


Die Haltung deutscher Intellektueller
zur Französischen Revolution
Die Haltung
deutscher Intellektueller zur Französischen Revolution war bis
1792 fast ungeteilt positiv:
begrüßten emphatisch die Vorgänge in Frankreich. KLOPSTOCK schrieb seine berühmte Ode "Sie und nicht wir" (1790). JOHANN WILHELM VON ARCHENHOLZ stellte 1789 fest:
"die französische Revolution verdrängt durch ihr gewaltiges Interesse alles; die besten Gedichte bleiben ungelesen. Man greift nur noch nach Zeitungen und solchen Schriften, die den politischen Heißhunger stillen."
(Johann Wilhelm von Archenholz, in: Minerva, Bd. 7, August 1793, S. 199.)
Die
Haltung GOETHEs
GOETHE hatte als Begleiter des
Herzogs KARL AUGUST den 1. Koalitionskrieg (1792-1797) der Österreicher
und Preußen gegen die Franzosen erlebt und stand seitdem der Revolution
sehr ablehnend gegenüber.
GOETHE setzte sich jedoch in verschiedenen Werken mit der Französischen
Revolution auseinander:
Die Auseinandersetzung GOETHEs blieb allegorisch-symbolisch. Er nutzte zwar auch satirische und novellistische Stilmittel, vermittelte jedoch alles in allem ein klassisch geprägtes Gegenbild zur Revolution. Seine ablehnende Haltung der Revolution gegenüber blieb auf die Verurteilung von Gewalt beschränkt.
Die Haltung SCHILLERs
1792 wurde SCHILLER von der Französischen
Nationalversammlung die Ehrenbürgerschaft verliehen. Noch schmeichelte
ihm diese Auszeichnung. Hatte er aber die Veränderungen in Frankreich
anfänglich noch begrüßt, begann mit dem jakobinischen
Terror 1793 ein Umdenkungsprozess. Erste Zweifel äußerte er gegenüber CHRISTIAN GOTTFRIED
KÖRNER:
"Was sprichst Du zu den französischen Sachen? Ich habe wirklich eine Schrift für den König schon angefangen gehabt, aber es wurde mir nicht wohl darüber, und da ligt sie mir nun noch da."
(SCHILLER an KÖRNER, 08.02.1793, vgl. PDF 1)
Einen Höhepunkt der Schreckensherrschaft stellte für SCHILLER die Hinrichtung LUDWIGS XVI. dar.
SCHILLER schrieb außer dem Drama „Wilhelm
Tell“ (1804, um den schweizerischen Unabhängigkeitskampf)
keine Revolutionsdichtungen. Im Jahr der Uraufführung, 1804, war
dieses Drama ein grandioser Erfolg:
Inhalt: Der Reichsvogt Hermann Geßler unterdrückt die drei Kantone
Schwyz, Uri und Unterwalden. Als jemand den Burgvogt erschlägt, hilft
Wilhelm Tell dem flüchtigen Mörder. Er ist nicht gewillt, sich
vor einem an einer Stange befestigten Hut zu verneigen, wie Geßler
befahl. Als Feind des Kaisers wird er in Haft genommen. Als Geßler
ihn auffordert, mit der Armbrust auf seinen Sohn zu schießen, trifft
er den Apfel genau in der Mitte. Tell sinnt nach Rache, in der hohlen
Gasse durchbohrt ein Pfeil Tells die Brust des Reichsvogts. Diese Tat
ermutigt zur Befreiung des Landes.
GOETHE äußerte sich über
die Arbeitsweise SCHILLERs am "Tell":
"Schiller fing damit an, alle Wände seines Zimmers mit so viel Spezialkarten der Schweiz zu bekleben, als er auftreiben konnte. Nun las er Schweizer Reisebeschreibungen, bis er mit Weg und Stegen des Schauplatzes des Schweizer Aufstandes auf das Genauste bekannt war. Nachdem er alles Material zusammen gebracht hatte, setzte er sich über die Arbeit, und buchstäblich genommen, stand er nicht eher vom Platze auf, bis der "Tell" fertig war. Überfiel ihn die Müdigkeit, so legte er den Kopf auf den Arm und schlief. Sobald er erwachte, ließ er sich nicht, wie fälschlich nachgesagt worden ist, Champagner, sondern starken schwarzen Kaffee bringen, um sich munter zu halten. So wurde der "Tell" in sechs Wochen fertig; er ist aber auch wie aus einem Guss."
(Friedrich Schiller: Wilhelm Tell. Berlin: Cornelsen, 2006, S. 17)
SCHILLER beschäftigte sich ästhetisch mit der Französischen
Revolution (Bild 1). Seiner Auffassung nach könnten politische Probleme nicht
mehr "durch das blinde Recht des Stärkeren" gelöst
werden, sondern müssten vor dem "Richterstuhl reiner Vernunft"
verhandelt werden. In den "Horen" veröffentlichte SCHILLER
1795 "Über
die ästhetische Erziehung des Menschen, in einer Reihe von Briefen" (siehe Bild 2). Hierin begründete er, dass eine ästhetische
Erziehung den Weg zum Vernunftstaat bereiten sollte: "Der
Weg zum Kopf" müsse "durch das
Herz geöffnet werden." Ästhetik ist nach seiner Auffassung Vermittlung von Vernunft und Sinnlichkeit.
Nicht durch einen gewaltsamen Umsturz gelange man zum Vernunftstaat, sondern
durch evolutionäre Fortentwicklung der Gesellschaft. Deshalb genügt
nicht die Reform des Staates. Ziel ist seine allmähliche Auflösung.
Die Annäherung zwischen GOETHE
und SCHILLER
Eine Annäherung
zwischen GOETHE und SCHILLER erfolgte 1794. Diese war möglich
geworden durch die veränderte Haltung SCHILLERs gegenüber der
Französischen Revolution. Sowohl GOETHE als auch SCHILLER verhielten
sich neutral gegenüber den Veränderungen in Frankreich und Europa.
Beide waren der Auffassung, die Entwicklung der Gesellschaft dürfe
nicht mit Gewalt in eine neue Richtung gedrängt werden. Diese Haltung
begründete ihre Freundschaft.
