


Löslichkeitsgleichgewichte
und Löslichkeitsprodukt
Gleichgewichtsreaktionen sind nicht nur bei technischen Synthesen von herausragender
Bedeutung. Sie spielen, z. B. im Zusammenhang mit Säure-Base-Gleichgewichten
oder Redoxgleichgewichten, auch in der Natur eine wichtige Rolle. Ein imposantes Beispiel für das Wirken von Löslichkeitsgleichgewichten in der Natur sind Tropfsteinhöhlen. Sie beruhen auf dem Carbonat-Hydrogencarbonat-Gleichgewicht.
Neben dem pH-Wert von Lösungen und den Redoxeigenschaften von Stoffen
ist sowohl in der technischen als auch in der analytischen Chemie die
Löslichkeit chemischer Verbindungen von Interesse.
Gibt man zu einer Kochsalzlösung Silbernitratlösung, so fällt
ein weißer Niederschlag von festem Silberchlorid aus. Man erhält
eine gesättigte Silberchloridlösung mit Bodensatz (Bild 1).
Obwohl nach Abschluss der Fällung keine Veränderungen zu beobachen
sind, gehen dennoch ständig Silber- und Chlorid-Ionen in gleichem
Maße in Lösung, wie sich wieder festes Silberchlorid erneut
bildet. Die Ionen der gelösten Phase stehen mit dem Niederschlag
in einem dynamischen Löslichkeitsgleichgewicht.

Wird Silberchlorid (AgCl) in Wasser gelöst, so müssen die Konzentrationen
der
gleich sein. Die Konzentration des Niederschlages hat keinen Einfluss
auf die Gleichgewichtskonstante, da es sich um eine reine feste Phase
handelt. Damit vereinfacht sich die Aussage des MWG zum Löslichkeitsgleichgewicht
zu:

Die Konstante
ist das Löslichkeitsprodukt von
Silberchlorid. Die jeweils gleichen Konzentrationen an
geben die maximale Löslichkeit
L(AgCl) des Salzes in Wasser an. Bei weiterer Zugabe des festen
Salzes würde sich kein weiteres Silberchlorid lösen, da
konstant ist. Man nennt die über einem festen Niederschlag stehende
Lösung daher eine gesättigte
Lösung.
Die Kennzeichnung (aq) für hydratisierte Ionen wird der Übersichtlichkeit halber in den Gleichungen des MWG weggelassen. In Wasser gelöste Ionen sind immer hydratisiert.
Das Löslichkeitsprodukt
eines Elektrolyten ist gleich dem Produkt der Konzentrationen seiner Ionen
in einer gesättigten Lösung.
Für ein Salz der allgemeinen Zusammensetzung
gilt:

Das Löslichkeitsprodukt darf nicht mit der Löslichkeit eines Stoffes verwechselt werden. Die Löslichkeit eines Salzes entspricht seiner Konzentration in einer gesättigten Lösung. Die Sättigung ist erreicht, wenn ein Bodenkörper des Feststoffs mit der darüber befindlichen Lösung im thermodynamischen Gleichgewicht steht. Zwischen den beiden Größen besteht folgender Zusammenhang:

Im einfachsten Fall, z. B. beim Silberchlorid, besteht das Salz aus gleichwertigen Ionen (x = y). Die Löslichkeit ist dann gleich der Wurzel des Löslichkeitsprodukts.
Löslichkeitsprodukt und Löslichkeit sind temperaturabhängig. Aus diesem Grund sind die tabellierten Werte von Löslichkeitsprodukten für bestimmte Temperaturen angegeben, in der Regel für 25 °C.
Die meisten Salze, z. B. Kaliumchlorid, lösen sich endotherm in
Wasser, sodass ihre Löslichkeit mit steigender Temperatur zunimmt.
Weit weniger Löslichkeitsgleichgewichte sind exotherm. Die Löslichkeit
solcher Salze wie Calciumchromat
sinkt mit steigender Temperatur.
Die Lösungsenthalpie ist die Differenz zwischen der Gitterenergie und der Hydratationsenthalpie, die bei der Bildung von hydratisisierten Ionen frei wird. Kochsalz hat eine sehr geringe Lösungsenthalpie, sodass die Löslichkeit von NaCl nahezu temperaturunabhängig ist.
Die Löslichkeit und das Löslichkeitsprodukt sind jedoch praktisch
nicht druckabhängig, da die Volumenänderung während der
Fällung vernachlässigbar ist. Im Gegensatz dazu kann die Löslichkeit
von Stoffen durch Veränderungen der Konzentrationen beeinflusst werden.
Erhöht man die Konzentration der Chlorid-Ionen in einer gesättigten
AgCl-Lösung durch Zusatz einer KCl-Lösung, so weicht das Gleichgewicht
diesem Zwang aus. Unter Verbrauch der Chlorid-Ionen wird Silberchlorid
ausgefällt und die
-
und damit die Löslichkeit des Salzes - sinkt. Der gleiche Effekt
wird beobachtet, wenn man die Konzentration des anderen "Reaktionsprodukts",
der
erhöht. In diesem Fall entspricht die Löslichkeit des Silberchlorids
der
.
Die Erhöhung der Konzentration einer Ionensorte durch gleichionige
Zusätze führt zu einer Verringerung der Löslichkeit
eines Salzes, weil das Löslichkeitsprodukt konstant bleibt.
Gekoppelte Gleichgewichte
Die Löslichkeit von Stoffen kann durch Zugabe von Säuren oder
Komplexbildnern beeinflusst werden. In beiden Fällen liegt neben
dem Löslichkeitsgleichgewicht ein weiteres chemisches Gleichgewicht
vor und man spricht von gekoppelten
Gleichgewichten.
Viele schwer lösliche Salze können durch Zugabe von Säuren
oder Basen in Lösung gebracht werden. Die Ursache liegt darin, dass
eine Ionensorte aus dem Löslichkeitsgleichgewicht gleichzeitig an
einem Säure-Base-Gleichgewicht beteiligt ist.
Die schwer löslichen Sulfide sind die Salze der schwachen Säure
Schwefelwasserstoff. Wenn man Eisensulfid durch Zugabe einer Säure
auflösen will, liegen folgende Gleichgewichte vor.

Die Gleichgewichtskonstante der Protolyse der
ergibt sich aus den beiden Säurekonstanten der zweiwertigen Säure

Durch Zugabe der Säure wird die
im Säure-Base-Gleichgewicht erhöht und dadurch mehr Schwefelwasserstoff
gebildet. Dazu werden dem Löslichkeitsgleichgewicht Sulfid-Ionen
entzogen. Diese müssen durch Auflösen des Eisensulfids nachgebildet
werden. Da Schwefelwasserstoff eine schwache Säure ist, liegt das
Säure-Base-Gleichgewicht weit auf der Seite des Schwefelwasserstoffs
und Eisensulfid wird bei hohen
vollständig aufgelöst.
In der gleichen Weise kann die Löslichkeit eines schwer löslichen
Salzes auch durch Zugabe von Komplexbildnern
deutlich vergrößert werden. In diesem Fall wird ein Löslichkeitsgleichgewicht
mit einem Komplexbildungsgleichgewicht gekoppelt.
Silberhalogenide sind in Ammoniak unterschiedlich löslich, da sich
die Löslichkkeitsprodukte um mehrere Größenordnungen voneinander
unterscheiden. Diese Tatsache macht man sich beim qualitativen Nachweis
der Halogenid-Ionen zunutze.
So löst sich ein Niederschlag von Silberchlorid in Ammoniakwasser, wobei sich der lösliche Silberdiammin-Komplex bildet:

Dem Löslichkeitsgleichgewicht des Silberchlorids werden die
durch die Komplexbildung entzogen. Diese werden durch Auflösen des
festen Niederschlages nachgebildet, bis das der Niederschlag vollständig
verschwunden oder das Löslichkeitsprodukt wieder erreicht ist. Während
sich in einem Liter Wasser nur
Silberchlorid lösen, sind in einem Liter einer 4 molaren Ammoniaklösung
0,16 mol des Salzes löslich.