Deutschland und die Spaltung der Literatur
Die Spaltung der Literatur
in eine ostdeutsche Literatur und die deutschsprachígen Literaturen der Bundesrepublik, der Schwioz und Österreichs hängt unmittelbar
zusammen mit der Spaltung Deutschlands nach 1945. Von der Aufteilung des Landes
in vier Besatzungszonen war auch der kulturelle Austausch zwischen den
Kulturträgern in den Besatzungszonen berührt. Zwar wurde auch Österreich in vier Besatzungszonen aufgeteilt, doch hier wirkte sich diese Spaltung nicht aus, da das Land ztunächst als staatliche Einheit wiederhergestellt worden war und auch weiterhin eine wirtschaftliche Einheit bildete.
Die Schriftstellerübernahmen nach 1945 sofort kulturpolitische Aufgaben, jedoch ihr Einfluss war auf die politischen und wirtschaftlichen Zonengrenzen beschränkt.
Der I. Schriftstellerkongress
Der I. Schriftstellerkongress
- einberufen mit ausdrücklicher Billigung der Sowjetischen Militäradministration
(SMAD) - hatte HEINRICH MANN als
Ehrenpräsidenten und RICARDA HUCH
als Alterspräsidentin. Der Kongress fand vom 4. bis 8. Oktober 1947
in Berlin statt und blieb bis 1989 der letzte gesamtdeutsche. Bereits
während und nach der Potsdamer Tagung und mit dem Abschluss des Potsdamer
Abkommens waren zwischen den Besatzungsmächten ideologische
Differenzen aufgetreten, die schließlich in den sogenannten Kalten
Krieg führten. Und so nimmt es nicht wunder, wenn auf dem
Schriftstellerkongress unterschiedliche Standpunkte zur weiteren Perspektive
Deutschlands vertreten wurden.
Auseinandersetzungen zwischen Ost
und West
Es begannen die Auseinandersetzungen
zwischen Ost und West. Auch unter den Autoren war die auseinanderstrebende Entwicklung der literarischen wie politischen Konzepte immer
offensichtlicher. Die Initiatoren verfolgten deshalb das Ziel, der offensichtlichen
Frontenbildung zu begegnen und den politisch motivierten Meinungsverschiedenheiten
ein überparteiliches "Parlament
des Geistes" entgegenzusetzen. Autoren, die vor 1945 das Land
verlassen hatten, und jene, die im Land geblieben waren, sollten zusammengeführt
werden: "Schriftsteller ..., die, sei es in der
Heimat, sei es in der Emigration, die Reinheit und Würde der deutschen
Literatur gewahrt haben" lautete die kompromisshafte Formel.
Über 300 Autoren aus allen Besatzungszonen waren dem Ruf der Initiatoren
nach Berlin gefolgt. Die Resonanz war also sehr groß.
Die beiden Hauptthemen
des Kongresses lauteten:
Einig waren sich die Anwesenden in
der Ablehnung des Nazismus, uneinig
darin, mit welchen literarischen Mitteln dies geschehen sollte.
Hier wurden die Unterschiede zwischen politisch engagierten Autoren aus
dem Umfeld des Kulturbundes und der kommunistischen Bewegung auf der einen
und demokratisch-humanistisch gesinnten, aber sich selbst als unpolitisch
verstehenden Autoren auf der anderen Seite offenbar.
Die zentrale Rede hielt JOHANNES
R. BECHER. Er appellierte noch an die Einheit Deutschlands und
die Einheit deutscher Kultur. Es sei "verwerflich,
Osten und Westen einander gegenüberzustellen", betonte
er in seiner Rede.
ANNA SEGHERS hob hervor, dass die "geistige
Freiheit ... vielleicht das Teuerste für den Schriftsteller"
sei.
HANS MAYER (1907-2001) betonte,
dass der Schriftsteller nicht mehr wie früher seine "schrankenlose
Freiheit" in der Entscheidung zwischen beliebigen Weltanschauungen
habe. Für ihn bestehe die Wahl zwischen einem katholischen Standpunkt,
einem sozialistischen Humanismus, dem Erbe eines bürgerlichen Humanismus,
Resten eines neoliberalen Standpunktes und dem Existenzialismus. Eine
Entscheidung dafür oder dagegen müsse der Schriftsteller davon
abhängig machen, inwieweit der jeweilige Standort dazu beitrage, "die geistige Spaltung" der Gesellschaft
zu überwinden.
Der Eklat
Zum Eklat kam es bald: Der sowjetische
Autor WSEWOLOD WISCHNEWSKI (1900-1952)
warf den Engländern und Amerikanern vor: "Die reaktionären Kräfte in Washington
und London wollen einen Eisernen Vorhang schaffen. (...) Brüder,
Genossen, wir wissen darauf zu antworten! Wenn ihr uns braucht, ruft um
Hilfe, und wir werden gemeinsam kämpfen!"
Zum Eklat kam es, als MELVIN J. LASKY
(geb. 1920), amerikanischer Autor und Journalist, auf den Diskussionsbeitrag
von WISCHNEWSKI reagierte, der die Autoren aufgerufen hatte, "Schulter
an Schulter mit der Sowjetunion gegen den amerikanischen Imperialismus
zu kämpfen".
LASKY berichtete im Deutschen Theater zunächst kritisch von "kleingeistigen amerikanischen Bürokraten und ihre(r) inoffizielle(n) Kontrollausübung" und den "engstirnigen Mittelklassemoralisten". Auf einer Rede in Jena 1995 gestand LASKY, wenn er "an dieser Stelle aufgehört hätte, hätten die sowjetischen Autoren und die deutschen Kommunisten sich mit einer Ovation bedankt". Dann ging er jedoch dazu über, die Unfreiheiten in der Sowjetunion ebenso kritisch zu betrachten und an das Los kritischer sowjetischer Autoren zu erinnern. Er führte aus: "Ich möchte sagen, dass wir uns solidarisch fühlen mit den Schriftstellern und Künstlern Sowjetrusslands. Auch sie kennen den Druck und die Zensur. Auch sie stehen im Kampf um kulturelle Freiheit. Und ich glaube, wir alle müssen ihnen unsere offenherzige Sympathie entgegenbringen."
VALENTIN KATAJEW (1897-1986)
wies dies zurück:"Das, was der unbekannte Lasky über die
Sowjetunion sprach, ist natürlich ... eine Lüge. Noch der verstorbene
Dr. Goebbels hat sich derselben Mittel bedient."
Er bezeichnete LASKY als "lebendigen Kriegsbrandstifter".
EVA-MARIA BRAILSFORD fragte nach verschwundenen
Studenten der Humboldt-Universität. Wie könnte man von Frieden
und Verständigung sprechen, wenn auch nach 1945 weiter verschleppt
und verhaftet würde?
NOEL BRAILSFORD sagte: "Meine
Frau hat nicht um Gnade gebeten für die Berliner Studenten, die spurlos
aus der Universität verschwanden. Sie hat die Schriftsteller aufgerufen,
ihre Stimme zu erheben und eine öffentliche Untersuchung zu fordern."
Die deutschen Teilnehmer enthielten sich der Diskussion unter den "alliierten"
Teilnehmern.
Die deutschen Autoren hatten sich getroffen, um zur "Aussöhnung zwischen Ost und West" beizutragen. Sie konnten die politische und wirtschaftliche Entwicklung Nachkriegsdeutschlands nicht beeinflussen. Der Schriftstellerkongress machte jedoch deutlich: Ein Auseinanderdriften der beiden Lager und damit eine Teilung Deutschlands war kaum aufhaltbar.
Teilnehmer
Teilnehmer waren außer
den oben genannten Autoren u. a.: