Lebensgeschichte
und literarisches Schaffen
ELSE LASKER-SCHÜLER
(eigentlich ELISABETH, Bild 1) wurde am 11. Februar 1869 als jüngstes
von fünf Kindern des jüdischen Bankiers ARON SCHÜLER und
seiner Frau JEANETTE, geb. KISSING, in Wuppertal-Elbenfeld geboren. Sie
galt als Wunderkind der Familie, denn sie konnte bereits mit vier Jahren
lesen und schreiben. Ab 1880 besuchte sie das Lyceum West An der Aue.
Sie wuchs in einem gutbürgerlichen und behüteten Elternhaus auf
und gehörte zur Boheme des frühen 20. Jahrhunderts. Ihre später
in ihren Werken aufkommende Schwermut und Traurigkeit wurde auch durch einschneidende
Ereignisse in ihrer Kinder- und Jugendzeit verursacht. So starb, als sie
gerade 13 Jahre alt war, ihr Lieblingsbruder PAUL, ihre Mutter starb 1890
und ihr Vater 1897. Da war sie gerade 30 Jahre alt. Ihr Tod bedeutete für
sie, wie sie selbst sagte, "die Vertreibung aus
dem Paradies" und die lebenslange Sehnsucht nach der zum Mythos
verwandelten Heimat ihrer Väter.
Nachdem sie die Schule abgebrochen hatte und Privatunterricht
im Hause ihrer Eltern erhielt, zog sie 1894 mit ihrem ersten Mann, dem
Arzt DR. JONATHAN BERTHOLD LASKER, nach Berlin. Die kurze Ehe mit den
wenigen glücklichen Ehejahren belastete sie ihr ganzes weiteres Leben.
Aber diese Zeit weckte auch ihre schriftstellerischen und künstlerischen
Neigungen.
1899 wurde ihr Sohn PAUL geboren, dessen Vater unbekannt blieb. Um die
Jahrhundertwende fand die "Aussteigerin"
Anschluss an den Kreis
der "Neuen Gemeinschaft" der Brüder HART. Dadurch lernte
sie Schriftsteller wie GUSTAV LANDAUER, MARTIN BUBER, ERICH MÜHSAM
und LUDWIG JACOBOWSKY kennen. Zu ihren Freunden zählten außerdem
neben ihrem dichterischen Vorbild PETER HILLE zahlreiche Künstler
wie FRANZ MARC, OSKAR KOKOSCHKA und ihr Förderer KARL KRAUS.
LASKER-SCHÜLERs erster Gedichtband, "Styx“,
im Jahre 1902 war noch vom Impressionismus
und Jugendstil geprägt. Sie lernte
den Komponisten und Klaviervirtuosen GEORG LEWIN kennen (als Erfinderin
poetischer Namen nannte sie ihn später HERWARTH
WALDEN), den sie 1903 kurz nach ihrer Scheidung heiratete. Diese Verbindung
einer phantasiebegabten Dichterin und eines Organisationstalentes war
ein Glücksfall für die Aufbruchstimmung im vorexpressionistischen
Jahrzehnt.
WALDEN war nicht nur musischer Künstler, sondern auch expressionistischer
Autor. Er gründete 1904 den Verein
für Kunst in Berlin, in dessen Verlag LASKER-SCHÜLERs zweiter
Gedichtband, "Der
siebente Tag" (1905) erschien. Auch lasen Autoren wie
RICHARD DEHMEL, MAX BROD und PAUL LEPPIN aus eigenen Werken. Diese Autoren
wurden unter anderen Vorreiter der 1910 aufkeimenden neuen künstlerisch-literarischen
Bewegung, die man Expressionismus
nannte. 1910 gründetet WALDEN die Zeitschrift "Der
Sturm“, die das berühmteste Organ der modernen Kunst bzw.
der expressionistischen Dichtung wurde und als deren Herausgeber er fungierte.
Durch ihre eigenen Beiträge, wie auch durch ihr extravagantes auffälliges
Auftreten wurde LASKER-SCHÜLER in der Vorkriegszeit (Erster Weltkrieg)
zu einer Schlüsselfigur des Expressionismus.
Nach der Trennung von WALDEN (1912) war LASKER-SCHÜLER wieder auf sich allein gestellt und lebte als heimatlose und mittellose Schriftstellerin in Berlin. In Künstlerkreisen wurde sie einerseits bewundert, andererseits wegen ihrer Unberechenbarkeit gefürchtet. Als Höhepunkt ihres literarischen Schaffens gilt das apokalyptisch-ekstatische Werk "Hebräische Balladen“ (1913).
Mit dem Erscheinen der Gesamtausgabe ihrer bisher veröffentlichten Werke war LASKER-SCHÜLER auf ihrem künstlerischen Höhepunkt. Ihre in den frühen Zwanzigerjahren stark autobiografisch durchsetzten Prosabücher stattete sie mit eigenen Aquarellen und Zeichnungen aus, die von großer Begabung zeugten. Das für sie schlimmste Ereignis trat 1927 ein, als ihr einziger Sohn PAUL an Tuberkulose starb.
Mit Machtantritt der Nationalsozialisten emigrierte LASKER-SCHÜLER
1933 in die Schweiz und im Jahre 1937 endgültig in ihr "Hebräerland".
Ihr christlich-jüdisches Versöhnungsdrama "Arthur
Aronymus“ (1932) wurde in Deutschland wegen der Nationalsozialisten
nicht mehr aufgeführt. In Palästina
dagegen wurde sie scheu verehrt. Ihr letzter Gedichtband, "Mein
blaues Klavier“, erschien 1943 in Jerusalem. Dieser, wohl ihr
schönster Gedichtzyklus ist die letzte Konfrontation der Künstlerin
mit der Realität des Leidens und des Todes. Bis zu ihrem Tode gab
sie den Traum von einer Versöhnung zwischen Juden und Deutschen nicht
auf. Tragisch endete ihr Leben, sie starb am 22. Januar 1945 als arme
alte Frau in der Hadassah in Jerusalem.
Nur ein Preis wurde ihr verliehen: für ihr Lebenswerk erhielt sie
1932 den Kleist-Preis, der
aber zugleich der bittere Abgesang in ihre letzten, einsamen Lebensjahre
darstellte.
Ihren größten Ruhm erreicht LASKER-SCHÜLER erst nach ihrem
Tod. Zeit ihres Lebens galt sie als extravagant, schwierig und zu leidenschaftlich.
In ihren Werken schilderte sie die Lust der Frau, Körperlichkeit
und außereheliches Verlangen, und das in einer Zeit, in der Frauen
der Platz bei Kindern, Küche und Kirche zugewiesen wurde. Durch ihr
gesamtes, gefühlsbestimmtes Werk ziehen sich die Themen Liebe, Familie
und Religion - umgesetzt in einer von individuell geprägten
Farb- und Pflanzenmetaphern durchsetzten Sprache.
Werke
Zu den Werken von ELSE LASKER-SCHÜLER
gehören u. a.:
Styx (1902, Gedichte)
Der siebente Tag (1905, Gedichtband)
Das Peter Hille Buch (1906, Prosa)
Die Wupper (1909, Drama)
Meine Wunder (1911, Gedichte)
Mein Herz. Ein Liebesroman... (1912, Briefroman)
Hebräische Balladen (1913)
Gesichte (1913, Prosaskizzen)
Der Malik (1919, Roman)
Theben (1923, Gedichtband)
Ich räume auf! (1925, Streitschrift)
Arthur Aronymus (1932, Drama)
Hebräerland (1937, Reisebuch)
Mein blaues Klavier (1943, Gedichtband)
Ich und Ich (1970, Drama, posthum, Bild 1)