DESIDERIUS ERASMUS VON ROTTERDAM (eigentlich GERHARD GERHARDS, seit 1496: DESIDERIUS ERASMUS ROTERODAMUS) war ein holländischer Philologe (Sprach- und Literaturforscher), Philosoph und Theologe. Er gilt als der bedeutendste europäische Humanist des 16. Jahrhunderts, als Gelehrter von universaler Bildung und als Wegbereiter der Reformation. Vorbild seiner humanistischen Ideale war die Antike, in der die Menschlichkeit am reinsten entwickelt schien. Sein Hauptanliegen war die Durchsetzung religiöser Toleranz und die Synthese von Antike und Christentum in einem christlichen Humanismus. Aus diesen Beweggründen heraus bemühte sich ERASMUS, seinem Zeitalter Zugang zum geistigen Gut der Antike zu verschaffen. Neben verschiedenen klassischen Texten erarbeitete er u. a. eine lateinische Übersetzung des griechischen Neuen Testaments und machte es damit der breiten Öffentlichkeit zugänglich. ERASMUS wurde von Gelehrten, Fürsten, dem hohen Klerus bis hinauf zum Papst auf das Höchste verehrt und erfreute sich vieler fürstlicher Gönner.
Lebensgeschichte
Die Lebensgeschichte
ERASMUS' VON ROTTERDAM ist sehr detailliert überliefert. Er wurde
am 28.10.1466 (oder 1469) als zweites Kind der illegitimen Verbindung
des Priesters ROTGER GERARD und der verwitweten Arzttochter MARGARETHA
VON ZEVENBERGEN in Rotterdam geboren. Der Vater hatte zuvor in Italien
gelebt; es ist umstritten, ob er die Priesterweihe bereits vor der Geburt
seiner Söhne empfing. Verschiedene Äußerungen lassen darauf
schließen, dass ERASMUS unter seinem unehelichen Status sehr gelitten
hat. In seinem Leben sicherte er sich wiederholt gegen die rechtlichen
Nachteile seiner Herkunft ab.
Den Beinamen ROTERDAMUS nahm er später nach seiner Geburtsstadt an.
Zusammen mit seinem drei Jahre älteren Bruder war er Schüler
an verschiedenen Ordensschulen in Gouda und Deventer. Mit 14 Jahren verlor
er die Eltern. Statt auf die Universität kam er nach Herzogenbusch
in die Schule der Brüder vom gemeinsamen Leben. Seine Verwandtschaft
drängte ihn, in das Augustinerkloster Steyn bei Gouda einzutreten,
was er zwischen 1486 und 1488 tat. Hier hatte er Zugang zu einer Bibliothek,
die neben Kirchenvätern auch Klassiker enthielt und begann bildungshungrig
mit dem Studium des klassischen Altertums
und der Patristik (Wissenschaft von den Schriften und Lehren der
Kirchenväter). 1492 nahm er die Priesterweihe
entgegen. ERASMUS kam bald in Konflikt mit der erstarrten mittelalterlichen
Schulphilosophie (Scholastik) und wurde nach und nach zu einem ihrer Kritiker.
ERASMUS litt unter der klösterlichen Disziplin. Seinem ausgeprägten
Freiheitsbedürfnis folgend, entfloh er 1493 dem ihm wesensfremden
Klosterleben und begann, als Privatlehrer
und Dozent zu arbeiten.
1493 trat er in die Dienste des BISCHOFS VON CAMBRAI, für den er
als Sekretär arbeitete und der ihn 1495 zum Theologiestudium
an die Pariser Universität schickte. Dort widmete er sich bis 1499
dem Studium der Philosophie, der
spätscholastischen Theologie,
des Griechischen und des Hebräischen.
Besonderes Interesse entwickelte er dabei für die griechische Sprache.
Nebenbei erteilte er Privatunterricht und ließ seine ersten Schriften
drucken.
Ab 1499 begann ERASMUS eine rege Reisetätigkeit.
Er besuchte Italien, England, die Schweiz und die Niederlande und
widmete sich dort weiteren wissenschaftlichen Studien. Viele der von ihm
verfassten Schriften entstanden in diesen Reisejahren. Von einem regen
Schriftverkehr mit wichtigen zeitgenössischen Persönlichkeiten
aus aller Welt zeugen mehr als 1500 erhaltene Briefe.
Seine Aufenthalte in England als Reisebegleiter eines Lords in den Jahren
1499-1500 brachten ERASMUS in Kontakt mit Vertretern der neuen humanistischen
Bildung. Dazu gehörten insbesondere JOHN COLET, der Gründer
der Saint Paul's School in London, der Humanist und Lordkanzler THOMAS
MORE und der Griechisch-Lehrer WILLIAM GROCYNS in Oxford. Der Überlieferung
nach sollen sich ERASMUS und MORE an der Tafel des Oberbürgermeisters
von London kennengelernt haben. Ihre Unterhaltung soll sie derart überrascht
haben, dass ERASMUS gesagt haben soll: "Ihr müsst More sein
oder niemand" und MORE geantwortet haben soll: "Ihr müsst
Erasmus sein oder der Teufel". Sein späteres Werk "Lob
der Torheit" widmete ERASMUS neben dem Erzbischof von Canterbury,
WILLIAM WARHAM, seinem lebenslangen Freund THOMAS MORE "Lordkanzler
von England, dessen Seele reiner war als der reinste Schnee, dessen Genius
so groß war, wie England nie einen hatte - ja nie wieder einen
haben wird, obgleich England eine Mutter großer Geister ist".
Gemeinsam mit MORE und GROCYNS förderte ERASMUS die Durchsetzung
des Humanismus in England. Ihrem Einfluss ist es auch zu verdanken,
dass der Gedanke, dass sich christliche Bildung durch das intensive Studium
klassischer Sprachen vertiefen lässt, zunehmend Anklang fand.
1504-1505 setzte ERASMUS sein Theologiestudium an der Universität
Paris fort. In Italien promovierte er während eines dreijährigen
Aufenthaltes als Reisebegleiter des Leibarztes von HEINRICH VIII. im Jahr
1506 an der Turiner Universität zum Dr.
theol.
ERASMUS pflegte auch freundschaftliche Beziehungen zu verschiedenen Verlegern.
So lernte er in Italien den venezianischen Drucker und Verleger ALDUS
MANUTIUS kennen, in Basel, wo er ab 1514 mit Unterbrechungen lebte, den
Buchdrucker und Verleger JOHANN
FROBEN (JOHANN FROBENIUS). Die Verbindung zu FROBEN war der Hauptgrund
dafür, dass sich ERASMUS nach Basel hingezogen fühlte. Nahezu
alle seine Schriften wurden in der Erstausgabe vom Verlagshaus Froben
herausgegeben. ERASMUS übernahm in Basel u. a. die wissenschaftliche
Leitung einer umfangreichen Gesamtausgabe des Kirchenvaters Hieronymus
und ließ 1516 sein "Neues Testament" folgen - im
griechischen Originaltext mit eigener lateinischer Übersetzung und
einer Fülle von Randbemerkungen. Die Entscheidung für einen
Wohnsitz in Basel war auch die Folge politischer und religiöser Erwägungen.
ERASMUS glaubte, in der Schweiz das ihm wichtige demokratische Mitbestimmungsrecht
zu finden, das er in seinem Geburtsland, den Niederlanden, vermisste und
wo er sich zudem zunehmend religiös verfolgt sah. Er hatte sich zu
diesem Zeitpunkt von LUTHER bereits abgewendet, zögerte aber, ihn
direkt anzugreifen und weigerte sich, seine Kritik kirchlicher Missstände
aufzugeben.
ERASMUS wurde 1516 Hofrat des späteren Kaisers KARL V., was ihn zunächst
nach Brüssel, später nach Löwen führte. Da er kein
öffentliches Lehramt innehatte, konnte er sich in dieser Zeit ganz
seinen Studien widmen.
1516 löste ihn der Papst von seinem Gelübde als Augustinerchorherr.
1529 wurde in Basel die Reformation
eingeführt, der Rat schaffte die Messe ab und prominente Altgläubige
verließen die Stadt. Infolge dieser Entwicklung ließ sich
ERASMUS im katholisch gebliebenen Freiburg im Breisgau nieder. Er kehrte
1535 nach Basel zurück, als sich seine Gesundheit akut verschlechterte
und der Wunsch aufkam, den Druck seiner letzten Schriften persönlich
zu überwachen. Er starb am 11.07.1536 im Hause von HIERONYMUS FROBEN.
Sein Vermögen ging in Form einer von BONIFACIUS AMERBACH betreuten
Sozialstiftung an die Stadt Basel über,
die ihn mit einer Gedenkfeier in Münster, dem Ort seiner Bestattung,
ehrte. Vom Verlagshaus Froben wurde ihm mit der Gesamtausgabe
seiner Werke in neun Folienbänden (1538-1540) ein würdiges
Denkmal gesetzt.
Werke
Zu den Hauptwerken von ERASMUS
gehören:
Die "Collectanea
adagiorum" (erstmals erschienen 1500, in erweiterter
Fassung 1508) ist eine in Latein geschriebene Sammlung lateinischer und
biblischer Sprichwörter mit Erklärungen und Erörterungen.
Sie legte den Grundstein für ERASMUS' späteren Ruhm.
Das Werk "Enchiridion
militis christiani" ("Handbüchlein
des christlichen Soldaten", 1503) gibt eine methodische
Anleitung zum christlichen Leben im Bild eines Kriegsdieners. Die Schrift
übt wie viele der frühen Werke ERASMUS' Kritik an den Missständen
in der Kirche und an der erstarrten Schulweisheit der katholischen Geistlichkeit
und zeigt den Verfasser als Befürworter einer Besinnung auf eine
einfache christliche Ethik.
Gleiches gilt für die berühmte und bis heute lebendig gebliebene,
THOMAS MORE gewidmete, satirische Schrift "Morias
enkomion seu laus stulticiae" („Das
Lob der Torheit“, 1509, Bild 1), ein äußerst gesellschaftskritisches
Werk, das vermitteln soll, dass Torheit die wahre Weisheit ist und eingebildete
Weisheit wahre Torheit.
ERASMUS vollbrachte die Höchstleistung, den griechischen Text des
Neuen Testaments neu in das Lateinische zu übersetzen und dieses
Werk einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, wobei
sein Text den der lateinischen "Vulgata" an Genauigkeit weit
übertraf. Sein „Novum
instrumentum omne“ (1516) ist darüber hinaus mit einer Unzahl
kritischer Anmerkungen versehen - ein literarisches, theologisches
und philosophisches Meisterwerk.
Die Schriften "De
Ratione Studii" (1511) und
"De Pueris Satim ac Liberaliter Instituendis"
(1529) sollten aufklärend und pädagogisch wirken. ERASMUS gibt
seiner Meinung Ausdruck, dass Kinder bereits vor dem Eintritt in die Schule
durch die Eltern in den Grundkenntnissen des Lateinischen und der christlichen
Religion unterrichtet werden sollten. Die Überzeugung, dass Latein
zunächst über Konversation und erst danach anhand grammatischer
Regeln erlernt werden sollte, weisen ERASMUS schon zu dieser Zeit als
Vertreter neuzeitlicher pädagogischer Prinzipien aus.
Das Werk "Familiarum
colloquiorum formulae" ("Colloquia
familiaria", "Gespräche
im vertrauten Kreis", 1518), ursprünglich eine
Sammlung lateinischer Phrasen zu Unterrichtszwecken, ist eine seiner umstrittensten
Schriften. Die geistreiche und bissige Satire auf die Bräuche, Lebensgewohnheiten
und religiösen Gepflogenheiten jener Zeit übt nachhaltig Kritik
an kirchlichen Missständen und an abergläubischen Überzeugungen,
was zu dem Verdacht führte, ERASMUS könnte Lutheraner sein.
Dieser Verdacht war nicht zuletzt eine Folge der Unentschlossenenheit von
ERASMUS, der sich nach 1517, als sich der Durchbruch der Reformation unter
der Führung MARTIN LUTHERS abzeichnete, zu keiner der streitenden
Parteien bekennen wollte. Er blieb beim katholischen Glauben, unterstützte
jedoch auch häufig Ziele der Reformation, was schließlich dazu
führte, dass ihm alle Seiten mit Misstrauen begegneten. Den Vorwurf
einer Sympathisierung mit LUTHER versuchte ERASMUS mit dem Werk "De
libero arbitrio diatribe sive collatio" ("Vom
freien Willen", 1524) zu entkräften, in dem er
seinen theologischen Standpunkt darlegte und LUTHER angriff.
Zwischen 1517 und 1524 gab ERASMUS Paraphrasen
(griech.: verdeutlichende Beschreibung) zum gesamten Neuen Testament (mit
Ausnahme der Offenbarung) heraus, außerdem gemeinsam mit zahlreichen
Mitarbeitern die Kirchenväter:
Die polemische Schrift "Hyperaspistes" (1526) ist die Gegenreaktion auf die LUTHERsche Erwiderung auf "De libero arbitrio diatribe sive collatio". Dieses Werk führte zum endgültigen Bruch mit LUTHER.
Einfluss Erasmus'von Rotterdam auf
andere Persönlichkeiten
ERASMUS hatte großen Einfluss
auf zeitgenössische und spätere Persönlichkeiten. In
den Zeiten seines Aufenthaltes in Basel wurde ERASMUS - insbesondere
durch seine Verbindung zum Verlagshaus Froben - zum Drehpunkt
eines bedeutenden Kreises von Humanisten. Dieser Kreis setzte sich
aus Freunden und Verehrern aus ganz Europa zusammen. ERASMUS nahestehende
Personen in Basel waren BONIFACIUS AMERBACH, BEATUS RHENANUS, GLAREAN,
LUDWIG BÄR, KONRAD PELLIKAN, JOHANNES OEKOLAMPAD und SIMON GRYNAEUS.
Von HANS HOLBEIN d. J., den ERASMUS
sehr schätzte, wurde er mehrfach porträtiert. HOLBEIN war es
auch, der 1515-1516 ein Exemplar von ERASMUS' "Lob der Torheit"
(Erstausgabe 1511) mit Randzeichnungen versah.
ERASMUS' lateinische Übersetzung und Kommentierung des griechischen
Neuen Testaments beeinflussten sowohl
die Zürcher und die Genfer Bibel als auch die anglikanische Bibelübersetzung,
nicht zuletzt den großen Reformator LUTHER.
Insbesondere mit "Enchiridion militis christiani" ("Handbüchlein
des christlichen Soldaten, 1503)", der satirischen Schrift "Morias
enkomion seu laus stulticiae" ("Das Lob der Torheit", 1509)
und seiner lateinischen Bibelübersetzung "Novum instrumentum
omne" (1516) übte ERASMUS großen Einfluss auf das theologische
und geistige Leben seiner Zeit aus. Er wird daher oft als Wegbereiter
der Reformation angesehen, seine Werke wurden später vom Konzil
von Trient verboten. Trotzdem waren sein Wirken und seine Werke eher von
humanistischen als von theologischen Überzeugungen getragen. Er war
eine zentrale Persönlichkeit des Humanismus, gehörte als solche
zu den fortschrittlichen Denkern seiner Zeit und hatte damit großen
Einfluss auf die europäische Geistesgeschichte.