HANS JAKOB CHRISTOFFEL VON GRIMMELSHAUSEN war der bedeutendste deutsche Erzähler des 17. Jahrhunderts. Sein Leben und seine Person sind noch heute von Rätseln umgeben, was insbesondere darauf zurückzuführen ist, dass er fast nur unter Pseudonymen geschrieben hat, z. B. als GERMAN SCHLEIFHEIM VON SULSFORT oder als SAMUEL GREIFENSOHN VON HIRSCHFELD. Mit seinem "Simplicissimus" war GRIMMELSHAUSEN der Verfasser des ersten weltweit beachteten deutschen Prosaromans.
Lebensgeschichte
GRIMMELSHAUSENs Lebensgeschichte
war lange Zeit ins Dunkel gehüllt. Sie beruht weitestgehend auf Rückschlüssen
aus seinen Schriften, die jedoch oft romanhaft fiktiver oder gar phantastischer
Natur sind und dementsprechend meist keine sicheren Aussagen zulassen. Erst ab
1639 ist sein Lebensweg dokumentarisch nahezu lückenlos nachweisbar.
GRIMMELSHAUSEN wurde um 1621 (nach anderen Angaben 1622), vier Jahre nach Beginn
des Dreißigjährigen Krieges, in
Gelnhausen (Hessen), einem kleinen Städtchen nahe Frankfurt a.M. als Sohn
eines protestantischen Gastwirts und Bäckers geboren. Nachdem sein Vater
früh gestorben war, heiratete seine Mutter erneut und zog nach Frankfurt.
GRIMMELSHAUSEN wurde daher von seinem Großvater in Gelnshausen großgezogen,
der für eine Ausbildung in Lesen, Schreiben, Latein und Mathematik an der
lutherischen Lateinschule sorgte. 1634 wurde die Stadt von kaiserlich-spanischen
Truppen geplündert und die Bevölkerung massakriert. Der Junge floh nach
Hanau, wo er, ähnlich wie Simplicissimus, der Held seines berühmtesten
Romans, von Kroaten entführt wurde und 1635 in hessische Gefangenschaft geriet,
deren Dauer unklar ist.
1636 wurde GRIMMELSHAUSEN zum Soldatendienst
in die kaiserliche Armee gepresst und geriet als Trossjunge
in die Schlacht bei Wittstock. 1637-1638 diente er in der schwedischen Armee
in Westfalen, 1638 in der Armee des Grafen VON GÖTZ, 1639-1648 schließlich
beim Regiment des Freiherrn VON SCHAUENBURG in der strategisch wichtigen badischen
Stadt Offenburg, zu deren Verteidigung er sich als Garnisionssoldat gemeldet hatte
und die bis zum Ende des Krieges gehalten werden konnte.
Etwa um 1643 wurde
GRIMMELSHAUSEN aufgrund seiner Schreibkenntnisse in die Regimentskanzlei geholt,
um 1645 begann er; als Regimentsschreiber zu
arbeiten. Der Regimentssekretär JOHANNES WITSCH, der an der Universität
Freiburg seinen Magister gemacht hatte, erkannte und förderte die besonderen
Begabungen von GRIMMELSHAUSEN.
1647 fielen die Schweden und Franzosen in Bayern
ein und GRIMMELSHAUSEN nahm als Sekretär
im Regiment eines Schwagers von SCHAUENBURG am Feldzug in Bayern teil. Hier erlebte
er mit dem Friedensschluss vom 24.10.1648 das Ende des Dreißigjährigen
Krieges.
GRIMMELSHAUSEN kehrte nach Offenburg zurück. Nachdem er noch
vor dem Kriegsende zum katholischen Glauben konvertiert war, heiratete er 1649
die Tochter eines Kameraden aus dem Regimentsstab, KATHARINA HENNINGER.
Es
folgte eine Zeit, in der er sich seinen Lebensunterhalt mit den unterschiedlichsten
Tätigkeiten verdiente. Er verwaltete die Schauenburgschen Güter in Gaisbach
(Renchtal), diente als Burgvogt des Straßburger
Arztes Dr. KÜFFER auf Schloß Ullenburg bei Gaisbach und betrieb 1656-1667
die Gaisbacher Weinwirtschaft "Zum silberner
Stern". Schließlich ließ er sich ab 1667 in Renchen am Schwarzwald
als bischöflich-straßburgischer Amtsschulteiß
nieder. Hier lebte er hoch angesehen und fand ausreichend Zeit zum Schreiben,
bis er am 17.08.1676 starb.
Literarisches
Schaffen
Mit GRIMMELSHAUSEN verbindet sich ein umfangreiches und bis in die heutige
Zeit stark beachtetes literarisches
Schaffen. Er war ein volkstümlicher
Schriftsteller, der sich den zeitgenössischen höfisch-galanten
Moderomanen (bis auf wenige Ausnahmen) verweigerte und sich einer direkten
und urwüchsigen Sprache bediente. Hinter seinem oft derben und teilweise
auch obszönen Humor steht immer ein sprachlich genauer Realismus.
Neben Romanen schrieb er auch Moralsatiren, Streitschriften und Kalender-
und Anekdotenbücher.
Er gilt heute als der wichtigste und bedeutendste deutsche Erzähler
des 17. Jahrhunderts. Sein Leben und seine Person sind von vielerlei Rätseln
umgeben, denn er liebte das Versteckspielen und schrieb die wenigsten
seiner Bücher unter eigenem Namen. Er nutzte vielmehr eine Reihe
von Pseudonymen,
so u. a.: SAMUEL GREIFNSON VOM HIRSCHFELD, PHILARCHUS VON TROMMENHEIM,
ERICH STAINFELS VON GRUFENHOLM, MELCHIOR STERNFELS VON FUCHSHAIM, MICHAEL
RECHULIN VON SEHMSDORFF. Zudem vermischte er in seinen Werken seine oft
autobiografisch eingeflochtenen persönlichen Erlebnisse mit fiktiven
oder sogar phantastischen Personen und Ereignissen. Trotz dieser vieler
Parallelen und Überschneidungen mit dem eigenen Leben nutzte GRIMMELSHAUSEN
das Medium des Schreibens nicht allein für die autobiografische Aufarbeitung,
sondern vor allem, um in dieser seiner unsicheren, gewalttätigen
Zeit eine Botschaft mitzuteilen. Aus seinen Werken spricht die Überzeugung,
dass die diesseitige Welt kein Glück birgt und es nur eine Alternative
gibt: sich aus der Welt zurückzuziehen und als Eremit in völliger
Abgeschiedenheit sein Leben Gott zu widmen.
Die ersten überlieferten Werke stammen aus dem Jahr 1667 ("Der
Satyrische Pilgram", "Die Histori vom keuschen Joseph in Egypten"),
doch bekannt wurde er mit dem 1668 erschienenen, in der Manier des spanischen
Schelmenromans geschriebenen
"Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch".
In diesem ersten deutschen Prosaroman von Weltrang und einem der berühmtesten
Barockromane überhaupt vermischte GRIMMELSHAUSEN in sechs Büchern
auf Basis eines religiösen Konzeptes geläufige Schwankstoffe
mit eigenen Erlebnissen. Der Roman beschreibt die Abenteuer des Simplicius,
des "Einfältigen", in den Wirren des Dreißigjährigen
Krieges. So entstand ein faszinierendes zeit- und kulturhistorisches Werk
voller abenteuerlicher Spannung und hintergründigen, derben Humors,
das vermittelt, dass man als Mensch ausschließlich über Erfahrungen
zu Urteilen kommt.
Der "Simplicissimus"
wurde praktisch für den lesekundigen Teil der Bevölkerung aus Adel und
Bürgertum der erste "Bestseller" im deutschen Sprachraum. Nur wenigen
war jedoch bekannt, dass sich hinter dem Verfasser-Pseudonym GERMAN SCHLEIFHEIM
VON SULSFORT in Wahrheit die anagrammatische Umstellung von CHRISTOFFEL GRIMMELSHAUSEN
verbarg. Dieses Wissen geriet ebenfalls bald in Vergessenheit und erst 1838 wurde
der wirkliche Autor herausgefunden.
Da der "Simplicissimus" so erfolgreich
war, entlehnte GRIMMELSHAUSEN Figuren aus diesem Werk und setzte deren Lebensweg
in weiteren Büchern fort, z. B. in:
Werke
Zu den Hauptwerken
von GRIMMELSHAUSEN gehören: