


Pheromone
ausgewählter Wirbelloser und Wirbeltiere
Der Begriff Pheromone setzt sich aus den griechischen Wörtern pherein
(tragen) und Hormon zusammen. Pheromone (auch Ekto-(äußere)Hormone)
sind chemische Botenstoffe, die in speziellen Zellen oder Drüsen gebildet
werden, in geringsten Mengen wirken und Signalcharakter haben. Aufgrund
dieser Eigenschaften werden sie häufig den Hormonen zugeordnet. Im
Unterschied zu diesen werden die Pheromone jedoch nicht in die Blutbahn,
sondern außerhalb des Körpers aus speziellen Drüsen abgegeben.
Überdies sind Pheromone artspezifisch, bei vielen Tieren sogar individualspezifisch
und damit für die Individualerkennung bedeutungsvoll.
Pheromone breiten sich in der Luft aus und können in kleinsten Mengen von Partnern wahrgenommen werden. Sie übertragen auf chemischem Wege Informationen. Solche Pheromone sind von vielen Tierarten bekannt. Da sie auch bereits bei einzelligen Lebewesen nachgewiesen wurden, werden sie als phylogenetisch älteste Art der Informationsübertragung angenommen. Pheromone werden nur in äußerst geringen Mengen produziert, sie beeinflussen u.a. das Sexualverhalten, die artspezifische Gruppenbildung, die Orientierung und das Alarmverhalten.
Beispiele von Pheromonen der Wirbellosen und Wirbeltiere
|
Tierart |
Pheromon |
Drüse |
biologische Bedeutung |
| Ameise | Citral Citronella Methylheptanen 2-Meptanon |
Pharyngealdrüsen Analdrüsen |
Alarmsubstanzen |
| Meeresborsten- Würmer (Platynereis) |
5-Methyl-3-Heptanon | Sexuallockstoff | |
| Seidenspinner Bombys |
Bombykol Hexadeka-4,6-dien-16-ol |
ausstülpbare Duftdrüsen zwischen 8. und 9. Abdominalsegment |
Sexuallockstoff des Weibchens |
Bienen |
Königinnensubstanz 9-Oxo-2-Decentsäure |
Mandibeldrüse | Anlockung der Drohnen Information der Arbeiterinnen über die Präsens der Königin |
|
Bienen
|
Isoamylacetat Geraniol (Terpenalkohol) |
Abdominaldrüse Nassanovsche Drüse (Abdomen) |
Artgenossen werden zum Angriff angeregt Markierung von ergiebigen Nektarquellen |
| Schwamm-spinner (Porthetria dispar) |
Gyplur ungesättigter Alkohol | Abdominaldrüse | Sexuallockstoff |
| Elritze (Phoxinus phoxinus) | Schreckstoff | Kolbenzellen der Epidermis | Schreck- und Fluchtreaktion des Fischschwarms |
| Maus | Urin eines fremden geschlechtsreifen Männchens | Präputialdrüse | Abbruch der Schwangerschaft bei frisch befruchteten Weibchen |
| Schweine | Eberpheromon -16-Steroide | Speicheldrüse | "Patschen" des Ebers vor der Paarung |
| Rotfuchs | 3-Methyl-butyl-methyl-sulphid im Harn der Männchen | Analdrüse | Paarung |
Duftmarken können von unterschiedlichen Körperteilen produziert
und in unterschiedlicher Weise an die Umgebung abgegeben werden.
Skunks bilden z. B. einen übelriechenden Stoff in den Anal- und Schwanzdrüsen
und schleudern ihn mit hochgerecktem Hinterteil und Schwanz zur Verscheuchung
von Rivalen in die Luft. Bei Kattas (Halbaffen) werden richtige "Geruchskämpfe"
geführt. Absonderungen von Oberarmdrüsen reiben sie in ihren
buschigen Schwanz, schleudern ihn vor und zurück und transportieren
so die Pheromone in Richtung Rivalen.
Hyänen haben Pheromondrüsen zwischen den Sohlenpolstern der
Füße und können so mit jedem Schritt Duftmarken setzen.
Hirsche sondern Sekrete im Augenbereich ab und markieren damit Objekte.
Bei den Insekten dienen Pheromone auch dazu, die Lage von Nahrungsquellen
anzuzeigen. Die Sammlerinnen der Honigbienen markieren die Nahrungsquellen
mit Duftspuren von Sekreten der Hinterleibsdrüse, damit andere sie
finden können. Und ähnlich verfahren auch Ameisen, die ihre
Wege zu Futterplätzen markieren, denen die Artgenossen folgen können.
Bombykol, der Sexuallockstoff der Seidenspinnerweibchen, wirkt bereits
in sehr geringen Konzentrationen. Im Laborversuch waren das
Lösungsmittel, das entspricht etwa einem Duftmolekül in
Molekülen Luft. Sogar im Abstand von 11 km finden die Seidenspinnermännchen
noch ein Weibchen.
Pheromone dienen auch der Revierabgrenzung, z. B. markieren Hunde und Wölfe mit ihrem Harn, in dem Duftmoleküle vorhanden sind, ihr Revier, Huftiere reiben Duftstoffe an markanten Stellen (Bäume, Sträucher, Steine) ab und auch Nager spritzen die Pheromone mit dem Harn an Reviergrenzen, wobei die Pheromone über längere Zeit (Goldhamster mindestens 25 Tage) noch wahrgenommen werden. Die Düfte vermitteln wahrscheinlich Informationen über die Identität des Revierinhabers und den Zeitpunkt der Markierung.
Säugetiere, wie Dickhornschafe, beschnüffeln sich gegenseitig ausgiebig, um Informationen über Familien- und Gruppenzugehörigkeit des Gegenübers zu erhalten.
Pheromone beim Menschen?
Bilden Menschen eigentlich auch Pheromone? Spezifische Pheromondrüsen,
die die speziellen Duftstoffe produzieren, sind bislang nicht bekannt.
Jedoch hat der Mensch über den Schweiß und durch andere Absonderungen,
die auch durch Bakteriensymbiose beeinflusst werden (z. B. vaginale Gerüche,
Mundgerüche, Axillargerüche), auch einen Individualgeruch, der
je nach Stimmungsänderungen, in Abhängigkeit vom Gesundheitszustand
und vom Verhaltensstatus variiert. Vermutlich werden diese Duftstoffe
aus Sexualhormonen gebildet.
Der Schriftsteller PATRICK SÜSKIND (*1949) hat in seinem spektakulären
Roman "Das Parfüm" die unbewusste Individualerkennung des
Menschen dargestellt.
Verhaltensstudien (u.a. MONTI-BLOCH, JENNINGS-WHITE, DOLBERG &
BERLINER, 1994 ) ergaben Hinweise, dass auch beim Menschen Pheromone existieren,
beispielsweise wurde das Phänomen synchroner Menstruationszyklen
bei einer Gruppe zusammen lebender Frauen durch Geruchsabsonderungen des
weiblichen Schweißes erklärt. Die Studien zeigen weiterhin
Reaktionen bei Frauen und Männern auf Duftstoffe, die bei der menschlichen
Partnerfindung eine Rolle
spielen. Bei Kontaktierung der Probanden mit einem im menschlichen Schweiß
enthaltenen und mit Östrogen verwandten Stoff reagierten die betroffenen
Personen mit verstärktem Blutfluss im Hypothalamus und mit gesteigerter
Hirnaktivität in für Pheromone sensorischen Regionen. Ebenso
für die Existenz von menschlichen Pheromonen spricht die Entdeckung
eines möglicherweise funktionstüchtigen Vomeronasalorgans (auch
Jacobson-Organ zum Wahrnehmen von Pheromonen bei Tieren, v.a. bei Schlangen
bekannt). Die extrem geringen Mengen von Pheromonen können über
die menschliche Riechschleimhaut nicht wahrgenommen werden. Messungen
ergaben jedoch bei der Aufnahme von Duftmolekülen eine Reizung dieses
Organs bei menschlichen Testpersonen.
Die Bedeutung des persönlichen Geruchs erkannten auch schon unsere
Vorfahren, sie nutzten chemische Stoffe der Natur zu Einreibungen, um sich
gegenüber anderen Individuen hervorzuheben.
In der modernen Gesellschaft erreicht die Kreation von Duftstoffen neue
Höhepunkte. Beimengungen von Moschusduft (ein Drüsensekret des
Moschusochsen) soll beispielsweise sexuell stimulierend wirken. Das hat
natürlich nur indirekt eine biologische Bedeutung. Denn eigentlich
verbergen die Duftwasser den natürlichen Körpergeruch eines
Menschen und können so zu "biologischen Irrtümern"
führen. Deshalb sollte sich jeder auf seinen natürlichen und
persönlichen Duft verlassen, der nach wie vor am besten wirkt in
positiver oder negativer Hinsicht.
Einteilung der Pheromone
Nach ihrer physiologischen Wirkung kann man Pheromone in unmittelbar,
aber kurz wirkende Signalpheromone
(Releaser, z. B. Alarm- und Sexualpheromone) sowie länger anhaltende
und eine Umstellung im Hormon- und Nervensystem des Empfängers bewirkende
Primerpheromone (Primer) einteilen.
Die Primerwirkung zeigt sich in morphologischen und physiologischen Umstellungen,
d. h. einer Zustandsänderung des Organismus. Dazu einige Beispiele.
Bei Termiten wird die Entwicklung der Larven zu geschlechtsreifen männlichen
oder weiblichen Tieren durch Pheromone, die mit dem Kot von Geschlechtstieren
abgegeben werden, gehemmt. Fällt die Pheromonhemmung weg, entwickeln
sich die Larven zu Ersatzgeschlechtstieren. So wird die Populationszusammensetzung
der Kasten reguliert.
Bei Bienen wird die Hemmung der Gonadenreifung von Arbeiterinnen durch
Pheromone der Königin erreicht. Die Keimdrüsen und Geschlechtsorgane
der Arbeitsbienen können so nicht entwickelt werden. Dadurch wird
gesichert, dass ausschließlich die Eier der Königin den Fortbestand
des Bienenstaats sichern. Gleichzeitig wirkt die Königinnensubstanz
als Sexuallockstoff auf die Drohnen.
Ein interessanter Primer-Effekt liegt auch bei Mäusen vor, wenn fremde, geschlechtsreife Männchen auf vor kurzem von einem anderen Männchen begattete Weibchen treffen. Das nun mit dem Urin des fremden Männchens abgegebene Pheromon führt zur Hormonumstellung bei dem trächtigen Weibchen, wodurch die jungen Embryonen nicht im Uterus implantiert werden können. Es folgt der Abgang der Jungtiere. Das Weibchen ist für den neuen Partner bereit und kann erneut trächtig werden.
Die Releaser-Wirkung
besteht in der unmittelbaren (sofortigen) Verhaltensänderung eines
Individuums. Sexuallockstoffe oder Alarmstoffe sind dementsprechend Pheromone,
die Signalwirkung haben und sofort das Verhalten verändern. Auch
hier einige Beispiele:
Das Eberpheromon, das durch intensive Kaubewegungen (Patschen) mit
schaumigem Speichel abgegeben wird, bewirkt bei der paarungsbereiten (östrischen)
Sau einen Immobilisierungsreflex, d.h. sie wird in ihrem Bewegungsdrang
stark eingeschränkt und zeigt ein ausgeprägtes Stehverhalten,
wodurch die Paarung erleichtert wird.
Bekanntestes Beispiel für einen Sexuallockstoff ist das Bombykol,
ein Pheromon des Seidenspinner-Falters. Das Weibchen des Seidenspinners
scheidet aus einem Paar ausstülpbarer Duftdrüsen zwischen dem
8. und 9. Abdominalsegment diese Pheromone aus, um Paarungsbereitschaft
zu signalisieren. Es löst beim Männchen Erregung und Flügelschwirren
aus und das Tier bewegt sich in Richtung des Weibchens. Nach erfolgreicher
Kopulation wird die Produktion des Pheromons gehemmt. Bombykol wurde erstmals
1959 von ADOLF FRIEDRICH JOHANN BUTENANDT (1903-1995) und seinen Mitarbeitern
isoliert und rein dargestellt. Seitdem sind über 100 derartige Stoffe
bei Insekten nachgewiesen worden, wobei viele Prozesse noch nicht vollständig
aufgeklärt sind.
Auch die Schreckstoffe verletzter Fische, die den Zweck haben andere
Artgenossen vor den Fressfeinden zu warnen, werden den Pheromonen mit
Releaser-Wirkung zugezählt.
Die reflexartigen Reaktionen der Tiere auf Pheromone machen sich die Menschen
beispielsweise beim Bekämpfen schädlicher Insekten zunutze.
Die sogenannten Pheromonfallen
enthalten Sexuallockstoffe der zu fangenden Schädlinge. Die artspezifischen
Pheromone locken nur die gewünschten Insekten in die Falle, während
andere Insektenarten verschont bleiben. Meist werden auch nur Männchen
oder nur Weibchen durch die Fallen angelockt, sodass weitere Kopulationen
und die Befruchtung weiterer Eier verhindert werden. Pheromonfallen werden
z. B. gegen Borkenkäfer oder Motten eingesetzt.
Chemisch handelt es sich bei Pheromonen vor allem um Alkohole oder deren
Ester, Säuren oder Kohlenwasserstoffe. Vorstufen vieler Pheromone
sind Fettsäuren, die durch stufenweisen Abbau im Stoffwechsel entstehen.
Die Reduktion der Carboxyl- zur Hydroxylgruppe und deren Veresterung führen
dann zu den biologisch wirksamen Verbindungen.