





Auch Haus- und Wildtiere sind von Viruserkrankungen betroffen. Vor wenigen Jahren vernichtete eine Viruserkrankung fast den gesamten Bestand der Seehunde in der Nordsee. Eine Infektion mit dem Lyssavirus führt zur Tollwut bei Tieren. Besonders häufig sind davon Füchse und Dachse betroffen. Durch Bisse kann Tollwut auf Haustiere und von dort auf den Menschen übertragen werden. Zu spät erkannt führt Tollwut unweigerlich zum Tod. Weitere Viruserkrankungen, um die sich Tierärzte zu kümmern haben, sind Maul- und Klauenseuche, Staupe und Katzenseuche. Onkogene Viren rufen Tumore hervor. Hierzu zählen beispielsweise beim Menschen das Herpessimplex-Virus, das Zytomegalie-Virus, das Hepatitis B-Virus und humane Papillomaviren. Retroviren sind die Ursache für bestimmte Formen von Leukämie.
Die sogenannten hämorrhagischen Fiebererkrankungen, wie Dengue-, Krim-, ARBO-Viren-, Lassa-, Gelb-, Marburgvirus-, Ebola- und marindihämorrhagisches Fieber, gehören zu den schwersten Infektionskrankheiten des Menschen. Sie kommen, wenn auch relativ selten, in den Tropen vor und sind teilweise noch wenig erforscht. Nur gegen das Gelbfieber gibt es bislang einen Impfschutz. Diese Viren werden teils durch bestimmte Stechmücken, teils durch sehr engen Hautkontakt (Schmierinfektionen) übertragen.
Seit Anfang der 1980er-Jahre hat das HIV
(Humanes Immundefizienz-Virus) einen festen Stammplatz in der Virologie. Wohl noch nie ist eine Infektionskrankheit
so intensiv erforscht worden wie Aids (engl.: acquired immunodeficiency syndrome) und seine Ursachen. Weltweit waren
Ende der 1990er-Jahre 30-40 Millionen Menschen infiziert, die meisten
davon in Afrika. Das Virus wird meist durch Sexualkontakt, durch mehrfach
benutzte Injektionsnadeln oder durch verseuchte Blutkonserven übertragen.
Bis zum Ausbruch der Krankheit Aids können nach einer HIV-Infektion
bis zu zehn Jahre vergehen; die Krankheit führt stets zum Tod. An
einem Impfstoff gegen HIV wird zwar intensiv, aber bisher immer noch erfolglos
geforscht.
Infektionswege und Krankheitsverlauf
Viren verbreiten sich auf verschiedenen Wegen. Meist werden sie schlicht
eingeatmet. Ein Beispiel sind hier Erkältungskrankheiten wie Schnupfen
(grippaler Infekt) und Grippe, die vorwiegend durch beim Niesen versprühte
Tröpfchen übertragen werden (Tröpfcheninfektion). Die Inkubationszeit
bis zum Erscheinen der ersten Symptome - Fieber, Kopf- und Muskelschmerzen
sowie Halsentzündungen - beträgt je nach individueller Abwehrlage
ein bis drei Tage. Während aber ein Schnupfen meist relativ harmlos
ist, stellt eine Grippe eine schwere Erkrankung dar. An der sogenannten
spanischen Grippe starben 1918 weltweit schätzungsweise 20 Millionen
Menschen, das sind mehr Opfer, als Soldaten auf den Schlachtfeldern des
Ersten Weltkriegs gefallen sind. Die Begleiterscheinungen einer Grippe
wie Husten und Lungenentzündung können durch das Grippevirus
selbst, aber auch durch Sekundärinfektionen mit anderen Viren oder
Bakterien hervorgerufen werden. Vor allem bei Kindern und älteren
Menschen kann eine Grippe lebensgefährlich sein, wenn deren Immunsystem
bei der Infektionsabwehr überfordert ist.
Ein enger Kontakt mit infizierten Personen ist eine weitere Ansteckungsmöglichkeit.
Ein Paradebeispiel hierfür ist die Infektion mit HIV: Bei ungeschütztem
Sexualverkehr mit einem infizierten Partner reicht bereits eine winzige,
unbemerkte Verwundung an den Schleimhäuten zur Ansteckung aus. Bis
erste Krankheitssymptome auftreten, können Jahre vergehen, und die
infizierte Person wird selbst zum potenziellen Krankheitsüberträger.
Das Virus greift in das natürliche Immunsystem
des Menschen ein, indem es die wichtigen T-Helferzellen allmählich
zerstört. Das Immunsystem eines HIV-Infizierten bricht zusammen,
und die Betroffenen erliegen am Schluss einer Lungenentzündung oder
anderen, sonst harmlosen Krankheiten.
Direkte Kontakte mit dem Blut von erkrankten Personen sind ebenfalls häufig
die Ursache von Infektionen, beispielsweise mit Hepatitis A-Viren oder
mit dem HIV. Deshalb müssen Blutkonserven und Produkte, die aus menschlichem
Blut hergestellt werden, äußerst gründlich untersucht
werden.
Viren können auch von Insekten
übertragen werden: Zeckenstiche können Frühsommer-Meningoenzephalitis
(FSME) auslösen. Es gibt Fraßschädlinge
von Pflanzen, die auch Viren übertragen können. Für Menschen
extrem gefährlich sind die verschiedenen Erreger von hämorrhagischem
Fieber, die - wie im Fall des Gelbfiebers - meist durch Aedes-Stechmücken
weitergegeben werden. Auch diese Krankheiten beginnen unauffällig,
etwa wie ein Schnupfen, enden jedoch häufig tödlich. Die Erkrankten
bluten aus allen Körperöffnungen und Verletzungen und auch innerlich.
Sie müssen sofort und streng isoliert werden; nur so lässt sich
die Ausbreitung der Viren verhindern.
Das "Killervirus" mit dem Namen Ebola machte in der Vergangenheit
schon häufig von sich reden. Es gab bislang drei bekannte Ausbrüche
dieser gefährlichen Infektion: zwei in Westafrika und einen im Sudan.
Zunächst hatte man die Befürchtung, die Ebolaviren
könnten sich schnell auf ganze Landstriche oder sogar andere Kontinente
ausbreiten. Zum Glück blieb der Seuchenausbruch in allen Fällen
regional begrenzt, forderte aber in den betroffenen Gebieten zahlreiche
Opfer.
Im Januar 2000 hat sich eine deutsche Studentin bei einem Aufenthalt
in Westafrika mit einem bisher unbekannten Typ des Lassavirus
angesteckt. Auch dieser Fall begann zunächst eher harmlos mit Fieber;
die Erkrankung wurde deshalb von den Ärzten als Malaria eingestuft
und entsprechend behandelt. Als jedoch die wahre Ursache des anhaltenden
hohen Fiebers erkannt wurde, mussten umfangreiche Maßnahmen zur
Isolierung der Patientin getroffen werden. Trotz intensivmedizinischer
Behandlung starb die Patientin wenige Tage später. Man vermutet,
dass Ratten Überträger des Ebola- und des Lassavirus sind.
Der Vermehrungszyklus eines Virus kann sehr kurz sein: Er beträgt manchmal nur 20 Minuten. In diesen Fällen kann sich eine Infektion rasend schnell ausbreiten. Es ist aber auch möglich, dass sich ein Virus, nachdem es in die Wirtszelle eingedrungen ist, in die Erbsubstanz des Wirts integriert und zunächst ohne virulente Wirkung weiterexistiert. Nach gewisser Zeit (bei HIV mehrere Jahre) wird die Virus-DNA durch nicht genauer bekannte Umstände wieder aktiviert, übernimmt die Kontrolle über die Zelle und nutzt sie zur Virenvermehrung. Es ist wahrscheinlich, dass zwei Prozent der DNA des Menschen aus endogenen Retroviren, also in die menschliche Erbsubstanz integrierte virale DNA bestehen. Dazu gehören auch Onkogene, also Gene, die Krebs verursachen können.
Das Schwere Akute Atemwegssyndrom (Severe Acute Respiratory Syndrome, SARS) ist eine Infektionskrankheit, die erstmals im November 2002 in der chinesischen Provinz Guangdong beobachtet wurde. Der Erreger wurde vermutlich von einem erkrankten 64-jährigen Arzt aus der südchinesischen Provinz nach Hongkong eingeschleppt, von wo aus sich die Krankheit dann nahezu weltweit ausbreitete. Am 24. März 2003 wurde das für die Erkrankung verantwortliche Virus als ein bisher beim Menschen noch nicht beobachtetes Virus aus der Familie der Coronaviren identifiziert. Sein Genom wurde mittlerweile vollständig entschlüsselt. Zwei bisher schon bekannte Vertreter dieser Viren-Familie werden für etwa ein Drittel aller relativ harmlosen Erkältungserkrankungen verantwortlich gemacht. Die Erreger werden vom Tier auf den Menschen übertragen v. a. dort, wo Mensch und Tier auf engstem Raum zusammenleben. Die Übertragung findet vor allem über eine Tröpfcheninfektion bei engerem Kontakt zu einem infizierten Organismus, also über den Atemtrakt, statt. Mittlerweile wird jedoch nicht mehr ausgeschlossen, dass sich der Erreger des SARS auch über größere Entfernungen über die Luft, über das Trinkwasser, Fäkalien oder sogar die Klimaanlagen verbreiten könnte. Im Mai 2003 wurde von Wissenschaftlern der Universität von Hongkong der Verdacht geäußert, dass das Virus von der Zibetkatze (Schleichkatze) auf den Menschen übertragen wurde. Die Zibetkatze ist vor allem in Südchina ein beliebtes Nahrungsmittel. Aber auch in Fledermäusen wurde ein ähnliches Virus entdeckt; Fledermäuse gehören in Teilen des asiatischen Raums ebenfalls als Delikatesse auf den Tisch.
Im Gegensatz zu den bisher beschriebenen Viren besitzen die Retroviren
(Retroviridae) als Erbgut keine Desoxyribonucleinsäure (DNA) sondern
Ribonukleinsäure (RNA). Da das Erbgut der Wirtszellen aber aus DNA
besteht, muss die RNA der Viren zum Einschleusen vorher in entsprechende
DNA umgeschrieben werden. Die Viren nutzen dazu ein charakteristisches
Enzym, das sich dann auch in der infizierten Zelle nachweisen lässt.
Einige dieser Viren verursachen Leukämien bei Tieren (z. B. bei Katzen,
Hühnern, Mäusen, Affen). Beim Menschen ist ein direkter ursächlicher
Zusammenhang nur mit dem humanen T-lymphotropen Retrovirus, HTLV-I, gefunden
worden, das an der Auslösung der seltenen, vorwiegend in Japan vorkommenden
T-Zell-Leukämie wesentlich beteiligt ist.
Schutzimpfungen
Im Unterschied zu Bakterien sprechen Viren nicht
auf Antibiotika an. Deshalb ist eine medikamentöse Behandlung virusbedingter
Erkrankungen sehr schwierig. Die wenigen bekannten Virostatika
besitzen Nebenwirkungen, die teilweise denen der Medikamente bei der Krebsbekämpfung
ähneln. Wegen der Verschiedenartigkeit der Viren ist die Anwendung
von Virostatika bislang nur bei wenigen Virusgruppen möglich. Meist
greifen die Medikamente an den Proteinen der
Virenhülle an. So hemmt beispielsweise Tamiflu die Neuraminidase,
ein Protein in der Hülle von Grippeviren. Proteine wie die Neuraminidase
oder Hämagglutinin spielen eine wichtige Rolle bei der Anheftung
der Viren an die Wirtszellen. Andere Medikamente wirken auf Enzyme, die
bei der Vermehrung der Erbsubstanz
eine Rolle spielen. Auf dieser Basis funktionieren beispielsweise Aciclovir
und Zidovudin, die bei der Therapie von Aids eingesetzt werden.
Das Immunsystem des Wirtsorganismus erkennt Hüllproteine wie Neuraminidase
und Hämagglutinin als fremd und bildet im Laufe einer Infektion Antikörper
gegen diese Stoffe. Hat man beispielsweise eine Grippe oder Masern überstanden,
ist man gegen den speziellen Erreger lebenslang immun. Da Infektionen
wie Masern, Mumps, Röteln oder Windpocken sehr häufig in jungen
Lebensjahren auftreten, gelten sie auch als Kinderkrankheiten.
Gegen viele Viruserkrankungen, darunter die genannten Kinderkrankheiten,
gibt es inzwischen Schutzimpfungen.
Hierbei werden veränderte Erreger, die nicht mehr virulent sind,
oder auch nur Proteinbestandteile aus der Hülle von Viren dem Immunsystem
angeboten, das daraufhin ebenso Antikörper bildet wie bei einer echten
Infektion. Viele Kinderärzte halten es allerdings für sinnvoll,
dass Kinderkrankheiten "richtig durchgemacht" werden, zum einen
wegen der Erfahrung, die ein Kind dabei sammelt, zum anderen, weil der
Immunschutz aufgrund einer "echten" Erkrankung zuverlässiger
ist.
Dies gilt natürlich nicht für Erkrankungen wie Kinderlähmung
oder Pocken, die dank flächendeckender Schutzimpfungen in der westlichen
Welt fast völlig verschwunden sind. Genau aus diesem Grund ist aber
auch bei diesen Krankheiten die Reihenschutzimpfung umstritten.
Einige Viren haben eine unangenehme Eigenschaft, die ihre Bekämpfung
fast unmöglich macht: Sie mutieren sehr rasch, das heißt, sie
verändern ihre Erbsubstanz ständig. Weil die Virengene
auch die Struktur der Hüllproteine bestimmen, ändert sich auch
die Oberflächenstruktur dieser Proteine. Dadurch werden sie für
Antikörper nicht mehr erkennbar: Die Viren übertölpeln
quasi das Immunsystem des Wirts. Deshalb kommt es immer wieder zu Grippewellen,
und man sollte sich regelmäßig gegen den gerade aktuellen Erregertyp
durch eine entsprechende Schutzimpfung wappnen. Mutationen sind auch der
Grund, warum es so schwierig ist, einen vorbeugenden Schutz gegen das
HIV zu entwickeln. Man schätzt, dass dieses Virus 10 Mrd.-mal am Tag seine Struktur ändert!
Viren in der Gentechnik
Der Begriff Virus wird meist mit Krankheit assoziiert. Viren besitzen
allerdings auch nützliche Aspekte. Sie haben eine sehr hohe Wirtsspezifität,
das heißt, sie befallen nur einen ganz bestimmten Zelltyp. Wenn
sich Viren nämlich in ihrer Wirtszelle vervielfachen, kommt es vor,
dass sie Gene ihrer Wirtszelle mit in ihr Capsid einschließen. Infiziert
solch ein Virus, das außer seinem eigenen Erbmaterial noch Teile
der Erbsubstanz aus der Wirtszelle besitzt, eine andere Zelle, dann überträgt
es diese Gene aus der Wirtszelle in die neu infizierte Zelle. Diese Transduktion
genannte Übertragung von Genen von einer Zelle in eine andere macht
Viren für die Gentechnologie außerordentlich interessant.
Viren, die sich dazu eignen, um gezielt DNA in Zellen einzuschleusen, nennt man in der angewandten Molekularbiologie Genfähren oder Vektoren. So lassen sich Gene mit bestimmten Phagen in Bakterien übertragen. Anschließend kultiviert man die Bakterien in Fermentern, wobei sie große Mengen eines bestimmten, gewünschten Proteins produzieren. Auf diese Weise lassen sich Proteine, die sonst nur in geringsten Mengen vorkommen oder deren chemische Synthese sehr aufwendig ist, relativ einfach und mit großer Ausbeute herstellen. Viren sind somit nützliche Hilfsmittel, wenn man die genauen Vorgänge in biologischen Systemen aufklären will oder wenn es um die Entwicklung von Arzneimitteln geht.