




Stoffe, die fest
sind und somit denselben Aggregatzustand haben, können trotzdem sehr
unterschiedliche Eigenschaften aufweisen. Manche Feststoffe lassen sich
sehr leicht verformen, während andere spröde sind. Manche lassen
sich mit dem Finger ritzen, andere nur mit Spezialwerkzeug. Manche lösen
sich gut in Wasser, andere praktisch überhaupt nicht. Manche schmelzen
beim Erhitzen, andere zersetzen sich.
Doch was ist dafür verantwortlich, dass sich verschiedene Feststoffe
so unterschiedlich verhalten?
In allen Festkörpern sind die Teilchen, aus denen sie bestehen, dreidimensional angeordnet. Diese Anordnung kann unregelmäßig sein, dann bezeichnet man den Feststoff als amorph. Ist die Anordnung der Teilchen regelmäßig, d. h. ist ein Feststoff aus sich wiederholenden Struktureinheiten aufgebaut, so nennt man ihn kristallin. Die regelmäßige Struktur in einem Kristall wird als Gitterstruktur oder Kristallstruktur bezeichnet.
Sieht man genauer hin, stellt man allerdings fest, dass es deutliche
Unterschiede gibt, was die Wechselwirkungen der Teilchen untereinander
betrifft, aus denen ein Kristall aufgebaut ist. Vergleicht man beispielsweise nur die Wasserlöslichkeit und die Schmelzpunkte der drei Feststoffe Magnesium, Zucker und Natriumchlorid (Kochsalz), so gibt es Ähnlichkeiten, aber auch erhebliche Unterschiede. In der Tat spielen die
Bindungsverhältnisse, die zwischen den Bausteinen eines Feststoffes
herrschen, für seine Eigenschaften eine wichtige Rolle.
So macht es einen erheblichen Unterschied, ob ein Feststoff aus Atomen,
Ionen oder Molekülen aufgebaut ist, denn jede dieser Teilchenarten
bildet unterschiedliche Bindungen zu seinen Nachbarn aus. Aus der Art
der Teilchen und ihrer Wechselwirkung untereinander ergeben sich außerdem
unterschiedliche Möglichkeiten ihrer Anordnung. Bestimmte Gitterstrukturen
kommen daher nur bei Metallen vor, andere wiederum treten bei ionischen
Verbindungen auf.
Je nach Bindungsart lassen sich Metallgitter, Ionengitter, Atom- und Molekülkristalle
unterscheiden.
Metallgitter
Die Bausteine von metallischen Feststoffen sind Atome. Die Bindung bei
Metallen
lässt sich durch das sogenannte Elektronengasmodell erklären.
Die Metallatome liegen in einem geordneten Gitter vor und geben teilweise
ihre Valenzelektronen ab, sodass ein "Elektronengas" aus frei
beweglichen Elektronen entsteht, das durch elektrostatische Anziehung
die positiv geladenen Atomrümpfe zusammenhält. Es entstehen
Festkörper, in denen die Metallatome regelmäßig in Schichten
angeordnet sind. Weil sich die Metallatome untereinander kaum abstoßen
und - sofern es sich nicht um eine Legierung handelt - alle gleich groß
sind, können sie sehr dicht aneinandergepackt werden. Ein typischer
Strukturtyp bei Metallen ist daher die "dichteste
Kugelpackung", die in zwei
Varianten auftritt. Jedes Metallatom in einer dichtesten Kugelpackung
ist von zwölf weiteren Metallatomen umgeben, sechs davon in derselben
Ebene und jeweils drei in den Ebenen darunter und darüber. Die Koordinationszahl,
die die Zahl der direkt benachbarten Teilchen angibt, ist bei diesem Strukturtyp
also 12 (Bild 2).
Die Metallatomschichten lassen sich gut gegeneinander verschieben, weil
sie immer vom Elektronengas zusammengehalten werden. Aufgrund dessen sind
Metalle meist gut verformbar. Bei Legierungen werden Fremdatome ins Metallgitter
eingebaut, wodurch die Verschiebbarkeit innerhalb des Gitters eingeschränkt
wird. Legierungen, wie z. B. Bronze, sind daher oft härter und spröder als die
reinen Metalle, Kupfer und Zinn, aus denen sie bestehen.
Atomgitter
Die kleinsten Bausteine von Atomkristallen
sind Atome, die durch kovalente Bindungen (Atombindungen) zusammengehalten
werden. Ein Atomkristall kann also sozusagen als ein einziges, riesiges
Molekül betrachtet werden.
Ein typischer Atomkristall ist Diamant (Bild 3). Er besteht aus Kohlenstoffatomen,
die mit jeweils vier weiteren Kohlenstoffatomen tetraedrisch verknüpft
sind, die Koordinationszahl ist also 4. Zwischen den Atomen gibt es stabile,
gerichtete Bindungen, was dazu führt,
dass Diamant einer der härtesten Stoffe überhaupt ist und im
Gegensatz zu den Metallen, die aufgrund der vorhandenen freien Elektronen
gute elektrische Leiter sind, ein Isolator ist.
Molekülgitter
Molekülkristalle
bestehen, wie der Name sagt, aus Molekülen. Auch sie weisen kovalente
Bindungen auf, diese verknüpfen die Atome innerhalb der Moleküle
miteinander. Die einzelnen Moleküle werden im Kristall jedoch nicht
durch kovalente Bindungen, sondern durch van der Waals-Kräfte, in
manchen Fällen auch durch Wasserstoffbrückenbindungen zusammengehalten.
Die Anziehungskräfte zwischen den Molekülen sind daher normalerweise
relativ schwach, weshalb Molekülkristalle wie Zucker oft bei niedrigen Temperaturen
schmelzen (Bild 4).
Auch manche Modifikationen bestimmter Elemente lassen sich den Molekülkristallen
zurechnen, auch wenn sie strenggenommen keine Molekülverbindungen
sind. So besteht beispielsweise Grafit aus Schichten, innerhalb derer
die Kohlenstoffatome kovalent gebunden sind. Zwischen den einzelnen Schichten
herrschen schwächere van-der-Waals-Kräfte, was dazu führt,
dass sie sich leicht gegeneinander verschieben lassen (Bild 5). Grafit
ist daher ein weicher Stoff, der z. B. zur Herstellung von Bleistiften
und als Schmiermittel verwendet wird.
Ionengitter
Ein Ionengitter besteht aus
Ionen, die durch elektrostatische Wechselwirkungen verbunden sind, also
wie beim Metallgitter durch ungerichtete Bindungen.
Einfluss auf die Gitterstruktur in Ionenkristallen haben sowohl das zahlenmäßige Verhältnis
von Anionen und Kationen in einer Ionenverbindung als auch das Verhältnis
der Ionenradien.
Das zahlenmäßige Verhältnis von Anionen und Kationen ergibt sich aus den Beträgen
ihrer Ionenladungen. Haben diese denselben Betrag wie z. B. bei Natriumchlorid
oder Zinksulfid, spricht man von AB-Strukturen,
ansonsten unterscheidet man
(z. B. Calciumfluorid oder Titandioxid),
-Strukturen
(z. B. Aluminiumoxid) und andere, noch komplexere Strukturen.
Diese Strukturen treten in unterschiedlichen Varianten auf, die sich in
den Koordinationszahlen der Ionen unterscheiden, sie können also
weiter unterteilt werden. So unterscheidet man beispielsweise bei den
AB-Strukturen die Caesiumfluorid-Struktur (KZ = 8), die Natriumchlorid-Struktur
(KZ = 6) und die Zinkblende-Struktur (KZ = 4).
Dass das Radienverhältnis
der Anionen und Kationen solchen Einfluss hat, liegt daran, dass es von
der Größe der Ionen abhängt, wie viele Anionen um ein
Kation passen und umgekehrt. Das Radienverhältnis bestimmt also die
Koordinationszahl. Betrachtet wird in der Regel das Verhältnis von
Kationenradius
zu Anionenradius
,
also das des kleineren Radius zum größeren, sodass sich Werte
<1 ergeben. Ist
klein, so bedeutet dies, dass es sich um ein kleines Kation handelt, um
das sich nur wenige große Anionen lagern können, da diese sich
gegenseitig abstoßen, die Koordinationszahl ist also klein. Je größer
das Kation ist bzw. je kleiner die Anionen sind, je größer
also
ist,
desto mehr Anionen passen um ein Kation herum, die Koordinationszahl wird
dementsprechend größer.
Anhand des Radienverhältnisses kann man Vorhersagen treffen, welche
Kristallstruktur wahrscheinlich vorliegt. Da jedoch auch andere Faktoren
die Kristallstruktur beeinflussen, ist der Wert des Radienverhältnisses
nicht allein ausschlaggebend.
AB-Strukturen
Caesiumchlorid-Struktur
Bei der Caesiumchlorid-Struktur
(CsCl-Struktur) ist die Koordinationszahl 8. Man kann die Struktur als
zusammengesetzt aus Würfeln beschreiben, in deren Mittelpunkt sich
jeweils ein Anion befindet, während acht Kationen die Ecken des Würfels
darstellen und umgekehrt.

Natriumchlorid-Struktur 
Die Koordinationszahl für die Ionen bei der Natriumchlorid-Struktur
(NaCl-Struktur) ist 6. Die Struktur eines solchen Kristalls kann man als
aus vielen Würfeln zusammengesetzt beschreiben, wobei die Ionen immer
abwechselnd an den Würfelecken sitzen. Jedes Ion ist also oktaedrisch
von sechs Ionen mit entgegengesetzter Ladung umgeben (Bild 6).

Zinkblende-Struktur 
Bei der Zinkblende-Struktur
(ZnS-Struktur) besitzen die Ionen die Koordinationszahl 4, d. h. jedes
Anion ist tetraedrisch von vier Kationen umgeben und umgekehrt (Bild 7).


Bei den
kommen auf ein Kation zwei Anionen. Da doppelt so viele Anionen wie Kationen
im Kristall vorhanden sind, ist die Koordinationszahl der Kationen doppelt
so groß wie die der Anionen.
Auch hier gibt es drei wesentliche Strukturtypen:
Fluorit-Struktur 
Bei der Fluorit-Struktur
haben
die Kationen die Koordinationszahl 8 und die Anionen die Koordinationszahl
4. Die Kationen sind also wie bei der Caesiumchlorid-Struktur würfelförmig
von acht Anionen umgeben, die Anionen hingegen tetraedrisch von vier Kationen.
Rutil-Struktur 
Das Koordinationszahlenverhältnis bei der Rutil-Struktur
ist 6:3,
d. h. die Kationen sind von sechs Anionen oktaedrisch umgeben, die Anionen
von drei Kationen.
Cristobalit-Struktur 
Die Cristobalit-Struktur
ist nach
einer Modifikation des Siliciumdioxids benannt. Hier haben die Ionen die
Koordinationszahl 4 bzw. 2, d. h. die Kationen sind tetraedrisch von vier
Anionen koordiniert, die Anionen linear von zwei Kationen.