






Die Komplexometrie ist eine quantitative Bestimmungsmethode für zahlreiche mehrwertige Kationen in wässrigen Lösungen. Sie beruht auf der Bildung wasserlöslicher, sehr stabiler Komplexe aus organischen Chelatbildnern und Metall-Ionen. Aufgrund der Überführung der Kationen in Chelatkomplexe ist ebenso der Begriff Chelatometrie in der Literatur zu finden. Bei Chelatliganden handelt es sich um organische Moleküle, die in einem geeigneten räumlichen Abstand zwei oder mehr funktionelle Gruppen mit freien Elektronenpaaren besitzen, die als Lewis-Basen (Elektronenpaar-Donatoren) zur Ausbildung koordinativer Bindungen fähig sind.
Die Stabilität von Chelatkomplexen
Generell gilt, dass Chelatkomplexe stabiler sind als Komplexe mit vergleichbaren
einzähnigen Liganden. Dieser sogenannte Chelateffekt
hat kinetische und thermodynamische Ursachen. Die Stabilität der
Komplexe wird durch die Komplexbildungskonstante
angegeben. Besonders stabile Chelatkomplexe bilden sich, wenn die funktionellen
Gruppen im Liganden so verteilt sind, dass sich bei der Komplexbildung
möglichst viele Fünf- oder Sechsringe um das Metall-Ionen ausbilden
können, da diese energetisch besonders günstig sind.
Komplexometrische Titrationen
Komplexometrische Analysen werden in der Regel als Titrationen (Bild 2)
durchgeführt. Damit eine Komplexbildungsreaktion für die quantitative
Analyse geeignet ist, müssen mehrere Bedingungen erfüllt
sein.
Wie bei allen anderen Titrationen ist eine exakte stöchiometrische
Umsetzung zwingend nötig, und das Gleichgewicht muss unter den Reaktionsbedingungen
vollständig auf der Seite der Produkte liegen.
Weil viele Chelatbildner, wie z. B. Natriumedetat, bei der Chelatisierung
mit Metall-Ionen Protonen abgeben, welche den pH-Wert der Lösungen
verringern, der pH-Wert sich im Laufe der Titration aber nicht ändern
sollte, damit es nicht zu unerwünschten Gleichgewichtsverschiebungen
kommt, müssen die Lösungen entsprechend gepuffert sein.
Unter Verwendung mehrzähniger Chelatbildner lässt sich der Gehalt
von fast allen mehrwertigen Metall-Ionen in wässrigen Lösungen
exakt bestimmen, wenn
hat,
undDie Komplexometrie lässt sich ohne Schwierigkeiten und mit geringem Zeitaufwand und ohne komplizierte Apparaturen im Makro-, Halbmikro- und Mikro-Arbeitsbereich anwenden.
Der heutzutage in der Komplexometrie hauptsächlich verwendete Chelatbildner
ist die Ethylendiamintetraessigsäure
kurz auch
EDTA genannt. Es löst sich leicht
in Wasser, ist kaum hygroskopisch und reagiert mit allen mehrwertigen
Metall-Ionen im Verhältnis 1:1, wobei das Metall-Ion oktaedrisch
koordiniert wird (Bild 2). Wegen seiner großen Bedeutung wird hier
nur das Natriumedetat als Komplexbildner besprochen und alle Erklärungen
auf dieses Salz bezogen.
Titrationsmethoden
In der Komplexometrie kann man verschiedene Titrationsmethoden
unterscheiden, die direkte, die indirekte oder die substituierende Titration.
Welche der Methoden angewendet wird, hängt einerseits davon ab, bei
welchem pH-Wert das zu bestimmende Metall-Ion als Hydroxid ausfällt
und andererseits davon, ob ein geeigneter Indikator verfügbar ist.
pH-Wert und Puffer
Der pH-Wert spielt bei der Komplexometrie
eine wichtige Rolle, weil er maßgeblich die Bildung von Komplexen
beeinflusst. Veränderungen des pH-Wertes führen daher zu veränderten
Bedingungen für die Titration, wodurch ihre Genauigkeit abnimmt.
Der pH-Wert und die Komplexbildung hängen eng zusammen, weil Liganden
aufgrund ihrer freien Elektronenpaare auch als Basen wirken können.
Im sauren Milieu, d. h. bei niedrigen pH-Werten, konkurrieren somit Wasserstoff-Ionen
und Metall-Ionen um die Liganden, und die Komplexbildung wird erschwert.
Ein hoher pH-Wert, bei dem nur wenige Wasserstoff-Ionen in der Lösung
vorliegen, wirkt sich also positiv auf die Komplexbildung aus. Ein hoher
pH-Wert ist jedoch auch nachteilig, weil viele Metall-Ionen im alkalischen
Milieu als Hydroxide ausfallen und somit keine Komplexe mehr bilden können.
Hinzu kommt, dass viele organische Liganden selbst Säuren sind und
bei der Komplexbildung Protonen abgeben, was zu einer Erniedrigung des
pH-Wertes führt.
Beispiel:

Ein weiteres Problem ist, dass die Farbe mancher Indikatoren pH-abhängig
ist, sie haben also bei niedrigerem pH-Wert eine andere Farbe als bei
hohem pH-Wert. Dies kann dazu führen, dass der Farbumschlag des Indikators,
der den Äquivalenzpunkt der Titration anzeigt, nicht mehr deutlich
zu sehen ist.
Um einen gleichbleibenden pH-Wert und somit gleichbleibende Titrationsbedingungen
zu garantieren, muss die Lösung daher gepuffert werden. Die Wahl
eines geeigneten pH-Wertes und somit eines Puffers für die Komplexometrie
ist aber, wie aus dem Gesagten erkennbar ist, nicht ganz einfach.
Indikatoren
Bei den in der Komplexometrie verwendeten Indikatoren
handelt es sich ebenfalls um Komplexliganden, die farbige, weniger stabile
Komplexe mit dem zu bestimmenden Metall-Ion bilden als der Ligand, der
zur Titration verwendet wird (meist EDTA).
In der zu titrierenden Lösung liegen die Metall-Ionen zum Teil frei,
zum Teil als Metall-Indikator-Komplex vor. Bei Zugabe von EDTA werden
nach und nach die freien Metall-Ionen komplexiert. Der Umschlagspunkt
der Titration (Äquivalenzpunkt) ist erreicht, wenn keine freien Metall-Ionen
in der Lösung mehr vorliegen und nun noch etwas EDTA zugegeben wird.
In diesem Moment werden die Metall-Ionen aus dem Metall-Indikator-Komplex
gelöst, es bildet sich der stabilere Metall-EDTA-Komplex. Der freie
Indikator hat eine andere Farbe als der Metall-Indikator-Komplex und zeigt
so den Äquivalenzpunkt an.
Ein häufig verwendeter Indikator ist Eriochromschwarz T (Erio T, Bild 3). Seine Farbe ist pH-abhängig:

Die Titration wird in der Regel bei pH = 10 durchgeführt. Bei diesem
Wert hat der Indikator eine tiefblaue Farbe.
Direkte Titration
Bei der direkten Titration
wird die zu untersuchende Lösung mit einer EDTA-Maßlösung
titriert (Bild 4). Dies ist bei vielen Metall-Ionen, wie z. B.
möglich. Die bei der Titration freiwerdenden Wasserstoff-Ionen werden
mit einem zugegebenen Puffer
abgefangen. Citrat- und Tartrat-Puffer sind ebenfalls einsetzbar, da sie
durch Bildung schwacher Komplexe die Metall-Ionen vor dem Ausfallen schützen.
Als Indikator wird häufig das bereits erwähnte Erio T verwendet.
Gibt man Erio T zu einer Lösung, die Metall-Ionen enthält, so
bildet sich der Metall-Indikator-Komplex, der meistens rot gefärbt
ist. Am Äquivalenzpunkt werden die Metall-Ionen aus diesem Komplex
verdrängt, und es zeigt sich die tiefblaue Farbe des freien Indikators.
Indirekte Titration
Ist es nicht möglich, einen für die Titration nötigen pH-Wert
einzustellen, ohne dass Metallhydroxide ausfallen, oder fehlt ein geeigneter
Indikator, wählt man meist die Methode der indirekten
Titration (Bild 5). Zu der Metall-Ionen-Lösung wird eine bestimmte
Menge einer EDTA-Lösung bekannter Konzentration in geringem Überschuss
zugegeben, sodass alle Metall-Ionen von EDTA komplexiert vorliegen. Danach
wird durch Zugabe der Pufferlösung der gewünschte pH-Wert eingestellt,
was nun möglich ist, da aufgrund der Komplexbildung keine Metallhydroxide
ausgefällt werden. Anschließend wird ein geeigneter Indikator
zugegeben und das überschüssige EDTA mit einer Zink- oder Magnesiumlösung
bekannter Konzentration zurücktitriert. Hierbei bildet sich zunächst
der stabilere Metall-EDTA-Komplex, während der Indikator frei in
Lösung vorliegt. Sobald alles EDTA reagiert hat, wird der Metall-Indikator-Komplex
gebildet, und es kommt zum Farbumschlag des Indikators.
Die Rücktitration eignet sich vor allem zur Bestimmung von 
Bestimmung der Wasserhärte als Beispiel für eine komplexometrische
Titrationen
Die Wasserhärte wird durch Calcium- und Magnesium-Ionen verursacht.
Ihr Gehalt im Wasser kann komplexometrisch bestimmt werden.
Hierfür wird zuerst die Gesamthärte, d.h. die Gesamtkonzentration an Magnesium- und Calcium-Ionen, durch Titration mit EDTA in einer ammoniakalischen Lösung bei pH 10 ermittelt.

Um die Konzentration der Calcium-Ionen zu bestimmen, wird eine zweite
Probe mit Natronlauge versetzt, bis ein pH-Wert von 13 erreicht ist. Unter
diesen Bedingungen liegen die Magnesium-Ionen als schwer lösliches
vor, das
mit EDTA nicht reagiert.

Die Calcium-Ionen liegen weiterhin gelöst vor, und ihre Konzentration
kann durch Titration mit EDTA bestimmt werden.
Nach Durchführung der beiden Schritte kennt man die Gesamtkonzentration
an Calcium- und Magnesium-Ionen und die Konzentration der Calcium-Ionen.
Aus der Differenz des EDTA-Verbrauchs bei den beiden Titrationen kann
in der Lösung die Konzentration der Magnesium-Ionen ermittelt werden.
Quantitatives und Qualitatives
Die Komplexometrie eignet sich gut dazu, um die Menge an Metall-Ionen
in einer Lösung zu bestimmen. Von Vorteil ist immer, wenn keine anderen
Metall-Ionen außer den zu untersuchenden in der Lösung vorliegen,
weil anderenfalls Nebenreaktionen ablaufen können. Befinden sich
in der Lösung störende Begleiter, ist es durch Maskierungsreaktionen
unter Umständen möglich, diese an der Reaktion zu hindern, so
können z. B. Eisen-Ionen durch Zugabe von Kaliumcyanid in die stabilen
und somit äußerst stabilen Cyanidkomplexe überführt
werden.
Häufig wird die Bestimmung der Gesamthärte in Leitungswasser durch Cu(II)-Ionen gestört. Diese gelangen in das Leitungswasser durch Korrosion der Wasserleitungsrohre aus Kupfer in für Menschen unschädlichen Konzentrationen von 0,1 bis etwa 1 mg/l.
Sie bilden mit dem Indikator Erio T einen stabileren Komplex als Calcium und Magnesium und er ist auch stabiler als der Cu-EDTA-Komplex. Somit ist der Indikator blockiert und es erfolgt kein Farbumschlag bei der Titration. Durch Zugabe von Natriumdiethyldithiocarbaminat anstelle der (auch möglichen) giftigen Cyanid-Ionen werden die störenden Kupfer-Ionen maskiert. Der Indikator steht nun für die Komplexierung der Calcium- und Magnesium-Ionen zur Verfügung.
Quantitative Untersuchungen in der Komplexometrie können mithilfe
der Titration, Fotometrie oder Fluoreszenzmessung erfolgen.
In manchen Fällen kann die Komplexbildung auch für die qualitative
Analyse herangezogen werden, denn einige Metall-Ionen bilden charakteristische
Farbkomplexe, z. B. grüngelbes Magnesiumoxinat oder rotviolettes Nickeldimethylglyoxim.
reduziert,
welches nicht mehr als Zentral-Ion für den Tartrat-Komplex geeignet
ist.
fällt
im Basischen als ziegelrotes
aus.