Lebensgeschichte
und literarisches Schaffen
HERMANN HESSE (Bild 1) wurde
am 2. Juli 1877 als Sohn des protestantischen Missionars JOHANNES HESSE
und seiner Frau MARIE, geb. GUNDERT, in Calw geboren. Die Jahre 1881 bis
1886 verbrachte die Familie in Basel, da der Vater dort eine Anstellung
bei der Basler Mission erhielt und unterrichtete.
Nach Calw zurückgekehrt, besuchte HESSE das dortige Reallyzeum und
von 1890 an die Lateinschule in Göppingen zwecks der Vorbereitung auf
das Landexamen, das die kostenlose Ausbildung im Tübinger Stift und
damit eine Theologenlaufbahn ermöglichen sollte. Dafür musste
HESSE die württembergische Staatsangehörigkeit erwerben.
1891 war er sieben Monate Seminarist
im evangelischen Klosterseminar in Maulbronn. Er floh, weil er "entweder
Dichter oder gar nichts werden wollte."
Nach einem Selbstmordversuch wies man
ihn in die Nervenheilanstalt Stetten ein. Nach seiner Genesung wurde er
in das Gymnasium aufgenommen, das er aber bereits 1893 mit der Obersekundarreife
verließ. 1894 arbeitete er als Praktikant in der Calwer Turmuhrenwerkstätte
Perrot. Von 1895 bis 1898 absolvierte er eine Buchhändlerlehre
bei J. HECKENHAUER in Tübingen. In dieser Zeit kam es zu ersten Publikationen:
Gedichte in "Das deutsche Dichterheim",
Niederschrift des Romans "Schweinigel",
dessen Manuskript nie aufgetaucht ist, "Romantische
Lieder", "Eine
Stunde hinter Mitternacht" u. a.
Vier Jahre, von 1899 an beginnend, arbeitete er als Buchhändler
und Antiquar in Basel und unternahm
mehrere Reisen innerhalb der Schweiz. Außerdem schrieb er verschiedene
Rezensionen für die "Allgemeine Schweizer Zeitung".
1901 führte ihn seine erste Italienreise nach Florenz, Ravenna und
Venedig. 1902 schrieb er "Gedichte"
für seine Mutter; leider starb sie kurz vor dem Erscheinen des Gedichtbandes.
1903 führte ihn eine zweite Italienreise nach Florenz und Venedig.
Er verlobte sich mit der Fotografin MARIA BERNOULLI und gab den Buchhändlerberuf
auf. 1904 heiratete HESSE. In den glücklichen Ehejahren wurden drei
Söhne geboren: Bruno (1905), Heiner (1909) und Martin (1911).
Ein erster großer schriftstellerischer Erfolg stellte sich mit der
Veröffentlichung des Entwicklungsromans „Peter
Camenzind“ (1904) ein. Die Eheleute ließen sich in einem
alten, leer stehenden Bauernhaus bei Gaienhofen am Bodensee nieder. Von
dieser Zeit an war es HESSE möglich, ausschließlich als freier
Schriftsteller zu arbeiten.
1906 erschien "Unterm
Rad". Zusammen mit ALBERT LANGEN und LUDWIG THOMA war
HESSE Mitbegründer der liberalen, gegen den KAISER WILMHELM II. gerichteten
Zeitschrift "März"
und bis 1912 Mitherausgeber.
In den Jahren 1907 bis 1914 erschienen verschiedene Werke, wie die Erzählbände
"Diesseits"
(1907), "Nachbarn"
(1908), "Umwege"
(1912), "Aus
Indien" (1913) und die Romane "Gertrud"
(1910) und "Roßhalde"
(1914).
1912 verließ HESSE Deutschland für immer und siedelte mit
seiner Familie in die Schweiz nach Bern über.
Zu Beginn des Ersten Weltkrieges meldete HESSE sich freiwillig, wurde
aber wegen hochgradiger Kurzsichtigkeit dienstuntauglich zurückgestellt.
Während des Ersten Weltkrieges zeigte sich der Autor als engagierter
Pazifist. Zusammen mit STEFAN ZWEIG und ROMAIN ROLLAND versuchte er, die
europäische Bildungselite von der unnötigen Barbarei des Krieges
zu überzeugen. Den Ersten Weltkrieg erlebte er in der "Deutschen
Kriegsgefangenenfürsorge", als Herausgeber des
"Sonntagsboten
für deutsche Kriegsgefangene" und ab 1917 der
"Interniertenzeitung".
Außerdem gründete er den Feldpostverlag und redigierte eine
Bücherserie für deutsche Kriegsgefangene,
wofür er selbst die nötigen Mittel stellte.
1916 war ein schicksalhaftes Jahr im Leben HESSEs. Sein Vater starb, der jüngste Sohn MARTIN erkrankte schwer und die Schizophrenie seiner Frau schritt voran. Eine erste psychotherapeutische Behandlung wurde nötig.
1917 wurde HESSE nahegelegt, seine zeitkritischen Publikationen zu unterlassen,
und so legte er sich ein Pseudonym zu.
In den Zwanzigerjahren erschienen Werke wie
1923 wurde die Ehe mit MARIA geschieden, und RUTH WENGER wurde 1924 HESSEs
Frau. Diese Ehe wurde auf Wunsch seiner Frau 1927 wieder geschieden.
1926 wurde HESSE auswärtiges Mitglied der Sektion für Dichtkunst
der Preußischen Akademie der Künste.
1927 entstanden die Werke "Die
Nürnberger Reise" und "Der
Steppenwolf", 1930 die Erzählung "Narziß
und Goldmund".
1931 ging er die dritte Ehe ein, diesmal mit der Kunsthistorikerin NINON
DOLBIN. HESSE übersiedelte nach Montagnola und bezog das ihm auf
Lebenszeit zur Verfügung gestellte, von H.C. BODMER erbaute Haus
an der Collina d'Oro.
In den Dreißigerjahren veröffentlichte HESSE Werke wie
In den Jahren 1932 bis 1943 entstand das wohl bekannteste Werk HESSEs, „Das Glasperlenspiel“. In diesem Roman schildert er den exemplarischen Lebenslauf Josef Knechts, der als Novize in dem heroisch-asketischen Orden der Glasperlenspieler heranwächst. Der begabte Knecht wird schließlich Meister des Spiels. In Knechts vollendetem Umgang mit allen Inhalten und Werten der Weltkultur scheint sich der Kreis zwischen Schüler und Meister, Lernen und Lehren geschlossen zu haben, aber er erkennt selbst, dass Kastalien eine geschichtlich und damit vergängliche Gestalt der christlich-abendländische Kultur ist. Er bricht aus dieser Scheinwelt aus und ertrinkt im See.
In Deutschland während der Zeit
des Nationalsozialismus waren einige von HESSEs Werken unerwünscht.
"Unterm Rad", "Narziß und Goldmund" und "Der
Steppenwolf" durften nicht mehr nachgedruckt werden. Dem S. Fischer
Verlag wurde sogar die Druckerlaubnis für "Das Glasperlenspiel"
verweigert. 1944 wurde HESSEs Verleger, PETER SUHRKAMP, von der Gestapo
verhaftet.
Aufgrund seines schlechten Gesundheitszustandes und vor allem wegen seiner
fortschreitenden Sehschwäche hat HESSE in seinen letzten Lebensjahren
keine größeren Werke mehr geschrieben.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde HESSE eine Vielzahl von Preisen verliehen, so
1947 wurde dem Autor die Ehrendoktorwürde der Universität in Bern verliehen. 1956 stiftete die Förderungsgemeinschaft der deutschen Kunst Baden-Württemberg e.V. einen Hermann-Hesse-Preis.
Ähnlich den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg setzte in den Jahren
nach 1945 eine neue breite Begeisterung für HESSEs Werk und Person
ein, von der er sich kläglich mit einem Schild "Bitte
keine Besuche" am Eingang seines Hauses zu schützen suchte.
1961 wurde bei ihm eine Leukämie diagnostiziert, an der er schließlich
auch starb.
Zu seinem 85. Geburtstag 1962 wurde HESSE Ehrenbürger
von Montagnola. Anfang August schrieb er noch drei Fassungen seines letzten
Gedichtes "Knarren
eines genickten Astes", bevor er am 9. August an den
Folgen einer Hirnblutung im Schlaf starb. Beigesetzt wurde er auf dem
Friedhof in San Abbondio.
Lobredner und Kritiker: die Rezeption
seit den Sechzigerjahren
HESSE fand bereits während seiner Lebzeiten und auch danach sowohl
Lobredner als auch Kritiker: GOTTFRIED BENN sagte über den Autor:
"Hesse. Kleiner Mann. Deutsche Innerlichkeit, der sich schon kolossal vorkommt, wenn irgendwo ein Ehebruch erlitten oder gestartet wird. In der Jugend ein paar hübsche klare Verse."
(Benn, Gottfried: Briefe an F.W. Oelze 1945–1949, Band II/1. Wiesbaden/München: S. Fischer, 1979, S. 58)
In den Jahren nach 1968, während der sogenannten „Hippie-Zeit“ gab es eine überraschende Renaissance der HESSE-Rezeption, die auch die USA erfasste. Besonderen Erfolg hatte sein Roman "Siddartha. Eine indische Dichtung" für die "Blumenkinder". Den Titel von HESSEs Werk "Steppenwolf" borgte sich eine Gruppe Musiker als Bandnamen aus. Aus der Sicht späterer Jahre wurde sein Erfolg mit dem Prädikat "der erste deutsche Popliterat" ( AXEL BRÜGGEMANN) belegt. In der DDR war "Narziß und Goldmund" 1972 das meistverkaufte Buch.
HESSEs Gesamtwerk ist noch immer nicht vollständig herausgegeben, so sind bisher nur ein Drittel der aufgefundenen 15000 Briefe publiziert worden. Im Laufe seines Lebens soll er vermutlich an die 35000 Briefe geschrieben haben.
Werke
Zu den Werken von HERMANN HESSE
gehören u. a.:
Schweinigel (zw. 1895-1898, Roman, Manuskript bisher nicht aufgefunden)
Romantische Lieder (1899, Lyriksammlung)
Eine Stunde hinter Mitternacht (1899, Prosatexte)
Hinterlassene Schriften und Gedichte von Hermann Lauscher (1901)
Gedichte (1902)
Peter Camenzind (1904, Roman)
Unterm Rad (1906, Erzählung)
Diesseits (1907, Erzählungen)
Nachbarn (1908, Erzählungen)
Gertrud (1910, Roman)
Umwege (1912, Erzählungen)
Aus Indien (1913, Aufzeichnungen)
Roßhalde (1914, Roman)
Knulp (1915, Drei Geschichten aus dem Leben Knulps)
Am Weg (1915, Erzählungen)
Musik des Einsamen (1915, Gedichte)
Zarathustras Wiederkehr (1919, politische Flugschrift)
Kleiner Garten (Erlebnisse und Dichtungen, 1919)
Demian (1919, Roman, Bild 1)
Märchen (1919)
Gedichte des Malers (1920)
Klingsors letzter Sommer (1920, Erzählung)
Kinderseele (1920, Erzählung)
Klein und Wagner (1920, Erzählung)
Wanderung (1920, Aufzeichnungen)
Blick ins Chaos (1921, Dostojewski-Essays)
Siddhartha (1922, Dichtung, sogenannte exotische Literatur)
Sinclairs Notizbuch (1923, Aufsätze)
Kurgast (1925)
Bilderbuch (1926, Schilderungen)
Die Nürnberger Reise (1927, Erzählungen)
Der Steppenwolf (1927, Roman, Bild 1)
Trost der Nacht (1929, Gedichte)
Eine Bibliothek der Weltliteratur (1929)
Narziß und Goldmund (1930, Erzählung)
Die Morgenlandfahrt (1932, Erzählung)
Vom Baum des Lebens (1933, Gedichte)
Fabulierbuch (1935, Erzählungen)
Stunden im Garten (1936, Verserzählung)
Gedenkblätter. Erinnerungen an Zeitgenossen (1937)
Neue Gedichte (1937)
Der lahme Knabe (1937, Idylle)
Das Glasperlenspiel (1943, Roman, Bild 1)
Traumfährte (1945, Erzählungen)
Krieg und Frieden (1946, Aufsätze)
Späte Prosa (1951)
Briefe (1951)
Piktors Verwandlungen (1954, Märchen)
Beschwörungen (1955, Prosatexte)
Gedenkblätter. Erinnerungen an Zeitgenossen (1962, um 15 Texte erweiterte Ausgabe gegenüber der von 1937)
Knarren eines geknickten Astes (1962, Gedicht)