Biologie Abitur
Lazzaro Spallanzani
Lazzaro Spallanzani, 1729-1799

Leben und Wirken von LAZZARO SPALLANZANI
Zeitgeschehen

LAZZARO SPALLANZANI wurde 1729 in dem kleinen Ort Scandiano nahe Modena geboren. Für den Vater, einen angesehenen Anwalt, stand die Ausbildung des begabten Jungen fest: Mit fünfzehn wurde er auf ein Jesuitenkolleg in Reggio di Modena geschickt, um zunächst Grundkenntnisse in Rhetorik und Philosophie zu erwerben, danach war ein Jurastudium an der Universität Bologna vorgesehen. Doch LAZZARO SPALLANZANI, schon früh ein eigensinniger Kopf, wechselte zur Naturphilosophie und Mathematik. Eine Entscheidung, zu der auch wesentlich seine außergewöhnliche Cousine LAURA BASSI (1711-1778), eine Professorin für Physik und Naturwissenschaften, beitrug.

Der vielseitig Interessierte begeisterte sich für alte Sprachen, er erlernte außerdem Französisch - und den Umgang mit dem Mikroskop. Mit 25 Jahren wurde er Lehrer am Collegio San Carlo dei Nobili in Reggio und unterrichtete Logik, Metaphysik und Griechisch. Er empfing die niederen, später dann die höheren Priesterweihen und ging 1761 an die Universität Bologna. LAZZARO SPALLANZANI war ein leidenschaftlicher Experimentator, er hinterfragte rigoros die Erscheinungen der Natur und übte in jahrelanger Praxis die "schwierige Kunst gut zu beachten". Seine Veröffentlichungen wurden von Fachkollegen und an den Höfen Europas lebhaft diskutiert, namhafte Universitäten versuchten ihn durch attraktive Angebote zu gewinnen.

Doch SPALLANZANI blieb in der Lombardei. 1769 nahm er auf Drängen JOSEPH II. eine Professur in Pavia an und baute als Direktor das naturwissenschaftliche Museum der Universität auf. Hier besaß er ein gut ausgestattetes Labor, das er in seiner freien Zeit für Experimente nutzte. Während seiner Jahre in Pavia unternahm er dreizehn bedeutende Forschungsreisen in die Schweiz und rund um das Mittelmeer. Er erkundete den Vesuv und die Vulkane Siziliens (1788), interessierte sich für Geologie, Botanik, Meteorologie und Meeresbiologie und trug wichtige Exponate für das naturkundliche Museum zusammen. 1785 verbrachte er in österreichischem Auftrag mehrere Monate am osmanischen Hof in Konstantinopel.
LAZZARO SPALLANZANI, bekannt mit den großen Naturforschern seiner Zeit, war ein hochgebildeter, aber auch eigenwilliger und streitbarer Gelehrter. Nach einer zeitgenössischen Schilderung "war er von angenehmer Gestalt, eher groß als klein ... Er kleidete sich immer zurückhaltend und mit Geschmack. Im Gespräch zeigte er sich anregend, heiter und sehr belesen. Seine Freundschaft kam von Herzen, er konnte jedoch rasend werden, nicht nur wenn jemand ihn angriff, sondern auch wenn ihm jemand widersprach. Aufbrausend im Charakter konnte er sein Temperament nicht immer zügeln, manchmal erschien er sogar rachsüchtig".

Besonders heftig waren seine wissenschaftlichen Kontroversen mit GEORGES BUFFON (1707-1788) und JOHN T. NEEDHAM (1713-1781) wegen der Urzeugung. Mit dem schottischen Anatomen JOHN HUNTER (1728-1793) legte er sich wegen der Frage der Verdauung an. LAZZARO SPALLANZANI, der unbestechliche Beobachter und akribische Experimentator, sollte jeweils Recht behalten. Seine Vorlesungen, temperamentvoll und im deklamatorischen Stil eines Predigers vorgetragen, zogen Hunderte von Studenten und Neugierigen an. SPALLANZANI litt in seinen letzten Jahren an einer hartnäckigen Blasenerkrankung. Er starb nach einem Schlaganfall am 12. Februar 1799 in seinem Haus in Pavia.

Wissenschaftliche Arbeit
SPALLANZANIs Wissensdurst, sein unvoreingenommener Blick und seine experimentelle Arbeitsweise verhalfen ihm zu Erkenntnissen, die weit über seine Zeit hinaus von Bedeutung sind. Für viele seiner Zeitgenossen meist unverständlich, konnten seine Leistungen erst nach seinem Tod gebührend gewürdigt werden. Der unkonventionelle Paveser Professor legte dabei nicht nur die Grundsteine der späteren Vulkanologie und Meteorologie, sondern erwarb sich große Verdienste für die Entwicklung der modernen Biologie. Drei Fragen standen dabei im Fokus seines Interesses: Wie entsteht Leben? Wie vermehren sich Lebewesen? Und wie funktionieren Sie?

Keine andere Frage bewegte die Naturforscher seiner Zeit so eingehend wie die der Urzeugung oder generatio spontanea. Zwar galt seit FRANCESCO REDI (1626-1698) der Grundsatz "Omnia ex ovo" (Alles entsteht aus dem Ei), mit der Entdeckung der Bakterien durch ANTONY VAN LEEUWENHOEK (1632-1723), im Jahre 1683, flammte der alte Streit zwischen den Gegnern und Befürwortern der Urzeugungslehre jedoch wieder auf. Die Experimente JOHN T. NEEDHAMs mit abgekochter Fleischbrühe schienen zu belegen, dass Lebewesen ohne Eltern aus zerfallener organischer Materie entstehen können.

LAZZARO SPALLANZANI widerlegte durch eigene, gut durchdachte Versuche die von NEEDHAM und BUFFON postulierte Annahme einer generativen oder vegetativen Kraft, die durch den Fäulnisprozess freigesetzt werde. 1765 veröffentlichte er seine Stellungnahme "Saggio di osservazioni microscopiche concernenti il sistema della generazione de' signori NEEDHAM e BUFFON". Eine langjährige Kontroverse folgte. Spätere Versuchsvarianten von THEODOR SCHWANN (1810-1882) und LOUIS PASTEUR (1822-1895) bestätigten die Richtigkeit der Schlussfolgerungen SPALLANZANIs.

Als einer der wenigen Forscher des 18. Jahrhunderts wagte sich SPALLANZANI an die experimentelle Untersuchung der Befruchtung. Zunächst stellte er bei Versuchen mit Froschlurchen fest, dass nicht der bloße Begattungsakt, sondern die Vermischung von Eiern und Samenflüssigkeit zur Befruchtung führt. Er untersuchte überdies den Einfluss der Temperatur auf die Beweglichkeit und Vitalität der Spermien. 1777 gelang ihm die erste künstliche Befruchtung eines Säugetieres, indem er einer läufigen Hündin Hundesperma in die Scheide injizierte.

Gleichwohl blieb er ein überzeugter Vertreter der Präformationstheorie, er glaubte, dass alle Individuen bereits im Keim vollständig ausgebildet sind und später nur noch wachsen. Damit ignorierte er, wie seine Freunde CHARLES BONNET (1720-1793) und ALBRECHT VON HALLER (1708-1777), die von CASPAR FRIEDRICH WOLFF (1734-1794) begründete Theorie der Epigenese, nach der sich alle Organe eines Lebewesens erst im Laufe der Zeit bilden.

Die meisten seiner Versuche entbehren bei aller Klarheit nicht der Originalität. So untersuchte er die Sinnesorgane der Fledermäuse und ihre Orientierung in einem abgedunkelten Raum. Er ließ sie mit verbundenen Augen, dann mit durch Wachs verstopften Ohren durch sein Studierzimmer fliegen, das er vorher mit dünnen Drähten und daran befestigten Glöckchen überspannt hatte. Seine Versuche mit Eidechsen, Regenwürmern und Schnecken, denen er Gliedmaßen oder auch den Kopf amputierte, bewiesen die zum Teil erstaunliche Regenerationsfähigkeit der Tiere. Natürlich bildete der nachwachsende "Kopf" kein Gehirn aus.

Seine kühnsten Versuche betrafen die Verdauung. Ausgehend von Ergebnissen, die der Franzose RENÉ ANTOINE RÉAUMUR (1683-1757) bei Tierexperimenten gewonnen hatte, beobachtete er zunächst bei Hühnern, später bei Fischen, Reptilien und zahlreichen Säugetieren, welche der Nahrung beigegebenen Materialien sie wie (un)verdaut, verkleinert oder zersetzt ausschieden. Auch unterzog er sich selbst einigen sehr aufreibenden Prozeduren. Er verschluckte an Bindfäden befestigte Nahrungskügelchen und -schwämmchen, die er nach kurzer Verweildauer im Magen wieder erbrach. Die mit Magensaft durchtränkten Schwämmchen legte er auf Fleischstücke und beobachtete ihre Zersetzung durch den langsam einsickernden succo gastrico. So konnte er dessen eiweißlösende Wirkung nachweisen.

Neben früheren Schriften zur Blutzirkulation und zur Regeneration und Reproduktion bei Tieren veröffentlichte SPALLANZANI 1780 die Summe seiner physiologischen Forschungen, die zweibändigen "Dissertazioni di fisica animale e vegetali", sein bedeutendstes Werk. Erst nach seinem Tod erschien seine Abhandlung zur Atmung (1802), in der er einen Gasaustausch (Sauerstoff, Kohlendioxid) im Gewebe und einen Gastransport über das Blut postulierte.

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