









Bund proletarisch-revolutionärer
Schriftsteller und Parteiliteratur
Zunehmend ordnete die KPD ab 1920 die Literatur dem Klassenkampf-Gedanken
unter, bei dem der Kampf des Proletariats (Arbeiterklasse) gegen die Klasse
der Kapitalisten zur Hauptstrategie erklärt wurde. Ziel dieses Klassenkampfes
sollte die proletarische (Welt-)Revolution sein, dh., die Übernahme
der staatlichen Macht durch das Proletariat. Jedes Mitglied der KPD sollte
dieser Leitlinie folgen. Je stärker nach LENINs Tod (1924) STALINs
Kommunismus-Auffassungen auch in Deutschland griffen, spätestens
seit dem Vorsitz ERNST THÄLMANNs (1925) wurde dessen Pragmatismus
innerhalb der KPD umgesetzt.
1924 gründeten KPD-Mitglieder die "Organisation der Arbeiterkorrespondenten", die 1928 in dem "Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller" (BPRS) aufging. Ihm gehörten u. a. an:
Der BPRS verfolgte u. a. das Ziel, den Klassenkampfgedanken in die Arbeiterklasse zu tragen.
"Die Linkskurve"
Organ des BPRS wurde 1929 "Die
Linkskurve", die eher eine politische Zeitung mit literarischen
Texten als eine rein literarische Zeitschrift war. Ende 1932 stellte sie
ihr Erscheinen ein.
Einige der BPRS-Gründer hatten bereits Funktionen innerhalb der KPD
inne. ALEXANDER ABUSCH und WILLI MÜNZENBERG waren ZK-Mitglieder der KPD.
WILLI BREDEL war Chefredakteur einer KPD-Zeitung.
Die bedeutendsten Schriftsteller des Bundes kamen jedoch nicht aus dem
Proletariat, sondern aus dem Bürgertum. LUDWIG RENN (eigentlich ARNOLD
FRIEDRICH VIETH VON GOLSSENAU) entstammte sogar dem Adel. ANNA SEGHERS
stammte aus einem begüterten Hause. Ihre frühe Erzählungen
"Grubetsch" (1927) und "Die Ziegler" (1927), schildern
bereits die Not des Proletariats vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise.1928
erschien ihr erstes Buch, "Aufstand der Fischer von St.Barbara",
wofür ihr (mit "Grubetsch") der Kleist-Preis verliehen
wurde.
Bezeichnend für die Haltung der Autoren des BPRS ist die Rede FRIEDRICH WOLFs "Kunst ist Waffe" (1928), in der er Literatur auch als Mittel der politischen Auseinandersetzung auffasste (In seinen Stücken "Cyankali. § 218", 1929, und "Die Matrosen von Cattaro", 1930, setzte WOLF seine theoretischen Überlegungen um).
VI. Weltkongress der Kommunistischen
Internationale
Nach dem VI. Weltkongress der Kommunistischen Internationale (KOMINTERN),
der Juli/August 1928 stattfand, war eine Zusammenarbeit mit linksbürgerlichen
und sozialdemokratischen Autoren nicht mehr möglich. Stattdessen
wurde der proletarische Schriftsteller zum Parteiarbeiter.
In der "Linkskurve" heißt es dazu: der
"einzig mögliche Platz für den Schriftsteller, ... (ist) die Kommunistische Partei. Steuert er nicht zu ihr, dann wandert er ins Vergangene, ins Abgestorbene, ins Zerfallene".
(In: Die Linkskurve, Jg. 1 [1929], H. 3, S. 3, S. 29)
Zwar ging der Gedanke der „Parteiliteratur“ ursprünglich auf LENIN zurück, jedoch bewirkte die zunehmende Stalinisierung der KPD, dass der Führungsanspruch der Partei zum Götzen erhoben wurde ("Die Partei hat immer recht").
Auch die Sozialfaschismus-Theorie (Sozialdemokraten als Steigbügelhalter des Faschismus) bzw. ihr sozialdemokratisches
Pendant (KPD als Kollaborateur des Nationalsozialismus) erschwerten ein
Zusammengehen zwischen kommunistischen und sozialdemokratischen Autoren.
ERICH WEINERT
ERICH WEINERT, aus dem Bürgertum
stammend, absolvierte eine Schlosser- und Dreherlehre und war in den Zwanzigerjahren Mitarbeiter u. a. an der "Weltbühne", beim "Simplizissimus"
und beim "Eulenspiegel". Er widmete sich vor allem satirischer
Lyrik. Von ihm stammt das in den 1920er-Jahren sehr populäre "Lied vom roten Wedding".
WEINERT arbeitete zunächst im Leipziger Kabarett "Retorte"
(1922), 1923 im Berliner Kabarett "KüKa" (Künstler-Kabarett)
sowie mit seinem Verleger LEON HIRSCH am Kabarett "Die Wespen",
dort u. a. mit ERICH KÄSTNER zusammen. Vor Tausenden von Zuschauern
trat er im Sportpalast auf. Sein Einfluss erschien den Richtern der Weimarer
Republik so mächtig, dass er Redeverbot erhielt. Neben satirischen
Gedichten verfasste Weinert agitatorische Lyrik ("An einen deutschen
Arbeiterjungen").
Staatliche Regression und Zensur
Staatliche Regression
und Zensur: Nach der Ermordung des deutschen Außenministers
WALTHER RATHENAU wurde 1922 das "Gesetz zum Schutz der Republik"
erlassen, das sich zwar gegen die nationale Rechte richtete, jedoch de
facto gegen liberale, linksbürgerliche, sozialistische und kommunistische
Schriftsteller angewendet wurde. Angewendet wurde das Gesetz u. a. gegen
"Die Mutter" und "Die Heilige Johanna der Schlachthöfe"
von BERTOLT BRECHT, aber auch die Autoren selbst wurden gemaßregelt.
WILLI BREDEL (1901-1965) der aus einer Hamburger Arbeiterfamilie
stammte und seine Teilnahme am Hamburger Aufstand 1923 in "Maschinenfabrik
N. & K. - Roman aus dem proletarischen Alltag" (1930) schilderte,
wurde 1930 wegen angeblicher Vorbereitung von Hoch- und Landesverrat zu
zwei Jahren Festungshaft verurteilt.
Auch den Chefredakteur der "Weltbühne" CARL VON OSSIETZKY
(1889-1938) ereilte nach einer Verschärfung der Pressegesetze
in der sogenannten "Pressenotverordnung" 1931 ein ähnliches
Schicksal. Er wurde wegen angeblichen "Verrats militärischer
Geheimnisse" zu 18 Monaten Haft verurteilt. ERNST TOLLER verbüßte
von 1919 bis 1924 eine Gefängnisstrafe wegen seiner Teilnahme an
der Münchener Räterepublik.
Die Arbeiterreportage
Arbeiterreportage: In
den Zwanzigerjahren gab es eine Vielzahl periodisch erscheinender Zeitschriften.
Linksbürgerliche Periodika waren die "Schaubühne",
die spätere "Die Weltbühne" von SIEGFRIED JACOBSOHN
(1881-1926) bzw. CARL VON OSSIETZKY (vgl. PDF 1, PDF 4). KURT TUCHOLSKY schrieb u. a.
als PETER PANTER in der seit 1928 erschienen sowohl für "Die
Weltbühne" als auch für das neue Blatt "Tempo".
WILLI MÜNZENBERG (1889-1940) gab die "Arbeiter-Illustrierte-Zeitung" (AIZ) heraus. In wenigen Jahren gründete er relativ unabhänig
von der kommunistischen Parteipresse mehrere Tages- und Wochenzeitungen,
u. a. „Welt am Abend“ und "Berlin am Morgen".
ERICH MÜHSAM, KURT HILLER, ALFONS GOLDSCHMIDT, ERNST TOLLER, F(RANZ)
C(ARL) WEISKOPF (1900-1955) und JOHANNES R. BECHER schrieben für
das Blatt Beiträge. Die genannten Autoren hatten bereits als Schriftsteller
für Aufmerksamkeit gesorgt und versuchten sich nun im Bereich des
Journalismus. Gerade bei der Mitarbeit am "Berlin am Morgen"
ging es um Vermittlung zwischen Arbeiterbewegung und linksbürgerlichen
Intellektuellen.
Das Organ der KPD war "Die Rote Fahne". Der Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller nannte seine Zeitung "Die Linkskurve". Das Genre der Reportage diente innerhalb der KPD vor allem dem Aufdecken von Missständen und der Dokumentation von politischen Geschehnissen.
EGON ERWIN KISCH
Der Sohn eines Tuchhändlers EGON
ERWIN KISCH (1885-1948) wurde wie RILKE und KAFKA in Prag geboren.
Er gilt als Schöpfer und Meister der literarischen Reportage. Seine
Reisen führten ihn nach Afrika, China, Australien, in die USA und
die Sowjetunion. Der Buchtitel "Der
rasende Reporter" wurde zum Synonym für ihn selbt. Anfänglich
der Überzeugung, Reportagen müssten sich als neutrale Tatsachenberichte
verstehen, entwickelte KISCH mehr und mehr eine Reportage als revolutionäres
Kampfmittel. Anfänglich schrieb er erfolgreich für die "Arbeiter-Illustrierte-Zeitung".
Als Journalisten versuchten sich auch andere Mitglieder des BPRS:
Welch einen Stellenwert die Arbeiterreportage hatte, wird im folgenden Zitat aus der "Linkskurve" deutlich:
"Ein ungelenker Bericht über einen Streik für die Betriebszeitung kann für den Klassenkampf nützlicher sein als ein Meisterwerk der proletarischen Literatur."
(In: Die Linkskurve. Jg. 2, H. 3, S. 11 f.) .
Die Tradition der Arbeiterliteratur wurde in der DDR mit der durch OTTO GOTSCHE (1904-1985) angeregten "Bitterfelder Konferenz" und dem sich daraus entwickelnden "Bitterfelder Weg" und in der BRD mit der "Gruppe 61" (MAX VON DER GRÜN) und dem daraus hervorgegangenen "Werkkreis Literatur der Arbeitswelt" (GÜNTER WALLRAFF) fortgesetzt.
