







Die Hermeneutik [zu griech. hermeneúein "aussagen", "auslegen", "erklären"] befasst sich mit dem schriftlichen Text. Hermeneutik ist die Lehre der
Im weiteren Sinn meint Hermeneutik das Verstehen von Sinnzusammenhängen in menschlichen Lebensäußerungen aller Art.
"Hermeneutik " bezeichnet auch eine Methode der empirischen Sozialforschung, die im Rahmen qualitativer Untersuchungen zur sinnverstehenden Auslegung von Reden, schriftlichen Texten, aber auch von Bildern und anderen Kunstwerken aus Geschichte und Gegenwart herangezogen wird.
Die Hermeneutik hat ihre Wurzeln in der Antike (vgl. PDF 1),
besonders in der Interpretation homerischer Texte.
Hier übersetzte schon Götterbote Hermes (Bild 3) den Willen der Götter in menschliche Sprache, damit
die Sterblichen diesen Willen auch zu verstehen vermochten und ihn nicht
missverstanden. An diesem Beispiel wird deutlich, dass die Kunst des Auslegens
und Verstehens vor allem für solche Gegenstände und Bereiche
von Bedeutung ist, von denen erwartet wird, dass sie eine wichtige Erkenntnis
beinhalten, welche allerdings nur schwer zu verstehen ist beziehungsweise
leicht missverstanden werden kann. Die Hermeneutik spielte daher auch in der jüdischen und christlichen Theologie für die Auslegung und das Verständnis
der Überlieferungen der Heiligen Schriften eine wichtige Rolle.
Das Mittelalter beschäftigte sich mit der theologischen Schriftexegese der Bibel.
n der frühen Neuzeit entwickelten sich aus diesen Ursprüngen weitere sprach- und religionswissenschaftliche hermeneutische Kunstlehren sowie (im Zusammenhang mit der Auslegung des römischen Rechts) eine juristische Hermeneutik. In diesen Teilbereichen bezog sich die Hermeneutik vor allem auf die Auslegung historischer Texte, deren Inhalte und Sinn auf die aktuelle Situation übertragen werden sollte. Mit der Aufklärung folgten aber zunehmende Tendenzen, die Hermeneutik von solchen normativen Vorgaben zu lösen.
Im 19. Jahrhundert entwickelte FRIEDRICH DANIEL ERNST SCHLEIERMACHER die systematische Hermeneutik als "Kunstlehre des Verstehens". Er definierte Hermeneutik als:
"die Kunst, die Rede eines anderen, vornehmlich die schriftliche, richtig zu verstehen".
( Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher: Hermeneutik und Kritik. Mit einem Anhang sprachphilosophischer Texte Schleiermachers hg. v. Manfred Frank, Frankfurt/M. 1977, S. 75)
Im Sinne des Bibelwortes "Am Anfang war das Wort" reduzierte SCHLEIERMACHER den Text auf einen einzigen Schriftsinn, den Wort- oder Literalsinn (sensus litteralis). Danach ist das Verstehen eines Textes die reproduktive Wiederholung der ursprünglichen Produktion. Sie wird ermöglicht durch ähnliche Bewusstseinsstrukturen und ähnliches Talent von Interpret und Autor. SCHLEIERMACHER unterschied das Verstehen eines Textes nach
WILHELM DILTHEY (PDF 2) prägte Ende des 19. Jh. den Begriff "hermeneutischer Zirkel" (Bild 2) : Ein Ganzes kann danach nur verstanden werden, wenn man seine Einzelteile versteht und die Einzelteile können nur verstanden werden, wenn das Ganze verstanden wird. (Diese Vorstellung geht auf einen antiken Topos zurück, wonach von den Teilen auf das Ganze geschlossen werden kann). Hermeneutik nach DILTHEY ist also die Lehre des Verstehens.
Im 20. Jahrhundert haben MARTIN HEIDEGGER und HANS-GEORG GADAMER die philosophische Hermeneutik weiter entwickelt. HEIDEGGER definierte "Verstehen" als "universale Bestimmtheit des Daseins" (vgl.: Martin Hedegger: Sein und Zeit, 1927). Der Mensch wird danach ohne jegliche Erfahrungen geboren. Erst im Laufe seines Lebens lernt er "verstehen". Mit dem Verständnis der Welt wird die "Bedeutsamkeit" des Daseins erschlossen, sowohl des eigenen, wie des Daseins anderer. Nach HEIDEGGER gibt es viele Möglichkeiten, in der Welt zu sein. Für ihn ist das Dasein "durch und durch geworfene Möglichkeit" (ebenda). Das "Verstehen" ist für HEIDEGGER das "anthropologische Organ oder Werkzeug, mit dem sich der Mensch in und zu dieser Lage verhält." (ebenda)
GEORG GADAMER beschäftigte sich mit dem Verhältnis von Vorverständnis und Verständnis. "Verstehen" wird als Weise des menschlichen Existierens selbst begriffen. Der Verstehende muss immer schon ein Vorverständnis von dem haben, was Gegenstand des Verstehens ist. Danach ist Erfahrung von Wahrheit nicht allein durch die Begegnung mit dem Text möglich, sondern auch durch die "Wirkungsgeschichte" des Textes bestimmt. Er nennt diesen Raum zwischen
Die hermeneutische Differenz bestimmt GADAMER so:
Das was verstanden werden soll, ist zunächst fremd, distanziert. Es muss im Verstehensakt erst "angeeignet" werden. Dabei ist zu beachten, das vertraute Themen kein Verstehen benötigen. So verhält es sich mit einem Gespräch übers Wetter, weil die Differenz gleich NullI ist. Ebenso muss ein in in einer nicht verständlichen Sprache gesprochener Satz nicht verstanden werden. Hier sind die Differenzen zu groß. In dem Raum "zwischen Fremdheit und Vertrautheit ... ist der wahre Ort der Hermeneutik." (Hans-Georg Gadamer: Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik, 3. Aufl., Tübingen 1972, S. 279 ).
Hermeneutik in den Sozialwissenschaften
JÜRGEN HABERMAS trug wesentlich
dazu bei, die Hermeneutik für die sozialwissenschaftliche
Methodologie bedeutsam werden zu lassen. Im Zentrum seiner Überlegungen
stehen erkenntnistheoretische Probleme, die vor allem an die Gedanken
HANS-GEORG GADAMERs philosophischer
Hermeneutik anknüpfen.
Reflektiert werden in letzterer
Wenn sozialwissenschaftliche Interpretationen nämlich genauso abhängig von dem sie umgebenden Kontext und
dem persönlichen Vorverständnis wären wie Alltagsinterpretationen,
dann seien sie kaum in der Lage, objektive
Deutungen zu erzielen beziehungsweise die eigenen Interpretations-Methoden
kritisch zu hinterfragen. Schließlich unterläge man zwangsläufig
genau jenen Regeln der Interpretation und Reflexion, die man eigentlich
herausarbeiten wolle, wenn man versuche, eine objektive Methodenforschung
zu entwickeln. Gerade dadurch sei diese dann aber eben nicht mehr objektiv
und allgemein gültig.
Im Unterschied zur traditionellen philosophischen Hermeneutik hält
JÜRGEN HABERMAS es für möglich, diesen "hermeneutischen
Zirkel" zu durchbrechen: Er schlägt in
diesem Zusammenhang die Einrichtung von Diskursen vor, in denen nichts anderes als das bessere Argument zählen solle
und entwickelt hieran seine Theorie des kommunikativen Handelns, in der er als Handlungsziel der Kommunikation die Verständigung bestimmt. Das soziale Handeln ist per sé verständigungsorientiert und die Sprache ist Mittel der Verständigung.
Anders als HABERMAS setzt ULRICH OEVERMANN nicht in erster Linie bei erkenntnistheoretischen Problemen, sondern bei Erfahrungen aus der Forschungspraxis an. Er entwickelt die objektive Hermeneutik, eine empirische Verfahrensweise, bei der im Unterschied zur konventionellen Hermeneutik nicht nur das psychisch unbewusste, sondern vor allem das sozial Unbewusste in Sprache herausgearbeitet werden soll. Er spricht in diesem Zusammenhang von "latenten sozialen Sinnstrukturen". Bei der objektiv-hermeneutischen Interpretation wird das Besondere an einem Text oder einem Tonbandinterview erarbeitet, indem der Interpretierende vergleicht, inwieweit seine eigenen, auf alltäglichen Kommunikationsstrukturen beruhenden Erwartungen an eine sprachliche Interaktion eintreffen beziehungsweise von ihr abweichen. Auf diese Weise können - unabhängig von den subjektiven, inhaltlichen Intentionen der am Gespräch beteiligten Personen - allgemeine Interaktionsstrukturen aufgedeckt werden, die von der Normalität, also den "naiven" Erwartungen des Interpreten, abweichen und somit eine Besonderheit des Textes darstellen: Schließlich muss es besondere Ursachen dafür geben, dass von all den verschiedenen, in der Alltagskommunikation als normal empfundenen Möglichkeiten von Äußerungen und Reaktionen, eine bestimmte ausgewählt beziehungsweise andere nicht gewählt werden.
Prinzipien der objektiven Hermeneutik
Die objektiv-hermeneutische
Textinterpretation folgt fünf Prinzipien, die zugleich zur methodologischen
Begründung sowie zu den konkreten Regeln für die Anwendung des
Verfahrens gehören:
Vorgehen der objektiven Hermeneutik
Grundsätzlich erfolgen hermeneutische Deutungen mittels eines Dreischritts:
Das bedeutet, es wird zunächst untersucht, welche Absicht der Urheber eines Textes (oder der Maler eines Bildes) beim Erstellen
des zu interpretierenden Werkes hatte (Verstehen). Anschließend wird dieses Verständnis dann in Relation zu einem
größeren Bedeutungszusammenhang (beispielsweise zu einer politischen
Theorie) gesetzt (Auslegen) und kann
dann auf dieser Grundlage bewertet werden (Beurteilen).
Auch die objektiv-hermeneutische Textinterpretation erfolgt in solch einem
hermeneutischen Dreischritt:
