



Werden zu einer verdünnten Kupfersulfat-Lösung 2-3 Tropfen Ammoniak-Lösung gegeben, verändert sich die Farbe der Mischung, die ursprünglich hellblaue Lösung wird dunkelblau. Es läuft demzufolge eine chemische Reaktion ab. Hierbei handelt es sich weder um ein Säure-Base-Gleichgewicht noch um eine Redoxreaktion, sondern um einen weiteren Reaktionstyp, die Komplexbildung.
Grundlagen der Komplexchemie
Komplexe sind Verbindungen, die aus
einem Zentralion bzw. Zentralatom
und mehreren Liganden aufgebaut
sind. Bei den Liganden kann es sich sowohl um Ionen als auch um Moleküle
handeln, die Anzahl der Liganden eines Komplexes wird als Koordinationszahl
bezeichnet, sie beträgt meistens 2, 4 oder 6. Die chemische Bindung
wird koordinative Bindung genannt und kommt aufgrund einer Donor-Akzeptor-Wechselwirkung
zwischen einer Lewis-Base und einer Lewis-Säure zustande. Die beiden
Bindungselektronen stammen immer vom Liganden, der ein freies Elektronenpaar
aufweisen muss und als Lewis-Base (Elektronenpaardonator) fungiert, das
Zentralion wirkt als Lewis-Säure (Elektronenpaarakzeptor).
Zwischen den Einzelbestandteilen des Komplexes und dem Komplex stellt
sich in der Lösung immer ein Dissoziationsgleichgewicht
ein, das durch die Dissoziationskonstante
beschrieben
wird.

Stabile Komplexe haben eine kleine Dissoziationskonstante, die Liganden
sind fest an das Zentralteilchen gebunden. Liegt letzteres in einer Lösung
im Überschuss vor, gibt es praktisch keine freien Liganden mehr und
die für den Liganden charakteristischen Reaktionen bleiben aus.
Bei schwachen Komplexen ist die Dissoziationskonstante groß, hier
liegen also sowohl freie Zentralteilchen als auch freie Liganden in der
Lösung vor, und ihre typischen Reaktionen finden in gewissem Maße
statt.
Eigenschaftsänderungen bei der
Komplexbildung
1) Farbigkeit der Lösung:
Je nach Art der Liganden ändert sich die Farbe eines Komplexes. In
wässriger Lösung liegen Metallionen als Aquakomplexe, d. h.
von Wasser komplexiert, vor. Gibt man nun andere Stoffe, die als Liganden
wirken können hinzu, so kann ein anderer Komplex gebildet werden,
wobei sich oft die Farbe der Lösung ändert.
Diese Farbänderung
wird oft zum qualitativen Nachweis für Übergangsmetallionen
genutzt. Ein Beispiel hierfür ist die Reaktion von in wässriger
Lösung blassgelben Eisen(III)-Ionen mit Thiocyanat, bei der sich
dunkelrotes Eisen(III)thiocyanat bildet (Bild 2).
Dass unterschiedliche Komplexe ein und desselben Metallions verschiedene
Farben haben, lässt sich durch die Ligandenfeldtheorie erklären.
Die fünf d-Orbitale des Zentralions werden bei der Komplexbildung
"aufgespalten", d. h. es entstehen zwei oder mehr Gruppen von
d-Orbitalen mit unterschiedlichen Energieniveaus. Elektronen wechseln
vom niedrigeren auf das höhere Niveau, wobei Strahlung mit bestimmter
Wellenlänge absorbiert wird und die Komplementärfarbe der absorbierten
Strahlung zu sehen ist. Wird z. B. rotes Licht absorbiert, so erscheint
der Komplex grün. Vom Abstand der Energieniveaus hängt ab, welche
Wellenlänge absorbiert wird und welche Farbe der Komplex hat. Der
Abstand der Energieniveaus hängt vom Liganden ab - manche Liganden
führen zu einer großen Aufspaltung, manche zu einer kleinen.
Da viele Metallsalze bei ihrer Hydratisierung ihre Farbe ändern,
werden sie zum Teil als Feuchtigkeitsindikatoren
genutzt. Ein gut geeigneter Feuchtigkeitsindikator ist Cobalt(II)chlorid,
der z. B. im sogenannten Blaugel (Bild 3), einem Silicagel, vorhanden
ist. Wasserfreies Cobalt(II)-chlorid ist hellblau. Da es hygroskopisch
ist, nimmt es Wasser aus der Luft auf und bildet eine Hydrathülle
aus. Es bilden sich blaues Cobalt(II)chlorid-Hydrat
rosa Cobalt(II)chlorid-Dihydrat
und dunkelrosa Cobalt(II)chlorid-Tetrahydrat
.
Solange das Salz nicht rosa ist, kann es noch Wasser aufnehmen.
Blaugel wird beispielsweise verwendet, um elektronische Geräte trocken
zu halten, man findet es in vielen Geräteverpackungen in kleinen
Säckchen. Außerdem sind "Wetterfiguren" mit Cobalt(II)-chlorid
beschichtet - je nach Luftfeuchtigkeit sehen sie blau oder rosa aus.
2) Änderung der Leitfähigkeit:
Mit Hilfe von Leitfähigkeitsmessungen lässt sich untersuchen,
ob sich ein Komplex gebildet hat, denn die elektrische
Leitfähigkeit einer Lösung hängt u. a. davon ab, in
wie viele Ionen ein Salz dissoziiert. Bei geringen Salzkonzentrationen
ist die Art der Ionen für die Leitfähigkeit kaum von Bedeutung.
Ist die Summe der elektrischen Leitfähigkeiten der Einzellösungen
wesentlich größer als die elektrische Leitfähigkeit der
Mischung, hat sich ein Komplex gebildet, da die Komplexbildung die Anzahl
der Ionen verringert, die frei in der Lösung vorliegen.

Würde Kaliumhexacyanoferrat-(II) vollständig in seine Einzelbestandteile
dissoziieren, also in vier Kalium-, ein Eisen(II)- und sechs Cyanid-Ionen,
entspräche die Leitfähigkeit der Lösung der Summe der Einzelleitfähigkeiten.
Da dies nicht der Fall ist, liegt ein Komplex-Ion vor.
3) Änderung der Wanderungsrichtung
im elektrischen Feld:
Legt man an eine Salzlösung eine Gleichspannung an (Bild 4), so entsteht
ein elektrisches Feld
zwischen den beiden Elektroden.
Ionen sind geladene Teilchen und bewegen sich entsprechend ihrer Ladung,
und zwar die Kationen zur Kathode und die Anionen zur Anode. Ein typisches
Metallion, das positiv geladen ist, wandert also zur Kathode. Bildet sich
ein Komplex aus einem Metallion und negativ geladenen Liganden, entstehen
Komplexionen, die je nach Ladung des Kations und nach Zahl und Ladung
der Liganden elektrisch neutral oder negativ geladen sind. Diese wandern
dann im elektrischen Feld entweder nicht mehr oder zur anderen Elektrode
(Anode). Bleibt das Komplexion positiv geladen, ändert sich Wanderungsrichtung
nicht.
4) Änderung kolligativer Eigenschaften
Als kolligative Eigenschaften werden solche Stoffeigenschaften bezeichnet,
welche nur von der Konzentration, also der Teilchenzahl und nicht von
der Art der Teilchen abhängen (lat. colligare - verbinden, zusammenschließen).
Zu ihnen gehören z. B. der osmotische Druck und die Gefrierpunktserniedrigung
bzw. die Siedepunktserhöhung. Sie sind proportional zur Stoffmenge.

Da sich bei der Komplexbildung die Gesamtzahl der Teilchen verringert, ist die Komplexbildung an der Veränderung der kolligativen Eigenschaften nachweisbar. Dies lässt sich eindeutig belegen, z. B. durch Messung des osmotischen Druckes oder der Gefrierpunktserniedrigung.
5) Magnetismus
Was das Verhalten im magnetischen Feld angeht, so lassen sich zwei Arten
von Stoffen unterscheiden:
Diamagnetische Stoffe werden von einem Magnetfeld abgestoßen, sie
erhalten nur gepaarte Elektronen.
Paramagnetische Stoffe enthalten ungepaarte Elektronen, sie werden von
einem Magnetfeld angezogen, und zwar um so stärker, je mehr ungepaarte
Elektronen sie enthalten.
Der Magnetismus bei Komplexen
lässt sich wie die Farbigkeit gut mit der Ligandenfeldtheorie erklären.
Er hängt davon ab, welche d-Orbitale mit wie vielen Elektronen besetzt
werden. Bei oktaedrischen Komplexen findet eine Aufspaltung der d-Orbitale
in zwei unterschiedliche Energieniveaus statt, es entstehen eine Gruppe
aus drei energetisch günstigeren Orbitalen und eine Gruppe aus zwei
energetisch höher liegenden Orbitalen. Bei Komplexen mit bis zu drei
d-Elektronen gibt es nur eine Möglichkeit, die Orbitale zu besetzen,
ebenso bei Komplexen mit 8-10 d-Elektronen. Sind hingegen 4-7 d-Elektronen
zu verteilen, so gibt es zwei Möglichkeiten zur Verteilung der Elektronen,
abhängig von der Größe der Aufspaltung der d-Orbitale.
Ist die Aufspaltung groß, so werden zunächst die energetisch
tiefer liegenden Orbitale erst einfach und dann doppelt besetzt, wie es
der hundschen Regel und dem paulischen Aufbauprinzip entspricht. Es entstehen
"Low-Spin-Komplexe", die die maximale Anzahl an gepaarten Elektronen
besitzen.
Ist die Aufpaltung hingegen klein, so werden alle fünf d-Niveaus
zunächst einfach und dann doppelt besetzt. Im Gegensatz zum ersten
Fall sind also mehr ungepaarte Elektronen vorhanden, es werden "High-Spin-Komplexe"
gebildet, die einen höheren Paramagnetismus aufweisen als die entsprechenden
Low-Spin-Komplexe.
Das Verhalten im Magnetfeld wird also durch die Komplexbildung unter Umständen
deutlich verändert.
Komplexbildung und chemische Reaktivität
1) Auflösen schwer löslicher Salze
Wird Silbernitratlösung mit etwas Salpetersäure angesäuert
und danach ein Tropfen Kochsalzlösung zugegeben, fällt weißes
Silberchlorid aus. Dies ist ein schwerlösliches Salz, welches beispielsweise
durch Verdünnen mit Wasser nicht wieder in Lösung gebracht werden
kann. Gibt man jedoch Ammoniak-Lösung hinzu, löst sich der weiße
Niederschlag auf. Silber-Ionen gehen mit Ammoniak einen stabilere Verbindung
ein als mit Chlorid-Ionen. Es entstehen Diamminsilber(I)-Ionen. Der Ammoniak
entzieht dem Fällungsgleichgewicht die Silber-Ionen, welche sich
immer wieder nachbilden, wodurch es zur Auflösung des Silberchloridniederschlages
kommt.

Ob sich schwer lösliche Salze durch Komplexbildung auflösen lassen, hängt vom Verhältnis des Löslichkeitsproduktes zur Komplexbildungskonstante ab. Ist diese groß genug, kann durch Zugabe des Komplexliganden im Überschuss der Niederschlag aufgelöst werden.
2) Maskierung von Ionen
Unter Maskierung versteht man
die vollständige Komplexierung der Metallionen, die in einer Lösung
enthalten sind. Um dies zu erreichen, wird ein Ligand, der mit dem zu
maskierenden Metallion einen stabilen Komplex bildet, im Überschuss
hinzugegeben. Die typischen Reaktionen des Metallions bleiben bei physikalischen
Messungen oder weiteren chemischen Reaktionen aus. Als Maskierungs-Ligand
ist beispielsweise Ethylendiamintetraessigsäure (EDTA) sehr gut geeignet.