

Wird Nickel(II)-nitrat
in Wasser
gelöst und anschließend Ammoniak zugegeben, bildet sich der tiefblaue
Hexaamminnickel(II)-Komplex. Bei der Zugabe von Kaliumcyanid bildet sich
das gelbe Tetracyanonickelat(II)-Ion. Bei der Untersuchung der stöchiometrischen
Zusammensetzung der beiden Komplexe ergibt sich folgendes überraschende
Ergebnis: Im Amminkomplex ist das Verhältnis zwischen Ligand und Zentralteilchen
6:1, im Cyanokomplex nur 4:1. Wie kommt dieser Unterschied zustande? Offenbar
hat die Art des Liganden Einfluss auf die Koordinationszahl (KZ) des Komplexes.
Untersuchungen der Strukturen der Komplexe durch Röntgenbeugung ergaben,
dass es sich um zwei geometrisch völlig verschieden aufgebaute Verbindungen
handelt. Der Hexaammin-Komplex ist oktaedrisch (KZ = 6), der Cyanokomplex
hingegen quadratisch-planar (KZ = 4) gebaut.
Koordinationszahl und räumlicher
Bau
Ein Komplex besteht aus einem Zentralion und unterschiedlich vielen Liganden,
die über koordinative Bindungen an das Zentralion gebunden sind.
Die Zahl der Liganden wird Koordinationszahl (KZ) genannt, sie beträgt
meist 2, 4 oder 6, woraus sich unterschiedliche räumliche Anordnungen der
Liganden um das Zentralion ergeben.

Sowohl die Art des Zentralions als auch die Art der Liganden beeinflussen
den räumlichen Bau von Komplexen.
Nickel(II) als Zentralion kann z. B. je nach Ligand tetraedrisch, quadratisch-planar
oder oktaedrisch koordiniert sein.

Einige Metallionen bevorzugen auch bestimmte Koordinationen. Cr(III),
Co(III) und Pt(IV) beispielsweise sind in oktaedrischen Komplexen typische
Zentralionen. Die einfach geladenen Kationen der Kupfergruppe, Cu(I),
Ag(I), Au(I), bilden bevorzugt lineare Komplexe. Quadratisch-planare Komplexe
werden hauptsächlich von Metallionen mit d8-Konfiguration gebildet, also u. a. von Ni(II), Pd(II), Pt(II), Au(III),
Rh(I).
Diese Vorzugskoordinationen können sich mit der Ladung des Metallions
verändern, so zieht Co(III) die oktaedrische, Co(II) hingegen die
tetraedrische Koordination vor.
In vielen Fällen lassen sich die Koordinationszahlen von Komplexen mit der 18-Elektronen-Regel erklären. Weil diese jedoch nicht für alle Komplexe gilt und nur Aussagen über die Koordinationszahlen ermöglicht, werden andere Theorien wie die Valence-Bond-Theorie und das Modell der Hybridisierung oder die Ligandenfeldtheorie herangezogen, um den räumlichen Bau von Komplexen zu erklären.
18-Elektronen-Regel
Die Anzahl der an der Komplexbildung beteiligten Liganden und somit das
Auftreten bestimmter Koordinationszahlen bei vielen Metallionen, insbesondere
bei denen der 8. Nebengruppe, lässt sich durch die 18-Elektronen-Regel
erklären.
Diese stellt eine Erweiterung der Oktettregel dar: Während die Elemente
der zweiten Periode, die nur s- und p-Elektronen zur Verfügung haben,
die Edelgaskonfiguration mit acht Elektronen in der äußersten
Schale anstreben (Oktettregel), ist die Edelgaskonfiguration bei den Nebengruppenelementen
dann erreicht, wenn zusätzlich zu den insgesamt acht s- und p-Elektronen
zehn d-Elektronen vorhanden sind, alles in allem also 18 Elektronen.
Die Zahl der Liganden steht im Zusammenhang damit, ob die Edelgaskonfiguration
erreicht wird.
Die Komplexe
beispielsweise erfüllen die 18-Elektronenregel, indem sie sechs Liganden
binden, sie sind somit oktaedrisch koordiniert. Häufig reichen die
Elektronen der Liganden aber nicht aus für das Erreichen der Edelgaskonfiguration,
z. B. im Komplex
,
da das Eisen(III)-Ion eine ungerade Anzahl von Elektronen besitzt (d5-Konfiguration).
Demzufolge ist der Hexacyanoferrat(III)-Komplex instabiler als Hexacyanoferrat(II)
und wirkt als Oxidationsmittel (Bild 2).
(Fe(CN)6)3- + e- → (Fe(CN)6)4-
Weitere Beispiele für Komplexe, bei denen die 18-Elektronen-Regel nicht erfüllt ist, sind die anfangs erwähnten Nickel-Komplexe Hexaamminnickel(II) und Tetracyanonickelat(II) (Bild 1).
Valence-Bond-Theorie
Die chemische Bindung in Komplexen kann als Donor-Akzeptor-Wechselwirkung
betrachtet werden. Die beiden Elektronen pro Bindungspaar stammen dabei
immer vom Liganden, der als Lewis-Base wirkt. Das Zentralatom ist eine
Lewis-Säure, welche ihre leeren Orbitale für die Bindung zur
Verfügung stellt. Durch Überlappung der Ligandenorbitale mit
Orbitalen des Zentralions entstehen Bindungen, die ebenso wie kovalente
Bindungen durch die Valence-Bond-Theorie
beschrieben werden können. Da die Übergangsmetallionen unvollständig
aufgefüllte d-Orbitale besitzen und auch die s- und p-Orbitale der
nächsthöheren Schale für Bindungen zur Verfügung stellen
können, kann ein Zentralteilchen mehrere Liganden binden. Mithilfe
der Valence-Bond-Theorie und des Modells der Hybridisierung lassen sich
die verschiedenen geometrischen Strukturen erklären.
Hybridisierung
Um zu erklären, weshalb die Bindungen in Komplexen gleichwertig sind,
obwohl sie unter Beteiligung so unterschiedlicher Orbitale ausgebildet
werden, nutzt man das Modell der Hybridisierung,
d. h. der "Vermischung" von verschiedenen Orbitalen zu
einheitlichen Hybridorbitalen.
Je nach Art und Anzahl der an der Hybridisierung beteiligten Atomorbitale
entstehen verschiedene Arten von Hybridorbitalen, die wiederum entscheiden,
welche räumliche Struktur der Komplex annimmt (Bild 3).
Wichtige Hybridisierungstypen bei Komplexen:
