Der Journalist und Schriftsteller GÜNTER WALLRAFF wurde in den 60er-Jahren durch seine kritischen Industrie- und Betriebsreportagen und seine ungewöhnlichen Recherchemethoden bekannt. Wiederholt schlüpfte er in verschiedene fremde Rollen, um sich in Unternehmen unerkannt bewegen zu können. Immer wieder gelang es WALLRAFF, in die Intimsphäre von Wirtschaft und Staat einzudringen, und über skandalöse, unmenschliche und undemokratische Arbeits- und Herrschaftsverhältnisse zu berichten. Zu seinen bekanntesten Werken zählen seine "Industriereportagen" (1970), seine BILD-Trilogie und "Ganz unten" (1985), ein Buch, das in der BRD in kürzester Zeit zum Bestseller wurde.
Lebensgeschichte
Die Lebensgeschichte
GÜNTER WALLRAFFs begann am 1. Oktober 1942. An diesem Tag wurde er
als Sohn eines Ford-Arbeiters und einer Fabrikantentochter in Burscheid
geboren. Nach dem Besuch des Gymnasiums erhielt er eine Ausbildung als
Buchhändler. Schon in den 50er-Jahren
begann er zu schreiben - zunächst Lyrik.
Trotz seiner Kriegsdienstverweigerung
wurde er 1963 zur Bundeswehr einberufen, jedoch bald wegen seiner andauernden
und radikalen Proteste als wehrdienstuntaugliche, "abnorme Persönlichkeit"
entlassen. Seine Erfahrungen aus dieser Zeit erschienen 1970 im Sammelband „Von einem der auszog und das Fürchten lernte“. In
diesem Band verarbeitete er seine Zeit in der psychiatrischen Abteilung
des Bundeswehrlazaretts Koblenz, in das er wegen seiner permanenten Waffendienst-Verweigerung
eingewiesen worden war. Um in einer Umgebung, die ihn für verrückt
hielt, nicht wirklich verrückt zu werden, führte er ein Tagebuch
- auch mit dem Ziel, seine bitteren Erfahrungen eines Tages der Öffentlichkeit
zugänglich machen zu können. Die unfreiwillige Rolle als Psychiatriepatient
wurde zum Schlüsselerlebnis und Ausgangspunkt für seine späteren
literarischen Arbeiten.
In den Jahren 1964 und 1965 nahm er mehrere Jobs als Hilfsarbeiter
in verschiedenen Industriebetrieben an und sammelte so Stoff für
seine ersten Berichte. So wurde er in den 60er-Jahren durch seine kritischen
Industrie-
und Betriebsreportagen sowie durch seine außergewöhnlichen
Recherchemethoden bekannt. Immer wieder schlüpfte er in neue Rollen,
um unter dem Deckmantel der Anonymität an brisante Informationen
zu gelangen, die er - als der Journalist WALLRAFF - nie erhalten
hätte. Das führte schließlich soweit, dass in den Chefetagen
der betroffenen Unternehmen schon frühzeitig sogenannte „Wallraff-Steckbriefe“ verfasst wurden, mit denen die Personalbüros
anderer Firmen vor dem "Einschleicher" WALLRAFF gewarnt werden
sollten.
WALLRAFF arbeitet inzwischen - nach einer Zeit als Redakteur bei
der satirischen Zeitschrift "Pardon" und einer anschließenden
festen Mitarbeit bei der Hamburger Zeitschrift "konkret" -
seit fast 40 Jahren als freier Journalist
und Schriftsteller in Köln.
Mitte der 70er-Jahre verließ WALLRAFF die reine Beobachterrolle,
die er bis dahin bei seinen journalistischen Projekten eingenommen hatte
und nahm stattdessen die Rolle eines aktiven Teilnehmers ein. Er begnügte
sich nicht mehr nur mit sachlichen Schilderungen, sondern fing an, mit
seinen Reportagen auch Partei zu ergreifen.
So kann man auch spektakuläre Aktionen, wie den Protest gegen die
griechische Militärjunta im Sommer
1974, einordnen. Damals kletterte WALLRAFF in Athen auf dem Syntagma-Platz
auf einen Laternenpfahl und verteilte Flugblätter, die die Freilassung
aller politischen Gefangenen forderten. Unter Anwendung roher Gewalt holte
ihn die Polizei herunter, verhaftete ihn und inhaftierte ihn für
mehrere Monate bis zum Sturz des griechischen Militärregimes.
WALLRAFF will bewegen, nachdenklich stimmen und aufrütteln. Grunderfahrung
seines Schreibens ist das persönliche Erlebnis. Nicht alle seine
Projekte glückten alledings. So nahm er sich einmal vor, herauszufinden,
ob die Leute in den Talkshows am Mittag genauso behandelt werden, wie
er damals bei der "BILD"-Zeitung. Er schleuste eine Frau ein,
die als Mitarbeiterin getarnt in einer Talkshow arbeiten sollte. Eine
Zeit lang berichtete sie auch aus der Show, doch dann ließ sie sich
vom Sender fest anstellen, teilte ihm mit, dass sie die Arbeit "chic"
finde und brach den Kontakt ab.
In den 1990er-Jahren setzte sich WALLRAFF kritisch mit Menschenrechtsverletzungen
in der Türkei auseinander, er lebte während des Golfkriegs aus
Solidarität in einem Kibbuz in Israel und er nahm Partei für
SALMAN RUSHDIE, dem er half, sich vor seinen Verfolgern zu schützen,
indem er ihn zeitweise bei sich zu Hause versteckt hielt.
WALLRAFF ist zum dritten Mal verheiratet. Mit der Journalistin BARBARA
MUNSCH hat er zwei Töchter, aus den beiden Ehen vorher drei weitere
Kinder.
Literarisches Schaffen
WALLRAFF wurde bekannt durch seine Reportagen.
Den ersten Reportageband veröffentlichte er im Jahre 1966:
"Wir brauchen
dich. Als Arbeiter in deutschen Industriebetrieben".
Sein fünftes Buch, „13 unerwünschte Reportagen“, das 1969 erschien und
in dem er die unmenschlichen Arbeitsbedingungen in den Großbetrieben
schilderte, machte den Namen WALLRAFF zu einem Synonym für aufklärenden
Journalismus. Später folgte
„Ihr da oben - wir da unten“ (gemeinsam mit BERNT ENGELMANN,
1973), in dem er auch nicht vor der isolierten Welt der Chefetagen und
der fürstlichen Häuser Halt machte.
Schließlich enthüllte er - als Journalist
HANS ESSER getarnt - die wahrheitsverstümmelnde und sensationslüsterne
Berichterstattung der BILD-Zeitung in dem brisanten Report
„Der Aufmacher. Der Mann, der bei BILD Hans Esser war“ (1977). In der Rolle eines Boten hatte WALLRAFF einige Monate in der
Hannoverschen Lokalredaktion der BILD-Zeitung gearbeitet und die dort
angewandten fragwürdigen Arbeitstechniken dokumentarisch festgehalten.
Der Report erregte großes Aufsehen. Der Springer-Verlag reichte
Klage gegen den Bericht ein und verlor schließlich den Prozess vor
dem Bundesgerichtshof in Karlsruhe, der den Bericht billigte, da er
"Fehlentwicklungen im Journalismus aufzeige". Dem ersten
BILD-Report folgten noch zwei weitere:
WALLRAFF gehörte der Gruppe 61 an und war Mitbegründer des "Werkkreises Literatur der Arbeitswelt". Trotzdem hat er stets vermieden, sich als Schriftsteller zu bezeichnen.
Zu den bekanntesten Werken von WALLRAFF zählt „Ganz unten“ (1985), sein wohl bisher erfolgreichstes Buch, das in der BRD in kürzester Zeit zum Bestseller wurde. In diesem Buch berichtet er, was er selbst am eigenen Leib erfahren musste in der Zeit, in der er als türkischer Fremdarbeiter Ali Levent Sinirlioglu lebte und bei einer Fast-Food-Kette, auf einer Großbaustelle und in einer Leiharbeiterkolonne arbeitete.
Die Wahrheit die er ganz unten fand, machte sein Buch zu einem Bestseller
in der BRD. Innerhalb von vier Monaten wurden fast zwei Millionen Exemplare
verkauft. Das Buch wurde in 33 Sprachen übersetzt und verfilmt, was
WALLRAFF nun auch international bekannt machte.
WALLRAFF erhielt im Laufe der Jahre zahlreiche Literatur- und Medien-Preise
im In- und Ausland u. a.:
Werke
Zu den Werken von WALLRAFF gehören:
Wir brauchen dich. Als Arbeiter in deutschen Industriebetrieben (1966, 1970 unter: "Industriereportagen")
13 unerwünschte Reportagen (1969)
Von einem der auszog und das Fürchten lernte (1970)
Neue Reportagen, Untersuchungen und Lehrbeispiele (1972)
Ihr da oben - wir da unten (1973)
Aufdeckung einer Verschwörung. Die Spinola-Aktion (1976)
Der Aufmacher. Der Mann der bei BILD Hans Esser war (1977)
Zeugen der Anklage. Die "BILD"-Beschreibung wird fortgesetzt (1979)
BILD-Handbuch bis zum BILDausfall (1981)
Die unheimliche Politik (1982)
Günter Wallraffs BILDerbuch (1985)
Ganz unten (1985)