


Der
Begriff Isomerie
JUSTUS VON LIEBIG beschäftigte sich mit der Elementaranalyse von organischen
Verbindungen und entwickelte daraus eine Routinemethode zur Bestimmung der
quantitativen Zusammensetzung. Dabei stellte er 1823 fest, dass viele unterschiedliche
Stoffe wie die Cyansäure (HOCN) und die Knallsäure (HCNO) gleiche
Summenformeln aufweisen. Diese Verbindungen haben aber trotz gleicher Summenformel
unterschiedliche physikalische und chemische Eigenschaften. LIEBIG formulierte
zur Veranschaulichung, dass aus gleichen Buchstaben ebenfalls unterschiedliche
Worte gebildet werden können: "Dome - Mode - Odem".
F. WÖHLER stellte 1828 aus Ammoniumcyanat Harnstoff her und synthetisierte
damit eine organische Verbindung aus einer anorganischen Verbindung. Dass
Harnstoff und Ammoniumcyanat Isomere sind, stellte er erst später fest.
Die Begriffe Isomerie und Isomere wurde 1830 von BERZELIUS in die Chemie eingeführt. Nach BERZELIUS sind isomere Stoffe, die "die gleichen Elementaratome, aber in ungleicher Weise zusammengelegt" enthalten.
Heute versteht der Chemiker unter Isomeren Verbindungen gleicher atomarer Zusammensetzung bzw. Summenformel, die sich jedoch in der Anordnung der Atome, d. h. ihrer räumlichen Struktur unterscheiden. Daraus ergeben sich unterschiedliche Eigenschaften der Verbindungen (z.B. Siede- und Schmelztemperatur, chemische Reaktionsfähigkeit). Auch die Benennung der Stoffe ist unterschiedlich.
Es gibt verschiedene Arten der Isomerie :

Konstitutionsisomerie
Konstitutionsisomere
bzw. Strukturisomere sind Verbindungen mit gleicher Summenformel, aber
einer unterschiedlichen Verknüpfung von Atomgruppen oder Atomen im
Molekül.
Die einfachste Form ist die Bildung von Strukturisomeren durch Verzweigung der Kohlenstoffketten. Die Zahl der möglichen Isomere mit einer Summenformel wächst mit der Zahl der Atome rasch an. Am Beispiel der Alkane wird dies deutlich.
Methan, Ethan und Propan besitzen keine Isomere. Butan mit der Summenformel
kann dagegen
zwei Isomere bilden:

| Butan | 2-Methylpropan |
| (Siedetemperatur 0.5°C) | (Siedetemperatur -12°C) |
Pentan (
) besitzt drei Isomere, Hexan (
) bildet fünf und Heptan (
) schon neun verschiedene Konstitutionsisomere, und die Anzahl der möglichen
isomeren Verbindungen wächst rasch an, z. B. bei dem Alkan
Grundsätzlich gilt, dass verzweigte Verbindungen niedrigere Schmelz- und Siedetemperaturen aufweisen als unverzweigte. Das hängt vor allem mit der kleineren Oberfläche und den daraus resultierenden geringeren VAN-DER-WAALS-Kräften zusammen.
Eine andere Form der Konstitutionsisomerie besteht darin, dass beispielsweise
funktionelle Gruppen
im Molekül anders angeordnet sind (Bild 2).
Außerdem gibt es auch die Möglichkeit, dass sich Mehrfachbindungen
an unterschiedlichen Stellen im Molekül befinden.
Beispiel:

Auch die Isomeren bei mehrfach substituierten Aromaten sind Konstitutionsisomere. Sie werden aber häufig als Stellungsisomere bezeichnet.

Stereoisomere
Stereoisomere sind Moleküle
mit gleicher Konstitution, aber einer unterschiedlichen räumlichen
Anordnung der Atome. Sie unterscheiden sich weitaus geringfügiger
als Konstitutionsisomere in ihren chemischen und physikalischen Eigenschaften,
da die strukturellen Unterschiede nur geringfügig sind.
Man unterteilt die Stereoisomerie noch einmal in die Konfigurations-
und die Konformationsisomerie.
Konfigurationsisomerie
Befindet sich in einem Molekül ein Kohlenstoffatom mit vier unter-schiedlichen
Substituenten (asymmetrisches Kohlenstoffatom), können Bild und Spiegelbild
nicht zur Deckung gebracht werden. Solche Verbindungen, die zwei Spiegelbildisomere
bzw. Enantiomere besitzen, nennt man chirale Verbindungen.
Beispiele sind die Isomere der Milchsäure und des Glycerinaldehyds
(Bild 3). Die Moleküle sind räumliche Spiegelbilder obwohl die
Verknüpfung der Atome durch chemische Bindungen gleich ist. Physikalisch
unterscheiden sich die Enantiomere nur in ihrem optischen Drehwert.
Enantiomere der Milchsäure

Milchsäure kann in einer L- Form (diese dreht polarisiertes Licht
nach links) und in einer spiegelbildlich gleichen D- Form (diese dreht
polarisiertes Licht nach rechts) vorkommen.
Verblüffend ist die unterschiedliche pharmakologische, toxische oder
biochemische Wirkung solcher Enantiomere. Alle auf der Erde lebenden Lebewesen
enthalten nur L- Aminosäuren und können auch nur L- Formen von
organischen Verbindungen verstoffwechseln. Diese seltsame Eigenschaft
ist bis heute unerklärlich. Auch bei Arzneistoffen sind oft nur bestimmte
Isomere wirksam.
D, L -Nomenklatur, FISCHER-Projektion
Die FISCHER-Projektion
ist die Darstellung der räumlichen Struktur tetraedrisch koordinierter
Kohlenstoffatome in der Ebene. Chirale Verbindungen können so eindeutig
als D- oder L-Enantiomer identifiziert
werden. Folgende Regeln wurden von EMIL FISCHER am Glycerinaldehyd
als Stammverbindung für die FISCHER-Projektion aufgestellt:
|
-
|
Die längste Kohlenstoffkette steht
vertikal, das am höchsten oxidierte Kohlenstoffatom steht oben
und trägt die Nummer 1. |
|
-
|
Die beiden horizontalen Bindungen am betrachteten Kohlenstoffatom zeigen aus der Papierebene auf den Betrachter zu, die beiden vertikalen in die Papierebene. |
|
-
|
Steht die OH-Gruppe am chiralen Kohlenstoffatom
rechts, gehört das Molekül in die D-Reihe - steht sie links, gehört es in die L-Reihe. |
R,S-Nomenklatur
Mit der FISCHER-Nomenklatur wird nur die absolute Konfiguration eines
Kohlenstoffatoms eindeutig festgelegt. Die Festlegung der absoluten Konfiguration
nach Cahn, Ingold und Prelog ermöglicht die Zuordnung für alle
Chiralitätszentren in einem Molekül. Dabei werden den Substituenten
am asymmetrischen C-Atom Prioritäten zugeordnet (Regeln). Blickt
man jetzt auf das Kohlenstoffatom in Richtung des Substituenten mit der
kleinsten Priorität, ordnen sich die anderen in (R) oder gegen den
Uhrzeigersinn (S) an.
cis-, trans-Isomerie
Die cis-, trans-Isomerie ist eine andere Form der Konfigurationsisomerie,
die auftritt, wenn an beiden Enden der C=C-Doppelbindung je zwei verschiedene
Substituenten gebunden sind. Die größeren Substituenten können
entgegengesetzt, trans-, oder auf einer Seite der Doppelbindung, cis-,
angeordnet sein. Auch hier sind die Unterschiede in den Eigenschaften
bei kleinen Molekülen gering. Bei Makromolekülen, d. h. in der
Kunststoffchemie ist jedoch die Anordnung der Substituenten von großer
Bedeutung für die Eigenschaften, beispielsweise von Synthesekautschuk
oder Polypropylen.

Konformationsisomere
Konformationsisomere
sind Isomere, die durch Rotationen um die C-C-Einfachbindung entstehen.
Sie sind normalerweise nicht zu unterscheiden, da diese Rotation ständig
und mit hoher Geschwindigkeit stattfindet. Betrachtet wird die Stellung
von je einem Substituenten (oder) an zwei benachbarten C-Atomen. Sind
die Substituenten sehr groß, wird die Rotation behindert, sodass
einzelne Zustände experimentell nachweisbar sind.
Zu den Konformationsisomeren zählt man aber auch die einzelnen Zustände des Cyclohexanringes, die durch das sogenannte Durchschwingen entstehen (Sessel - Wanne - Sessel). Zu beachten ist dabei, dass bei diesem "Durchschwingen" äquatoriale (e) und axiale (a) Substituenten die Plätze tauschen.

Konformationsisomere lassen sich auch anschaulich in der Sägebockschreibweise
darstellen:
![]() gestaffelt, anti |
![]() verdeckt (eclipsed) |
Es existieren noch eine Reihe weiterer Formen der Isomerie. Diese Erscheinung
ist nicht nur auf organische Moleküle begrenzt. So findet man noch
weitere Isomerieformen bei anorganischen Komplexverbindungen.