



Warum ein Eisen(II)- oder ein Eisen(III)-Ion wie in den Hexacyanoferraten(II)
und -(III) jeweils sechs Cyanidliganden L binden kann, ist nicht ohne
weiteres verständlich.
Dazu müssen wir uns die Elektronenkonfiguration der Zentralteilchen
Z genauer anschauen. Bei den Nebengruppenelementen fallen zunächst
die teilweise besetzten n d-Energieniveaus (n: Hauptquantenzahl 3, 4,
5) des Zentralatoms oder -ions auf (Bild 2).
Die schrittweise Besetzung der d-Niveaus (auch d-Orbitale genannt) mit
insgesamt 10 Elektronen ist für die Nebengruppenelemente charakteristisch.
Es stehen aber mit vergleichbarer Energie auch noch andere Niveaus, nämlich
die (n + 1)s-Niveaus und die (n + 1)p-Niveaus für die Wechselwirkung
mit den Liganden zur Verfügung.
Zentralteilchen sind Ionen oder Atome mit freien Orbitalen, d.h. Elektronenpaarakzeptoren.
Liganden sind Ionen oder Moleküle mit nicht bindenden Elektronenpaaren,
d. h. Elektronenpaardonatoren.
Die Liganden, die Elektronenpaardonatoren sind, können auch als Lewis-Basen
betrachtet werden. Zentralteilchen, die über leere Energieniveaus
verfügen, sind dagegen Lewis-Säuren,
sodass sie mit den Liganden im Sinne einer LEWIS-Säure-Base-Reaktion
wechselwirken.
Während bei Nichtmetallverbindungen wie HCl die Bindung zwischen
Wasserstoff und Chlor dadurch zustande kommt, dass jedes der Atome ein
Valenzelektron für das s-Bindungselektronenpaar bereitstellt, stammt
das Bindungselektronenpaar bei Komplexverbindungen vom jeweiligen Liganden.
Diese Bindungsart wird auch als dative
oder koordinative Bindung
bezeichnet.
Theorien der Komplexbindung
Um die Bindungsverhältnisse in Komplexverbindungen zu erklären,
wurden verschiedene Modelle entwickelt:
Bei der Valenzbindungstheorie (VB-Theorie)
wird von kovalenten Wechselwirkungen zwischen den Zentralteilchen Z und
den Liganden L ausgegangen.
Die Ligandenfeldtheorie stellt anders
als das VB-Modell rein elektrostatische Kräfte zwischen den Elektronenpaaren
der Liganden und den d-Elektronen des Zentralions in den Mittelpunkt.
Sie soll im Folgenden näher erklärt werden.
Außerdem kann die Komplexbindung mit der Molekülorbitaltheorie
(MO-Theorie) beschrieben werden. Diese Betrachtung ist jedoch aufgrund
der Vielzahl der beteiligten Orbitale sehr anspruchsvoll und mit hohem
Rechenaufwand verbunden.
Die Ligandenfeldtheorie
Mithilfe der Ligandenfeldtheorie
können die speziellen magnetischen Eigenschaften von Komplexen und
ihre Farbigkeit anschaulich erklärt werden. Hierbei werden die elektrostatischen
Wechselwirkungen zwischen den d-Orbitalen des Zentralteilchens und den
Elektronenpaaren der Liganden betrachtet.
Die Zentralteilchen in Komplexen sind normalerweise Nebengruppenelemente.
Ihre Valenzelektronen besetzen hauptsächlich die fünf d-Niveaus.
Die Aufenthaltsräume (Orbitale) der d-Elektronen haben eine unterschiedliche
Geometrie. In einem kartesischen Koordinatensystem sind zwei der fünf
d-Orbitale
entlang der Achsen und drei der Orbitale
entlang der Raumdiagonalen ausgerichtet (Bild 3). Die fünf d-Orbitale
weisen die gleiche Energie auf, man sagt, sie sind entartet.
Die Liganden werden modellhaft als punktförmige negative Ladungen betrachtet, zwischen denen eine elektrostatische Abstoßung wirkt. Die negativen Ladungen können von Anionen (Cl-, CN-) oder von Dipol-Molekülen (H2O, NH3) stammen. Die Liganden stoßen sich deshalb untereinander ab und können sich dem Zentralteilchen des Komplexes nur bei maximaler Entfernung untereinander annähern. Bei sechs Liganden entspricht diese Annäherung genau den Spitzen eines Oktaeders und erfolgt auf den Achsen des kartesischen Koordinatensystems (Bild 4).
Da sich auf den Achsen die Orbitale
des Zentralions befinden, wird es zu einer stärkeren Wechselwirkung
der negativ geladenen Liganden mit diesen Orbitalen kommen. Die Wechselwirkung
mit den Orbitalen
,
deren Ausrichtung zwischen den Achsen des Koordinatensystems erfolgt,
ist geringer.
Die elektrostatische Abstoßung zwischen den Liganden und den Elektronen
in den d-Orbitalen entlang der Achsen ist größer als die Abstoßung
entlang der Raumdiagonalen. Im oktaedrischen Ligandenfeld bilden sich
daher aus den entarteten, d. h. energetisch gleichwertigen fünf d-Orbitalen
zwei Gruppen von Energieniveaus. Das Modell geht davon aus, dass die Gesamtenergie aller d-Orbitale durch die Komplexbildung nicht verändert wird.
Die drei Orbitale
,
die als
bezeichnet werden, sind energetisch abgesenkt, also stabilisiert. Die
zwei Orbitale
,
die
, werden
dagegen energetisch angehoben, also destabilisiert.
Die Energiedifferenz zwischen den beiden Gruppen von Orbitalen ist die
Ligandenfeldaufspaltung
. Da
für die Aufspaltung der d-Orbitale im elektrischen Feld der Liganden
insgesamt keine Energie aufgewendet wird, müssen die beiden
um je 2/5
energetisch abgesenkt und die drei
um je 3/5
angehoben werden (Bild 5).
Die Ligandenfeldaufspaltung
ist abhängig von der Ladung des Zentralteilchens und von der Art
der Liganden. Es gibt Liganden, die ein starkes Ligandenfeld, d. h. eine
große Aufspaltung erzeugen
und solche, bei denen die Aufspaltung nur gering ist 
Die Reihung der Liganden mit steigender Ligandenfeldstärke wird als
spektrochemische Reihe
bezeichnet.

Die d-Niveaus im oktaedrischen Ligandenfeld werden nun entsprechend dem
PAULI-Prinzip und der hundschen
Regel mit Elektronen besetzt. Sind drei d-Elektronen vorhanden,
werden also die drei niedriger gelegenen
mit je einem Elektron besetzt.
Kommt ein viertes Elektron hinzu, so ergeben sich zwei Möglichkeiten,
abhängig von der Größe der Ligandenfeldaufspaltung
.
Ist diese nur klein, ist es energetisch günstiger, zunächst
eines der beiden
zu besetzen als die Spinpaarungsenergie
aufzuwenden, die zur doppelten Besetzung eines Orbitals nötig wäre.
In diesem Fall entsteht ein Komplex mit vier ungepaarten Elektronen.
Ist
in einem starken Ligandenfeld hoch, so wird dagegen das vierte Elektron
unter Spinpaarung in eines der entarteten
eingeordnet. Es liegen zwei ungepaarte Elektronen vor.
Diese unterschiedliche Besetzung kann durch magnetische Messungen festgestellt werden. Im ersten Fall wird ein Paramagnetismus von 4 Bohr-Magnetonen ermittelt, was vier ungepaarten Elektronen entspricht. Im zweiten Fall beträgt der Paramagnetismus 2 Bohr-Magnetonen, d. h. es sind zwei ungepaarte Elektronen vorhanden.
Bei 4-7 Elektronen in den d-Niveaus der Metallionen können je
nach der Stärke D des Ligandenfeldes Komplexe mit einer unterschiedlichen
Anzahl von ungepaarten Elektronen entstehen.
Komplexe, die über eine größtmögliche Zahl von ungepaarten
Elektronen verfügen, werden high-spin-Komplexe
genannt.
Liegt die Elektronenkonfiguration mit der geringstmöglichen Zahl
von ungepaarten Elektronen vor, so werden die entsprechenden Komplexe
low-spin-Komplexe genannt.
Früher wurden die high-spin-Komplexe wie FeF63- mit einem magnetischen Moment von fünf ungepaarten Elektronen als „magnetisch normal“ bezeichnet, weil sie die gleiche Zahl ungepaarter Elektronen hatten wie das „freie“ nicht komplexierte Ion. Der low-spin-Komplex [Fe(CN)6]3- mit nur einem ungepaarten Elektron wurde daher als magnetisch anormal bezeichnet.
Besitzt das Zentralion 8-10 d-Elektronen, so ist - wie bei 1-3 d-Elektronen - nur eine Elektronenkonfiguration möglich. Es gibt bei diesen Metallionen daher keine Unterscheidung zwischen high-spin- und low-spin-Komplexen.
Farbigkeit von Komplexverbindungen
Eine auffallende Eigenschaft von Komplexen der d-Elemente ist ihre Farbigkeit. Eine Erklärung dafür ist mithilfe der Ligandenfeldtheorie möglich.
Die beobachtete Farbe rührt daher, dass die Lösung aus dem weißen Licht (polychromatischem Licht), mit dem sie durchstrahlt wird, einen bestimmten Wellenlängenbereich absorbiert. Wir sehen dann die entsprechende Komplementärfarbe. So hat der Kupfertetrammin-Komplex sein Absorptionsmaximum bei etwa 600 nm im gelb-orangen Bereich. Die Lösung sieht daher blau aus.

Die Energie des sichtbaren Lichts liegt im Bereich von etwa 1,5 bis 3,3 eV. In dieser Größenordnung liegt aber nun auch die Energiedifferenz ΔE zwischen den dγ-Orbitalen und den dε-Orbitalen in einem oktaedrischen Ligandenfeld. Durch das absorbierte Licht werden Elektronen in dem Komplexion in ein höheres Energieniveau angehoben. Man kann daher die Lichtabsorption mit der Anregung von Elektronen aus den dε-Orbitalen in die dγ-Orbitale erklären.
Da die Liganden einen Einfluss auf die Größe der Aufspaltung haben, ändert sich mit einem Ligandenwechsel zwangsläufig auch die Farbe.
Ligandenfeldstabilisierungsenergie
Wenn Elektronen in die energetisch abgesenkten
eingefügt werden, bedeutet das einen Energiegewinn für das Komplexsystem.
Diesen Energiegewinn bezeichnet man als Ligandenfeldstabilisierungsenergie
(LFSE).
Beträgt die Aufspaltung beispielsweise
2,3 eV, so ergibt sich für ein Ion mit drei d-Elektronen wie
ein Energiegewinn von 0,4*3*2,3 = 2,76 eV.
Besonders groß ist die LFSE für Komplexe, bei denen nur die
energieärmeren
besetzt sind, d. h. für Komplexe mit drei d-Elektronen und low-spin-Komplexe
mit sechs d-Elektronen. Die entsprechenden Komplexe, zu denen beispielsweise
die oktaedrischen Komplexe von Chrom(III) und Cobalt(III) gehören,
sind besonders stabil.
Ligandenfeldtheorie bei nicht oktaedrischen
Komplexen
Bei Komplexen, die nicht oktaedrisch aufgebaut sind, funktioniert die
Ligandenfeldtheorie analog zum oben beschriebenen. Je nach räumlichem
Bau des Komplexes sind es unterschiedliche d-Orbitale, denen sich die
Liganden besonders stark nähern.
Bei tetraedrischen Komplexen ist es
beispielsweise genau umgekehrt wie bei den oktaedrischen Komplexen: Hier
treten die Liganden vor allem mit den Orbitalen
,
deren Ausrichtung zwischen den Achsen des Koordinatensystems liegt, in
Wechselwirkung. Daraus ergibt sich, dass diese drei Orbitale energetisch
angehoben werden, während die Orbitale
auf den Achsen entsprechend im Niveau abgesenkt werden. Die Aufspaltung selbst ist aber geringer als im Oktaederfeld.
Bei quadratisch planaren Komplexen
ist es deutlich komplizierter: Durch die Annäherung der Liganden
an die d-Orbitale des Zentralions ergeben sich hier insgesamt vier unterschiedliche
Energieniveaus für die fünf d-Orbitale.