Lebensgeschichte
HEINRICH VON MEISSEN
wurde um 1250-60 in Meißen geboren. Über die Zeit seiner
Kindheit und Jugend ist kaum etwas bekannt. Er stammte aus einer bürgerlichen
Familie, bekannte sich aber dessen ungeachtet zu ritterlicher Gesinnung
und Lebensart. Nach der Überlieferung zeichnete er sich besonders
durch seine hohe Gelehrsamkeit und sein stark ausgeprägtes Selbstbewusstsein
aus. Seine gelehrte Ausbildung und poetische Schulung erhielt er an der
Meißener Domschule.
HEINRICH VON MEISSEN wurde als mittelhochdeutscher Lyriker und Spruchdichter
unter dem Namen FRAUENLOB bekannt.
So wie andere Dichter des 13. Jahrhunderts, beispielsweise KONRAD VON
WÜRZBURG, stand er im Dienst verschiedener Auftraggeber. Ab 1275
unternahm HEINRICH VON MEISSEN Wanderungen durch Bayern, Kärnten
und Tirol, hielt sich aber auch oft an norddeutschen Höfen in Brandenburg,
Mecklenburg und Rügen auf. 1278 befand er sich im Heer des Königs
RUDOLF VON HABSBURG. Hier trat er kurz vor der Schlacht auf dem Marchfelde
zum ersten Mal als Dichter hervor.
Zu den zahlreichen Fürsten und Königen, für die er arbeitete,
gehörten u. a. Herzog HEINRICH VON KÄRNTEN, Erzbischof GISELBERT
VON BREMEN, König RUDOLF VON HABSBURG, König WENZEL II. VON
BÖHMEN , König ERIK MENVED VON DÄNEMARK und Fürst
WIZLAV VON RÜGEN. Zuletzt lebte er in Mainz als Schützling des
Erzbischofs und früheren Kanzlers WENZELs II., PETER VON ASPELT.
Den Künstlernamen FRAUENLOB
gab er sich selbst. Er bezog sich damit auf den Minnesang,
die ritterlich höfische Liebeslyrik und Liedkunst, die in der mittelalterlichen
Lyrik besonderen Raum einnahm. Er war der Ansicht, dass er selbst als
Minnesänger (lyrischer Kunstdichter) die Minne (das Werben des Ritters
um die geliebte Frau) zur Vollendung geführt habe.
Seine Lyrik beeindruckte in besonderer Weise die Meistersinger.
Für diese galt er als der "letzte Minnesänger",
als einer der "Zwölf alten Meister"
und als der Gründer der ersten Meistersangschule in Mainz. Die Meistersingerschule
soll von ihm um 1315 gegründet worden sein.
HEINRICH VON MEISSEN starb am 29. November 1318 in der Stadt Mainz, in der er sich seit 1312 aufhielt, und wurde im östlichen Kreuzgang des Mainzer Doms beigesetzt. Der 1774 zerstörte Grabstein wurde 1783 durch einen neuen ersetzt.
Literarisches Schaffen
HEINRICHs VON MEISSEN literarisches
Schaffen umfasst u. a. Spruchstrophen, Minnelieder und Leiche. Die
Lyrik HEINRICHs VON MEISSEN fand schon zu seinen Lebzeiten viele Verehrer
und zahlreiche Nachahmer. Daher ist es nicht möglich, den Umfang
seines überlieferten Werkes genau zu bestimmen. Es gibt jedoch einige
Werke, die ihm mit großer
Sicherheit zugesprochen werden können, dazu gehören:
Die Gedichte HEINRICHs VON MEISSEN enthalten viele Metaphern (bildhafte Übertragungen) und Anspielungen und sind durch einen hohen inhaltlichen Anspruch, einen virtuosen Satzbau und eine oft schwer verständliche Ausdrucksweise geprägt. HEINRICH VON MEISSEN war praktisch der Vollender des "geblümten Stils" (Schmuck-, Edelstein- und Blumenmetaphorik). Als Meister dieser Sprachkunst wurde er zum Vorbild für viele andere mittelalterliche Lyriker, so z. B. für KONRAD VON WÜRZBURG. Gleichzeitig war gerade die hohe inhaltliche und sprachliche Komplexität seiner Dichtungen Grund dafür, dass HEINRICH VON MEISSEN nie so populär wurde, wie die beiden anderen großen Lyriker des Mittelalters, WALTHER VON DER VOGELWEIDE und OSWALD VON WOLKENSTEIN. Wohl galt er im späten Mittelalter als der "Fürst deutscher Dichtung", doch später wurde er als pseudogelehrter Angeber eingeordnet und noch bis zu Anfang dieses Jahrhunderts gar für verrückt erklärt. Erst in den letzten Jahrzehnten ist die Forschung allmählich zu einer völligen Neubewertung gelangt.