




Die räumliche
Struktur von Molekülen ist von großer Bedeutung für ihre
chemische Reaktivität und für ihre physikalischen Eigenschaften.
So ergibt sich der Dipolcharakter des Wassers und damit z. B. die Lösungsmitteleigenschaften
aus der gewinkelten Molekülstruktur. Diese kann aus der Valenzbindungstheorie
mit dem Modell der Hybridisierung abgeleitet werden.
Deutlich einfacher ist die Voraussage mithilfe des sogenannten Elektronenpaarabstoßungsmodells
bzw. VSEPR-Modell (engl. valence shell electron pair repulsion). Dieses
Modell kommt ohne quantenmechanische Berechnungen aus und basiert hauptsächlich
auf der leicht verständlichen Tatsache, dass sich Elektronenpaare an
einem Atom gegenseitig abstoßen und deshalb den größtmöglichen
Abstand zueinander einnehmen. Es ist allerdings ausschließlich auf
Molekülverbindungen anwendbar, also auf Teilchen, in denen die Atome
kovalent gebunden sind.
Zur Bestimmung der Raumstruktur
eines Moleküls stellt man zuerst die Lewis-Formel auf und zählt
alle gebundenen Atome "B"
und die nicht bindenden Elektronenpaare "E"
am Zentralatom "A". Aufgrund
der wechselseitigen Abstoßung zwischen den Elektronenpaaren bilden
diese den größtmöglichen Winkel untereinander aus. Aus
der Summe von B und E ergibt sich dadurch eine für die Gesamtzahl
der Elektronenpaare am Zentralatom typische Konfiguration (Bild 1).
Diese entspricht jedoch nur dann der räumlichen Molekülstruktur,
wenn es sich dabei ausnahmslos um bindende Elektronenpaare zu anderen
Atomen B handelt. Die "sichtbare" Raumstruktur ergibt sich nur
aus der Lage der verschiedenen Atome zueinander. Nicht bindende Elektronenpaare
sind zwar nicht "sichtbar", beeinflussen aber dennoch die Geometrie
der Molekülstruktur. Deutlich wird das beispielweise am Wassermolekül
(Bild 2). Sauerstoff als Zentralatom verfügt über zwei nicht
bindende bzw. freie Elektronenpaare und bindet zwei Wasserstoffatome. Um einen maximalen
Abstand zu realisieren, bilden die vier Elektronenpaare ein Tetraeder
mit einem Winkel von ca. 109°. Die reale Molekülstruktur ergibt
sich aber nur aus der Lage der Atome zueinander und man erhält so
die für diesen Molekültyp
eine typische gewinkelte Struktur.
Raumstrukturen bei zwei bis vier Elektronenpaaren
am Zentralatom
Auf diese Weise kann man für jeden Molekültyp
die Konfiguration der Elektronenpaare und die daraus resultierende räumliche
Struktur der Moleküle ableiten. Besonders einfach ist das, wenn maximal
vier Elektronenpaare oder Atome am Zentralatom gebunden sind (Bild 3).
Bei zwei Elektronenpaaren ergibt sich immer eine lineare
Raumstruktur , da sich diese immer entgegengesetzt am Zentralatom anordnen
und einen Winkel von 180° bilden. Dabei ist zu beachten, dass Mehrfachbindungen
zu anderen Atomen immer wie ein einziges bindendes Elektronenpaar behandelt
werden!
Aus der tetraedrischen Anordnung von
insgesamt vier Elektronenpaaren resultieren schon drei mögliche Molekültypen
mit unterschiedlicher Raumstruktur.
Raumstrukturen bei fünf und sechs
Elektronenpaaren am Zentralatom
Noch mehr Möglichkeiten existieren, wenn man Zentralatome mit 5 oder
6 Elektronenpaaren betrachtet (Bild 4). Fünf Elektronenpaare sind
immer trigonal-bipyramidal angeordnet
und es ergeben sich je nach Anzahl der tatsächlich gebundenen Atome
fünf unterschiedliche Molekültypen und Raumstrukturen. Dabei
ist von besonderer Bedeutung, dass freie Elektronenpaare erstaunlicherweise
einen größeren Platzbedarf am Zentralatom haben als gebundene
Atome. Aus diesem Grund liegen die freien Elektronenpaare bei der trigonalen
Bipyramide (B + E = 5) immer in der Ebene, da der Winkel hier 120°
beträgt und größer als der Winkel (90°) zu den axialen
Elektronenpaaren ist. Beim Oktaeder (B + E = 6) sind alle Positionen gleichwertig
und es gibt praktisch nur drei mögliche Molekültypen und dazugehörige
Raumstrukturen.
Moleküle ähnlicher Zusammensetzung können also völlig
unterschiedliche Raumstrukturen aufweisen, wenn am Zentralatom noch freie
Elektronenpaare vorhanden sind (Bild 5). So ist
(Molekültyp
)
trigonal-planar,
(Molekültyp
)
ist trigonal-pyramidal und
(Molekültyp
)
ist T-förmig. Entscheidend ist immer die Gesamtzahl der Elektronenpaare
am Zentralatom und damit letztlich dessen Hybridisierung.
Einflussfaktoren auf die Größe
der Bindungswinkel
Oftmals beobachtet man jedoch geringfügige Abweichungen bzw. Deformationen
der idealen Geometrie, die durch den Molekültyp vorgegeben ist. So
führt beispielsweise der größere Platzbedarf der freien
Elektronenpaare dazu, dass der Bindungswinkel zwischen den bindenden Elektronenpaaren etwas zusammengedrückt wird. Daher ist der H-O-H-Bindungswinkel im Wassermolekül nicht gleich dem Tetraederwinkel, sondern mit ca. 105° etwas kleiner (Bild 2).
Auch unterschiedlich gebundene Atome haben einen unterschiedlichen Platzbedarf.
Eine Mehrfachbindung beansprucht z. B. mehr Platz als eine Einfachbindung,
jedoch etwas weniger als ein freies Elektronenpaar. Deshalb beträgt
der Bindungswinkel im SO2-Molekül
nur ca. 119° statt der erwarteten 120° der trigonal-planaren Anordnung
(Bild 6).
Bei Mehrfachbindungen handelt es sich natürlich um zwei oder drei
bindendeElektronenpaare. Diese werden bei der Ermittlung der Geometrie
nach dem EPA-Modell jedoch wie ein einziges bindendes Elektronenpaar mit
einem etwas größerem Platzbedarf betrachtet.
Eine Deformation der Struktur wird auch dann beobachtet, wenn unterschiedliche
Atome am Zentralatom gebunden sind. Der Platzbedarf hängt jedoch
nicht von der Atomgröße, sondern von ihrer Elektronegativität
ab. Elektronegative Atome ziehen das Bindungselektronenpaar stärker
zu sich heran und beanspruchen daher weniger Platz am Zentralatom als
elektropositive Atome. Bei drei gebundenen Atomen und keinem freien Elektronenpaar
beträgt der ideale Bindungswinkel in der trigonal-planaren Struktur
120°. Dies ist bei drei gleichen Atomen wie im SO3-Molekül
der Fall. Ist nur eines der drei Atome doppelt gebunden, beansprucht es
einen größeren Platz als die anderen. Sind diese Atome auch
noch stark elektronegativ, dann können sich die Bindungswinkel wie
im COF2-Molekül deutlich
von 120° unterscheiden (Bild 6). Stark elektronegative Bindungspartner wie Fluor kontrahieren das Elektronenpaar in der entsprechenden Bindung. Dadurch können sich andere Elektronenpaare im Molekül etwas weiter "ausdehnen".
Die Regeln für die Voraussage der Raumstruktur von Molekülen mit dem Elektronenpaarabstoßungsmodell können folgendermaßen zusammengefasst werden:
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1.
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Elektronenpaare versuchen durch größtmöglichen Abstand der gegenseitigen Abstoßung auszuweichen. | |
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2.
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Für jede Anzahl (x = 1 bis 6) an gebundenen
Atomen und freien Elektronenpaaren am Zentralatom gibt es eine ideale
Geometrie. Daraus ergibt sich die für einen bestimmten Molekültyp
typische
Raumstruktur. |
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3.
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Abweichungen bzw. Deformationen der idealen Raumstruktur resultieren aus dem unterschiedlichen Platzbedarf der Elektronenpaare: | |
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a)
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freie Elektronenpaare benötigen mehr Platz als gebundene Atome | |
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b)
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Doppelbindungen benötigen mehr Raum als Einfachbindungen | |
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c)
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Je elektronegativer die am Zentralatom gebundenen Atome sind, um so weniger Platz benötigen die bindenden Elektronenpaare. | |
Das Elektronenpaarabstoßungsmodell ist ausschließlich auf
Moleküle und Molekül-Ionen anwendbar, nicht auf Salze und nur
eingeschrälnkt auf Komplexverbindungen.