




Nach dem 2. Hauptsatz der Thermodynamik muss die Entropie in einem abgeschlossenen System zunehmen, damit ein Prozess freiwillig stattfinden kann:

Da hier ein abgeschlossenes System
betrachtet wird, kann weder Energie (in Form von Wärme oder Arbeit)
noch Materie mit der Umgebung ausgetauscht werden. Chemische Reaktionen
finden im Allgemeinen in offenen oder geschlossenen Systemen statt. Deshalb
muss man sich einer Hilfskonstruktion bedienen, um Aussagen zur Freiwilligkeit
chemischer Reaktionen zu machen.
In einem Gedankenexperiment bildet das eigentliche Reaktionssystem
zusammen mit seiner viel größeren Umgebung ein neues zusammengesetztes
abgeschlossenes System vor. Für einen freiwilligen Prozess in diesem
zusammengesetzten abgeschlossenen System gilt nach dem 2. Hauptsatz (Bild
1):

Des weiteren folgt aus der Definition der Entropie bei konstantem Druck und konstanter Temperatur:
Da der Betrag der zwischen dem Reaktionssystem und seiner
Umgebung ausgetauschten Enthalpie gleich ist
ergibt sich schließlich folgende Gleichung:

Mit dieser Beziehung wird gleichzeitig ein mathematisches
Kriterium für die Freiwilligkeit einer
chemischen Reaktion bei konstantem Druck und konstanter Temperatur
gegeben. Diese Formulierung bietet den Vorteil, dass zur Bestimmung der
gesamten Entropieänderung nur die Größen des jeweiligen
Systems bestimmt werden müssen. Aus praktischen Gründen wurde
von J. W. GIBBS für das Produkt
eine neue
Zustandsfunktion, die freie Enthalpie G (oder auch Gibbs-Enthalpie),
eingeführt:

In Übereinstimmung mit dem 2. Hauptsatz der Thermodynamik
und unter Berücksichtigung der Tatsache, dass die absolute Temperatur
nur positiv ist ergibt sich als neues Kriterium für freiwillige Prozesse:
Eine chemische Reaktion läuft bei konstantem Druck und konstanter
Temperatur freiwillig ab, wenn die freie Enthalpie
kleiner Null ist (Bild 2).
Die freie Standardreaktionsenthalpie
Die freie
Standardreaktionsenthalpie
ist die Änderung der molaren freien Enthalpie des Reaktionssystems
für den Übergang der Edukte in ihren Standardzuständen
zu den Produkten in ihren Standardzuständen:

Die absoluten Werte der freien Reaktionsenthalpie können experimentell
nicht bestimmt werden, da es unmöglich ist, absolute Enthalpiewerte
zu bestimmen.
Deshalb berechnet man die freie Standardreaktionsenthalpie mit der GIBBS-HELMHOLTZ-Gleichung
aus der Standardreaktionsenthalpie und der Standardreaktionsentropie:

Diese beiden Zustandsgrößen sind sehr einfach über die in einschlägigen Tafelwerken tabellierten Standardbildungsenthalpien und die absoluten Entropien zugänglich (Rechenbeispiel).
Die freie Reaktionsenthalpie und die
Zusammensetzung des Reaktionsgemisches
Die freie Standardreaktionsenthalpie ist definiert für einen sehr
spezifischen Typ einer chemischen Änderung: ausgehend von den reinen
Edukten zu den reinen Produkten in ihren jeweiligen Standardzuständen
unter den Bedingungen eines konstanten Druckes und einer konstanten Temperatur.
Ein negativer Wert von
bedeutet somit, dass die entsprechende Reaktion von den reinen Edukten
zu den reinen Produkten freiwillig abläuft.
Die Chemie ist generell stärker daran interessiert, dass eine chemische
Reaktion bei einer beliebigen Zusammensetzung
des Reaktionsgemisches freiwillig abläuft. Zum Beispiel ist
für die Bildung von Iodwasserstoff aus den Elementen positiv:

Diese Reaktion läuft scheinbar bei 25 °C nicht freiwillig ab.
Aber im Experiment reagieren Wasserstoff und Iod miteinander und im Reaktionsgemisch
finden sich Anteile sowohl der Edukte als auch der Produkte (Bild 3).
Folglich existiert eine spezifische Zusammensetzung des Gemisches, die
eine niedrigere freie Enthalpie aufweist als die reinen Edukte oder die
reinen Produkte.
Zur Identifizierung des Stoffgemisches mit der niedrigsten freien Enthalpie
wird die freie Reaktionsenthalpie
eingeführt. Diese Größe ist im Gegensatz zur freien Standardreaktionsenthalpie
eine
konzentrationsabhängige Größe. Sie bezieht sich auf die
Umwandlung der Edukte in die Produkte in einer Mischung
mit definierter Zusammensetzung.
Freie Reaktionsenthalpie und chemisches
Gleichgewicht
Da sich die Konzentrationen während einer chemischen Reaktion fortlaufend
ändern, wird sich auch
solange ändern, bis ein Minimum der freien Enthalpie (G) erreicht
ist (Bild 4). Dieses kann sich vollständig auf der Seite der Edukte
(E) befinden, dann würde keine Reaktion erfolgen. Liegt das Minimum
vollständig auf der Seite der Produkte (P), bleibt
durchgehend negativ und die Edukte werden vollständig zu den Produkten
umgesetzt.
Das Minimum kann aber auch irgendwo zwischen diesen beiden Extremen liegen
(mittlere Abb. Bild 4). In diesem Fall läuft die Reaktion nur bis
zum Minimum, bei dem
ist. Es erfolgt nur ein unvollständiger Stoffumsatz, da für
jede weitere Änderung der Zusammensetzung
ist. In diesem Zustand minimaler freier Enthalpie befindet sich das Reaktionssystem
im chemischen Gleichgewicht.
Freie Standardreaktionsenthalpie und
Gleichgewichtskonstante
Die freie Reaktionsenthalpie ergibt sich aus den freien Enthalpien der
Komponenten im Reaktionsgemisch für eine allgemeine Reaktion nach
folgender Gleichung:

Im chemischen Gleichgewicht findet keine Änderung
der Zusammensetzung des Reaktionsgemisches statt. In diesem Zustand ist
Q gleich der Gleichgewichtszusammensetzung entsprechend der Gleichgewichtskonstanten
K. Da im Zustand des Minimums der freien Enthalpie
ist, ergibt sich folgende Beziehung:

mit der Gleichgewichtskonstanten K aus dem Massenwirkungsgesetz. Damit stellt
sie eine der bedeutendsten Beziehungen der chemischen Thermodynamik und
für die allgemeine Beschreibung von chemischen Reaktionen dar (Bild 5).