Literarische Themen in Ost und West
Die literarischen Themen der 1960er-Jahre in Ost und West ähnelten sich in einigen Teilen:
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Ankunftsliteratur
Ab Mitte der Sechzigerjahre des 20. Jahrhunderts begann man in der DDR von der
Existenz zweier deutscher Nationalliteraturen zu sprechen. Zur selben Zeit meldete
sich eine neue Autorengeneration zu Wort. Man spricht von Ankunftsliteratur
(1961-1970) nach BRIGITTE REIMANNS (1933-1973) Roman "Ankunft im
Alltag" (1961).
REIMANN 1973: "... später wurde von den Germanisten die ganze Literaturströmung jener Jahre danach benannt, und so geistere ich wenigstens als Vortruppler der ,Ankunftsliteratur' durch die Lexika ..."
(Reimann, Brigitte: Aber wir schaffen es, verlaß dich drauf. Briefe an eine Freundin im Westen. Berlin: Aufbau, 1995, S. 171)
Die Ankunftsliteratur folgte dem Muster des traditionellen Bildungs- und Erziehungsromans. Der positive Held findet seinen Weg in die sozialistische Gesellschaft. Das sollte suggerieren, die Bürger der DDR seien in ihrem Staat angekommen, hätten die (nach BRECHT) "Mühen der Gebirge" hinter sich gebracht und vor ihnen lägen die "Mühen der Ebene". Zur Ankunftsliteratur gehört u. a.
MAX
FRISCH
Das Thema der Isolation und der Identitätsproblematik als
Ausdruck gesamtgesellschaftlicher Krisenerfahrung wurde von MAX
FRISCH (1911-1991) in "Mein
Name sei Gantenbein" (1964) aufgegriffen. Der Ich-Erzähler lebt
in einer Innenwelt, die keine eigentliche Identität aufweist. So wechselt
er ständig seine Rollen. Auf diese Weise gelangt er zu immer neuen Erfahrungen.
Einmal ist er Ehemann, ein anderes Mal Geliebter. Die vielen möglichen Begebenheiten
vermitteln ihm keine persönliche Geschichte. Schließlich entscheidet
er sich, die Identität Gantenbeins anzunehmen. In der Rolle eines Blinden,
in die er dann schlüpft, kann er - ohne in die Außenwelt tätig
einzugreifen - diese mit Blindenbrille und Stock beobachtend wahrnehmen.
"Leute wie Gantenbein, die nie sagen, was sie sehen" brauche die Welt,
resümiert der Erzähler.
FRISCH setzte mit dem "Gantenbein"
seine Auseinandersetzung mit der Philosophie KIERKEGAARDs aus den Fünfzigerjahren ("Stiller", 1954) fort. "Ich bin nicht Stiller", lautete
programmatisch der erste Satz in "Stiller", der die Unfähigkeit
einschließt, "mit sich selbst identisch" zu sein. Dazu bedarf
es der Wahrhaftigkeit des Lebens. Nur wer mit sich eins ist, wer mit sich selbst
aufrichtig umgeht, ist mit sich selbst identisch. Jede Lüge, Selbstlüge
und Selbstverleugnung tötet. Mit seinen Werken leistete FRISCH erhebliche
Erinnerungsarbeit nach dem Weltkrieg.
Mit der
Identitätsproblematik
beschäftigten sich auch INGEBORG
BACHMANN in Österreich sowie in der DDR INGE MÜLLER (1925 -1966)
mit ihren Gedichten und CHRISTA WOLF in "Nachdenken über Christa T."
BACHMANN bekennt in "Wie soll ich mich nennen??": "Ich habe vergessen,
/ woher ich komme und wohin ich geh". Auch sie fragt nach der Schuld: "Wann
begann die Schuld ihren Reigen ..."
Anders als bei FRISCH ".. singt noch ein Beginnen" im lyrischen Sprecher
mit und zugleich Resignation: "Wie soll ich mich nennen, / ohne in anderer
Sprache zu sein." BACHMANN zeigt so auf die Sprache der Täter, die auch
ihre Sprache ist und derer sie sich in ihrem schriftstellerischen Werk bedient.
INGE MÜLLERs Lyrik umkreist
die Persönlichkeitssuche, die Ängste, in denen sich die Autorin seit
der Zeit befand, als sie drei Tage lang unter den Trümmern eines Hauses verschüttet
lag: „Kein Feuer kein Gott wir selber/
Legen uns ins Grab".
"Mäusefest"
"Mäusefest"
(1962) erzählt von dem alten Juden Moise Trumpeter, der in seinem kleinen
Laden sitzt, gemeinsam mit dem Mond ein paar Mäuse beobachtet, die an einer
Brotrinde nagen. Es ist eine friedliche Szenerie. Nun kommt ein deutscher Soldat
herein. Die Mäuse haben ihn zuerst bemerkt und sind fort gelaufen. Moise
bietet dem jungen Deutschen seinen einzigen Stuhl an. Gemeinsam schauen sie den
Mäusen zu, die wieder aus ihrem Versteck hervor kommen. "Der Krieg ist
schon ein paar Tage alt. Das Land heißt Polen." erfährt der Leser.
Dem Mond wird es unheimlich: "... ich muß noch ein bißchen weiter",
sagt er. Aber nun steht der junge deutsche Soldat auf und geht. Die Mäuse
verschwinden. "Mäuse können das." endet die Geschichte.
Die Brisanz der Geschichte ist nur verständlich, wenn man den historischen Hintergrund mitdenkt. Die Geschichte spielt im Zweiten Weltkrieg und man weiß, dass kurze Zeit später die ersten Deportationen von Juden in die Konzentrationslager folgen werden. Mäuse können sich verstecken, aber Moise Trumpeter, der alte polniche Jude, wird es nicht können. Die Friedlichkeit der Szenerie erweist sich als Trug. Die Deutschen sind gerade dabei, das Land, das Polen heißt, zu verheeren und seine Bewohner für sich Sklavendienste machen zu lassen. Das Unspektakuläre in BOBROWSKIs Prosa erhält eine weite geschichtliche Dimension.
Historisches
Sujet
Das historische
Sujet wurde auch in den Sechzigerjahren gepflegt. ROSEMARIE SCHUDER (geb.
1928) verfasste Werke in der Tradition LION FEUCHTWANGERs. "Der Gefesselte"
(1962) und "Die zerschlagene Madonna" (1964) beschäftigen sich
mit dem Bildhauer und Maler MICHELALNGELO BUONAROTTI. "Die Erleuchteten oder
Das Bild des armen Lazarus zu Münster in Westfalen - von wenig Furchtsamen
auch der Terror der Liebe genannt" (1968) erzählt die Errichtung, Verteidigung
und grausame Niederschlagung der Wiedertäuferbewegung im westfälischen
Münster zwischen 1534 und 1535. Einige der bedeutendsten literarischen Kunstwerke
schuf JOHANNES BOBROWSKI mit "Lewins Mühle" (1964) und "Litauische
Claviere" (1966). BOBROWSKIs Werke wurden auch in Westdeutschland stark beachtet.
1962 las er vor der Gruppe 47 und wurde ihr Preisträger für dieses Jahr.
"Lewins Mühle. 34 Sätze über meinen Großvater" wurde innerhalb kürzester Zeit in 14 Sprachen übersetzt. Er spielt etwa 1874. Lewin, dessen Mühle zur ungewollten Konkurrenz für einen deutschen Mühlenbesitzer wird, gibt vor Gericht gegen seinen Widersacher auf, nachdem der deutsche ihm zuerst mit Stauwasser die Mühle wegschwemmt, ihm dann das Haus anzündet, in dem Lewin wohnt und zuletzt die deutschen Dorfbewohner gegen den jüdischen Mühlenbesitzer einnimmt.
Historisches
Sujet in der Kinder- und Jugendliteratur
Auch in der Kinder-
und Jugendliteratur wurde das historische Sujet stark beachtet. Von WILLI
MEINCK (geb. 1914, "Die seltsamen Abenteuer des Marco Polo", 1955),
der bereits in den fünfziger jahren historische Romane veröffentlicht
hatte, und KURT DAVID (geb. 1924, "Der schwarze Wolf", 1966, ein Roman
um DSHINGIS KHAN) entstanden Jugendbücher, die in der Tradition der abenteuerlichen
Geschichtserzählung stehen. Daneben wurden Romane und Erzählungen um
Persönlichkeiten der Arbeiterbewegung veröffentlicht, u. a. VILMOS' und
LLSE KORNs "Mohr und die Raben von London", eine Geschichte um KARL
MARX.
"Damals war es Friedrich" (1961, Bild 2) von HANS PETER RICHTER (geb. 1925) erzählt die Geschichte zweier Jungen, die im selben Haus aufwachsen, Freunde werden. Doch der eine, Friedrich Schneider, ist jüdischer Abstammung und nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten den Diskriminierungen durch die Gesellschaft ausgesetzt. Dies beginnt mit Beschimpfungen und endet mit der totalen Entrechtung der Juden. Friedrich darf die Schule nicht weiter besuchen. Der Vater seines Freundes tritt in die NSDAP ein und ist selbst den Zwängen des nationalsozialistischen Staates unterworfen. Als 17-jähriger, während eines Bombardements auf die ungenannte Stadt im Jahre 1942, wird Friedrich von einem Bombensplitter tödlich getroffen. Er stirbt, weil man ihn, weil er Jude ist, aus dem Luftschutzbunker vertrieben hat.
SIEGFRIED LENZ Roman "Deutschstunde" (1968) behandelt einen nicht alltäglichen Vater-Sohn-Konflikt. Es ist eine Parabel um die Schuld der Väter, ein hochbrisantes Thema in der Bundesrepublik der späten 60er-Jahre. Aber es geht auch um die Widersprüche menschlicher Existenz, um Einzelschicksale und Wehr gegen Ideologien. Siggi Jepsen handelt gegen seinen Vater, den Polizeiposten in Rugbüll, der das Berufsverbot gegen den "entarteten Maler" Max Ludwig Nansen durchsetzen will. Für den Jungen ist die "Pflicht" des Vaters nicht verständlich. Er entschließt sich für die Freundschaft, als er einige Bilder des Malers verborgen hält und für die (Geschwister-)Liebe, als er seinen Bruder Klaas versteckt, der aus einem Gefangenenkrankenhaus ausgebrochen ist. Pflicht wird hier der bedingungslosen Menschlichkeit entgegengestellt. Vater und Sohn wollen auch nach dem Krieg nicht von ihren Überzeugungen lassen. Der Vater verfolgt zwanghaft den Maler und dessen Bilder, während der Sohn versucht, den Maler zu schützen. In einer Rettungsaktion will Siggi die Gemälde des Freundes aus einer Ausstellung entfernen, bevor sein Vater sie zerstören kann und wird dafür zu einer Jugendstrafe verurteilt.
Dem Thema des Antifaschismus, des Nationalsozialismus und des Holocaust widmeten sich GISELA KARAUs (geb. 1932) "Der gute Stern des Janusz K.", WALTER PÜSCHELs "Kaddisch für Liebermann" und BODO SCHULENBURGs "Markus und der Golem".
"Jakob der Lügner"
JUREK BECKERs (1937-1997) "Jakob
der Lügner" (1968, Bild 1) spielt im jüdischen Ghetto von Lodz 1944.
Jakob Heym erfährt zufällig auf einer Polizeiwache im Radio, dass die
russische Armee mit der deutschen Wehrmacht etwa 400 Kilometer östlich des
Ghettos in Kämpfe verwickelt ist. Um nicht aufzufallen, erzählt er,
dass er ein Radio habe. Er muss weiter lügen und erfindet neue Erfolgsmeldungen
der Alliierten. Damit gibt er den Ghettobewohnern Hoffnung und Mut zum Durchhalten.
Doch die Deutschen erfahren von dem "geheimen Radio" und beginnen, danach
zu suchen. Der Erzähler bietet dem Leser zwei Erzählschlüsse an.
Zunächst endet der Roman mit dem Abtransport aller Ghettobewohner, jedoch
erscheint dem Erzähler dieser Schluss würdelos und so erzählt er
zusätzlich von der Befreiung des Ghettos durch die Rote Armee.
MAX FRISCH thematisiert in seinem Theaterstück "Andorra" (1961) das Thema des Antisemitismus. Das Stück spielt im fiktiven Andorra, dem "Land der Weißen". Ein junger Mann wird von seinem Vater als Jude ausgegeben, den der Vater aus dem Land der Schwarzen gerettet habe, wo ihm der Tod sicher gewesen wäre. Tatsächlich halten ihn die Andorraner bald für einen typischen Juden. Er sieht sich Schikanen durch die Bevölkerung ausgesetzt. Als ihm sein Vater, den er für seinen Pflegevater hält, die Heirat mit seiner Tochter verweigert, glaubt auch er selbst diese Legende. Seine Mutter, die zu Besuch weilt und aus dem "Land der Schwarzen" stammt, wird mit einem Steinwurf erschlagen. Das nehmen die Schwarzen zum Anlass und rücken in Andorra ein. Der junge Mann wird für den Mörder gehalten und hingerichtet. Kein Andorraner fühlt sich schuldig am Tod des Jungen.
Mit "Katz
und Maus" (1961) und "Hundejahre" (1963) beendete GÜNTER
GRASS die sogenannte "Danziger Trilogie", zu der auch der 1959 veröffentlichte
Roman "Die Blechtrommel" gehört. In der Novelle "Katz und
Maus" berichtet der Ich-Erzähler Pilenz über den Abschied von einer
Kindheit im Danzig des Zweiten Weltkrieges. Pilenz ist fasziniert vom großen
Adamsapfel des Schulfreundes Joachim Mahlke. Dieser stiehlt einem Ritterkreuzträger
sein Ritterkreuz, um es heimlich anzulegen. Als er es öffentlich zurückgibt, fliegt er von der Schule, wird zum Arbeitsdienst einberufen, und als Unteroffizier
einer Panzertruppe erhält er schließlich selbst ein Ritterkreuz. Mit
diesem kehrt er an die Schule zurück und hat dort einen großen Auftritt.
Er beschließt, nicht mehr an die Front zurückzukehren und will sich
auf dem Wrack eines Minensuchbootes in der Ostsee verstecken. Von dort kehrt er
nicht wieder zurück.
In "Hundejahre" wird die Beziehung zweier
Männer beschrieben, die von 1925 bis in die Fünfzigerjahre in der Bundesrepublik
reicht. Es geht um Freundschaft, Verrat, Rache und Versöhnung.
Auch hier
ist von der persönlichen Schuld des Einzelnen die Rede. GRASS bietet jedoch
auch Angebote für Vergebung von Schuld an.
In "Die Plebejer proben den Aufstand. Ein deutsches Trauerspiel" (1966), das 1966 auch als Hörspiel des Süddeutschen Rundfunks gesendet wurde, nimmt GRASS sich des Aufstandes vom 17. Juni 1953 in der DDR an und wirft die Frage nach dem Verhalten BRECHTs während des Aufstandes auf. Dazu nutzt GRASS einen fiktiven Vorgang: BRECHT inszeniert gerade den "Coriolanus" nach Shakespeare, als die Revolte auch ins Theater dringt. Das Stück ist weniger eine Kritik an BRECHT, sondern reflektiert vielmehr das "Verhältnis von Intellektuellen und Macht" (GRASS).
In FRIEDRICH DÜRRENMATTs "Die
Physiker" geht es um die Verantwortung des Wissenschaftlers vor seiner
Erfindung. Der Physiker Möbius begibt sich freiwillig in die Irrenanstalt,
um sein "System aller möglichen Erfindungen" nicht in die falschen
Hände geraten zu lassen und um so den Weltuntergang zu verhindern. Um an
seine Formel zu gelangen, lassen sich zwei konkurrierende Physiker (die eigentlich
Agenten des Ost- bzw. West-Geheimdienstes sind) ebenfalls in die Anstalt einweisen.
Doch die Formel ist bereits vernichtet. Sie war zuvor jedoch von einer machthungrigen
Ärztin gesichert worden. Nun benutzt sie die Formel für sich selbst,
um die Weltherrschaft zu erringen. Die Physiker geraten in die Gefahr, wirklich
irre zu werden. "Verrückt, aber weise. Gefangen, aber
frei. Physiker, aber unschuldig." – hatten sie zuvor ein Bündnis
geschlossen. Jedoch sind sie nicht wirklich unschuldig: Jeder der drei hat einen
Mord begangen an den Krankenschwestern, die sie persönlich betreuten.
Mit "Die Aula" (1965) legte
HERMANN KANT einen Roman vor, der in den Fünfzigerjahren an einer Arbeiter-
und Bauern-Fakultät (ABF) in der DDR spielt. Kant wurde damit auf einen Schlag
in Ost wie West bekannt. Die Hauptfigur Robert Iswall erhält zehn Jahre nach
seinem Abschluss die Nachricht, dass die ABF geschlossen wird. Er soll die Rede
halten. Das ist für ihn Anlass, über seine Zeit an der Arbeiter- und
Bauern-Fakultät zu reflektieren und auch über seine persönliche
Schuld. Er hat Verrat an seinem besten Freund Gerd Trullesand begangen. Aber auch
die deutsch-deutsche Teilung, die Flucht des Freundes "Quast" in den
Westen wird thematisiert.