





Komplexe sind metallionenhaltige
Verbindungen, die aus einem oder mehreren Zentralion/en und den Liganden
bestehen, welche die Ligandenhülle bilden. Die chemische Bindung in
Komplexen wird als koordinative Bindung bezeichnet.
Bei den Liganden kann man anorganische und organische unterscheiden.

Die Liganden lassen sich weiterhin in einzähnige und mehrzähnige
unterteilen, je nachdem wie viele Atome des Liganden zur Komplexbildung
befähigt sind. Einzähnige
Liganden sind z. B. Chlorid,
Cyanid, Wasser oder 1-Aminoethan, sie können jeweils nur eine Bindung
zum Zentralatom ausbilden. Mehrzähnige
Liganden besitzen mehrere Atome, mit denen sie gleichzeitig ein
Metallatom komplexieren können. Es handelt sich bei ihnen häufig
um organische Moleküle wie 1,2-Diaminoethan oder Aminosäuren
(Bild 2).
Mehrzähnige Liganden legen sich wie "Scheren" um die Zentralionen
und werden deshalb Chelatbildner
oder Chelatliganden genannt (griech. chelae = Krebsscheren). Die Atome,
die die koordinative Bindung zum Zentralatom ausbilden, müssen in
einem geeigneten räumlichen Abstand zueinander stehen, um das Metallion
komplexieren zu können. Meist bilden der Ligand und das Zentralion
Fünf- oder Sechsringe, die energetisch besonders stabil sind.
Der Chelateffekt
Chelatkomplexe sind stabiler als vergleichbare Komplexe mit einzähnigen
Liganden. Diese Erscheinung wird Chelateffekt
genannt und ist kinetisch und thermodynamisch bedingt. An folgendem Beispiel
der Komplexbildung von Calcium und dem Dinatriumsalz der Ethylendiamintetraessigsäure
(Edetinsäure) wird dies erläutert:

Die Wassermoleküle werden durch Dinatriumedetat aus dem Komplex verdrängt.

Da hierbei mehr Moleküle und Ionen freigegeben als neu gebunden werden, steigt die Entropie des Systems an. Dies begünstigt die Reaktion und bedeutet einen thermodynamischen Stabilisierungseffekt. Chelatliganden stabilisieren den Chelatkomplex auch kinetisch, da diese wesentlich schlechter vom Zentralion dissoziieren als einzähnige Liganden. Damit der Chelatbildner vom Metallion dissoziieren kann, müssen alle Bindungen des Liganden zum Zentralatom in einem kurzen Zeitraum gelöst werden. Dies ist wesentlich unwahrscheinlicher als der eine Bindungsbruch bei einzähnigen Liganden.
Organische Liganden
Wichtige Chelatbildner, die in der analytischen Chemie verwendet werden,
sind Ethylendiamintetraessigsäure (EDTA), bzw. ihr Dinatriumsalz,
Ethylendiamin (Diaminoethan, "en"), Oxinat (8-Hydroxychinolin),
Diacetyldioxim ("Glyoxim") und Weinsäure bzw. ihre Salze,
die Tartrate.
EDTA (N,N,N',N'-Tetracarboxyethyl-1,2-diaminoethan)
Für EDTA sind verschiedene Namen
im Umlauf, z. B. Ethylendiamintetraessigsäure und Edetinsäure.
Die Abkürzung EDTA rührt von der englischen Bezeichnung ethylendiaminetetraacetic
acid her.
Als Komplexbildner wird in der Regel das Dinatriumsalz verwendet, da es
in Wasser wesentlich besser löslich ist als die Säure und deshalb
einfacher bei analytischen Techniken verwendbar ist.
Es ist auch unter den Namen Natriumedetat, Dinatrium-ethylendiamin-tetraacetat
oder Komplexon III bekannt.
Obwohl sich die Säure und ihr Dinatriumsalz in ihren chemischen Eigenschaften
unterscheiden, werden beide von Chemikern in der Umgangssprache nur "EDTA"
genannt.
Das Dinatriumsalz komplexiert viele Metallionen, insbesondere zweiwertige
Ionen wie
EDTA kann sechs koordinative Bindungen ausbilden, was einer oktaedrischen
Koordination des Metallions entspricht. Vier Bindungen kommen durch die
Carboxy-Gruppen zustande, zwei durch die freien Elektronenpaare der Stickstoffatome.
EDTA reagiert im Verhältnis 1:1 mit den Metallionen.
Ethylendiamin (1,2-Diaminoethan, "en")
1,2-Diaminoethan (Ethylendiamin)
ist ein einfacher zweizähniger organischer Komplexbildner. Es ist
der einfachste Brückenligand, der einen energiearmen Fünfring
bildet. Mit vielen Metallionen reagiert Ethylendiamin im Verhältnis
2:1, z. B. mit Kupfer (Bild 4). Tritt es als Ligand bei Komplexen mit
höheren Koordinationszahlen auf, treten oftmals nur zwei Moleküle
"en" pro Metallion in den Komplex ein, weitere freie Bindungsstellen
werden durch Wasser oder andere Liganden besetzt, z. B.
(Bild 4). Derartige Komplexe sind chiral und optisch aktiv.
Diacetyldioxim (2,3-Butandiondioxim,
Dimethylglyoxim, "Glyoxim")
Diacetyldioxim ist ein
sehr nützlicher Chelatbildner, denn viele seiner Komplexe haben eine
charakteristische Eigenfärbung und dienen daher zum qualitativen
und quantitativen Nachweis von Metallionen. Bestes Beispiel ist das rotgefärbte
Bis(diacetylglyoximato)nickel(II) (Nickeldimethylglyoxim, Bild 5), welches
noch in einer Verdünnung von
nachweisbar ist. Als Komplex mit Diacetyldioxim lassen sich u. a.
quantitativ durch fotometrische Bestimmung sehr gut nachweisen.
Komplexe
Metallionen können auch durch die Kohlenstoff
Elektronen
ungesättigter oder aromatischer Verbindungen komplexiert werden,
sodass
Komplexe
entstehen. Hierbei entsteht die Bindung zwischen den Komplexbestandteilen
durch die Überlappung der
Elektronenorbitale
des Aromaten mit den leeren Orbitalen des Zentralions. Ferrocen
(Bis (
cyclopentadienyl)eisen(II),
Bild 6) ist der bekannteste Vertreter dieser aromatischen
Komplexe,
welche auch als Sandwich-Verbindungen bezeichnet werden. Ferrocen und
andere
Komplexe
werden als Katalysatoren, z. B. zur Herstellung von Kunststoffen, verwendet.
Wichtige natürliche Komplexe
Drei in der Natur vorkommende Komplexe mit außerordentlicher Bedeutung
sind Hämoglobin, Chlorophyll (Blattgrün) und Vitamin B12 (Bild
7). Hämoglobin ist
der rote Blutfarbstoff und wesentlich für die Atmung. Es transportiert
Sauerstoff von der Lunge zu den Muskeln und anderen Geweben, die Sauerstoff
benötigen, und von dort Kohlenstoffdioxid zur Lunge, wo es ausgeschieden
wird.
Chlorophyll ist für die
grüne Farbe von Pflanzen verantwortlich und ermöglicht die Fotosynthese,
bei der unter Einwirkung von Sonnenlicht Kohlenstoffdioxid und Wasser
in Kohlenhydrate und Sauerstoff umgewandelt werden.
Vitamin B12 (Cyanocobalamin) ist für die Entwicklung der roten Blutkörperchen
(Erythrocyten) notwendig, außerdem für die Funktion des Nervensystems.
Es kommt in Leber, aber auch in anderen tierischen Produkten wie Eiern,
Fleisch oder Milch vor. Pflanzen enthalten praktisch kein Vitamin B12,
weshalb insbesondere Vegetarier durch Vitamin-B12-Mangel gefährdet
sind.
Viele Blütenfarbstoffe sind ebenfalls
Komplexverbindungen.
Anwendungsgebiete von organischen
Liganden
Das große Anwendungsspektrum organischer Chelatbildner ergibt sich
daraus, dass die gebildeten Chelatkomplexe sehr hohe Stabilitätskonstanten
aufweisen, also sehr effektiv Metallionen gebunden werden.
In der chemischen Analytik (Komplexometrie) dienen Chelatliganden zur
quantitativen Analyse von Metallionen. Aufgrund der hohen Molmassen der
Liganden lassen sich entstehende Komplexe gravimetrisch leicht bestimmen.
Da viele Komplexe farbig sind, kann eine Auswertung auch fotometrisch
erfolgen.
Weitere Anwendungsmöglichkeiten gibt es in der Nahrungsmittelindustrie,
zur Wasserbehandlung (Metallionen-Entfernung), zur Entgiftung bei Schwermetallvergiftungen,
zur Maskierung von Metallionen und bei der Herstellung von Kosmetika und
Seifen. Ebenso werden organische Komplexbildner beim schonenden Beizen
von Metalloberflächen, zur Herstellung von Farblacken (z. B. Alizarin
S) und in der Bioanalytik als Nachweisreagenzien für Kohlenhydrate
(Benedict-Probe) und Peptide (Biuret-Reaktion) verwendet.