Der deutsche Schriftsteller ALFRED ANDERSCH gilt als einer der Hauptvertreter der sogenannten Trümmerliteratur und als bedeutender Literaturförderer der Nachkriegszeit. Er war ein Gründungsmitglied der "Gruppe 47". Er schrieb Romane, Erzählungen, Hörspiele, Reiseberichte, Lyrik und Essays.
Lebensgeschichte
Die Lebensgeschichte
von ALFRED ANDERSCH war geprägt von seinen Erlebnissen im Zweiten
Weltkrieg und von der Nachkriegszeit. Er wurde am 4. Februar 1914 in München
als Sohn eines Kaufmanns und Versicherungsvertreters geboren. Er wuchs
in kleinbürgerlichen Verhältnissen auf. 1928 verließ er
das Gymnasium in Wittelsbach nach der Untertertia und begann eine Buchhändlerlehre.
In den Jahren 1931 bis 1933 spürte er die Weltwirtschaftskrise
am eigenen Leib und war arbeitslos. Er engagierte sich politisch als Organisationsleiter
im kommunistischen Jugendverband in Südbayern. 1933 verbüßte
er für sein politisches Engagement eine mehrmonatige Haft im KZ
Dachau. Nach seiner Entlassung entfernte er sich zunehmend von der
KPD.
Im Jahre 1937 arbeitete ANDERSCH als Werbetexter
in einer Fotopapierfabrik in Hamburg. Ungefähr in dieser Zeit begann
er professionell zu schreiben.
Von 1940 bis 1944 leistete er Kriegsdienst. 1944 desertierte er in Italien
und wurde nach der Gefangennahme durch die Amerikaner in einem amerikanischen
Umerziehungslager interniert.
Nach Beendigung des Krieges war er 1945 bis 1946 Redaktionsassistent
ERICH KÄSTNERs bei der "Neuen
Münchner Zeitung".
Zusammen mit HANS WERNER RICHTER gab er in den Jahren 1946/47 die Zeitschrift „Der Ruf - Blätter für deutsche Kriegsgefangene“
heraus. Er war Gründungsmitglied der "Gruppe
47", einem lockeren Zusammenschluss junger Autoren der Nachkriegszeit,
die sich von literarischen Traditionen lösen und das Schreiben praktisch
neu erlernen wollten. Ziel war, die von den Nationalsozialisten verdorbene
Sprache zu "reinigen" ("Kahlschlag")
und mit einer neuen Literatur und einer neuen Sprache ganz von vorn anzufangen
("Stunde null").
Seit 1948 leitete ANDERSCH als Rundfunkredakteur
das Abendstudio des Senders Frankfurt, später wechselte er zum Süddeutschen
Rundfunk. Mit seiner Arbeit trug er dazu bei, der deutschen Nachkriegsliteratur
ein breites Forum zu verschaffen. Von 1955 bis 1957 war er Herausgeber
der Zeitschrift „Texte
und Zeichen“. Aus Protest gegen die politischen, gesellschaftlichen
und kulturellen Entwicklungen in der Bundesrepublik siedelte er 1958 in
die Schweiz über und nahm 1972 die Schweizer Staatsbürgerschaft
an. In den Sechziger- und Siebzigerjahren unternahm er verschiedene Reisen,
so nach Berlin, Rom, Mexiko, Spanien und Portugal. Eine Nierentransplantation
veränderte 1977 sein Leben stark. Es wurde ruhig um ihn.
Am 21. Februar 1980 starb er in Berzona bei Locarno (Tessin), wo er seit
1958 lebte.
Literarisches Schaffen
Das literarische Schaffen
von ANDERSCH war sehr vielgestaltig. Er bevorzugte eine stilistische Mischung
von einfachen Erzählhaltungen und experimentellen Formen. Neben Romanen
schrieb er Hörspiele, Essays, Erzählungen, Reisebeschreibungen,
Drehbücher und Gedichte.
ANDERSCH gilt als einer der Hauptvertreter der deutschen Trümmerliteratur
(Kahlschlagliteratur),
einer Literatur, deren Texte sich mit der Rückkehr aus dem Krieg
und den zerstörten Verhältnissen der Nachkriegszeit beschäftigte.
Er wirkte zudem als bedeutender Literaturförderer
der Nachkriegszeit. Er ermöglichte es den Vertretern der europäischen
Moderne und der deutschen Nachkriegsliteratur, ihre Werke in der Literaturreihe
"studio frankfurt" (1952-1953)
und in der Zeitschrift "Texte
und Zeichen" (1955-1957) zu publizieren. Seine
Ansicht, dass Literatur politisch wirksam sei, dass jede Literatur in
sich Widerstand sei, sobald sie Dichtung ist, legte er in dem Essay "Deutsche
Literatur in der Entscheidung" (1948) nieder. Von dieser Vorstellung
rückte er erst im Alter ab.
In „Die
Kirschen der Freiheit“ (1952), einem autobiografischen Bericht
um seine Desertion im Krieg, und in dem Roman „Sansibar
oder der letzte Grund“ (1957) widmete sich ANDERSCH dem Thema
Freiheit unter verschiedenen Aspekten. Während in ersterem Werk Freiheit
im Sinne des Wunsches nach seelischer Lebendigkeit betrachtet wird, geht
es in letzterem um politische und existenzielle Freiheit. Um Freiheit
und Entscheidungsmöglichkeiten geht es auch in dem Roman „Die
Rote“ (1960).
Immer wieder beschäftigte sich ANDERSCH mit Themen, deren Ursprünge
politischer, gesellschaftskritischer und/oder autobiografischer Natur
waren. Der Roman „Efraim“
(1967) beschreibt die Suche eines jüdischen Journalisten nach seinen
Wurzeln in Berlin zur Zeit der Kubakrise, der Roman „Winterspelt“ (1974) - ein Höhepunkt der deutschen
Antikriegsdichtung – die Kapitulation eines deutschen Bataillons zum Ende
des Zweiten Weltkrieges. Die Erzählung
"Der Vater eines Mörders. Eine Schulgeschichte"
(1980) - die letzte der Erzählungen von ANDERSCH -
trägt wieder autobiografische Züge.
Für seine literarischen Leistungen wurden ANDERSCH verschiedene Preise
verliehen, so
Werke
Zu ALFRED ANDERSCHs Werken zählen:
Deutsche Literatur in der Entscheidung (1948, Essay)
Die Kirschen der Freiheit (1952, autobiografischer Bericht)
Sansibar oder der letzte Grund (1957, Roman)
Piazza San Gaetano (1957, Erzählung)
Geister und Leute (1958, Erzählung)
Fahrerflucht (1958, Hörspiel)
Die Rote (1960, Roman)
Flucht in Etrurien (1961, Erzählung)
Wanderungen im Norden (1962, Reiseschilderung)
Ein Liebhaber des Halbschattens (1963, Erzählung)
Sämtliche Erzählungen (1963, Erzählung)
Die Blindheit des Kunstwerkes (1965, Essay)
Aus einem römischen Winter (1966, Reiseschilderung)
Efraim (1967, Roman)
Hohe Breitengrade oder Nachrichten von der Grenze (1969, Reiseschilderung)
Mein Verschwinden in Providence (1971, Erzählungen)
Norden Süden rechts und links. Von Reisen und Büchern. 1951-71 (1972, Reiseschilderung)
Winterspelt (1974, Roman)
Empört euch, der Himmel ist blau (1977, Lyrik)
Weltreise auf deutsche Art (1977, Reiseschilderung)
Der Vater eines Mörders. Eine Schulgeschichte (1980, Erzählung)
Erinnerte Gestalten. Frühe Erzählungen (1986, Erzählung)