
1.
Die Zeit, in der er lebte
CLAUDIUS GALENUS (Bild 1) lebte im 2. Jahrhundert nach Christus im römischen
Reich.
2. Lebenslauf
CLAUDIUS GALENUS wurde
vermutlich im Jahre 129 in Pergamon, der Hauptstadt der Provinz Asia minor
(Kleinasien, Bild 2), einer reichen und durch seine Bibliothek berühmten
Stadt, geboren. (Das exakte Datum ist wissenschaftlich nicht genau geklärt.)
Der Name GALEN stammt aus dem Griechischen und bedeutet der "Sanfte,
Heitere". Sein Vater NIKON war ein in Arithmetik, Rechenkunst und
Grammatik sehr bewanderter Architekt. Er unterrichtete seinen Sohn in
Mathematik und Naturwissenschaften und bestärkte ihn in dem Wunsch,
Medizin zu studieren.
Pergamon war zu GALENs Zeit sowohl ein kulturelles als auch ein Handelszentrum.
An den Schulen Pergamons wurden die Lehren der großen Philosophen
der Antike (PLATO, ARISTOTELES, EPIKUR) sowie die der Stoiker unterrichtet.
Mit 17 Jahren begann GALEN sein Studium der Medizin
in Pergamon. Er beschäftigte sich aber auch weiterhin mit Philosophie,
da er sie als wichtig für die Medizin betrachtete. Mit zwanzig Jahren,
nach dem Tod seines Vaters, trat er eine Studienreise von Pergamon nach
Smyrna, Korinth und Alexandria an.
Er besuchte die Kupferbergwerke auf Zypern und nahm heilkräftige
Erze mit. In Palästina sammelte er Balsam, aus Phönizien brachte
er einheimische und indische Drogen mit. In Alexandria, wo sich die berühmteste
Bibliothek der Antike mit einem Bestand von 700 000 Bänden befand,
verbrachte GALEN die längste Zeit. Von berühmten Ärzten
jener Zeit ließ er sich in Anatomie ausbilden und beschäftigte
sich vor allem mit Tiersektionen und dem Aufbau von Skeletten.
Im Jahre 157 waren die Studien abgeschlossen und er kehrte er nach Pergamon zurück. Dort begann GALEN als Gladiatorenarzt zu praktizieren. Sein Ruf als erfolgreicher Arzt breitete sich sehr schnell über die Grenzen seiner Heimatstadt aus.
Das Zerlegen menschlicher Körper war zur damaligen Zeit verboten,
und so sezierte GALEN Hunde, Schafe und andere Tiere. Über die menschliche
Anatomie konnte er bei den blutigen Gladiatorenkämpfen reichlich
Kenntnisse sammeln.
Durch seine Behandlung verletzter Gladiatoren erkannte Galen, dass Muskelbewegungen
vom Gehirn gesteuert werden. Bei den Untersuchungen von Tieren entdeckte
er die Funktionen von Nieren und Blase und die Tatsache, dass Blut in
Arterien und Venen fließt.
Er war dabei der Ansicht, dass natürliche (vitale) und animalische
Lebenskräfte ähnlich Ebbe und Flut durch die Blutgefäße
strömten. Diese Theorie wurden erst in der Zeit der Renaissance widerlegt.
161 verlegte GALEN seinen Wohnsitz nach Rom und praktizierte dort als
Arzt. 162 eröffnete er seine eigene Praxis in der Hauptstadt des
römischen Reiches.
Schon nach kurzer Zeit erwarb er sich eine angesehene Stellung. Er hielt
Vorlesungen über Anatomie
und Tiersektionen und konnte therapeutische Erfolge vorweisen. Er hielt
viele Vorträge und verfasste eine Unzahl medizinischer Schriften,
darunter auch philosophische.
GALEN führte öffentliche Tiersektionen und physiologische Experimente
durch.
Bedingt durch einen Streit mit seinen Fachkollegen, die seine selbstgefällige
und abschätzige Art angriffen, verließ GALEN im Jahre 166 von
einem Tag auf den anderen Rom und ging zurück nach Pergamon.
Er reiste durch Griechenland, um, wie es für einen Arzt damals üblich
war, heilkräftige Kräuter selbst zu sammeln.
Schon drei Jahre später, 169, wurde er vom römische Kaiser
MARCUS AURELIUS ANTONIUS (Marc Aurel) an dessen Hof nach Aquileia im Golf
von Triest gerufen und siedelte sich hier an.
GALEN entschied sich gegen den Wunsch MARC AURELS, diesen auf dem Feldzug
gegen die Markomannen (Markomannenkriege:167 - 175) zu begleiten,
und wurde statt dessen medizinischer Berater und Leibarzt von dessen Sohn,
LUCIUS AELIUS AURELIUS COMMODUS. Dadurch kam er wieder nach Rom.
GALENs wichtigste Erkenntnis war, dass alles in der Natur seine Funktion
und Bedeutung hat. Verletzungen führen zu veränderten Funktionen.
CLAUDIUS GALENUS war der letzte große Gelehrte des Altertums, der
in medizinischer und biologischer Hinsicht historische Bedeutung erlangte.
Er war kein gläubiger Christ, aber er glaubte daran, dass alle Erscheinungen
der Natur einen Zweck haben.
GALEN starb etwa 70jährig, vermutet wird im Jahre 199 (vielleicht auch 200). Genaue Daten über den Zeitpunkt seines Todes existieren nicht, sicher ist aber, dass er nach 193 gestorben ist, denn in seiner Schrift "Über die Gegengifte" wird der Kaiser SEPTIMUS SEVERUS erwähnt, der im Jahre 193 an die Macht kam.
3. Bedeutende Leistungen
GALEN befasste sich mit der Anatomie von Mensch und Tier, und verfasste
auch nichtmedizinische Schriften zu den Lehrmeinungen von HIPPOKRATES
und PLATON.
GALEN hat über 400 Werke veröffentlicht. Etwa die Hälfte
davon blieb erhalten. In diesen Werken hat GALEN das gesamte medizinische
Wissen der Antike zusammengestellt, erweitert und kommentiert.
Nach seinen Darlegungen basiert die Medizin der Antike auf HIPPOKRATES,
der bereits viele wichtige Erkenntnisse gewonnen und veröffentlicht
hatte. GALEN vervollständigte und erweiterte diese Kenntnisse. Von
ARISTOTELES übernahm
er dessen teleologische Lehre. Seine Schriften zeigen vielseitiges Wissen
und die mustergültige Beherrschung medizinischer Kenntnisse der Antike,
aber sie lassen gleichzeitig auch Eitelkeit, Selbstüberschätzung
und Selbstgefälligkeit und eine Neigung zur Weitschweifigkeit erkennen.
GALEN postulierte für das Gesamtsystem der Medizin drei Prinzipien:
| a) | Physiologie und Anatomie benötigen eine umfassende theoretische Grundlage; |
| b) | für das Zusammenspiel von Physiologie und Anatomie sind Säfte und Pneuma verantwortlich; |
| c) | die Medizin ist eng mit der Philosophie
verbunden. |
| Wichtige Werke und ihr Inhalt: | |||
| 1. Die "Säftelehre" und Temperamentenlehre | |||
| Von den Erkenntnissen und Veröffentlichungen
HIPPOKRATES und dessen Schüler und Schwiegersohn POLYBOS übernahm
GALEN die Lehre von den vier Körpersäften. Die vier Körpersäfte sind: |
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- |
Blut, Schleim, gelbe Galle und schwarze Galle. |
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| Sie müssen sich im Körper im
Gleichgewicht befinden. Verschiebt sich das Gleichgewicht zugunsten
eines dieser Stoffe, so erkrankt der betroffene Mensch. GALEN legte den verschiedenen Temperamenten (Bild 2) des Menschen die Wirkung der Säfte zugrunde: |
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| - | Sanguiniker:
Körpersaft: Blut Temperament: feucht und warm; |
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| - | Phlegmatiker:
Körpersaft: feuchter und kalter Schleim Temperament: bedächtig, langsam, kalt |
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| - | Melancholiker:
Körpersaft: trockene und kalte schwarze Galle Temperament: traurig, kalt |
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| - | Choleriker: Körpersaft: trockene und warme gelbe Galle Temperament: heiß, aufbrausend. |
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| 2. Die "Pneumalehre" | |||
| Die Pneumalehre von GALEN geht auf EMPEDOKLES zurück. Sie beruht auf der Annahme einer Lebenskraft, der "Physis". Diese erfüllt in den einzelnen Körperteilen verschiedene Aufgaben. | |||
| - | Das Gehirn ist das Zentrum der Lebenskraft und der Sitz der Seele. Hier heißt die Lebenskraft "Pneuma psychikon" und ist für die Empfindungen und Bewegungen verantwortlich. Pneuma psychikon ist von der Geburt an vorhanden. | ||
| - | Im Herz befindet sich "Pneuma zooikon". Diese verleiht dem Körper Wärme und wird durch die Atmung ständig ergänzt. Sie gelangt über die Gefäße in den Körper. | ||
| - | In der Leber
bewirkt "Pneuma physikon" die Blutbildung. Sie lenkt die
Ernährung, fördert das Wachstum und ermöglicht die
Fortpflanzung. Das Blut wird nach GALEN aus der Nahrung gebildet. Die Nahrungsüberschüsse werden in Galle umgewandelt; in der Leber selbst in gelbe Galle, in der Milz dagegen in schwarze Galle. |
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| 3. Lehre von der "Blutbewegung" | |||
| GALENS Vorstellungen von der Blutbewegung sind mit seiner Pneumalehre eng verbunden. | |||
| - | Die Milz entzieht dem Nahrungsbrei unbrauchbare Bestandteile und bildet daraus die schwarze Galle. Diese gelangt in den Magen und verlässt mit den unverdaulichen Bestandteilen der Nahrung den Magen/ Darmtrakt. | ||
| - | Der übrige Nahrungsbrei gelangt zur Leber. Aus den verwertbaren Bestandteilen der Nahrung entsteht durch Mischung mit den vier Körpersäften das neue Blut. | ||
| - | Die nicht verwertbare Nahrung wird über die Nieren und die Harnblase ausgeschieden. | ||
| - | Das in der Leber gebildete Blut fließt nur in eine Richtung. Es gelangt durch die antreibende Kraft der Leber und durch die anziehende Kraft der Gefäße in den Körper. Von dort aus fließt es zur rechten Herzhälfte. Von hieraus gelangt ein Teil davon in die Lunge, wo es von "Schlacken" befreit wird. | ||
| - | Nun fließt es zum Kopf, in die Arme oder durch feine Poren in der Herzscheidewand in die linke Herzhälfte. Hier nimmt es das durch die Atmung in den Körper gelangte Pneuma auf, um schließlich über die Aorta in den Körper zu gelangen. Das pneumareiche Blut fließt auch in das Gehirn. Im Körper dient es dem Aufbau von Organen und Geweben. Dabei wird es verbraucht. Die Abfallstoffe bilden den Schweiß. | ||
| 4. Anatomische Erkenntnisse | |||
| GALEN beschrieb als Erster das Periost,
einen Bestandteil von Knochen, Knorpel und Gelenken. Die Muskulatur,
insbesondere die Kau-, Hals- und Rückenmuskeln beschrieb und
zeichnete er genauestens. Nach GALEN gibt es drei Typen von Nerven: |
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| - | weiche Nerven, die zum Gehirn ziehen, | ||
| - | Nerven mittlerer Konsistenz, die zum verlängerten Rückenmark verlaufen, und | ||
| - | harte Nerven, die dem Rückenmark entspringen. | ||
| Von den zwölf Hirnnerven kannte er bereits sieben. | |||