




In der anorganischen Chemie unterscheidet man die Reaktionen danach,
welche Teilchen zwischen den Ausgangsstoffen ausgetauscht werden (Bild
2):
So sind Redoxreaktionen chemische Reaktionen mit Elektronenübergang.
Bei Säure-Base-Reaktionen werden Protonen zwischen den Reaktionspartnern
ausgetauscht. Bei Fällungsreaktionen und Reaktionen von Komplexverbindungen
sind die ausgetauschten Teilchen Ionen oder Moleküle.
Bei organischen Reaktionen werden fast immer eine oder mehrere Atombindungen bei den Ausgangsstoffen gespalten und dafür neue Atombindungen bei den Reaktionsprodukten gebildet. Dabei finden oft Elektronenübergänge statt, sodass viele Reaktionen formal Redoxreaktionen sind. Andere Bindungsarten als die Atombindung (z. B. die Ionenbeziehung) spielen in der Organik nur eine untergeordnete Rolle. Es ist daher zweckmäßig, die Vielzahl organischer Reaktionen nach anderen Gesichtspunkten zu unterteilen als die anorganischen Reaktionen.
In der Organik ist vor allem die Änderung des Bindungszustandes der Kohlenstoffatome von Interesse, d. h. hauptsächlich die Anzahl der Atombindungen bzw. Bindungspartner vor und nach der Reaktion. Danach unterscheidet man zwischen Additions-, Substitutions- und Eliminierungsreaktionen (Bild 3). Außerdem ordnet man als Redoxreaktionen vor allem solche Prozesse ein, bei denen Elektronenübergänge an funktionellen Gruppen stattfinden. Die Grenze zwischen Redoxreaktionen und den anderen Reaktionstypen ist jedoch nicht streng definiert.
Substitution
Bei einer Substitution werden
Atome oder Atomgruppen zwischen den Ausgangsstoffen ausgetauscht. Die
Anzahl der Einfach- und Mehrfachbindungen an den Kohlenstoffatomen bleibt
dabei gleich.
Meist entstehen aus zwei Ausgangsstoffen zwei Reaktionsprodukte. Substitutionsreaktionen
treten oft bei organischen Stoffen mit Einfachbindungen auf. Es sind also
bevorzugte Reaktionen gesättigter Kohlenwasserstoffe wie Alkane oder
Halogenalkane. Aber auch aromatische organische Verbindungen wie Benzen
oder Phenol gehen vielfach Substitutionsreaktionen ein.
Bei der Halogenierung als Substitution werden Wasserstoffatome gesättigter
Kohlenwasserstoffe durch Halogenatome ersetzt.

Kondensationen sind
Sonderfälle der Substitution, bei denen kleine Moleküle (oft
Wasser) aus organischen Verbindungen abgespalten werden. Ein typisches
Beispiel ist die Veresterung von Carbonsäuren. (Hinweis: Streng wissenschaftlich
betrachtet findet die Veresterung in mehreren Schritten statt und wird
nur formal als Substitutionsreaktion eingestuft.)
Die vielfache Wiederholung der Kondensation nennt man Polykondensation.
Dadurch entstehen Polykondensate wie Polyester. Diese sind makromolekulare
Stoffe, die als Kunststoffe Anwendung finden.

Addition
Die Addition ist eine Art der
chemischen Reaktion, bei der ein kleineres Molekül an die Doppel-
oder Dreifachbindung eines ungesättigten Moleküls angelagert
wird. Die Mehrfachbindung wird gespalten und zwei neue Einfachbindungen
gebildet. Bei einer Addition entsteht in der Regel kein Nebenprodukt.
Additionen sind die bevorzugten Reaktionen ungesättigter, kettenförmiger
Kohlenwasserstoffe. Gesättigte organische Verbindungen verfügen
nicht über Mehrfachbindungen und können daher keine Additionsreaktionen
eingehen.
Die Hydrierung ist eine Additionsreaktion,
bei der unter Anwesenheit von Katalysatoren Wasserstoff an die Mehrfachbindung
angelagert wird. Die Halogenierung als Addition
ist dagegen die Anlagerung von Elementen der VII. Hauptgruppe an ungesättigte
organische Verbindungen (Bild 4). In beiden Fällen verändern
sich die Oxidationszahlen der Kohlenstoffatome, sodass es sich formal
auch um Redoxreaktionen handelt.

Bei der Hydrohalogenierung werden Halogenwasserstoffe addiert, bei der
Hydratisierung Wasser. Beide Additionen sind keine Redoxreaktionen.

Polyadditionen und Polymerisationen sind Sonderfälle der Addition,
bei denen ungesättigte Verbindungen durch vielfache Wiederholung
von Additionsreaktionen zu Makromolekülen reagieren. Beide Reaktionen
spielen bei der Herstellung von Kunstoffen eine wichtige Rolle (Bild 5).
Bei der Polymerisation entsteht das Makromolekül (Polymer) aus niedrigmolekularen
ungesättigten Molekülen, die man Monomere nennt. Polymerisationsreaktionen
verlaufen in drei Teilschritten:

Eliminierung
Die Eliminierung ist eine
chemische Reaktion, bei der Atome oder Atomgruppen aus Molekülen
abgespalten werden. Dabei wird an zwei benachbarten Kohlenstoffatomen
je ein gebundenes Atom oder eine Atomgruppe entfernt und eine Mehrfachbindung
ausgebildet. Die Eliminierung ist die Rückreaktion der Addition.
Hauptsächlich Alkane, Halogenalkane und Alkohole können Eliminierungen
eingehen, ungesättigte Kohlenwasserstoffe und Aromaten dagegen nicht.
Eliminierungen spielen eine wichtige Rolle in der technischen Synthesechemie.
Je nach Art des abgespaltenen Moleküls unterscheidet man zwischen
Dehydrierung, Dehydratisierung und Dehydrohalogenierung. Bei der Dehydrierung
wird Wasserstoff (nicht Wasser !!!) abgegeben, bei der Dehydratisierung
Wasser und bei der Dehydrohalogenierung Halogenwasserstoff.

Redoxreaktionen
Einige Reaktionen organischer Verbindungen lassen sich nicht so einfach
in das Schema der Additions-, Substitutions- und Eliminierungsreaktionen
einordnen. Dazu zählen z. B. die Reaktionen mit Sauerstoff wie die
Verbrennung von Kohlenwasserstoffen. Die Verbrennung ist die klassische
Oxidation (Redoxreaktion im engeren Sinn) und wird auch in der Organik
als Redoxreaktion bezeichnet.
Die stark exotherme Reaktion findet bei der Verbrennung von Kraftstoffen
und Heizgasen statt und bildet die Grundlage für die Gewinnung von
Wärme (Öl- und Gasheizung) sowie die Fortbewegung der Menschheit
mit Kraftfahrzeugen oder Flugzeugen.

Auch einige Reaktionen an funktionellen Gruppen sind keine klassischen
Additions- oder Substitutionsreaktionen. So lässt sich z. B. die
Hydrierung von Nitroverbindungen nur als Redoxreaktion einordnen. Aber
auch Aldehyde, Alkohole und Carbonsäuren unterliegen Redoxreaktionen,
bei denen die funktionelle Gruppe oxidiert bzw. reduziert wird.

Redoxreaktionen finden insbesondere beim Nachweis funktioneller Gruppen
in organischen Verbindungen Anwendung. Viele Farbreaktionen z. B. die Reduktion
von Cu(II) in fehlingscher Lösung zu Cu(I) oder von Ag(I) in ammoniakalischer
Silbernitratlösung zu metallischem Silber beruhen auf Redoxreaktionen
(Bild 6).