


Das
Plastom
Die charakteristischen Organellen eukaryotischer Pflanzen sind Plastiden.
Man unterscheidet Chloroplasten, Chromoplasten und Leukoplasten. Jede bestimmte
Pflanzenzelle enthält jeweils nur einen bestimmten Plastidentyp. Die
Hülle der Plastiden besteht aus jeweils einer inneren und einer äußeren
Membran, der plasmatische Innenraum wird auch als Stroma oder Matrix bezeichnet.
Im Stroma ist die ringförmige doppelsträngige DNA lokalisiert.
Die Gesamtheit der DNA aller Plastiden einer Zelle nennt man Plastom.
Die Plastiden-DNA der meisten Pflanzen enthält nur wenig oder gar
kein 5-Methyl-Cytosin. Dies hat zur Folge, dass die DNA beim Abkühlen
nach Hitzeeinwirkung (90 °C) auf die Temperatur von 60 °C schnell
und nahezu vollständig renaturiert. Dies ist ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal
zur Kern-DNA, die diesen Prozess wesentlich langsamer und unvollständig
durchläuft.
Eine Pflanzenzelle verfügt über 50-100 Plastiden, wobei jeder
Chloroplast etwa 10-20 Nucleoide beinhaltet. Diese bestehen ihrerseits
aus 5-10 DNA-Molekülen. Insgesamt sind also bis zu 10 000 Plastiden-DNA-Moleküle pro Zelle nachweisbar. Die Größe der einzelnen
DNA-Moleküle variiert bei den einzelnen Spezies zwischen 70 kb und
etwa 300 kb.
Sowohl genetisch als auch stoffwechselphysiologisch können Plastiden
als semiautonome (halbselbstständige) Zellorganellen eingestuft werden.
Ihre DNA codiert für eine Reihe von für den Plastiden wichtigen
Proteinen. Die nachstehende Übersicht vermittelt auszugsweise einen
Eindruck über die von der Plastiden- DNA codierten Gene bei Sprosspflanzen.
| Gene | Proteine |
| Fotosynthese-Gene | Elektronentransport |
| ATP-Synthase | |
| große Untereinheit Rubisco | |
| Fotosystem I und II | |
| Gene für plastidäre Ribosomen | ribosomale RNA |
| ribosomale Proteine | |
| Gene für plastidäre tRNAs | |
| Gene für plastidäre NADH- Dehydrogenase | |
| Gene für Replikation, Transkription und Translation | RNA-Polymerase |
| Initiationsfaktor IF-1 |
Zusammenwirken
von Genotyp und Plastom
Voll ausdifferenzierte und funktionstüchtige Chloroplasten können
nur durch das Zusammenwirken von Kern-Genen und Plastiden-Genen entstehen.
Dies resultiert daraus, dass nur ein Teil der im Plastiden benötigten
Proteine vom Plastom codiert wird und der andere Teil vom Genom (Zellkern).
Am Beispiel eines Enzyms kann sehr anschaulich die Interaktion zwischen
chromosomalem Erbgut des Zellkerns und des Plastoms dargestellt werden. Das
Enzym, das den ersten Schritt des CALVIN-Zyklus katalysiert, Ribulose-1,5-bisphosphat-Carboxylase
im Folgenden kurz Rubisco genannt, ist aus mehrfacher Sicht bemerkenswert.
Es ist das häufigste Protein in den Chloroplasten
und vermutlich auch weltweit das in den größten Mengen vorhandene
Protein. Die Carboxylase ist verantwortlich für die CO2-Bindung
während der Fotosynthese und kommt daher in den grünen Blättern
der Pflanzen in großen Mengen vor.
Die quartäre Struktur dieses Eiweißmoleküls setzt sich aus einer großen und einer kleinen Untereinheit zusammen. Die oben stehende Übersicht zeigt, dass nur das Polypeptid für die große Untereinheit auf dem Plastom codiert ist, das Gen für die kleine Untereinheit dagegen ist im Zellkern verschlüsselt, folgt den mendelschen Regeln und wird durch die plasmatischen Ribosomen translatiert. Die Synthese der Untereinheit findet im Cytoplasma der Zelle statt, von wo aus anschließend ein Transport in die Chloroplasten erfolgt. Das vollständige Enzym Rubisco wird im Stroma des Chloroplasten gebildet. Das heißt die Untereinheiten der plastidären Proteinkomplexe werden zum Teil vom Kern und zum Teil vom Plastom codiert. Plastiden sind also nicht vollends eigenständig (hemiautonom).
Transkription im Plastom
Plastiden besitzen ein eigenes Proteinsynthesesystem. Bei der Realisierung
der genetischen Information des Plastoms sind die Analogien zum Genom
der Einzeller besonders auffällig. So entspricht die ribosomale DNA
der Plastiden eher dem Bakterientyp E. coli als der eigenen Kern-DNA.
Des Weiteren begegnet uns in der Plastiden-DNA eine Operon-ähnliche
Anordnung der Gene. Allerdings werden einzelne Polymerasen auch kerncodiert,
wobei die Transkription
ein typisches Merkmal der vielzelligen Organismen ist.
Im Verlauf der Prozessierung (Reifung) der RNA werden zunächst aus
einer Vorläufer-RNA (prä-RNA) Stücke (Intronen) herausgeschnitten. Dann werden mehrere RNA-Moleküle einzeln transkribiert,
die danach zu einem vollständigen RNA-Molekül zusammengefügt
werden.
Da, wie schon angesprochen, Enzym-Untereinheiten zum Teil vom Kerngenom
und zum Teil vom Plastom codiert werden, ist eine enge Koordinierung der
Genexpression nötig. Dies wird durch Regulation der Transkription
und eine spezifische RNA-Stabilität garantiert.
Plastidentransformation
Im Rahmen der genetischen Optimierung von Nutzpflanzen wurden neben der
Kerntransformation auch schon direkte und dauerhafte Veränderungen
des Informationsgehalts des Plastoms realisiert. Zum Einsatz kam hier
u. a. die sogenannte biolistische Transformation. Hierbei werden Goldkügelchen
mit DNA beschichtet und in die Zelle geschossen. Dabei gelangt DNA in
die Plastiden. Mittels eines Resistenzgens kann man dann Pflanzen mit
transformierten Plastiden selektieren, die dann beispielsweise einen
höheren Eiweißgehalt aufweisen.
Erfolgreich wurde diese Methode bislang bei Tabak, Reis und Tomate praktiziert,
besonders bei Tabak wurden bereits verschiedene Gene erfolgreich transformiert.
Einen Vorteil gegenüber der Kerntransformation weist die Plastidenvererbung
in dem Punkt auf, dass keine unkontrollierte Verbreitung der gentechnisch
veränderten Pflanzen über den Pollen erfolgt (da Chloroplasten
nur mütterlicherseits vererbt werden) und somit keine direkte Gefährdung
der ökologischen Sicherheit besteht.
Das Chondrom
Die zweiten Zellorganellen, die neben dem Zellkern noch Erbmaterial
enthalten, sind die Mitochondrien. Sie gehen durch Teilung auseinander
hervor und können zunächst als Promitochondrien vorliegen, die
sich durch Sauerstoffanwesenheit in "echte" Mitochondrien umwandeln.
Diese besitzen die typische Doppelmembranstruktur, bei der sich die
Innenmembran in verschiedene Gebilde faltet (Cristae, Sacculi, Tubuli).
In deren Wandungen sind die Elemente der Atmungskette enthalten.
Mitochondrien haben eine zentrale Stellung im Zellstoffwechsel. So sind
in ihnen die Enzyme der Atmungskette lokalisiert und u. a. ist der Citratzyklus
an diese Organellen gebunden. Die Anzahl der Mitochondrien pro Zelle ist
um ein Wesentliches höher als die der Plastiden – sie kann bis zu
700 sein.
Die Gesamtheit der Erbsubstanz aller Mitochondrien einer Zelle bezeichnet man als Chondrom. Ähnlich wie beim Plastom existieren hinsichtlich der Organisation große Übereinstimmungen zu den Einzellern. Beide gelten als Relikte des Genoms eines Endosymbionten, z. B. stammesgeschichtliche Ahnen der α-Purpurbakterien im Falle des Chondroms (Symbiontenhypothese). Diese Erklärung beruht auf der Tatsache, dass im Laufe der Evolution eukaryotische Zellen prokaryotische Elemente in sich aufgenommen und für sich nutzbar gemacht haben. Aus diesem Grund besitzen Chloroplasten und Mitochondrien ein eigenes funktionstüchtiges Genom, das dem Genom eines Einzellers mehr gleicht als dem eines vielzelligen Organismus.
Im Gegensatz zur noch relativ unbekannten molekularen Struktur des Plastoms
ist diese bei der mitochondrialen DNA weitestgehend aufgeklärt und
detailliert analysiert. Sie enthält ca. 40 Gene, während die
um ein Wesentliches längere Plastom-DNA bis zu 200 Gene beinhaltet.
Die DNA ist doppelsträngig und ringförmig oder linear (Grünalge
Chlamydomonas). Oft ist die Mitochondrien-DNA verdrillt. Sie unterscheidet
sich von der Kern-DNA ähnlich wie die Plastiden-DNA durch ihr Renaturierungsverhalten,
und zwar renaturiert auch sie schneller und vollständiger zur Ausgangsstruktur
als die Kern-DNA. Die Anwendung von Restriktionsenzymen und Deletionen
ermöglichte eine molekulargenetische Kartierung der Mitochondrien-DNA.
So konnte bereits 1980 von der Forschungsgruppe um FREDERICK
SANGER (*1918) die gesamte Nucleotidsequenz der Mitochondrien-DNA
des Menschen aufgeklärt werden – das menschliche Mitochondrien-Chromosom
besteht aus 16 569 Basenpaaren (bp).
Bezüglich der Größe der Mitochondrien-DNA existieren gravierende
Unterschiede. Die nachfolgende Übersicht zeigt die teilweise enormen
artspezifischen Abweichungen im Speicherumfang des Chondroms.
|
Art
|
Größe [kb]
|
| Homo sapiens (Mensch) |
16,6
|
| Paramecium aurelia (Pantoffeltierchen) |
40,5
|
| Saccharomyces cerevisiae (Bierhefe) |
68,0-81,0
|
| Marchantia polymorpha (Brunnenlebermoos) |
186,6
|
| Arabidopsis thaliana (Acker-Schmalwand) |
366,9
|
| Citrullus lanatus (Wassermelone) |
330
|
| Cucumis melo (Melone) |
ca. 2 400
|
Nur wenige Gene werden mitochondrial codiert, die nachfolgende Übersicht vermittelt einen exemplarischen Eindruck für das Brunnenlebermoos.
|
Funktionsbereich
|
Anzahl der Gene
|
| Translation: | |
| - rRNAs |
3
|
| - tRNAs |
~29
|
| - ribosomale Proteine |
16
|
| Atmungskette: | |
| - NADH-Dehydrogenase |
7
|
| - Cytochrom-b/c-Komplex |
1
|
| - Cytochrom-c-Oxidase |
3
|
| - ATP-Synthase |
3
|
Auch hier erkennt man, dass die Großorganellen die Grundstrukturen
für ihre 70 S Ribosomen im eigenen Erbspeicher verschlüsseln.
Jedoch beträgt dieser Eigenanteil lediglich 5 %. Die große Mehrheit
der mitochondrialen Proteine wird im Zellkern codiert, im Cytoplasma synthetisiert
und anschließend in die Organellen transportiert.
Seit Mitte der 80er-Jahre ist bekannt, dass Mutationen der Mitochondrien
Krankheiten verursachen können. Dazu zählen beispielsweise das
Leber-Syndrom, neurogene Muskelschwäche oder Atmungsdefekte. Sogar
eine Antibiotikaresistenz kann als Folge von Mitochondrienmutationen auftreten.