der besten Galerien würdig
wären. Während einige noch in der Phase des Stammelns der Bilder
waren, hatten sich andere bereits zu reifen und fertigen Künstlern
entwickelt.
Dennoch hält sich auch die Idee, die geschmückten Höhlen
seien Naturheiligtümer, Kathedralen gewesen, in denen man religiöse
Gefühle zum Ausdruck brachte. Warum haben die Leute damals gemalt?
Und warum malen sie heute? Der aus Rußland stammende Maler WASSILY
KANDINSKY, von dem einige Bilder an die Höhlenmalerei erinnern, behauptete,
ein Kunstwerk sei die Vereinigung von drei spirituellen Ausdrucksmöglichkeiten:
jener des Künstlers als Individuum, als "Kind
seiner Zeit", aber auch als "Diener
der Kunst". Werden wir auf diesem Wege die Universalität
und die außerordentliche Modernität der ungewöhnlichen
Ardèche-Fresken erfassen lernen?
(Auszüge aus: La
grotte Chauvet (Die Chauvet-Höhle), Jean-Marie Chauvet, Eliette
Brunel-Deschamps, Christian Hillaire, Verlag Seuil, Reihe "Felskünste",
geleitet von Jean Clottes, Paris 1995).
Die Unterwasserhöhle von Cosquer
HENRI COSQUER entdeckte bereits 1985 den Eingang zu der später nach
ihm benannten "Unterwasserhöhle
von Cosquer", doch erst einige
Jahre später wurde die ganze Bedeutung dieses Fundes erkannt. Erst
im Sommer 1991 entdeckte er nämlich auf einem seiner Dias den ersten
negativen Handabdruck. Diese Entdeckung führte im Juni 1992 zur ersten
wissenschaftlichen "Befahrung" der Höhle. Die Wandmalereien
sollten näher in Augenschein genommen werden, man suchte nach Kohlestückchen,
um die Funde zu datieren, des weiteren wurden Objekte und Strukturen des
Bodens eingesammelt, um erste geologische Untersuchungen anstellen zu
können.
Von Herbst 1994 bis Ende des Jahres 1994 versuchte man trotz sehr schlechter Witterung mehr über die Höhle und ihren Inhalt herauszufinden. Das gestaltete sich als äußerst problematisch, denn der Zugang zur Höhle war ausgesprochen schwierig: Ein 150 Meter langer Schlauchtunnel führt ca. 37 Meter unter dem Meeresspiegel in die Höhle, deren Eingang sich etwa 50 Meter von der Küste entfernt im Meer befindet und inzwischen, um das einmalige Kulturdenkmal in der Höhle zu schützen, von Tauchern der französischen Marine zugemauert wurde. Unter zähem Forscherdrang und bei sehr hohem Einsatz konnten dennoch folgende Arbeitsschritte erfolgreich durchgeführt werden:
Während der Durchführung dieser Arbeiten wurde immer offensichtlicher, dass der wahrscheinlich bedeutendste Teil der Wandmalereien unglücklicherweise durch den Anstieg des Meeresspiegels vernichtet wurde. Als die älteren Malereien entstanden, lag der Meeresspiegel etwa 120 Meter tiefer. Dadurch, dass der Wasserstand in der Höhle nie höher als heute war, wurden in den bisher noch nicht überschwemmten Teilen die Spuren des Steinzeitmenschen in einzigartiger Weise erhalten. Es gab zahlreiche Spuren lehmverschmutzer Finger an den Wänden, oder zu Kugeln geformte und durch mit den Fingern gezogene Linien verzierte, danach jedoch weggeworfene Lehmbatzen, Spuren von schmutzigen Fingern auf der Mondmilch. Diese Spuren erweckten schon den Eindruck als sei der Platz von den Künstlern erst vor wenigen Tagen verlassen worden, tatsächlich dürfte HENRI COSQUER aber der erste Mensch seit Tausenden von Jahren gewesen sein, der sich dort aufhielt.
Man geht davon aus, dass die künstlerische Gestaltung der Höhle im wesentlichen in zwei Zeiträumen stattfand. Der ersten Phase, vor etwa 27 000 Jahren und von noch unbestimmter Dauer, werden die zahlreichen Fingerspuren an den Wänden und die negativen Handabdrücke zugeordnet. Es wird auch vermutet, dass einige Tiere, hauptsächlich Pferde, und verschiedene geometrische Figuren in diese Epoche gehören, gesicherte Erkenntnisse liegen darüber jedoch nicht vor. Der Großteil der Kunstwerke stammt jedoch aus der zweiten Phase, von vor 18 500 bis 19 200 Jahren. Dabei sind nur ein Drittel aller Werke Kohlezeichnungen, bei der Mehrzahl (125 Einzelbildern) handelt es sich um Ritzzeichnungen. Auf den ersten Blick dominieren Pferdedarstellungen, gefolgt von Steinböcken und Gemsen sowie Bisons, Aurochsen und Rentieren.
"Die Tierzeichnungen in roter und schwarzer Farbe sind zu Jagdszenen gruppiert. (...) Die Zeichnungen haben einen anderen künstlerischen Stil als die bisher bekannten Steinzeit-Höhlenmalereien in Südwestfrankreich und Nordspanien. Die Pferde sind mit wehender Mähne dargestellt. Hirsche und Wisente sind erstmals nicht nur im Profil gezeichnet. Vielmehr wenden sie ihren Kopf in einer Drei-Viertel-Drehung dem Betrachter zu." (Auszug aus der Berliner Morgenpost vom 03.11.1991, Nr. 64: Die geheimnisvolle Grotte bei Marseille von Schröder, Eggert)
Eine der Besonderheiten stellen die Zeichnungen von Seehunden
und Pinguinen dar. Auffällig sind
auch mehrere geometrische Formen – Rechtecke mit aufgesetzten Dreiecken
– die uns bisher so nur aus einem Heiligtum im Ural, nämlich der
Kapova-Höhle bekannt waren. Die dortigen Zeichnungen werden jedoch
auf ein Alter von etwa 14.000 Jahren geschätzt (aus: Birchall, Jim:
Prehistoric art of Kapova Cave, Russia, in: The International Caver Magazine,
Heft 16/1996, S.12-14). Diese geometrischen Figuren werden als Symbole
einer Religion der Steinzeit-Menschen interpretiert. Besonderes Aufsehen
erregte auch die Figur eines Mannes, der von einem Pfeil durchbohrt wird.
"... Bislang war man sich unter Steinzeitexperten
einig, dass ein Pfeil in einer Wandmalerei als Ausdruck der Lebenskraft
der gezeichneten Wesen gilt. Doch dieses Bild aus der Cosquer-Höhle
bei Marseille ist nach den Untersuchungen der Archäologen Jean Courtin
und Jean Clottes augenscheinlich eine sehr frühe Gewaltdarstellung
..." (Auszug aus Focus, Heft 21/1994,
S.142-146: Graffiti aus der Steinzeit von Siefer und Werner)
Die Höhle von Lascaux
Die Höhle von Lascaux
liegt zwei Kilometer südöstlich von Montignac im französischen
Département Dordogne. Der Eingang zur Höhle befindet sich
in einem Wald am Rande des Flusstals der Vézère.
Die Originalhöhle ("Lascaux I" genannt) wurde 1963 für
die Allgemeinheit geschlossen und darf täglich nur noch von maximal
fünf Personen besucht werden. Ursache für diese rigorose Zugangsbeschränkung
war die Zerstörung der Malereien durch die Atemluft zu vieler Besucher.
Seit 1983 können jedoch täglich bis zu 2 000 Menschen originalgetreue
Nachbildungen der "Lascaux I"-Höhlenmalereien in "Lascaux II" besichtigen, da die beiden wichtigsten Teilbereiche der Originalhöhle
("Raum der Stiere" und "Axiale Divertikel") im Verhältnis
1:1 nachgebaut wurden. Der Eingang von "Lascaux II" befindet
sich ca. 200 Meter von "Lascaux I" entfernt. Obwohl Kopien für
manchen Kunstfreund keinen besonderen Reiz besitzen, sind durch diesen
Nachbau immerhin 90 % der Höhlenmalereien von "Lascaux I"
wieder einer breiten Öffentlichkeit zugänglich.
Techniken der Höhlenmalerei
Striche und Punkte wurden mit der gefärbten Fingerspitze oder mit
Pinseln aus Tierhaar gezeichnet. Bei der Versprühtechnik zerrieb
man das Pigment zu einem feinen Pulver, das mit dem Mund oder mithilfe
eines Röhrchens auf die Wand gesprüht wurde. Hielt der Künstler
eine Hand dazwischen, entstanden durch diese Schablonentechnik Handnegative.
In der Grotte Chauvet wurde auch die Verwischtechnik angewandt. Flachreliefe
entstanden durch das Abmeiseln der umliegenden Fläche. Die wahre
Meisterschaft der Höhlenkünstler bestand darin, dass sie die
dreidimensionale Wirkung von Rissen und Vorsprüngen des Felsuntergrundes
in das Bild mit einbezogen.
Angeregt durch die hohe künstlerische und technische Leistung der
Höhlenmaler, haben sich Archäologen und Kunstexperten daran
gemacht, zu rekonstruieren wie solche Bilder wohl angefertigt wurden.
Die Farbstoffe konnten bestimmt werden: Es handelt sich um natürlich
vorkommende Pigmente,
in der Hauptsache verschiedene Arten von Kohle (schwarz) und Ocker (gelblich-rot).
Zur Beleuchtung der Höhle dienten steinerne Talglämpchen. Gemalt
wurde mit einfachen Stiften oder mit den Fingern. Allerdings lassen sich
auf diese Weise kaum die vielen plastischen, flächigen Schattierungen
herstellen, die gerade auch die Bilder von Chauvet auszeichnen.
Der Archäologe und Höhlenkunstexperte MICHEL LORBLANCHET hat
mit einer anderen Methode experimentiert. Dabei werden die Grundstoffe
erst einmal zu feinem Pulver zerrieben. Der zunächst trockene Grundstoff
muss verflüssigt und gebunden werden. Fette kommen dafür nicht
in Frage. Eine solche Mischung ließe sich kaum auf das Gestein auftragen.
Wird der Staub aber in den Mund genommen und zerkaut, durchmischt er sich
gut mit Speichel. Ein kleiner Schluck Wasser zusätzlich, sorgt für
die nötige Dünnflüssigkeit. Dann spuckt man aus. Die Lippen
benetzen sich mit der farbigen Flüssigkeit. Man nähert sich
der Wand bis auf wenige Zentimeter und stößt in kurzen Abständen
Luft aus. Dadurch wird der Farbstoff mit großer Gleichmäßigkeit
aufgetragen. Eine Art "Airbrush"-Verfahren
also. Keine andere Methode hat bisher ein vergleichbares Ergebnis hervor
gebracht. Viele Stunden sind nötig, um auf diese Art ein Bild zu
kolorieren. Die mit Speichel angebundene Farbe haftet aber hervorragend.
In den schwarzen Flächen der Originale fand man nicht nur Kohlepartikel. Sie enthalten auch Anteile eines Minerals, Manganosit, dass ausgesprochen giftig wirkt. Verschluckt man es, kann es Halluzinationen auslösen. Haben die Eiszeitmaler wirklich nach LORBLANCHETS Methode gemalt, dann war es nicht zu vermeiden, dass sie auch etwas von dem Manganosit geschluckt haben. Es dürfte auf sie wie eine Droge gewirkt haben.
Verwendete Pigmente und Bindemittel
Rote Farbe wurde mithilfe von Erdfarben und Gesteinen hergestellt, welche
durch Eisenoxide und Eisenhydroxide rot (Roteisenerz),
gelb (Goethit und Ton)
oder braun (Brauneisenerz) gefärbt
waren. Manganerze (Manganoxid), Kohle von Knochen, Horn und Zahnbein oder
die Holzkohle des Wachholders dienten zur Herstellung von schwarzen Pigmenten.
Zur Verbesserung der Haftfähigkeit auf der rauhen Felsoberfläche
mischten die Künstler der Steinzeit zu den Pigmenten Kalk
und Wasser als Bindemittel. Der Kalk bildete Kristalle, welche das Pigment
dauerhaft umhüllten. Auch pflanzliche Harze und Blut wurden als Bindemittel
verwendet.
Funktion und Bedeutung der Malereien
Für manche stellte die Kunst wohl eine Verschönerung des Wohnraumes
dar, doch sie hatte auch eine andere Bedeutung: Das Auffinden von künstlerisch
bearbeiteten Kultgegenständen wie Zähne oder Knochen und die
Tatsache, dass sich viele Höhlenbilder an Stellen mit einer besonders
guten Akustik befinden, lässt auf eine kultische und religiöse
Bedeutung der Höhlenkunst schließen. Die Australischen Ureinwohner
haben ihre Kultur bis in die heutige Zeit erhalten. Sie gibt Aufschluss
über die religiöse
Bedeutung der Höhlenkunst.
Nach ihren Vorstellungen sind in den Felsbildern die Seelen der dargestellten
Wesen erhalten und können durch das Malen, Berühren und durch
das Abhalten von Kulthandlungen in den Höhlen zu neuer Verkörperung
und Fruchtbarkeit angeregt werden. Die geometrischen Zeichen auf den Felsbildern
in Südfrankreich sind Tiersymbole, die auch auf Kulthölzern
angebracht wurden.
Die Symbole sollen die Förderung der Fruchtbarkeit und des Jagderfolgs
durch die symbolische Kraft des Zeichens in besonderem Maße anregen.
Um dies zu verdeutlichen wurden die Tiere mit "Lebenslinien"
versehen: Innere Organe, Herz, Lunge, Magen, fasste man zu einer Linie
zusammen.
Die älteste fassbare Religion der Menschheit ist der Schamanismus.
Sie entstand in der Zeit, als die Jagd für den Menschen von zentraler
Bedeutung war. Auf manchen Höhlenbildern zeigen sich Darstellungen
von Menschen, die in Tierhäute eingehüllt sind oder als Kopfaufsatz
Geweihe oder Tierkappen tragen. Dabei handelt es sich wahrscheinlich um
die Darstellung von Schamanen. Nach der alten Vorstellung besaß
der Schamane zu den Tierseelen und zu den Naturkräften eine besonders
enge Verbindung. Er konnte durch das Malen von Felsbildern oder auch durch
das Schlagen von Trommeln in Trance auf die Geister und Tierseelen einwirken,
sie zur Fruchtbarkeit anregen oder die Naturkräfte zur Anwendung
von Heilungen benützen.