






Wenn wir etwas in die Hand nehmen, was sehr heiß ist, lassen wir es nach einem Bruchteil von Sekunden wieder aus der Hand fallen. Verantwortlich für diesen schützenden Reflex sind viele Rezeptoren, die den Hitzereiz wahrnehmen, Gehirn oder Nervenzellen, welche die entscheidenden Befehle zum Loslassen an die Muskeln erteilen und schließlich das Rückenmark, welches die Verbindung zwischen Rezeptoren, Neuronen und Muskulatur darstellt, ohne die der Organismus auf nicht einen einzigen Reiz reagieren könnte. Die Schnelligkeit unserer Antwortreaktion auf den zu heißen Reiz lässt die Komplexität und Präzision der Arbeitsweise unseres Nervensystems erahnen. Wie genau laufen diese Reaktionen ab und welche Rolle spielt dabei das Rückenmark?
Das Zentralnervensystem (ZNS) der Wirbeltiere besteht aus Gehirn
und Rückenmark (Medulla
spinalis), wobei das Rückenmark im Wesentlichen eine Art Leitungsapparat
darstellt. Es verläuft gut geschützt im Rückenmarkskanal
der Wirbelsäule und ist entsprechend den Wirbeln in Segmente eingeteilt.
Insgesamt ist es jedoch kürzer als die Wirbelsäule. Es reicht
vom 1. Hals- bis zum 2. Lendenwirbel. Die Rückenmarksnerven (Spinalnerven)
verlassen den Wirbelkanal in der Höhe des zugehörigen Wirbels.
Ihre Zellkörper werden in kurzer Entfernung in sogenannten Spinalganglien
(Knoten) zusammengefasst.
Am Hinterhauptsloch geht das Rückenmark in das verlängerte Mark
(Medulla oblongata) über. Unten endet das Rückenmark mit einer
kegelförmigen Spitze in der Höhe des zweiten Lendenwirbels.
Die Form des Rückenmarks erinnert an einen vorn und hinten abgeplatteten
zylindrischen Stab. Das Rückenmark ist ca. 40-50 cm lang und besitzt
einen Durchmesser von ca. 0,5 cm. Verletzungen des Rückenmarks können
zu Wahrnehmungsstörungen und Lähmungen führen.
Die Rückenmarksnerven
münden jeweils über den entsprechenden Rückenmarkssegmenten
Hals (Cervix), Brust (Thorax), Lende (Lumbus), Kreuzbein (Sacrum) und
Steißbein (Coccygeus) ins Rückenmark. Die Bezeichnung der
Nerven erfolgt nach den lateinischen Bezeichnungen der Segmente in C 1
bis C 8, Th 1 bis Th 12, L 1 bis L 5, S 1 bis S 5 und Co 1. Die Spinalnerven
erhalten und leiten ausschließlich Informationen für ihren
zuständigen Körperabschnitt weiter. Beispielsweise sind die
C 1-C 4-Nerven für die Atmung sowie Kopf- und Halsbewegungen zuständig.
C 8 und Th 1-Nerven kontrollieren das Bewegen von Hand und Fingern. C 4-C 6: Herzrate und Bewegung der Schulter (C 5); C 6-C 7: Bewegen von Ellenbogen und Handgelenk; Th 1-Th 12: Temperaturregulation, Rumpfstabilität; Th 11-L 2: Ejakulation, Hüftbewegung; L 3: Strecken des Knies; L 4-S 1: Bewegen des Fußes, Beugen des Knies (L 5); S 2-S 4: Peniserektion, Steuerung der Harnblase und des Enddarms.
Bei einer Querschnittslähmung hängen die beeinträchtigten
Funktionen von der Höhe der Verletzung ab.
Innerer Bau des Rückenmarks
In der Querschnittsansicht
des Rückenmarks ist die aus Faserbündeln bestehende weiße
Substanz (Substantia alba) als äußere
Schicht gut zu erkennen. In ihr liegen die afferenten (aus dem Organismus
oder den Spinalganglien kommenden und zum Gehirn ziehenden) und efferenten
(vom Gehirn zum Rückenmark absteigenden) Nervenfasern. Die Neuriten
der absteigenden Bahnen ziehen vom Gehirn zu den Muskeln und verlassen
das Rückenmark auf der Vorderseite. Die aufsteigenden Bahnen, die
von den Sinnesorganen zum Gehirn führen, treten auf der Rückseite
in das Rückenmark ein. Die Zellkörper der sensiblen (afferenten)
Nerven befinden sich in knotenförmigen Gebilden (Spinalganglien)
außerhalb des Rückenmarks. Diese Spinalganglien liegen kurz
vor dem Eintritt in das Rückenmark.
Wichtige aufsteigende Axone sind zum Beispiel der Vorderseitenstrang
(Thermorezeptoren für Temperatursinn und Schmerzrezeptoren), der
Kleinhirnseitenstrang (Mechanorezeptoren der Haut, Muskeln und Gelenke)
und der Hinterstrang (Mechanorezeptoren der Haut, Muskeln und Gelenke).
Die Impulse aus dem Kleinhirnseitenstrang gelangen nicht ins Bewusstsein,
d. h. es handelt sich hier um unbewusst geregelte Vorgänge der
Muskulatur, wie z. B. Magen-Darm-Bewegungen oder Reflexe. Die Informationen
des Hinterstrangs über Druck, Berührungen, Vibrationen und
Stellung der Gelenke werden direkt und bewusst wahrgenommen.
Im Inneren des Rückenmarks, von der weißen Substanz eingehüllt, liegt die graue Substanz (Substantia grisea). In der schmetterlingsförmig angeordneten grauen Substanz befinden sich eine Vielzahl von Nervenzellkörpern mit Dendriten, die marklosen Anfangsteile der Axone, die präsynaptischen Endigungen von Neuronen anderer Rückenmarksbereiche, Gliagewebe und Blutkapillaren. Hierbei handelt es sich um die eigentliche Schaltstelle des Rückenmarks.
Die graue Substanz besitzt im Querschnitt die Form eines Schmetterlings. Die Vorwölbungen (Flügel der Schmetterlingsform) werden als Hörner bezeichnet. Räumlich gesehen sind es Zellsäulen, von denen jeweils zwei in Richtung Bauch bzw. Rücken zeigen. So werden zwei Vorderhörner (Cornua anteriora) und zwei Hinterhörner (Cornua posteriora) unterschieden.
Die in die Hinterhörner eintretenden sensiblen (afferenten) und
aus den Vorderhörnern austretenden motorischen (efferenten) Nervenfasern
sind auf beiden Seiten zu Bündeln zusammengefasst, die sich jeweils
als vordere bzw. hintere Wurzel zu Rückenmarksnerven (Spinalnerven)
vereinigen. Der Spinalnerv enthält somit die afferenten Fasern der
Hinterwurzel, die zum ZNS ziehen und die zur Peripherie ziehenden efferenten
Fasern der Vorderwurzel.
Ventral (bauchseitig) befinden sich die Zellkörper der Neurone für
die Steuerung der Skelettmuskulatur, weiter dorsal (rückseitig) die
Steuerneurone für die Eingeweidemuskulatur und Drüsen.
Dieser innere Nervenstrang des Rückenmarks, bestehend aus weißer
und grauer Substanz, ist zusätzlich von 3 Häuten umgeben. Ganz
innen, anliegend an die weiße Substanz befindet sich die weiche
Rückenmarkshaut (Pia
mater spinalis), darauf folgend die Spinnwebhaut
(Arachnoidea spinalis) und abschließend
die harte Rückenmarkshaut (Dura
mater spinalis). Zwischen den inneren beiden Häuten befindet
sich ein mit Flüssigkeit gefüllter Hohlraum, welcher eine Dämpfungs-
und Schutzfunktion inne hat. Bei einer Entzündung dieser Rückenmarkshäute
spricht man von spinaler Meningitis.
Aufgaben des Rückenmarks
| Das Rückenmark erfüllt zwei Hauptaufgaben: | |
|
-
|
die Weiterleitung von Informationen in das und aus dem Gehirn und |
|
-
|
die Verarbeitung bestimmter Reize im Reflexbogen. |
Das Rückenmark stimmt die Muskelaktivität auf äußere
Bedingungen ab.
Dazu dienen Reflexe, die eine stereotype,
immer gleich ablaufende Reaktion auf einen bestimmten Reiz zur Folge haben.
Reflexe sind Antwortreaktionen, die nach dem Alles-oder-Nichts-Gesetz
erfolgen und ohne Einschaltung des Großhirns (unbewusst) und in
einer festgelegten Nervenschaltung (Reflexbogen) ablaufen. Hierbei wird
der Nervenimpuls nicht an die Großhirnrinde weitergeleitet, sondern
springt direkt im Rückenmark um in einen motorischen Impuls. Von
Vorteil ist diese wesentlich schneller verlaufende Reaktion, wenn eine
bewusste Steuerung des Vorgangs zu langsam verlaufen würde und den
Organismus so notwendige Zeit, Gesundheit oder sogar das Leben kosten
könnte.
An der Bildung von Reflexbögen
sind zahlreiche Nervenzellen (Neuronen) des Rückenmarks beteiligt,
die nur kurze Strecken überbrücken. Unbedingte Reflexe bilden
die Grundkoordinationen für komplexe Verhaltensmuster. Die Bedeutung
der Reflexe besteht darin, Abweichungen von Sollwerten bei inneren und
äußeren Faktoren (Störgröße) zu korrigieren.
So sind zum Beispiel Schlucken, Husten oder die Lichtadaptation der Pupille
Reflexe, die Störungen im Organismus beseitigen sollen. Somit
ist ein Reflexbogen als Teil eines biologischen Regelkreises aufzufassen.
Der Knie(scheiben)sehnenreflex (Patellasehnenreflex) wird durch einen Schlag unter die Kniescheibe ausgelöst. Die Sehne des Oberschenkelmuskels wird eingedrückt. Der Quadrizeps-Muskel des Oberschenkels wird dadurch gedehnt. Die Dehnungsrezeptoren des Muskels (Muskelspindel) registrieren diese Dehnung. Über eine sensorische Nervenbahn läuft diese Information in Form von Aktionspotenzialen (AP) zum Rückenmark. Die sensorische Nervenbahn tritt über das Hinterhorn der grauen Substanz in das Rückenmark ein. Hier besteht eine synaptische Verbindung zu einer motorischen Nervenzelle (Motoneuron), die im Vorderhorn der grauen Substanz liegt. Ihr Neurit führt zu dem Muskel zurück, dessen Muskelspindel gereizt wurde. Ist das empfangende elektrische Signal stark genug, so wird das Motoneuron angeregt, selbst ein AP abzugeben. Dieses AP führt zur Kontraktion des Quadrizeps-Muskels (Effektor) und der Unterschenkel bewegt sich nach vorne. Die passive Dehnung des Muskels wird durch diese festgelegte Nervenschaltung (Reflexbogen) in eine Kontraktion des Muskels überführt. Diese gezeigte Reaktion bezeichnet man als Reflex. Diese Reaktion erfolgt ohne Einbeziehung des Gehirns ausschließlich im Rückenmark.
Die Bedeutung des Dehnungsreflexes besteht darin, durch eine negative
Rückkopplung eine vorgegebene Muskellänge konstant zu halten.
Jeder Muskel (Agonist) im Körper besitzt einen Gegenspieler (Antagonisten).
Durch den o. g. Knie(scheiben)sehnenreflex wird der Beuger des Unterschenkels
gestreckt. Auch dieser Muskel hat einen Reflexbogen, der bei Reizung des
Unterschenkelstreckers zur Reaktion des Beugers führt. Um eine gleichzeitige
Kontraktion von Beuger und Strecker zu verhindern, ist zumindest ein weiteres
Neuron darin involviert. Der Neurit des Dehnungsrezeptors verzweigt sich
in der grauen Substanz und ist über eine Synapse
mit einem hemmenden (inhibitorischen) Motoneuron verbunden.
Sendet ein Motoneuron Aktionspotenziale an den Quadrizeps-Muskel, so wird
gleichzeitig das hemmende Motoneuron aktiviert. Dieses Motoneuron sendet
hemmende Signale in Form von AP an den Antagonisten des Muskels, um so
dessen Reflexreaktion zu unterbinden.
Einteilung der Reflexe
Unbedingte Reflexe können
in Eigen- und Fremdreflexe unterteilt werden.
|
Eigenreflex
|
Fremdreflex
|
|
| Reiz- und Reaktionsort | Rezeptor und Erfolgsorgan (Effektororgan) liegen dicht nebeneinander | Rezeptor und Effektor liegen nicht in unmittelbarer Nähe zusammen |
| Synapsenzahl | monosynaptisch oder polysynaptisch | polysynaptisch |
| Reflexbahn | isoliert | Ausbreitung ist abhängig von der Reizintensität |
| Reflexzeit | relativ kurz (ca. 20 ms), konstant |
relativ lang, abhängig von der Reizintensität |
| Reflexerfolg | Einzelzuckung | Beanspruchung mehrerer Muskeln (Tonus) |
| Reizsummation | gering | deutlich |
| Ermüdbarkeit | sehr gering | deutlich |
| Beispiele | Klammerreflex, Saugreflex | Husten, Niesen, Würgen, Schluckreflex |
Motorische Eigen- und Fremdreflexe
Die einfachsten Reflexe sind Eigenreflexe.
Dabei liegen Reiz aufnehmendes Sinnesorgan und Reaktion ausführendes
Organ in demselben Organ, nämlich einem Muskel. Motorische Eigenreflexe
der Skelettmuskulatur beeinflussen u. a.:
|
-
|
die Aufrechterhaltung des Körpers zur Überwindung der Schwerkraft, |
|
-
|
Stellung der einzelnen Gelenke und |
|
-
|
Feinregulierung der Bewegungen. |
Motorische Eigenreflexe sind für die Regelung von Muskelaktivität
und Muskelkontraktion bedeutsam.
Motorische Fremdreflexe erfassen
zahlreiche Muskeln und Reflexkollaterale (Seitenverzweigungen). Sie erregen
meist mehrere Rückenmarkssegmente, sodass die Reaktion von der Muskulatur
des gesamten Organismus ausgeführt wird (Fluchtbewegung). Sie ermöglichen
mit Interneuronen und Seitenverzweigungen komplexe und situationsangepasste
Reaktionen.