



Die Aufklärung von Reaktionsmechanismen beginnt mit der experimentellen Bestimmung des Geschwindigkeitsgesetzes. Dazu überlegt man sich einen Reaktionsverlauf, der diesem empirischen Zeitgesetz gerecht wird. Wenn die Möglichkeit besteht, überprüft man diese Hypothese mit geeigneten analytischen Methoden.
Da die Zwischenprodukte und noch mehr die aktivierten Komplexe instabil
und damit sehr kurzlebig sind, ist der analytische Nachweis jedoch oft
schwierig. Er muss mit sehr schnellen, meist spektroskopischen Analysenmethoden
geführt werden und erfordert einen hohen Aufwand.
Erst wenn man sämtliche Teilschritte,
Zwischenprodukte und Übergangszustände
aufgeklärt hat, kann Einfluss auf den geschwindigkeitsbestimmenden
Schritt genommen werden, um so zielgerichtet die Geschwindigkeit der Gesamtreaktion
zu verändern.
Die experimentelle Bestimmung der Geschwindigkeitsgesetze und die damit eng verbundene Aufklärung des Mechanismus chemischer Reaktionen sind die wichtigsten Aufgaben der chemischen Kinetik.
Relativ einfach ist diese Aufgabe bei den wenigen Reaktionen, bei denen die Elementarreaktion identisch mit der Bruttoreaktion ist, z. B. bei der nucleophilen Substitution 2. Ordnung oder bei einigen einfachen Gasreaktionen.
erfolgen
anders als
in einem einzigen Reaktionsschritt. Die Zahlen 1 und 2 stehen für
die kinetische Ordnung der Reaktion. Reaktionen erster Ordnung bezeichnet
man als monomolekulare Reaktionen. Reaktionen zweiter Ordnung sind bimolekular.
Bei monomolekularen Reaktionen hängt die Reaktionsgeschwindigkeit nur von der Konzentration eines Edukts ab, während bei bimolekularen Reaktionen die Konzentrationen beider Ausgangsstoffe einen Einfluß auf die Reaktionsgeschwindigkeit haben.
Die bimolekulare nucleophile Substitution

Bei der bimolekularen
nucleophilen Substitution greift das nucleophile Reagenz von der "Rückseite"
des Tetraeders an und drängt den ehemaligen Substituenten heraus.
Dabei gibt es einen "quasi fünfbindigen" Übergangszustand.
Bindungsspaltung und Bindungsneubildung laufen gleichzeitig ab. Die Kinetik
der Reaktion ist zweiter Ordnung.
Das Energiediagramm der
zeigt (Bild 2), dass während der Reaktion keine stabilen Zwischenstufen
gebildet werden. Die Edukte durchlaufen einen reaktiven Übergangszustand
(ÜZ) und bilden die Produkte.
Kinetische Untersuchungen zeigen eindeutig, dass die
in einem einzigen Schritt abläuft. Deshalb gehen sowohl die Konzentration
des Substrats als auch die Konzentration des Nucleophils in das Geschwindigkeitsgesetz
ein (Bild 3).
In den meisten Fällen durchlaufen die Reaktanten jedoch mehrere Schritte, die durch ein System von teilweise miteinander gekoppelten Geschwindigkeitsgleichungen beschrieben werden müssen. Grundsätzlich werden drei verschiedene Kombinationen von Elementarreaktionen bzw. kinetische Reaktionstypen beobachtet (Bild 4).
1. Folgereaktionen
Folgereaktionen beschreiben
die stufenweise Reaktion von Ausgangsstoffen über ein oder mehrere
Zwischenprodukte zu den Endstoffen.

Die Symbole A, Z und B können auch für mehrere Stoffe stehen.
| Beispiele für Folgereaktionen sind: | |
|
1.
|
Kettenreaktionen, z. B. bei Polymerisationsreaktionen oder bei der Bildung von HBr aus den Elementen, |
|
2.
|
- Reaktionen, Hydrolyse von Dicarbonsäureestern, Hydrolyse von
tertiären Halogenalkanen oder |
|
3.
|
radioaktive Zerfallsreaktionen. |
Die monomolekulare nucleophile Substitution

Anders als
finden monomolekulare
nucleophile Substitutionen in zwei Schritten statt. Zuerst erfolgt
in einer Gleichgewichtsreaktion die heterolytische Spaltung der polarisierten
Atombindung. Durch den Austritt der Abgangsgruppe als Anion wird ein Carbo-Kation
gebildet.
Damit verbunden ist eine vorübergehende Änderung
der Hybridisierung. Das Kohlenstoffatom im Substrat ist
das Kohlenstoffatom im planaren Carbo-Kation ist 
In einem zweiten Reaktionsschritt reagiert das nucleophile Reagenz mit
dem Carbo-Kation zum Produkt. Der zweite Schritt läuft mit sehr hoher
Geschwindigkeit ab. Die Bildungsgeschwindigkeit des Carbo-Kations ist
im Vergleich dazu viel geringer.
Das Energiediagramm der
(Bild 6) zeigt die Bildung des Carbo-Kations als relativ stabile Zwischenstufe
(Energieminimum). Außerdem erkennt man, dass die Aktivierungsenergie
des ersten Überganszustands deutlich größer ist als die
des zweiten.
Die Bruttoreaktion der monomolekularen nucleophilen Substitution ergibt sich aus der Summe der beiden Elementarreaktionen. In das Geschwindigkeitsgesetz geht jedoch nur die Geschwindigkeitskonstante der ersten Reaktion ein. Es handelt sich deshalb um eine Reaktion 1. Ordnung.

Die langsamste Elementarreaktion ist der geschwindigkeitsbestimmnede
Schritt der Gesamtreaktion.
Je nachdem, wie das Verhältnis der Geschwindigkeitskonstanten der
beiden Elementarreaktionen ist, ergeben sich unterschiedliche Geschwindigkeitsgesetze
für Folgereaktionen.
| Unterschiedliche Fälle von Folgereaktion | ||
![]() |
![]() |
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| - die 1. Teilreaktion bestimmt die
Geschwindigkeit und das Zeitgesetz - das Zwischenprodukt wird sofort nach der Bildung verbraucht, sodass
ist |
- beide Teilreaktionen bestimmen die
Geschwindigkeit der Gesamtreaktion über ein komplexes Zeitgesetz - typisch für radikalische Kettenreaktionen |
- der 2. Teilschritt ist der geschwindigkeits-bestimmende
Schritt - in kurzer Zeit wird viel Zwischenprodukt gebildet (c(Z) > 0), das analytisch relativ leicht nachweisbar ist |
2. Parallelreaktionen
Parallelreaktionen
sind mehrere gleichzeitig nebeneinander verlaufende Reaktionen, die von
gleichen Ausgangsstoffen zu verschiedenen Produkten führen. Der Anteil
der Komponenten im erhaltenen Produktgemisch ergibt sich aus dem Verhältnis
der Geschwindigkeitskonstanten der einzelnen Teilreaktionen.
Die elektrophile Zweitsubstitution
am Aromaten 
Bei der Einführung eines zweiten
Substituenten am Benzenkern können drei stellungsisomere Verbindungen
entstehen. Das Beispiel zeigt die Einführung eines zweiten Bromatoms.
Die IUPAC-Nomenklatur bezeichnet die entsprechenden Stellungen durch arabische
Ziffern. Gebräuchlich sind aber auch die Bezeichnungen ortho-, meta-
oder para-Dibrombenzen.
Bei der Bromierung von Brombenzen erhält man ein Produktgemisch,
das hauptsächlich aus ortho- und para-Dibrombenzen besteht. Die Bildung
des meta-Produkts findet kaum statt, da das Bromatom als Substitut 1.
Ordnung den elektrophilen Angriff in der ortho- und para-Position begünstigt.
Die Produktverteilung ergibt sich aus dem Verhältnis der drei Geschwindigkeitskonstanten:

3. Gleichgewichtsreaktion
Gleichgewichtsreaktionen
sind Reaktionen mit Hin- und Rückreaktion, die im Gleichgewichtszustand
mit identischer Geschwindigkeit ablaufen.
Sind diese Reaktionen Teil eines Reaktionsmechanismus, dann wird der Gleichgewichtszustand
jedoch nicht erreicht und es ergeben sich häufig komplexe Mechanismen
der Gesamtreaktion.