



JOHANN CHRISTOPH GOTTSCHED war Übersetzer, Herausgeber, Dramatiker und Dichtungstheoretiker. Als erklärter Anhänger der Aufklärung ging er in die Literaturgeschichte als Reformator des deutschen Theaters ein. Für seine Kritiker allerdings war er nichts weiter als ein "Regelpoetiker", da er seine dichtungstheoretischen Grundsätze in Form von Regeln formulierte, die er pedantisch umzusetzen versuchte.
Lebensgeschichte
Die Lebensgeschichte von JOHANN CHRISTOPH GOTTSCHED beginnt in in Juditten (Ostpreußen),
wo er am 02.02.1700 als Sohn eines protestantischen Pfarrers geboren wurde.
Schon mit 14 Jahren besuchte der begabte Junge die Universität in
Königsberg. Hier widmete er sich dem Studium der Theologie. Neben
diesem belegte er außerdem Philosophie, Mathematik, Physik, klassische
Philologie, Poesie und Rhetorik. Sein Hauptinteresse fand neben der schon
vom Vater vermittelten Poesie die Philosophie, die er zunächst als
Nebenfach belegte, bald jedoch zu seinem Hauptfach machte. 1723 legte
er seine Magisterprüfung in Philosophie ab.
1724 entzog er sich gemeinsam mit seinem Bruder JOHANN FRIEDRICH einer
Zwangsrekrutierung für die Leibgarde des preußischen Königs
FRIEDRICH WILHELM I. durch eine Flucht nach Leipzig. Als wahrer körperlicher
Hüne besaß er das Gardemaß der "Langen Kerls",
der Elitetruppe des Königs und war so den preußischen Werbern
ins Auge gefallen.
In Leipzig begann GOTTSCHED, ab Sommer 1725 Vorlesungen über Schöne
Wissenschaften und die Philosophie CHRISTIAN
WOLFFs zu halten, eines führenden Vertreters der deutschen
Aufklärung, dessen Werk GOTTSCHED zeitlebens beeinflusste.
1726 wurde er zum Senior des Literaturzirkels „Deutschübende
poetische Gesellschaft“ gewählt (später wurde sie unter
seinem Vorsitz in „Deutsche
Gesellschaft“ umbenannt), dessen erklärtes Ziel es war,
die deutsche Sprache von barocker Überladenheit zu befreien. 1730
wurde er zum außerordentlichen Professor
für Poesie an der Universität Leipzig berufen; 1734 zum
ordentlichen Professor für Logik und
Metaphysik.
GOTTSCHED heiratete 1735 in Danzig LUISE ADELGUNDE VICTORIE KULMUS (die "Gottschedin").
Beeindruckt vom französischen klassizistischen Drama und beeinflusst
von der Philosophie CHRISTIAN WOLFFs setzte sich GOTTSCHED für die
Reform von Sprache und Dichtung und auch des Theaters ein. Bereits seit
1727 arbeitete er mit der Theatertruppe von FRIEDERIKE CAROLINE NEUBER
zusammen, die regelmäßig Stücke aufführte, die seinen
dichtungs- und wirkungstheoretischen Vorstellungen entsprachen.
1738 kam es zum Streit mit einigen Mitgliedern der "Deutschen Gesellschaft".
GOTTSCHED verließ die Organisation, die er zum Sprachrohr seines
sprach- und dichtungsreformatorischen Wirkens gemacht hatte; betreute
allerdings weiterhin ihre Zeitschrift, die "Beyträge
zur Critischen Historie der Deutschen Sprache, Poesie und Beredsamkeit".
Nachdem GOTTSCHED als Begründer der bürgerlichen Literaturgesellschaft
praktisch seit 1727 als der unangefochtene Kulturpapst galt und weit über Sachsen und Preußen hinaus bekannt war,
verlor er nach 1740 aufgrund seines Dogmatismus an Ansehen. Er starb am
12.12.1766 in Leipzig.
Literarisches Schaffen
GOTTSCHED war Übersetzer (u. a. die "Totengespräche" von LUKIAN), Herausgeber, Dramatiker und Dichtungstheoretiker.
Sein gesamtes literarisches
Schaffen hatte das Ziel, die deutsche Dichtung umfassend zu reformieren.
Als erklärter Anhänger der Aufklärung wandte er sich gegen
den barocken Dichtungsstil, der immer noch von vielen seiner Dichterkollegen
vertreten wurde.
In vielen Publikationen propagierte GOTTSCHED seine theoretischen Grundsätze.
Er war u. a. Herausgeber der Zeitschriften „Die
vernünftigen Tadlerinnen“ (1725-1726) und „ Biedermann“ (1727-1729), die nach dem Vorbild der englischen moralischen Wochenschriften
gegründet wurden. In den dort veröffentlichten Artikeln legte
GOTTSCHED sein aufklärerisches Vernunftideal dar. (Der Titel der "Tadlerinnen" entstand übrigens aufgrund der inkorrekten
Übersetzung des englischen Vorbildes "The Tattler", zu
Deutsch: "Die Klatschbase".).
Auf der zeitgenössischen Theaterbühne griff GOTTSCHED besonders die erklärte Lieblingsfigur des volkstümlichen
Theaters an, den "Hanswurst",
dessen improvisierte derbe Späße meist ohne Bezug zur Handlung
des Stückes waren und nur zur allgemeinen Belustigung dienten. GOTTSCHED
errichtete in Zusammenarbeit mit der Theatergruppe
von FRIEDERIKE CAROLINE NEUBER in Leipzig eine Musterbühne,
von der 1737 der Hanswurst von CAROLINE NEUBER persönlich symbolisch
heruntergestoßen und in der Folge von der Bühne verbannt wurde.
GOTTSCHEDs Hauptforderung war es, die bis dahin unnatürliche, gekünstelte
Redeweise der zeitgenössischen Schaubühne durch Klarheit in
Sprache und Handlung zu ersetzen. Die von der Theatergruppe von CAROLINE
NEUBER aufgeführten Stücke waren z. T. von ihm selbst, z. T. von
seiner Frau LUISE verfasst oder übersetzt. GOTTSCHED vermochte es
als Erster, die Verbindung zwischen dramatischer Dichtung und dem Theater
wiederherzustellten. Er bewertete die Tragödie als die höchste
Gattung der Poesie und hielt die Bühne für das geeignete Medium
zur moralischen Belehrung des Publikums. Die durch die Zusammenarbeit
zwischen GOTTSCHED und CAROLINE NEUBER tatsächlich in die Tat umgesetzte
Theaterreform vermochte es, dem ehemals zum Pöbel gerechneten Schauspielerberuf
die soziale Achtung zu verschaffen, die ihm bis dahin versagt worden war.
In seiner Dichtungstheorie forderte GOTTSCHED Klarheit und Moralität anstelle von wundersamen
oder unwahrscheinlichen Ereignissen und Figuren. Nach GOTTSCHEDs Ansicht
sollte die Dichtung die Aufgabe haben, den Menschen durch Anrühren
seines Verstandes sittlich und moralisch zu erziehen. GOTTSCHED forderte,
dass der Kernpunkt jeden Dramas ein moralischer
Lehrsatz sein müsse. Dieser solle zuerst formuliert und dann
die Handlung des Dramas entsprechend entwickelt werden und zwar nach dem
Vorbild der Wirklichkeit, der Natur, ohne das Wahrscheinliche zu überschreiten.
GOTTSCHEDs Dichtkunst folgte dem Ideal des französischen Klassizismus
(MOLIÈRE, RACINE, CORNEILLE) und der Antike. Aus seiner Sicht sollten
die Regeln der Klassiker befolgt werden, da die Vernunft es gebiete, denn
die Natur der Dinge und des Menschen sei unwandelbar. Er publizierte seine
Poetik 1730 unter dem Titel „Versuch
einer Critischen Dichtkunst vor die Deutschen“ (PDF 1). In diesem Werk
erklärt er, "...dass das innere Wesen der
Poesie in einer Nachahmung der Natur bestehe" und versucht,
Grundregeln für alle literarischen Gattungen zu bestimmen. Das Werk
stellt praktisch ein Lehrbuch dar, da für GOTTSCHED die Regeln der
Dichtkunst, z. B. zum Verfassen eines Dramas oder eines Epos', grundsätzlich
erlernbar sind. So lautet die "Anleitung" zum Verfertigen einer
Tragödie auszugsweise:
"Der Poet wählet sich einen moralischen Lehrsatz, den er seinen Zuschauern auf eine sinnliche Art einprägen will. Dazu ersinnt er sich eine Fabel, daraus die Wahrheit eines Satzes erhellet. Hiernächst suchet er in der Historie solche berühmte Leute, denen etwas ähnliches begegnet."
(vgl. PDF 1)
Entsprechend seinen klassizistischen Vorbildern forderte GOTTSCHED für das deutsche Drama die Einhaltung der sogenannten "drei Einheiten": strenger Regeln über die Ausdehnung und Gliederung der dramatischen Handlung (Einheit der Handlung: Durchführung eines Grundmotivs ohne ablenkende Episoden oder Nebenhandlungen; Einheit des Ortes: kein Wechsel des Schauplatzes; Einheit der Zeit: in sich geschlossene Handlung in einem begrenzten Zeitrahmen, idealerweise nicht mehr als 24 Stunden).
Die akribischen Regeln, die GOTTSCHED in seiner Dichtungstheorie aufstellte,
brachten ihn bald in Konflikt mit zeitgenössischen Kollegen, die
ihn als moralisierenden Pedanten ansahen und spöttisch als "Regelpoetiker"
bezeichneten. So weigerte sich auch CAROLINE NEUBER, sich dem Regelzwang
zu unterwerfen, was die Zusammenarbeit mit GOTTSCHED 1741 beendete.
Seine eigenen Schüler, so u. a. GOTTLIEB WILHELM RABENER, CHRISTIAN
FÜRCHTEGOTT GELLERT und JOHANN ELIAS SCHLEGEL gründeten 1744
in Bremen "Neue Beyträge zum Vergnügen des Verstandes und
Witzes", in denen sie das Ideal einer reinen Verstandesdichtung,
wie es von GOTTSCHED propagiert wurde, angriffen und sich von den Theorien
ihres Lehrers distanzierten. Ihre Vorstellung von Dichtungskunst war die
einer empfindsamen und gefühlvollen Unterhaltung.
In der Schrift "Beurtheilung der Gottschedschen Dichtkunst"
(1747) wurde GOTTSCHED von FRIEDRICH GEORG MEIER angegriffen.
Von 1741-1745 veröffentlichte GOTTSCHED in sechs Bänden
die „Deutsche
Schaubühne“, die er selbst als Krönung seines Lebenswerkes
ansah. Zunächst sollten hier vor allem antike Vorbilder ihren Platz
finden, bald jedoch nahmen französische Klassiker ihren Platz ein.
Dazu kamen Beiträge junger Dramatiker, die der Herausgeber aufgerufen
hatte, ihm für ein Sammelwerk deutscher Originalautoren Manuskripte
zuzusenden, so u. a. LUDWIG HOLBERG und JOHANN ELIAS SCHLEGEL. Auch GOTTSCHED
verfasste Beiträge für die "Schaubühne", beispielsweise
wurde in ihr "Der sterbende Cato" veröffentlicht, den er
1732 geschrieben hatte. JOHANN WILHELM LUDWIG
GLEIM kommentierte dieses aufklärerische Trauerspiel später
mit den ironischen Worten:
"Wie dieser Sachse Cato spricht,
So sprach der Römer Cato nicht;
Hört er die Reden des Poeten,
Er würde sich noch einmal töten!"
Andere und zugleich die größten Kritiker GOTTSCHEDs waren
JOHANN JAKOB BODMER und JOHANN JAKOB BREITINGER. In ihren Poetiken "Critische
Abhandlung von dem Wunderbaren in der Poesie" bzw. "Critische
Dichtkunst" (beide 1740) vertraten die Schweizer die Meinung, dass
Dichtung nicht allein moralisierend wirken sollte, sondern auch auf das
Gemüt, die Sinne, die Phantasie und die Gefühle des Lesers.
Somit hätte auch das Irrationale einen Anspruch darauf, in der Dichtung
vertreten zu sein. Der damit ausgelöste poetologische Theorien-Streit
endete mit der Überlegenheit der Schweizer.
Auch FRIEDRICH GOTTLIEB KLOPSTOCK, JOHANN GOTTFRIED HERDER, JOHANN WOLFGANG
GOETHE und GOTTHOLD EPHRAIM LESSING gehörten zu den Widersachern
GOTTSCHEDs. LESSING urteilte:
"Es wäre zu wünschen, dass sich Herr Gottsched niemals mit dem Theater vermengt hätte. Seine vermeinten Verbesserungen betreffen entweder entbehrliche Kleinigkeiten, oder sind wahre Verschlimmerungen."
und stellte GOTTSCHED seine eigene Dichtungstheorie entgegen, die sich gegen die französischen Klassiker wandte und SHAKESPEARE zum neuen Ideal erklärte. Damit wurde GOTTSCHED endgültig zum Vertreter eines angestaubten, pedantischen Klassizismus abgestempelt. Die neuen literarischen Leitbilder hießen KLOPSTOCK, SHAKESPEARE, MILTON.
Werke
Zu den Werken GOTTSCHEDs gehören
u. a.:
