
Thermodynamisches
Gleichgewicht und freie Energie
Liegt eine chemische Reaktion vom Typ
vor, stellt sich nach einer gewissen Zeit ein Gleichgewicht zwischen den
Ausgangsstoffen A und B und den Endprodukten C und D ein. Seine Lage wird
durch die thermodynamische Gleichgewichtskonstante K angegeben. Danach ist
K = c(C) x c(D) : c(A) x c(B),
wobei c(A) ... c(D) die Konzentrationen der Stoffe in Mol pro Liter darstellen, die sich im Gleichgewicht eingestellt haben. Je weiter die tatsächlichen Konzentrationen der Stoffe von den Gleichgewichtskonzentrationen entfernt sind, desto "energiereicher" ist das System, d. h. desto mehr Energie wird bei der Reaktion zum chemischen Gleichgewicht hin freigesetzt.
Diese nutzbare freie Energie wird "freie
Enthalpie"
genannt.
Im Allgemeinen wird sie bei physiologischen Reaktionen für eine Temperatur
von 25 °C, für einen Druck von 1 bar, einem Umsatz von 1 Mol
und einem pH-Wert von 7 angegeben:
.
Die Maßeinheit ist
.
Die Änderung der freien Enthalpie ist ein Kriterium dafür, ob eine Reaktion spontan verlaufen kann:
negativ ist. Die Reaktion verläuft exergonisch.
null ist.
positiv ist. Die Zufuhr von Energie ist notwendig, um die Reaktion anzutreiben.
Die Reaktion verläuft endergonisch.Fließgleichgewicht
Im Bild 1 wird das Fließgleichgewicht
als hydraulisches Modell dargestellt: Es stellt sich z. B. beim abbauenden
Stoffwechsel eines Organismus ein, bei dem ständig energiereiche
Ausgangsstoffe (grau) zugeführt und energiearme Endprodukte (rot)
abgeführt werden.
Durch ständigen Stoffaustausch mit der Umwelt wird verhindert, dass
sich ein chemisches Gleichgewicht der einzelnen Reaktionen einstellt.
Die Gleichgewichte der verschiedenen Teilreaktionen werden angestrebt,
aber nie erreicht. Dadurch ist das Reaktionssystem zu dauernder Arbeitsleistung
fähig. Das von der lebenden Zelle aufrechterhaltene Ungleichgewicht
wird als Fließgleichgewicht bezeichnet. Eine lebende Zelle stellt
damit ein energetisch offenes System dar. Sie steht mit ihrer Umwelt in
einem ständigen Austausch von Stoffen und Energie. Theoretische Grundlage
solcher Vorgänge ist nicht die klassische Thermodynamik, sondern
die Nichtgleichgewichts-Thermodynamik.
Aus ihr lässt sich ableiten, dass Leben nur fern vom thermodynamischen
Gleichgewicht existieren kann. Trotz des Ungleichgewichtes liegen die
verschiedenen Stoffe in annähernd konstanten Konzentrationen vor.
Prinzipiell gelten die Gesetzmäßigkeiten des Fließgleichgewichtes für alle biologischen Systeme auf allen Organisationsebenen:
Die Abbildung stellt modellhaft eine einzelne Reaktion dar, z. B.
Energie wird freigesetzt, solange das Ungleichgewicht besteht, brennt
die Lampe. Ist das Gleichgewicht erreicht, wird keine Energie mehr freigesetzt,
die Lampe erlischt.
Freie Enthalpie leistet Zellarbeit
Bei der Zellatmung wird so
lange Energie freigesetzt, so lange der Zelle Glucose und Sauerstoff zugeführt
und Kohlenstoffdioxid und Wasser abgeführt werden. Um die Energie
länger zur Verfügung zu haben, wird sie sofort als chemische
Energie gebunden, meist als ATP.