

Fließt durch eine Elektrode ein elektrischer Strom, dann verändert sich auch das Elektrodenpotenzial dieser Elektrode. Fließt z. B. ein positiver (anodischer) Strom durch die Elektrode, so tritt eine positive Abweichung zum Elektrodenpotenzial im stromlosen Zustand auf. Wird dagegen die Elektrode von einem negativen (katodischen) Strom durchflossen, treten negative Abweichungen auf. Dies hat seine Ursachen in dem Auftreten von verschiedenen Arten von Überspannungen.
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Die Differenz zwischen dem Potenzial einer Elektrode
bei Stromfluss und dem Gleichgewichtselektrodenpotenzial bezeichnet
man als Überspannung
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statt. Die Zersetzungsspannung
muss größer sein als die theoretisch aus den Standardelektrodenpotenzialen
errechnete Spannung
.
So berechnet sich die Überspannung aus: 
Die Elektrodenreaktionen laufen in Teilschritten ab. Betrachtet man z. B.
die katodische Abscheidung eines Silber-Ions an einer metallischen Elektrode,
so kann man folgende Teilvorgänge formulieren:
Ist einer dieser Vorgänge besonders langsam, so bestimmt dessen Geschwindigkeit die Gesamtgeschwindigkeit der Elektrodenreaktion. Diese kinetischen Hemmungen der Elektrodenreaktion haben ihre Ursachen in den verschiedensten Arten der Teilreaktionen und dementsprechend unterscheidet man folgende Arten von Überspannungen:


Darüber hinaus ist die Überspannung abhängig vom Elektrodenmaterial und dessen Oberflächenbeschaffenheit. Beispielsweise ist die Überspannung für die Abscheidung von Wasserstoff an sogenanntem platinierten Platin, d. h. Platin, das mit feinverteiltem Platin bedeckt ist, nur 0,02 V, an Quecksilber hingegen beträgt sie 1,0 bis 1,2 V.
Überspannung ist ein teures ökonomisches
Problem bei fast allen technischen Elektrolyten. Durch die Überspannung
ist der Energieverbrauch wesentlich höher als der, der sich theoretisch
aus den Standardpotenzialen ergibt. Beim Membranverfahren der Chloralkali-Elektrolyse
beträgt die Differenz der Standardpotenziale 2,07 V
.
Der zusätzliche Effekt durch die Überspannung jedoch benötigt
mindestens 1,0 V. Das heißt, dass etwa 33 % der aufgewendeten Elektroenergie
nur durch die Überspannung verbraucht werden. Auf der anderen Seite
nutzt man beim Amalgamverfahren (Bild 1) den Effekt der Überspannung
aus. Dadurch, dass Wasserstoff an der Amalgamelektrode eine hohe Überspannung
hat, scheidet sich dort nicht Wasserstoff, sondern Natrium ab.
Betrachten wir die möglichen Elektrodenvorgänge bei der Chlor-Alkali-Elektrolyse etwas genauer und berücksichtigen dabei, dass immer die Elektrodenreaktion mit dem kleinsten Abscheidepotenzial abläuft::
1. Katode:
Elektrolysiert man eine wässrige Lösung von Natriumchlorid,
so können an der Katode theoretisch Wasserstoff oder Natrium abgeschieden
werden.
Das Standardredoxpotenzial für die Wasserstoffabscheidung ist weniger
negativ als das für die Abscheidung von Natrium, daher sollte in
wässriger Lösung unabhängig vom pH-Wert Wasserstoff gebildet
werden (Gleichungen 1 bzw. 2).

Beim Diaphragma- und dem Membranverfahren (Bild 2) verwendet man eine
Eisenkatode, an der die Überspannung von Wasserstoff einen Wert von
0,4-0,8 V hat. Hier wird gemäß Gleichung 1 bzw. 2 Wasserstoff
abgeschieden.
Beim Amalgam-Verfahren hingegen wird als Katodenmaterial Quecksilber eingesetzt.
Durch die hohe Überspannung, die hier auftritt, wird das Potenzial
für die Wasserstoffabscheidung sehr stark negativ verschoben und
die Wasserstoffbildung somit erschwert.
Hinzu kommt, dass sich, wenn Natrium an Quecksilber abgeschieden wird,
eine Legierung bildet, das Natriumamalgam. Dadurch wird zusätzlich
das Potenzial für die Natriumabscheidung positiv verschoben:

Insgesamt ist folglich das Potenzial für die Abscheidung von Natrium an Quecksilber positiver als für die Wasserstoffabscheidung, sodass beim Amalgamverfahren Natriumamalgam gebildet wird.
2. Anode:
Betrachtet man die möglichen Prozesse an der Anode, so können
dort theoretisch Sauerstoff oder Chlor abgeschieden werden.

Die Redoxpotenziale für Reaktion (6), die den Bedingungen bei der
Elektrolyse entspricht, und für Reaktion (8) sind nahezu gleich.
Damit sollten sowohl Chlor als auch Sauerstoff nebeneinander gebildet
werden. Das Abscheidepotenzial für Sauerstoff wird aber durch Überspannungseffekte
stärker ins Positive verschoben, als das bei Chlor der Fall ist.
So betragen z. B. die praktischen Abscheidepotenziale an einer Grafitelektrode
für Sauerstoff 1,91 V und für Chlor 1,68 V. Daher wird in der
Praxis bei der Elektrolyse Chlor abgeschieden, das je nach Verfahren bis
zu 2 % Sauerstoff als Verunreinigung enthalten kann. Für besondere
Anwendungen muss dieses Produktgemisch einer speziellen Chlorreinigung
unterzogen werden.