

Die Verhaltensbiologie als Wissenschaft hat sich, gemessen an anderen biologischen Teildisziplinen, erst relativ spät entwickelt. In der Steinzeit z. B. war das Wissen über die Verhaltensweisen der Tiere für das Überleben des Menschen von existenzieller Bedeutung. Das Kennen der Gewohnheiten, Bevorzugungen und Aversionen der Tiere, die sich im Umfeld des Menschen aufhielten, war notwendig, um als Jäger erfolgreich Beute zu machen, und es verminderte gleichzeitig das Risiko, selbst zur Beute zu werden. Durch die Beobachtung tierischen Verhaltens steigerten unsere Vorfahren also ihren Fortpflanzungserfolg (Darwin-Fitness).
Beim Verhalten handelt es sich um beobachtbare, von Muskeln erzeugte Bewegungen. Verhalten ist, was ein lebendes Tier tut und wie es dies tut. Dazu zählen u. a.
Der Gesang eines Goldammermännchens ist für das geschulte menschliche Ohr ein im Frühjahr immer wieder zu erkennendes musikalisches "Tschitschi tschitschi tschitschi bäh", bei dem die letzte Note nach unten gezogen wird. Der Vogelkundler (Ornithologe) jedoch wird dem Laien erklären, dass der Gesang für die Ohren des Vogels ganz und gar keine "Musik" darstellt, sondern dass die Vögel eher aus funktionalen Gründen singen, um etwa ihren Artgenossen mitzuteilen, wo ihr Aufenthaltsort ist, um Geschlechtspartner anzulocken oder um ein Revier zur Aufzucht und Ernährung ihrer Jungen abzugrenzen und zu verteidigen. Vögel singen also, um zu überleben und um ihre Gene an die nächste Generation weiterzugeben. Der Gesang der Vögel lässt sich sehr gut mithilfe moderner Methoden der Verhaltenserfassung untersuchen, ein gelungener Einstieg also in das Thema Verhalten. Auf diese Weise finden die Verhaltensforscher immer mehr über die Entwicklung, die Funktionen und die Konsequenzen des Vogelgesangs heraus. Außerdem ist der Vogelgesang ein geeignetes Modellsystem für tierisches Verhalten, weil mit ihm ein wichtiges Prinzip verdeutlicht werden kann:
Verhalten wird sowohl von genetischen
Faktoren als auch von Umweltfaktoren
beeinflusst.
NIKOLAAS TINBERGEN
(1907–1989) hat ursprünglich vier Fragen der Verhaltensforschung
bezüglich des Auftretens von Verhaltensphänomenen formuliert:
|
1.
|
Frage nach Mechanismus und Form des Auftretens |
|
2.
|
Frage nach den Ursachen in der Entwicklung (Ontogenese) |
|
3.
|
Frage nach der biologischen Funktion |
|
4.
|
Frage nach der Stammesgeschichte |
Schon bei der Formulierung der Frage denke ich mir also mögliche
Antworten (Hypothesen)
aus. Diese Hypothesen beziehen sich auf Zusammenhänge zwischen dem
beobachteten Verhalten und den Bedingungen sowie zwischen einem Verhaltensphänomen
und seinen Folgen.
In der Verhaltensbiologie zielen die Fragen auf zwei ganz verschiedene
Aspekte ab: Entweder geht es um die Mechanismen,
die der zu erklärenden Verhaltensweise zugrunde liegen, oder aber
es geht um die Funktion, die die Verhaltensweise erfüllt. Das Verhalten
der Individuen kommt einerseits durch die inneren
und äußeren Faktoren (proximate Ebene) zustande und
beeinflusst andererseits aufgrund seiner Funktionen die reproduktive
Fitness (ultimate Ebene).
Um Verhalten umfassend zu analysieren, müssen sowohl auf der proximaten
als auch auf der ultimaten Ebene Forschungen durchgeführt werden.
Frage: Warum singen Vögel im
Frühjahr?
1. Proximate Ursachen von Verhalten
Wirkursache (direkt, unmittelbar)
| Die Frage wird formuliert: | |
|
|
nach den Mechanismen der Verhaltenssteuerung. |
|
|
nach den Mechanismen der Verhaltensentwicklung (Ontogenese). |
| Wie wird das Verhalten
ausgelöst und gesteuert? Inwieweit sind z. B. Gene oder Hormone an der Verhaltenssteuerung beteiligt? |
|
Teildisziplinen der Verhaltensbiologie, die sich mit den proximaten
Ursachen von Verhalten beschäftigen:
|
|
Verhaltensphysiologie, |
|
|
Mechanismusforschung |
Mechanismus der Verhaltenssteuerung:
Die Tageslänge nimmt im Frühjahr zu, dadurch steigt die Konzentration
einzelner Hormone im Blut männlicher Singvögel. Dieser physiologische
Prozess bewirkt das artspezifische Singen männlicher Vögel an
speziellen Plätzen und zu bestimmten Zeiten.
Mechanismus der Verhaltensentwicklung:
Sowohl vorhandene Gene als auch Umweltfaktoren sind notwendig, damit Entwicklungsprozesse
biologisch sinnvoll ablaufen können. So sind z. B. beim Buchfinkenmännchen
die Grundstrukturen des Gesangs durch Gene vorgegeben, die Vielfältigkeit
des arttypischen Gesangs jedoch wird erst erlernt.
2. Ultimate Ursachen von Verhalten
Zweckursache (indirekt, mittelbar)
| Die Frage wird formuliert: | |
|
|
nach der biologischen Funktion. |
|
|
nach dem Anpassungswert. |
|
|
nach der biologischen bzw. evolutionären Bedeutung. |
| Wozu dient die Verhaltensweise? Was ist ihr Anpassungswert? Welchen reproduktiven Nutzen hat das Individuum von seinem Verhalten? |
|
Teildisziplinen, der Verhaltensbiologie, die sich mit den ultimaten
Ursachen von Verhalten beschäftigen:
|
|
Evolutionsbiologie, |
|
|
Verhaltensökologie, Soziobiologie |
Funktion des Verhaltens:
Vögel singen nicht in erster Linie, um ihren Artgenossen oder anderen
Individuen eine Freude zu machen. Mit ihrem Gesang teilen sie ihren Artgenossen
mit, wo ihr Aufenthaltsort ist. Sie locken damit fortpflanzungswillige
Weibchen an bzw. grenzen ihr Revier gegenüber männlichen Rivalen
ab.
Evolutionäre Bedeutung des Verhaltens:
Gene, die die Entwicklung von Verhaltensmustern oder aber des Körperbaus
steuern, werden von den Vorfahren an die nachfolgenden Generationen vererbt.
Die Vorfahren haben also das Verhaltensmuster des Gesangs der heute lebenden
Singvögel vererbt. Das Vogelmännchen erhöht mit seinem
Verhalten seinen Reproduktionserfolg.