Traditionslinie der deutschen Kurzgeschichte
Es ist versucht worden, eine Traditionslinie
der deutschen Kurzgeschichte aus
abzuleiten.
Vorbilder
Die Genrebezeichnung Kurzgeschichte
im heutigen Verständnis stammt jedoch aus der angloamerikanischen
Literatur und ist eine Lehnübersetzung von "short
story". Das moderne Genre
der Kurzgeschichte, so wie es insbesondere unmittelbar nach dem Zweiten
Weltkrieg gepflegt wurde, hat seine Vorbilder
maßgeblich in der anglo-amerikanischen Literatur.
Bereits seit dem
Ende des 19. Jahrhunderts wurden die short stories von EDGAR ALLAN POE und BRET
HART (seine sogenannten kalifornischen "local color stories") den deutschen
Lesern in Übersetzungen bekannt. Sie wurden, wie auch die Geschichten des Franzosen
GUY DE MAUPASSANT und des Russen ANTON TSCHECHOW, über das Feuilleton etlicher
Zeitschriften und in Sammelbänden verbreitet und wirkten
stilbildend auf die deutsche Kurzprosa zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts.
Kahlschlagliteratur
und short story
Noch bis Anfang der Vierzigerjahre des 20. Jahrhunderts
waren die Werke maßgeblicher amerikanischer Kurzgeschichtenautoren wie
den deutschen Lesern zugänglich. 1945, nach dem Krieg und im Zuge des Umerziehungsprogramms der westlichen Alliierten, wurden ihre Texte in Anthologien wieder aufgelegt:
und stießen vor allem bei der jungen, aus dem Krieg heimgekehrten Generation auf Resonanz. Ja, etliche Autoren dieser jungen Kriegsgeneration (unter ihnen HEINRICH BÖLL , WOLFGANG BORCHERT, SIEGFRIED LENZ und WOLFDIETRICH SCHNURRE) bildeten sich gewissermaßen an der Form der Kurzgeschichte zum Dichter aus und führten das Genre von den späten Vierziger- bis zu den frühen Fünfzigerjahren zu einer Blüte. Zu den bekannten Kurzgeschichtensammlungen jener Jahre gehören WOLFGANG BORCHERTs "An diesem Dienstag" (1947), ELISABETH LANGGÄSSERs "Torso" (1949); ERNST SCHNABELs "Sie sehen den Marmor nicht" (1950), HEINRICH BÖLLs "Wanderer, kommst du nach Spa " (1950) und WOLFDIETRICH SCHNURREs "Die Rohrdommel ruft jeden Tag" (1950). WOLFGANG WEYRAUCH hatte bereits 1946 eine Kurzgeschichten-Anthologie unter dem Titel "Tausend Gramm" vorgelegt. In deren Vorwort formulierte er den für die sogenannte "Kahlschlagliteratur" jener Zeit programmatisch gewordenen Satz: "Die Kahlschläger fangen in der Sprache, Substanz und Konzeption von vorne an." Er sprach sich für den "Realismus des Unmittelbaren" und die "Fixierung des Alltags" aus.
Nachkriegsjahre
Die erschütternden Erfahrungen des Krieges sowie die Entbehrungen und ideologischen
Wirren der Nachkriegsjahre gestatteten
es dieser Autorengeneration nicht, an die
der deutschen Vorkriegsliteratur anzuknüpfen. Es bedurfte neuer Darstellungstechniken, um das Erlebte in all seiner Krassheit und Erbarmungslosigkeit authentisch zu gestalten. Schöne Stilisierungen, artifizielle Sprache verboten sich gewissermaßen von selbst, vielmehr sah man in den schmucklosen Formen der Alltagsprache das Bedürfnis nach Unverstelltheit und Wahrhaftigkeit erfüllt.
Vorbild
HEMINGWAY
Die durch den Krieg gegangene Autorengeneration misstraute der für
die faschistische Propaganda und die Einlullung der Bevölkerung missbrauchten
Sprache und mochte keine Anknüpfungspunkte in der vorangegangenen
Literatur finden. Nur das eigene Erleben und
Empfinden schien ihnen verlässlich, angesichts der materiellen,
körperlichen und seelischen Verheerungen, die der Krieg angerichtet
hatte. Vor allem in HEMINGWAYs
berühmten, die sprachliche Lakonie auf die Spitze treibenden Kurzgeschichten
sahen die jungen Autoren ein Vorbild. Wie dieser konnten sie in einem
prägnanten Handlungsausschnitt, der sich auf
beschränkt, ein alltäglich-gewöhnliches Ereignis, die massenhaften Erfahrungen einfacher Soldaten, über sich hinausweisen lassen und mehr sagen, als oberflächlich in den Zeilen steckt. HEMINGWAY selbst war durch die effiziente Schule des Journalismus gegangen. Als Reporter und Auslandskorrespondent verschiedener amerikanischer und kanadischer Zeitschriften hatte er frühzeitig gelernt, auf überflüssige Ausschmückungen zu verzichten und der Macht des Faktischen zu vertrauen. Den scharfen Blick für das Wesentliche, die unkommentierte, scheinbar emotionslose Darstellung aufwühlenden Geschehens hat er dort eingeübt: in seinen Reportagen von den Kriegsschauplätzen und Städten Europas. HEMINGWAY schrieb auch als Dichter nur über Dinge, die er aus eigener Anschauung kannte, sei es
In jedem dieser scheinbar begrenzten Wirklichkeitsausschnitte spürte er die großen Themen von
auf. Dabei verzichtete er auf die Darstellung von Emotionen, vielmehr komponierte er die Abfolge von Geschehnissen so, dass sie beim Leser eben diese Emotionen hervorrufen müssen. Der unvermittelte Einsatz in die Handlung, der die vorherige Entwicklung ebenso ausspart wie der offene Schluss die nachfolgende, sowie die unkommentierten Dialoge verlangen vom Leser, das Dargebotene zu seiner Gefühls- und Erfahrungswelt in Beziehung zu setzen. Statt der novellistischen Überhöhung bedient sich die amerikanische Kurzgeschichte HEMINGWAYs der Untertreibung, des Understatements. HEMINGWAY fühlte sich zeitlebens einem Männlichkeitsideal verpflichtet, das
einschloss. Er misstraute pathetischen, schwülstigen Worten, in seinen Texten mied er Abstrakta und schmückende Attribute. So ist sein Wortschatz einfach wie seine Syntax, die in der Regel mit kurzen Sätzen oder Parataxen auskommt. Es gab nicht wenige Versuche, den prägnanten, lapidaren Stil des Amerikaners zu imitieren. Doch nur zum Teil gelang es oder war es angestrebt, nach seinem Vorbild
Die fest verwurzelte deutsche Erzähltradition, das hinter den Dingen und Geschehnissen liegende Tiefe, Symbolische, Allgemeinmenschliche aufscheinen zu lassen, erwies sich auch für die jungen Nachkriegsautoren bei aller Radikalität nach wie vor als wirkmächtig. Der spröde amerikanische Typ der short story ließ sich nicht einfach in die deutsche Literatur übertragen, vielmehr verwandelten die deutschen Autoren ihn auf ihre Weise.
WOLFGANG
BORCHERT
Als einer der ersten und mit Vehemenz tat sich WOLFGANG
BORCHERT als Autor von Kurzgeschichten hervor. Er orientierte sich
eher an HEMINGWAYs unbekannterem Vorgänger O. HENRY als an diesem
selbst und zeigte sich in seinem emphatischen Sprachgestus dem deutschen
Expressionismus verpflichtet. Am bekanntesten unter seinen Kurzgeschichten
wurden "Die Hundeblume"
(1947) und "Aber
nachts schlafen die Ratten doch" (1947). Letztere bezieht ihre
Wirkung nicht zuletzt aus dem anrührenden Plot:
Ein kleiner Junge sitzt an der Ruine seines Hauses und versucht die Ratten von seinem unter den Trümmern begrabenen Bruder fernzuhalten. Ein alter Mann überredet den Jungen, wenigstens nachts seine Wache zu unterbrechen mit den Worten: "Aber nachts schlafen die Ratten doch."
Der erste Satz der Geschichte "Das hohle Fenster in der vereinsamten Mauer gähnte blaurot voll früher Abendsonne" ist in keiner Weise eine "amerikanische Eröffnung", sondern enthält vielmehr in den schmückenden Beiwörtern das typische expressionistische Bildinventar. Das Geschehen entfaltet sich dann allerdings mit knappsten Mitteln des Dialogs, der seine amerikanischen Vorbilder erkennen lässt.
WOLFDIETRICH SCHNURRE
Der Anfang von WOLFDIETRICH
SCHNURREs Kurzgeschichte "Reusenheben"
(1949) liest sich hingegen wie der typische Anfang einer amerikanischen
short story, denn er führt direkt zum Schauplatz: "Der Boden war morastig und federte,
wenn er den Fuß auf ihn setzte." Die Geschichte setzt unmittelbar im Geschehen ein,
die Erzählperspektive ist
auf die Person des Jungen eingeschränkt, ohne ihn jedoch näher zu charakterisieren.
Der Junge schwänzt die Schule und wird Zeuge, wie ein Mann im Schilf eine
Frau umbringt.
Die unterkühlte Darbietungsweise kontrastiert stark mit
dem dargestellten Gewaltverbrechen. Die Sätze sind einfach, es gibt Satzreihungen,
Satzbrüche, nahe an der Umgangssprache. Das Geschehen entwickelt sich im
Dialog zwischen dem Jungen und dem Mörder. Für einen Moment flackert
die Möglichkeit auf, der Junge könnte als Augenzeuge des Mordes auch
noch aus dem Weg geräumt werden. Doch beide, Junge und Mörder, schaffen
mit ruhiger Gewissenhaftigkeit die Leiche beiseite. Die Fokussierung auf die Perspektive
des Jungen und das Erlebnis von Gewalt legen den Vergleich mit den Geschichten
um HEMINGWAYs Gestalt Nick Adams nahe. Am Ende von "Indianerlager"
– Nick war Zeuge des Kaiserschnitts geworden, den sein Vater ohne Narkose an einer
Indianerin vorgenommen hatte, und des Selbstmordes ihres Mannes, der das Leid
seiner Frau nicht ertragen konnte – wird Nick gleichsam die Chance zur emotionalen
Verarbeitung des Erlebten gegeben.
Diese Ebene des Verarbeitens des entsetzlichen Geschehens bleibt bei SCHNURRE gänzlich ausgespart. Während bei HEMINGWAY die Dinge und die Vorgänge nur sich selbst bedeuten, hat SCHNURRE in die realistische Erzählweise seiner Geschichte gleichsam einen doppelten Boden eingezogen, der das Dargestellte gewissermaßen in einer vieldeutigen Schwebe hält und die Motive Mord, Zeugenschaft, Rechtsübertretung mit symbolischer Bedeutung auflädt.
HEINRICH
BÖLL
Auch wenn HEINRICH BÖLL
später dazu überging, Romane zu schreiben, hat er sich bis in
die Sechzigerjahre doch außerordentlich um die Form der Kurzgeschichte
nach dem Vorbild HEMINGWAYs und BORCHERTs bemüht. Er blieb jedoch
nicht dabei, das karge untertemperierte amerikanische Muster zu kopieren,
sondern hat seiner Kurzprosa satirische, parabolische oder novellistische
Züge verliehen. Seine berühmteste und komprimierteste Kurzgeschichte
ist zweifellos "Wanderer,
kommst du nach Spa
" (1950). Im Schicksal des schwer verletzten
jungen Mannes, der in ein Lazarett, das er als seine ehemalige Schule
erkennt, eingeliefert wird, hat BÖLL seine eigenen Kriegserlebnisse
verarbeitet, wie bis 1950 überhaupt die meisten seiner Geschichten
entstanden, die das Kriegsgeschehen und seine
Folgen zum Inhalt haben. Diese Kurzgeschichte hat eine novellistische
Struktur, welche den Spannungsbogen
dramatisch steigert in dem Maße, wie der Junge auf der Trage in
die Schule vordringt und erkennt, dass es seine eigene ist. Der Höhepunkt
ist erreicht, als er im Klassenzimmer den von ihm geschriebenen Satz "Wanderer,
kommst du nach Spa
", den er nicht vollständig auf die Tafel
hat bringen können, wieder erkennt und sich zugleich über seine
eigene körperliche Verstümmelung bewusst wird.
1948 ist BÖLLs
satirische Geschichte "Mein
teures Bein" entstanden. Sie erzählt die Erlebnisse eines beinamputierten
Kriegsheimkehrers auf dem Arbeitsamt und beginnt folgendermaßen: "Sie
haben mir jetzt eine Chance gegeben. Sie haben mir eine Karte geschrieben
" Die
Satire entfaltet sich in der Kürze des Dialogs, in der Knappheit der Fragen
und Entgegnungen, etwa bezüglich des verlorenen Beines: "Ganz?"
-
" Ganz." Die ihm als "nette Sache"
offerierte Stelle als Schuhputzer in einem WC lehnt der Kriegsversehrte ab und
fordert eine Rente. Der Beamte bezeichnet die Forderung als "verrückt"
und rechnet dem Erzähler die Rentensumme für sein "verflucht
teures Bein" vor. Der Ich-Erzähler kontert, dass es schade sei,
"dass ich nicht auch
totgeschossen wurde. Wir hätten
viel Geld gespart." Denn durch seine Meldung konnte vielen Soldaten
das Leben gerettet werden, und die geretteten Offiziere bezögen heute hohe
Renten.
Das satirische Prinzip
dieser Kurzgeschichte beruht auf der Wiederholung und zynisch-sarkastischen Steigerung
der menschenverachtenden Äußerung des Beamten durch den Versehrten. Statt eines
sachlichen Tones treibt der Autor das absurde Unterfangen, den Wert eines abgeschossenen
Beines aufzurechnen, bei aller Sparsamkeit der Mittel bis zum Äußersten.
WOLFGANG
HILDESHEIMER
WOLFGANG HILDESHEIMER,
der als jüdischer Emigrant von den Alliierten 1946 als Simultandolmetscher
zu den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen geholt worden war, debütierte
1952 mit einem Band Kurzgeschichten unter dem Titel "Lieblose
Legenden". Die ursprünglich
aus der christlichen Liturgie stammende Legendenform hat er ins Satirische
gewendet und auf die kulturelle und politische Restauration im westlichen
Teil Nachkriegsdeutschlands bezogen.