






Rohstoffe
Voraussetzung für die Herstellung eines Produktes ist die Verfügbarkeit
geeigneter Rohstoffe.
Diese sind im Labor meist andere als in der Technik. Im Labor kann man
beispielsweise Chlor durch Oxidation von Chlorwasserstoff mit Kaliumpermanganat
oder Braunstein (Mangandioxid) herstellen, indem man Salzsäure auf
eine dieser Manganverbindungen tropft. Die technische Herstellung erfolgt
durch Elektrolyse einer wässrigen Lösung von Natriumchlorid
(Bild 2), was im Labor relativ aufwändig wäre. Da Natriumchlorid
aber in der Natur als Steinsalz in großen Mengen verfügbar
ist und leicht abgebaut werden kann, ist es als Rohstoff den oben erwähnten
Manganverbindungen vorzuziehen.
Technische Rohstoffe sind z. B. mineralische Rohstoffe wie Erze oder
Salze, fossile Rohstoffe wie Erdöl oder Erdgas bzw. nachwachsende
Rohstoffe wie Pflanzenöle oder Cellulose. Diese liegen fast nie in
reiner Form vor, sie müssen daher meist erst durch Abtrennung störender
Begleitstoffe aufbereitet werden. So müssen z. B. die Ca-, Mg- und
Fe - Ionen aus dem geförderten Natriumchlorid bei der Chloralkali
- Elektrolyse abgetrennt werden, oder für die Aluminiumherstellung
muss Aluminiumoxid nach dem Bayer-Prozess aus Bauxit gewonnen werden (Bild
3).
Oft ist in der Technik nur ein einziger Rohstoff für die Herstellung
eines Produktes verfügbar, z. B. Luftstickstoff zur Synthese von
Ammoniak. In anderen Fällen stehen aber verschiedene Rohstoffe zur
Auswahl, z. B. kann man für die Herstellung von Schwefelsäure
sulfidische Erze, natürlichen Elementarschwefel oder Schwefelwasserstoff
aus Erdgas nutzen. Die Auswahl des Rohstoffes hängt dann von den
standortspezifischen ökonomischen Bedingungen ab.
Thermodynamische Aspekte
Oft werden die Ausgangsstoffe nicht komplett umgesetzt, das Reaktionsgleichgewicht
liegt bei den herrschenden Reaktionsbedingungen nicht vollständig
auf der Seite der Produkte. Ein Beispiel hierfür ist die Ammoniak-Synthese
nach dem Haber-Bosch-Verfahren, bei der folgende Reaktion abläuft:

Die Bildung von Ammoniak aus den Elementen ist exotherm und verläuft unter Volumenabnahme. Nach dem Prinzip des kleinsten Zwanges begünstigen daher niedrige Temperaturen und hohe Drücke die Bildung von Ammoniak. Das thermodynamische Gleichgewicht liegt nur bei Temperaturen unter 200 °C und einem Druck von weit über 10 MPa weitgehend auf der Seite des Ammoniaks (Bild 4). In der Technik arbeitet man daher mit einem Katalysator bei 400 bis 520°C und Drücken von 25 bis 30 MPa. Unter diesen Bedingungen verschiebt sich das Gleichgewicht wieder auf die Seite der Ausgangsstoffe, sodass man als Ausbeute 35-40 % Ammoniak erzielen könnte.
Da die Reaktionszeit im Reaktor nicht zur vollständigen Gleichgewichtseinstellung
ausreicht, beträgt der tatsächlich erreichte Umsatz bei einmaligem
Durchgang durch den Reaktor jedoch nur 15 bis 20 %.
Ein vollständiger Umsatz zum gewünschten Produkt wird dann erreicht,
indem die Ausgangsstoffe, die nicht reagiert haben, aus dem Gemisch abgetrennt
und nach dem Kreislaufprinzip in den Prozess zurückgeführt werden,
z. B. bei der Ammoniak- Synthese (Bild 5).
Technische Katalyse
Bei vielen technischen Verfahren werden Katalysatoren
eingesetzt, um die Einstellung des Gleichgewichtes zu beschleunigen(Bild
6), und in einigen Fällen wird durch den Katalysator die Reaktion
selektiv zu einem bestimmten Zielprodukt gelenkt. Bei wichtigen technischen
Prozessen wie der Ammoniak-Synthese, dem Kontakt-Verfahren für die
Schwefelsäureherstellung oder dem Ostwald-Verfahren für die
Salpetersäureherstellung werden Feststoff-Katalysatoren verwendet,
um flüssige oder gasförmige Edukte umzusetzen, man spricht in
diesem Fall von heterogener
Katalyse. Bei Verwendung solcher
Katalysatoren ist oft eine relativ hohe Temperatur erforderlich, weil
sie erst ab einer bestimmten Temperatur, der Arbeitstemperatur, wirksam
sind. Dies ist jedoch bei exothermen Reaktionen für die Lage des
Gleichgewichtes nach dem Le-Chatelier-Prinzip ungünstig. So liegen
z. B. bei der Ammoniaksynthese unter Verwendung des technisch üblichen
Eisenkatalysator bei einer Arbeitstemperatur von 400-450 °C und einem
Druck von 30 MPa nur etwa 40 %
im Gleichgewicht vor. Katalysatoren aus dem seltenen Edelmetall Osmium
sind aktiver und arbeiten bereits bei Temperaturen etwas unter 400 °C,
wobei demzufolge höhere Ammoniakkonzentrationen im Gleichgewicht
vorliegen. Praktisch arbeitet man aber mit dem Eisenkatalysator, weil
er viel billiger ist.
Bei zahlreichen Verfahren ist man daher nach wie vor auf der Suche nach
verbesserten Katalysatoren, die beispielsweise bei tieferen Temperaturen
bereits aktiv sind oder die bei der Arbeitstemperatur ihre katalytische
Aktivität länger behalten.
Bei der homogenen Katalyse
findet die Reaktion meist in flüssiger Phase statt, und der Katalysator
ist in der Flüssigkeit gelöst wie z. B. Schwefelsäure bei
einer Veresterung. Hierbei ist es häufig auch möglich, durch
die Wahl des Katalysators die Reaktion selektiv zu einem Zielprodukt zu
lenken (vergleichbar mit der selektiven Wirkung von Enzymen in der Biochemie).
So kann man beispielsweise bei der Polymerisation von Propen durch die
Wahl des Katalysators die Polymerisationsreaktion so steuern, dass die
Methylgruppen entweder alle zur gleichen Seite der Polymerkette zeigen
oder streng wechselständig angeordnet sind (Bild 7). Die entsprechenden
Produkte unterscheiden sich dann in ihren Eigenschaften.
Ablauf chemisch-technischer Prozesse
Im Labor arbeitet man diskontinuierlich, d. h. die Ausgangsstoffe werden
in einem Kolben zusammengegeben, bei Bedarf auf Reaktionstemperatur erwärmt,
nach Ablauf der Reaktion abgekühlt und das entstandene Produkt aufgearbeitet.
Technische Prozesse laufen oft im kontinuierlichen
Betrieb, d. h. Rohstoffe werden
den Reaktor ständig zugeführt, Produkte ständig entnommen
und aufgearbeitet. Dieses Prinzip stellt hohe Anforderungen an die Zuverlässigkeit
aller Anlagen und auch an die gleichmäßige Qualität und
Beschaffenheit der Rohstoffe, hat aber verschiedene Vorteile. So entfällt
das aufwändige Anfahren (Anschalten, Aufheizen usw.) der Anlagen,
wofür viel Energie nötig ist, weil viele chemische Prozesse
erst bei höheren Temperaturen ablaufen, die Schwefelsäure-Synthese
beispielsweise bei 420-450 °C. Die Ausgangsstoffe müssen daher
auf Reaktionstemperatur aufgeheizt und die heißen Reaktionsprodukte
dann wieder abgekühlt werden. Im Labor stellt die Bereitstellung
der Energie für Heizen und Kühlen meist kein Problem dar. In
der Technik ist aber die effektive Nutzung der Energie entscheidend, daher
wird für beide Prozesse das Gegenstromprinzip
zum Wärmetausch eingesetzt, d.h. die heißen Reaktionsprodukte
werden zum Aufheizen der Ausgangsstoffe genutzt, was nur beim kontinuierlichen
Betrieb gut durchführbar ist. Wenn eine direkte Kopplung dieser Art
nicht möglich ist, wird die Energie der heißen Reaktionsgase
zur Erzeugung von Hochdruckdampf genutzt, der einen Druck von bis zu 4
MPa und eine Temperatur von 300 °C hat.
Das Gegenstromprinzip wird manchmal auch zum Stoffaustausch genutzt, z. B.
beim Hochofen-Prozess oder bei der Flüssig-Flüssig-Extraktion
zur Gewinnung von Aromaten aus Benzinfraktionen (Bild 8).
Nebenprodukte
Meist entstehen bei einer Reaktion Nebenprodukte.
Beispielsweise erhält man bei der Chlorierung von Benzen neben dem
Zielprodukt Monochlorbenzen auch immer etwas Dichlorbenzen, und ein Teil
des Benzens ist noch nicht umgesetzt. In diesen Fällen muss eine
Stofftrennung des Gemisches
aus Zielprodukt, Nebenprodukten und nicht umgesetzten Rohstoffen erfolgen,
um das Zielprodukt in großer Reinheit zu gewinnen, was im Labor
häufig nicht erforderlich ist.
Eine besondere Art von Nebenprodukten sind die sogenannten Koppelprodukte,
die bei zahlreichen technischen Prozessen entstehen, so liefert die Chloralkali
- Elektrolyse Chlor, Natronlauge und Wasserstoff. Dies hat den Vorteil,
dass mit einem Verfahren mehrere nutzbare Produkte hergestellt werden
können. Der Nachteil ist jedoch, dass die Mengen der Koppelprodukte
in einem bestimmten Verhältnis zueinander stehen. Wenn also in der
Wirtschaft z. B. mehr Natronlauge benötigt wird, muss dann auch eine
Verwendung für das zusätzlich mit produzierte Chlor gegeben
sein.
Ökologie
Die Verwertung oder schadlose Entsorgung
unerwünschter Nebenprodukte ist im Labor meist nicht wichtig oder
einfach handhabbar, in der Technik ist das oft schwieriger. Die Vermeidung
von schädlichen Abfällen und von Schadstoffemissionen in die
Atmosphäre oder in Gewässer sind bei technischen Verfahren von
entscheidender Bedeutung. So muss z. B. bei der Herstellung von Schwefelsäure
oder Salpetersäure eine Abgasreinigung durchgeführt werden.
Durch Gebrauch verunreinigte Chemikalien werden im Labor in der Regel
als Abfall entsorgt. So wird z. B. eine geringe Menge verdünnter Schwefelsäure
entweder mit Natronlauge neutralisiert und die entstehende Natriumsulfat-Lösung
dann ins Abwasser gegeben, oder es wird mit Calciumhydroxid neutralisiert,
das ausfallende Calciumsulfat abfiltriert und als unschädlicher Feststoff
entsorgt. Das wurde in der Vergangenheit in der chemischen Industrie zwar
auch in ähnlicher Weise praktiziert, was aufgrund der großen
Mengen, die zum Teil mit Schadstoffen verunreinigt sind, ökologisch
äußerst bedenklich ist. Seit einiger Zeit werden daher in der
Industrie zunehmend derartige "Abfälle" recycelt, so dient
z. B. verdünnte verunreinigte Schwefelsäure aus der Titandioxid-Produktion,
sogenannte Dünnsäure, als Rohstoff für die Schwefelsäureherstellung.