| Neue Subjektivität bezeichnet eine Richtung in der deutschen Literatur seit den Siebzigerjahren, die stark subjektive und autobiografische Tendenzen aufweist. Die Neue Subjektivität grenzt sich ab von der stark politisierten Literatur der Zeit um 1968. |
Epik der "Neuen Subjektivität"
Nach dem politischen Scheitern der Protestbewegung
von 1968 sowie dem Einmarsch sowjetischer Truppen in Prag ist in der deutschen
Literatur eine Hinwendung zum Privaten zu beobachten. Diese Tendenz gilt
gleichermaßen für Ost wie West. Rückzug ins Private meint
jedoch nicht, dass die Literatur "entpolitisiert"" worden
wäre. Vielmehr wird innerhalb der Epik
der neuen Subjektivität die eigene Biografie zum Schreibanlass:
eine Krankheit, eigene Empfindungen, Probleme im privaten Bereich, auch
das Erleben der geschichtlichen Abläufe.
"Schöne Tage" berichtet aus seiner Kindheit im österreichischen bäuerlichen Milieu. Der sechsjährige Holl wird von allen herumgestoßen, von seinem Vater, dem der uneheliche Sohn eine billige Arbeitskraft ist, von seiner Stiefmutter, von den Knechten und Mägden des Hofes. Niemand kümmert sich um ihn. In der Schule sitzt er auf der "Fenstereselbank", trotzdem gelingt es ihm einiges zu lernen, bekommt er ein Entlassungszeugnis. "Eigentlich sollte ich ein Verbrecher werden" resümiert er am Ende des Romans. Und erst in seiner Lehre kommt er zur Ruhe, lebt er nicht mehr unter Bestien, sondern unter Menschen.
Tadellöser
& Wolf
WALTER KEMPOWSKIs (1929) "Deutsche Chronik" unter dem Titel
"Tadellöser & Wolf.
Ein bürgerlicher Roman" (1971) verarbeitete (nach seinem Erstling
"lm Block", 1969, in dem KEMPOWSKIs Haft im Stasi-Gefängnis
Bautzen thematisiert worden war) seine Kindheit in Nazi-Deutschland während
des Zweiten Weltkrieges. Der Roman setzt 1939 ein und schließt 1945
ab. Die Hauptfigur und gleichzeitig der Ich-Erzähler Walter, so alt
wie der Autor, ist bei Handlungsbeginn zehn Jahre alt. Das jugendliche
Alter des Haupthelden wirkt sich auch auf die Sprache des Buches aus,
die zuweilen eher salopp als "hochliterarisch" ist.
Walter berichtet aus seinem Leben im "Jungvolk" und in der "Hitler-Jugend",
davon, wie sein Vater 1940 in den Krieg geschickt wird und 1943 auch sein
Bruder Robert. Es wird davon erzählt, wie der Freund Ullas, Sven
Sörensen, unter Spionageverdacht verhaftet wird und durch Grete Kempowskis
Vorstelligwerden bei der Gestapo endlich wieder frei kommt, wie Ulla
jedoch nach der Hochzeit die deutsche Staatsbürgerschaft verliert
und das Land mit Sven Sörensen verlässt. Die Bombenangriffe
auf Rostock, der Stadt, in der dieser Roman spielt, werden ebenso wahrgenommen
und reflektiert, wie die Äußerungen der Familienmitglieder
zu Krieg und Hitler-Faschismus. Walter wird als Flakhelfer, später
zur kasernierten Hitlerjugend eingezogen. Ihm gelingt es kurz vor der
Kapitulation bis nach Rostock zu gelangen. Dort wartet man auf die Engländer.
Der Titel des Romans geht auf einen Ausspruch von Walters Vater zurück, der mit Tadellöser & Wolf etwas Unübertreffliches meinte, war er doch als Raucher Stammkunde der Tabakwarenhandlung Loeser & Wolff, während er zu einem unangenehmen Vorkommnis Miesnitzdörfer & Jenssen zu sagen pflegte.
Die Romanstruktur ähnelt zuweilen einer Collage, wenn Erzählblöcke wie aneinandergereiht erscheinen oder Reklamesprüche, Zeitungsausschnitte oder Liedtexte einzelne Teile des Romans aneinander binden. Das Verbindende der Handlung ist der Blick des Jungen Walter auf das Geschehen.
Gruppenbild mit Dame
HEINRICH BÖLL beschäftigte sich in den Siebzigerjahren mit der bundesrepublikanischen Wirklichkeit. Sein Roman "Gruppenbild
mit Dame" erzählt die Geschichte einer Frau. Leni Gruyten,
die Tochter des reichen Bauunternehmers, liebt den russischen Gefangenen
Boris. Um ihn zu retten, besorgt sie ihm einen deutschen Pass. Nach dem
Krieg erfährt sie, dass er in einem Lager der Amerikaner umgekommen
ist. Mitten in den Wirren des Krieges hatte sie ein Kind von ihm empfangen.
In den Jahren des Wiederaufbaus und des Wohlstandes lebt Leni bescheiden
und zurückgezogen als Hilfsgärtnerin. Man hat sie um ihre Habe und
um ihre Liebe betrogen, aber das Wichtigste bleibt ihr: Ein Leben, ihren
Gefühlen gehorchend. Der Roman ist von der Kritik sehr gelobt worden. Man feierte die Fülle der Motive, Stoffe, Schauplätze usw. Man bewunderte die überschäumenden Einfälle.
In seinem Roman "Die
verlorene Ehre der Katharina Blum" beschäftigt sich BÖLL
mit der bundesrepublikanischen Wirklichkeit der Mittsiebzigerjahre. In
einer Zeit der Radikalenerlasse und Berufsverbote liebt Katharina einen
Terroristen. Das "Terroristenliebchen" ist von nun an stigmatisiert.
Als sie Ludwig Götten zur Flucht verhilft, beginnt der eigentliche Terror
gegen die "Mörderbraut", der von den Medien gemacht wird.
Schließlich erschießt Katharina den für die Pressekampagne
verantwortlichen Journalisten. Der Untertitel "Wie Gewalt entstehen
und wohin sie führen kann" wird anhand eines "einfachen Schicksals"
beispielhaft vorgeführt.
"Die verlorene Ehre der Katharina Blum" wurde 1975 von VOLKER
SCHLÖNDORFF verfilmt (Co-Regie: MARGARETHE VON TROTTA)
Protokoll-Literatur
Die Protokoll-Literatur
nimmt ihre Stoffe viel unmittelbarer als die erzählenden Texte der
Neuen Subjektivität aus der Wirklichkeit. ERIKA RUNGEs "Frauen.
Versuche zur Emanzipation" (1970), SARAH KIRSCHs (geb. 1935) "Die
Panterfrau. Fünf Frauen in der DDR" (1973), MAXIE WANDERs (1933-1977)
"Guten Morgen,du Schöne" (1978) und KARIN STRUCKs "Klassenliebe"
(1973) sind Beispiele dafür. Sie basieren auf Tonbandinterviews und
versuchen, das "wirkliche Leben" in die Literatur einzubringen.
Literarisch knüpfen sie an die Neue Sachlichkeit der Zwanzigerjahre
an.
Lyrik der Neuen Innerlichkeit
Die Lyrik
der Neuen Innerlichkeit berichtet beiläufig Privates. Persönliche
Erfahrungen werden in den größeren gesellschaftlichen Zusammenhang
gestellt. Diese Lyrik ist gekennzeichnet durch ihre Einfachheit, Direktheit
und Authentizität. Die sogenannte Alltagslyrik war auch eine Abgrenzung
zur hermetischen Lyrik in den Fünfzigerjahren in der Bundesrepublik.
Die
Siebzigerjahre in der DDR
Politisch beginnt das
70er-Jahrzehnt in der DDR 1971 mit der Ablösung von WALTER ULBRICHT
durch ERICH HONECKER als Erster Sekretär der SED (Generalsekretär).
Die anfänglichen Hoffnungen auf eine Liberalisierung der Gesellschaft
erfüllten sich jedoch nicht. Zwar sollte nach dem VIII. Parteitag
der SED und dem 6. ZK-Plenum eine Ära folgen, in welcher es "keine
Tabus auf dem Gebiet von Literatur und Kunst" (HONECKER) geben
sollte. Diese "tabufreie Zeit" währte nicht lange. Jedoch
erschienen in dieser Zeit einige der wichtigsten Werke der DDR-Literatur,
u. a. CHRISTA WOLFs "Nachdenken über Christa T." und "Kindheitsmuster",
VOLKER BRAUNs "Das ungezwungene Leben Kasts" (1971), BRIGITTE
REIMANNs "Franziska Linkerhand" (1974, in einer gekürzten
Fassung).
Andere wichtige Werke durften jedoch erst viel später (VOLKER BRAUNs
"Unvollendete Geschichte", entstanden 1975, erschienen 1988)
oder nie (STEFAN HEYMs "Collin", 1979, ROLF SCHNEIDERs "November",
1979) in der DDR erscheinen.
ULRICH PLENZDORFs "Die neuen Leiden des jungen W." (entstanden 1968, Prosafassung 1972, dramatisierte Fassung 1973) bringt auf neue Weise den Helden als Arbeiter auf die Bühne. Es ist die Geschichte eines auf Individualismus und respektlosen Umgang mit den Klassikern beharrenden jugendlichen Tüftlers.
Inhaltsangabe:
Der 17-jährige Held Edgar Wibeau schmeißt seine Lehre, nistet sich in
einer Berliner Gartenlaube ein. Er findet auf dem Klo einer Laube GOETHEs
"Leiden des jungen Werther" und versucht, in Tonbandbriefen an seinen
Freund Willi seine Erlebnisse in Goethes Manier zu schildern. Edgar leidet
an den Anpssungszwängen der Gesellschaft. Er protestiert gegen die Welt
der Erwachsenen, insbesondere gegen seinen früheren Ausbilder, dessen
autoritärer Stil ihn in seiner Lebensqualität einschränkt. Er wendet sich
gegen eine Vorbild-Erziehung, die die freie Entfaltung der Persönlichkeit
(ein erklärtes Ziel der Pädagogik in der DDR) einschränkt. Edgar stirbt,
als er versucht, ein neues Gerät für seine Malerbrigade auszuprobieren,
an einem Stromstoß. Seine letzten Botschaften erreichen Willi aus dem
Jenseits.
Der Leser soll die Geschichte zuende denken: War Edgars Tod ein Unfall oder ein Selbstmord, ähnlich dem des goetheschen Vorbildes? PLENZDORF führt in seinem Buch einen Helden vor, der lebt um des Lebens willen, ähnlich der Charaktere BÜCHNERs. Hier wird die Unbedingtheit des Lebens beschworen jenseits aller Richtlinien, Bevormundungen durch Staat und Partei und der verknöcherten Pädagogik, die MARGOT HONECKER als Frau des ersten Mannes im Staate DDR mit harter Hand führte. Die Sprache orientierte sich an der Jugendsprache , ähnlich wie in J. D. SALINGERs "The catcher in the Rye" (1951, dt. "Der Fänger im Roggen").
Literatur gegen
Umweltzerstörung und Wettrüsten
In den Achtzigerjahren mehrten sich die Stimmen,
die sich gegen
Umweltzerstörung und Wettrüsten erhoben. GRASS' Roman "Die
Rättin" ist so eine Endzeitvision. Auch CHRISTA WOLFs "Störfall"
thematisiert die nukleare Katastrophe angesichts der Zerstörung eines
Kernreaktors im ukrainischen Tschernobyl im Jahre 1986. MONIKA MARONs
Roman "Flugasche" beschäftigt sich mit der Umweltzerstörung
in der Region um Bitterfeld. Auch VOLKER BRAUN nimmt zu den Umweltzerstörungen
in "Bodenloser Satz" Stellung.
Innerhalb der Lyrik wurde und wird das Thema ausführlich behandelt. GÜNTER HERBURGER beschwört den "Der Gesang der Wale", HANS MAGNUS ENZENSBERGER denkt über "das ende der eulen" nach. SARAH KIRSCH nennt ihr trauriges Fazit "Bäume":
Früher sollen sie
Wälder gebildet haben und Vögel
Auch Libellen genannt kleine
Huhnähnliche Wesen die zu
Singen vermochten schauten herab.
(Kirsch, Sarah: Landwege. Ebenhausen b. Müpnchen: Langewiesche-Brandt, 1985, S. 135)
In seinem Gedicht "Grünanlage" bringt ARNFRIED ASTEL (geb. 1933) das Verhältnis der menschlichen Gesellschaft der Umwelt gegenüber lakonisch auf den Punkt:
Die Überlebenden
planieren die Erde.
Sie sorgen
für eine schönere
Vergangenheit.
(Astel, Arnfried: Notstand. 100 Gedichte. Wuppertal: Peter Hamm Verlag, 1968)
Der Einfluss der
Moderne
HEINER MÜLLER wandte sich in "Wolokolamsker
Chaussee" (1985-1989) dem brechtschen Lehrstück zu.
Die Panzer werden bei ihm zu Geburtshelfern der DDR, später zu ihren
Wächtern. Die vier Teiles des Stückes thematisieren:
Sie sind Ausdrucksversuche einer von Müller konstatierten Stagnation von Raum und Zeit und symbolisieren die vertanen Chancen einer Entwicklung in Richtung eines demokratischen Sozialismus statt einer Rückkehr in die statische Enge der DDR.
Der fremde Freund - Drachenblut
CHRISTOPH HEINs "Der
fremde Freund" (1982, in der Bundesrepublik u.d.T. "Drachenblut")
erzählt die Geschichte der erfolgreichen Ärztin Claudia, die
sich eingerichtet hat im Sozialismus. Sie hat keine Probleme, hat Arbeit,
geht einem Hobby nach, lebt in einer Single-Wohnung und fährt ein
Auto. Sie ist hilfsbereit und genießt bei ihren Patienten einen
guten Ruf. Für ein Jahr tritt ihr "fremder Freund" Henry
in ihr Leben und mit ihm das Unerwartete, die Spontaneität. Er droht
ihr Leben zu verändern, denn er stellt sich bewusst gegen die Konventionen
der Gesellschaft, fährt gern schnelle Autos. Als er stirbt (er wird
erschlagen), erobert die Eintönigkeit ihr Terrain im Leben der Frau
zurück: "Meine undurchlässige Haut ist eine feste Burg",
äußert sie in Anlehnung an LUTHERs "Ein feste Burg ist
unser Gott". Die letzten Sätze der Novelle lassen die Vermutung
aufkommen, die (Anti-)Heldin sei zufrieden mit ihrem Leben: "Alles
was ich erreichen konnte, habe ich erreicht. Ich wüßte nichts,
was mir fehlt. Ich habe es geschafft. Mir geht es gut."
Das Leben der Gesine Cresspahl
UWE JOHNSONs Werk ist von den modernen Erzählern
JAMES JOYCE und WILLIAM FAULKNER beeinflusst. Sein vierbändiges Hauptwerk
"Jahrestage. Aus dem Leben
der Gesine Cresspahl" (1970-1983) umfasst nahezu 2 000 Seiten.
Es setzt die Geschichte der Gesine Cresspahl aus "Mutmaßungen
über Jakob" (1959) fort.
Die Ästhetik des Widerstands
"Die
Ästhetik des Widerstands" (3 Bde., 1975-1981) von PETER
WEISS versucht eine "erzählerische Synthese der politischen
und ästhetischen Strömungen des 20. Jahrhunderts" (Klappentext).
Er begleitet seinen Erzähler von dessen Weggang 1937 aus Berlin in
die Tschechoslowakei, nach Spanien (wo er am Bürgerkrieg teilnimmt)
und Paris (wo er das Scheitern einer Volksfront zwischen KPD und SPD erlebt)
und schließlich nach Schweden. Hier wird er ansässig (wie eben
der Autor selbst). Der Leser erfährt von den Ränkespielen unter
den Kommunisten in Moskau, von ihren Enttäuschungen, den Verrätern
und den Verratenen. Das Werk ist als Roman angelegt, jedoch treten durchaus
reale Figuren der Zeitgeschichte auf: WEISS reflektiert u. a. über
BRECHT, LENIN, THÄLMANN, EBERLEIN, MÜNZENBERG und DAHLEM, über
das Verhältnis von Sozialdemokratie und Kommunisten, über den
Reichstagsbrandprozess und über den Weltkrieg. So entstand eine Art
"Wunschbiografie" und zugleich eine Geschichte der Arbeiterbewegung
von 1918 bis 1945.
HEINER MÜLLERs Stücke
HEINER
MÜLLERs Stücke der Siebziger- und Achtzigerjahre sind sehr
stark diskutiert worden. In der DDR wurden sie z. T. gar nicht erst gespielt.
Seine Dramen
gehören zu den bedeutendsten des 20. Jahrhunderts. Mithilfe der Montagetechnik lässt MÜLLER in "Die Hamletmaschine" die " ... Welt ihre Runden drehn im Gleichschritt der Verwesung." Den Autor interessiert, wie Faschismus entstehen und "überleben" konnte, wie ewige Gewalt - revolutionäre Gewalt, Staatsterror - "funktioniert" und den Menschen verändert. Die Frage: Welchen Preis bezahlt der Einzelne für eine bessere Zukunft aller Menschen? beantwortet MÜLLER resigniert:
"Der Humanismus kommt nur noch als Terrorismus vor. Der Molotowcocktail ist das letzte bürgerliche Bildungserlebnis."
(Heiner Müller: Brief an Reiner Steinweg, 4. 1. 1977.)
Sein letztes Stück "Germania 3 - Gespenster am toten Mann" wurde im Mai 1996 unter der Regie von LEANDER HAUSSMANN am Bochumer Schauspielhaus uraufgeführt, fünf Monate nach dem Tod des Autors.