

Neuere Erkenntnisse zeigten, dass auch die synthetische Theorie einer Ergänzung und Erweiterung bedarf. So dürften der Koevolution und der Kooperation eine genau so wichtige Rolle im Evolutionsgeschehen zufallen wie der Konkurrenz. Auch wurden die Beziehungen zwischen Ontogenie und Phylogenie in der synthetischen Theorie nicht ausreichend berücksichtigt. Ebenso gilt dies für die Bedeutung des Verhaltens (von Tieren) auf die Evolution. Die Möglichkeit der Tiere, aufgrund von Wahrnehmungsapparat und Bewegungsfähigkeit aktiv bestimmte Umwelten auszuwählen, hat Rückwirkungen auf ihre genetische Substanz und damit auf ihre Evolution. In besonders starkem Maße gilt dies für den Menschen ("Kulturevolution"). Die Evolution selbst ist ein dynamischer Prozess. Es geht nicht darum, dass sich ein Gleichgewicht zwischen Population und Umwelt einstellt, sondern darum, dass ständig wechselnde Bedingungen stetigen Wandel verursachen. Der hierzu notwendige Informationsaustausch betrifft alle Ebenen von den Molekülen über die Gene, Zellen, Individuen und Populationen.
Neutralitätstheorie der Evolution
Etwa ab 1970 bekam man durch die Entwicklung der Gelelektrophorese
eine neue diagnostische Möglichkeit zur Unterscheidung ähnlicher
Proteine. Es zeigte sich dabei eine bisher nicht vermutete Variabilität
in Lebewesen. Der Zufall scheint bei der Entwicklung dieser vielen verschiedenen
Isoenzyme eine viel größere Rolle zu spielen als man bis dahin
angenommen hatte. Offensichtlich breiten sich neutrale oder fast neutrale
Mutationen, die vom Filter der Selektion kaum beeinflusst werden, ständig
in Populationen aus. Dies veranlasste MOTOO
KIMURA (1924 - 1994) im Jahr 1983, ein im wesentlich auf Diffusionsgesetzen
aufbauendes Modell zur Erklärung der Ausbreitung selektiv neutraler
Mutationen in natürlichen Populationen zu entwickeln.
Soziobiologie und eigennützige
Gene
Nach der als Soziobiologie
bezeichneten Lehre sind nicht die Individuen oder die Populationen, sondern
die einzelnen Gene die Einheiten der Evolution. Verschiedene verhaltensbiologische
Phänomene wie Altruismus zwischen Verwandten oder Kindstötung
bei Rudelübernahme können auf dieser Basis "eigennütziger
Gene" gut erklärt werden. Eine derartige Sichtweise, die auf
RICHARD DAWKINS (geb. 1941) zurück geht (1982), kann allerdings zu
keinem besseren Verständnis der Entstehung und Weitergabe von Merkmalen
führen, die auf Wechselwirkungen zwischen Genen beruhen. Eine solche
dynamische Verknüpfung einzelner Gene im Netzwerk des Genoms ist
aber die Voraussetzung für die Einheit des Organismus und seines
Phänotyps. Trotz Mutationen und Rekombinationen des genetischen Materials
stellen Organismen bzw. ihre Phänotypen erstaunlich konstante, manchmal
über Jahrmillionen gleichbleibende Systeme dar. Das bedeutet, dass
eine spezifische Kombination aus genetischem Material so gut aufeinander
abgestimmt ist, dass sie trotz Mutationsdruck, Anpassungsselektion und
Zufallsselektion in Millionen von Replikationsprozessen nicht zerstört
werden konnte. Dies kann man z. B. damit erklären, dass zu der äußeren
Selektion eine innere Selektion
hinzu kommt: Innerhalb eines morphologischen oder physiologischen Systems
sind nur bestimmte Abänderungen möglich, andere nicht.
Kritische Evolutionstheorie
Die sogenannte kritische Evolutionstheorie "Frankfurter Schule"
von W.G. GUTMANN und anderen Mitarbeitern
des Senckenberg-Museums in Frankfurt betont besonders solche inneren Vorgaben,
die der Evolution eine Richtung geben.
Innere Selektion
Auch die Keimesentwicklung, die Ontogenie
der Organismen, wirkt sich über innere Selektion auf Evolutionsprozesse
aus. RUPERT RIEDL (geb. 1925) vergleicht das Verhältnis zwischen
innerer und äußerer Selektion mit dem zwischen Betriebs- und
Marktselektion bei Wirtschaftsunternehmen.
Genomtheorien
Im Gegensatz zu den Evolutionstheorien, bei denen das einzelne Gen im
Mittelpunkt der Betrachtungen steht, nennt man die Theorien, bei denen
die Wechselwirkungen der Gene besonders beachtet werden, auch Genomtheorien
der Evolution. Eine besondere Bedeutung für die Entwicklung solcher
Theorien war die Entdeckung von GILBERT 1978, dass die Gene von Eukaryoten
gestückelt sind: Sie sind aus vielen einzelnen Abschnitten zusammengesetzt,
die durch andere DNA-Abschnitte getrennt werden, die für die Proteinbiosynthese
keine Rolle spielen (Exons und Introns). Um aus dem primären Transkriptionsprodukt
im Kern eine funktionierende, die Proteinsynthese bewirkende m-RNA zu
machen, muss diese RNA weiterbearbeitet werden. Diesen Vorgang nennt
man Spleißen (engl. Splicing).
Offensichtlich stehen die einzelnen Exons eines Gens für unterschiedliche
Proteinabschnitte, die auch als Domänen bezeichnet werden und die
bestimmte Merkmalsträger eines Proteins sind. Sie sind im Durchschnitt
nur 30 bis 40 Aminosäuren lang. Rekombination verschiedener Exons
innerhalb eines Gens - z. B. durch Crossing over - ist eine zusätzliche
Quelle phänotypischer Mannigfaltigkeit, indem sie Domänen neu
kombiniert. Aber auch die durch Sexualität und Diploidie schon lange
bekannten sehr vielfältigen Rekombinationsmöglichkeiten lassen
den Schluss zu, dass bei Eukaryoten Rekombinationsvorgänge
für die Evolution wichtiger sind als Mutationen. Möglicherweise
waren die meisten Gene schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt der Evolution
- eventuell noch vor Entstehung der Eukaryoten - vorhanden. Später
wurde die Evolution vor allem durch die neue Kombination dieser lange
erprobten Vererbungseinheiten vorangetrieben. In diesem Zusammenhang ist
interessant, dass die Menge des genetischen Materials bei höheren
Lebewesen statistisch um einen Mittelwert von
Basenpaare (Mensch: 3 x
)
schwankt, auch wenn vereinzelt sehr viel höhere Werte vorkommen.
Allmählicher Übergang oder
Sprünge?
Während DARWIN und seine frühen Nachfolger eine allmähliche
(graduelle) Veränderung der Organismen annahmen, wurde von den Wiederentdeckern
der mendelschen Regeln zum ersten Mal die These vertreten, dass Erbsprünge,
große Mutationen, für die wichtigen Veränderungen im Laufe
der Evolution verantwortlich waren. Diese "Saltationstheorie"
wurde von Paläontologen aufgrund der Fossilfunde noch prägnanter
formuliert. Großmutationen sollten die großen Abstände
im Organismenreich, z. B. zwischen den einzelnen Stämmen des
Tierreiches, bewirkt haben (E. SCHINDEWOLF). Durch den sogenannten Punktualismus
(z. B. S.J. GOULD) wurde die Saltationstheorie
spezifiziert: Nach GOULD kennt die Evolution Phasen, in denen sie besonders
schnell voran schreitet, die dann wieder von Phasen der Stagnation abgelöst
werden. J. REICHHOLF versuchte dies
mit einem Wechselspiel von Überfluss und Mangel zu erklären.
Der Überfluss eines Stoffes, z. B. eines Stoffwechselendproduktes
wie Calciumcarbonat, führt zur Evolution völlig neuer Strukturen
(z. B. Knochenplatten und Skelett). Mangel führt demgegenüber
zur Herausbildung von Vielfalt (adaptive Radiation).
Vererbung erworbener Eigenschaften (Lamarckismus)
Der entscheidende Unterschied zwischen den Evolutionstheorien von LAMARCK
und DARWIN war, dass LAMARCK die
Vererbung erworbener Eigenschaften für möglich hielt. DARWIN
hatte diese Möglichkeit nicht völlig ausgeschlossen. Sie wurde
aber dann von seinen Nachfolgern, insbesondere von WEISMANN (1882), dogmatisch
abgelegt. Dieses Dogma haben auch die Vertreter der synthetischen Theorie
übernommen. Alle Evolutionstheorien, die eine Möglichkeit der
Vererbung erworbener Eigenschaften in Betracht ziehen, werden als "Neolamarckismus"
bezeichnet. In der UdSSR wurden neolamarckistische Ideen von MITSCHURIN
gefördert und später von LYSSENKOW wieder belebt.
LYSSENKOW wurde von der sozialistischen Partei der Sowjetunion, insbesondere unter STALIN und CHRUSTSCHOW, gefördert. Später aber wurden seine angeblichen Forschungsergebnisse als Betrug entlarvt F. SCHMIDT betont in seiner "kybernetischen Evolutinstheorie" ebenfalls die Wechselwirkung von Umwelt und Organismus, die im Ergebnis ähnlich funktionieren soll wie die Vererbung erworbener Eigenschaften. Z. B. wird von ihm die Möglichkeit erwogen, dass zweckgerichtete Gene im Gehirn als eine Art Gedächtnisstoff erzeugt werden und in die Keimzellen übergehen. Solche Rückkopplungsmechanismen werden auch schon für einfachste Lebewesen angenommen, doch sollen sie mit der Differenzie-rung der Organismen zunehmen. Es gibt jedoch keine eindeutigen Be-funde, die eine solche Hypothese rechtfertigen.
Morphogenetische Felder
Einen weitere, außerhalb der derzeit anerkannten Wissenschaftstheorien
liegende Hypothese wird von RUPERT SHELDRAKE
vertreten. Nach ihm werden alle Formen in der Natur - anorganische wie
organische - durch "morphogenetische Felder" bestimmt, die eine
Art "Gedächtnis der Natur" darstellen. Durch morphogenetische
Resonanz steht jedes Individuum bzw. jede Form mit diesen Feldern in Verbindung.
Je mehr Einzelformen, desto stärker wird das morphogenetische Feld.
"Die natürliche Auslese spielt gewiss eine bedeutende Rolle.
Aber sie ist nicht ... die große schöpferische Kraft, Formprinzipien
werden den Lebewesen nicht von außen aufgezwungen, sondern sie sind
in ihnen selbst..." formuliert SHELDRAKE. Auch für diese Hypothese
gibt es bisher keine Beweise.
Schließlich spielt nach wie vor - vor allem in den Vereinigten
Staaten - der sogenannte Kreationismus
eine wichtige Rolle. Dieser mit wissenschaftlichen Argumenten untermauerte
Schöpfungsglaube gründet sich auf die Schöpfungsgeschichte
der Bibel.