Kindheit
und Ausbildung
WILLIAM HARVEY wurde am 1.April 1578 in Folkestone (Grafschaft Kent, England)
als Sohn eines Kaufmanns geboren. Er ging in Canterbury zur Schule, wo er
u. a. klassische Sprachen lernte, besuchte anschließend das "Gonville-and-Caius-College"
der Universität von Cambridge, das er 1597 mit dem akademischen Grad
"Bachelor of Arts" verließ. Neben
den künstlerischen Fächern wurde in Cambridge auch das Studienfach
der Medizin angeboten, das unter anderem
von dem Arzt und Chirurg ANDREAS
VESA (1514-1564) gelehrt wurde. HARVEY, der großes Interesse an
den medizinischen Kenntnissen seiner Zeit hatte, begann bereits in Cambridge
mit dem Medizinstudium, ging aber nach Erlangung seines "Bachelor
of Arts" nach Italien, an die Universität in Padua, wo
er fünf Jahre lang weiter studierte, um seine medizinischen Kenntnisse
zu vertiefen. Die Universität von Padua hatte den Ruf der renommiertesten
medizinischen Fakultät seiner Zeit und HARVEY wurde u. a. von
dem angesehenen italienischen Anatom, Chirugen und Physiologen HIERONYMUS
FABRICIUS AB AQUAPENDENTE (1537-1619) ausgebildet, den er sein Leben
lang verehrte. Sein Lehrer entdeckte bereits die Venenklappen, konnte sich
aber ihre Bedeutung nicht erklären, da die damaligen auf GALEN zurückgehenden
Vorstellungen einen Kreislauf des Blutes nicht zuließen.
Beruflicher Werdegang
1602 hatte HARVEY in Padua seinen Doktorgrad als Mediziner erworben und
kehrte nach England zurück. Er arbeitete als Arzt in einer selbst
eröffneten Praxis in London. Dort heiratete er ELIZABETH BROWNE,
die die Tochter des Leibarztes der Königin ELISABETH I .(1533-1603)
war. 1607 wurde HARVEY als Mitglied in das Royal College
of Physicians gewählt und arbeitete außerdem in den
Jahren 1605-1643 auch im Saint Bartholomew`s Hospital.
Er war dort als Anatom, Physiologe und Arzt beschäftigt. Seine Tätigkeiten
am Royal College of Physicians, wo er von 1615
bis 1656, also über 40 Jahre lang, den Lehrstuhl für Anatomie
und Physiologie bekleidete, waren sehr vielfältig: Er hielt Vorlesungen
und führte vor den Studenten anatomische Demonstrationen und Sektionen
durch. Im Jahr 1627 wurde er sogar zum Vorsitzenden des College
ernannt und ein Jahr später zum Schatzmeister gewählt. Sein
Engagement und wachsendes Wissen ließ ihn zu einen der hervorragendsten
Ärzte in ganz England werden, sein Ruf eilte ihm voraus und so wurde
er zuerst von König JAKOB I. (1566-1625), den er bis zu seinem Tod
betreute und später von dessem Thronfolger KARL I. (1600-1649) zum
Leibarzt ernannt. Zu seinen vielfältigen Aufgaben gehörte auch
eine zwischenzeitliche Beschäftigung als Rektor am Merton-College
in Oxford. Als die Ärzte des Royal College of
Physicians ihn 1654 in das Ehrenamt des Präsidenten wählten,
sagte er aus gesundheitlichen Gründen ab. Am 3.Juni 1657 starb HARVEY
an den Folgen eines Schlaganfalls in Hampstead.
Wissenschaftliche Leistungen
Die Physiologen, die zu HARVEYs Zeit lebten, erforschten in erster Linie
die Eigenschaften und das Wesen des menschlichen Blutes. Auch HARVEY orientierte
sich für seine eigenen Untersuchungen an der formulierte These des
persischen Arztes AVICENNA (979-1037),
dass das Herz als Quelle des Arteriensystems eine eigene Kraft besitzen
muss. Seit 1615 sammelte er seine anatomisch-physiologischen Beobachtungen
(er hatte kein Mikroskop), versuchte die Körperblutmenge mathematisch
zu berechnen, untersuchte den Menschen, führte blutige Experimente
aber auch sorgfältige Beobachtungen der Herz- und Blutbewegungen
an einer großen Anzahl lebender Versuchstiere durch und kam so zu
der für seine Zeit revolutionären Annahme, dass ein großer
Blutkreislauf existiert.
1628 veröffentlichte HARVEY in dem kleinen Werk "Exercitatio
anatomica de motu cordis et sanguinis in animalibus" ("Anatomische
Schriften über die Bewegung des Herzens und des Blutes bei Tieren")
seine gewonnenen Erkenntnisse. HARVEY gilt somit als Entdecker des menschlichen
großen Blutkreislaufes. Mit dem
Kundtun dieser Entdeckung stieß HARVEY anfangs auf große Kritik.
Aber anders als bei seinen schon 10 Jahre früher in Vorlesungen formulierten
Theorien zur Blutbewegung konnte HARVEY nun seine Erkenntnisse mit Beweisen
untermauern. Er beschrieb die Funktion der Venen- und Herzklappen und
erklärte auch den kleinen Blutkreislauf durch die Lungen. Überlieferte
Irrtümer anderer Forscher konnten durch seine Beobachtungen widerlegt
werden. Indem HARVEY mit einer einfachen Rechnung das Volumen der linken
Herzkammer und die Anzahl Herzschläge pro Tag abschätzte, konnte
er nachweisen, dass eine solch große Menge umtriebenen Blutes unmöglich
-wie bisher angenommen- aus der Leber nachgeliefert werden konnte. Die
Herzkontraktion (Systole)
veranlasst, dass das Blut durch die Arterien in die Peripherie transportiert
wird. Die Herzaktion bewirkt den Puls. Während die linke Herzkammer
das Blut in die Aorta (Körperschlagader) drückt, drückt
die rechte Herzkammen das Blut in die Lunge. In der Herzscheidewand befinden
sich keine Poren, durch die das Blut diffundieren kann, sondern das Blut
kommt von der Lunge und strömt aus der linken Kammer über die
Aorta in die Arterien der anderen Körperorgane und kehrt über
die Venen in die rechte Herzkammer zurück. Die dafür notwendigen
arteriovenösen Verbindungen, die Kapillaren-
wurden erstmals 1661 von dem italienischen Anatom MARCELLO
MALPIGHI (1628-1694) beschrieben. HARVEY konnte die Kapillaren nicht
entdecken, da er noch kein Mikroskop besaß. Aber er nahm bereits
an, dass solche Verbindungen existieren müssen, was MALPIGHI schließlich
mithilfe des Mikroskopes bestätigte.
Viele Physiologen versuchten in ihren Experimenten die neuen Erkenntnisse HARVEYS nachzuempfinden und zu bestätigen. Bluttransfusionen spielten in diesem Zusammenhang eine große Rolle: Die erste Bluttransfusion von Tier zu Tier wurde im Februar 1665 in England durchgeführt, 1667 erfolgte die erste Bluttransfusion eines Tieres auf den Menschen. Man diskutierte zwar über eine direkte Blutübertragung von Mensch zu Mensch als potentielle Therapiemaßnahme, es gab auch Forscher, die sich darin versuchten, doch erst seit dem Jahr 1901, als KARL LANDSTEINER (1868-1943) die Blutgruppen entdeckte, waren Blutübertragungen von Mensch zu Mensch erfolgreich durchführbar.
Auch auf dem Gebiet der Embryologie
hat sich HARVEY verdient gemacht. 1651 veröffentlichte er in seinem
Werk "Exercitationes de generatione Animalum"
die Auffassung, dass alle Lebewesen sich aus dem Ei entwickeln. Bereits
seit 1616 hatte er vielfache Untersuchungen an Hühnerembryonen durchgeführt
und die Gebärmutter von Rehen eingehend untersucht. Seine Beobachtungen
ließen ihn die bestehenden Zeugungslehren seiner Zeit verwerfen.
Er vertrat die Meinung, dass spezialisierte Organe sich aus undifferenzierten
Strukturen entwickeln, das war ein klarer Widerspruch zu der damals allseits
anerkannten Präformationstheorie.
Wenngleich auch die generelle Bedeutung des Eis noch nicht bekannt war
und erst 200 Jahre später die erste Eizelle eines Säugetiers
entdeckt wurde, setzte Harvey mit seinem Leitsatz einen Meilenstein in
der Embryologie: "Das Ei ist der gemeinsame Ursprung
für alle Lebewesen".
WILLIAM HARVEY unterschied sich von seinen zeitgenössischen Kollegen
durch seine klare Trennung von Hypothesen und Fakten. Seine Studien waren
äußerst genau und damit schuf er die Voraussetzungen für
zukünftige biologische Forschungen. Ergebnisse seiner Forschungen
akzeptierte er erst, wenn auch die Kontrollversuche seine Ergebnisse bestätigten.
HARVEY war also einer der Ersten, der wissenschaftliche
Methoden auf dem Gebiet der Medizin und Biologie einführte. Er
ist somit der Begründer der neuzeitlichen Physiologie und Medizin.
Indem er die Pumpleistung des Herzens berechnete, wendete er als einer
der Ersten die Mathematik auf die Biologie an. HARVEYS Erkenntnisse, seine
formulierten Hypothesen oder Theorien, eröffneten schließlich
auch den philosophischen Disput zwischen Vitalisten und Mechanisten, der
bis heute anhält.