Der Philosoph KARL JASPERS (1883-1969, Bild 1) steht, wie IMMANUEL KANT, für eine Philosophie der Vernunft. Er gilt als Begründer der deutschen "Existenzphilosophie". Auch als politischer Schriftsteller war er tätig. Er war der Meinung, dass "der Nationalstaatsgedanke heute das Unheil Europas und nun auch aller Kontinente ist". Er forderte außerdem die Anerkennung der Deutschen Demokratischen Republik und den Verzicht der Bundesrepublik auf die Wiedervereinigung.
Kindheit und Jugend
KARL THEODOR JASPERS wurde am 23. Februar 1883 als Sohn von CARL WILHELM
JASPERS, einem früh in Ruhestand gegangenen Bankdirektor, und dessen
Frau HENRIETTE (geb. TANTZEN) in Oldenburg geboren. Seine Kindheit
verlief äußerst harmonisch und "geborgen".
Der Vater, gebürtig aus dem Jeverland, war für den Knaben ein
"Vorbild durch sein Verhalten". Er brachte dem Kind bei,
gegen Unwahrhaftigkeit und Lüge,
gegen blinden Gehorsam zu sein. Die
Vernunft galt ihm als das höchste
Gut. Dabei war er Ästhet, aquarellierte mit Leidenschaft und verwickelte
den Sohn in tiefe Gespräche. Die Mutter, die aus dem friesischen
Butjadingen stammte, war sehr temperamentvoll und "unverwüstlich
in ihrer Liebe". JASPERS wuchs, wie er selbst sagte, in einer
Atmosphäre der Geborgenheit, der Sicherheit und des Schutzes auf.
Das Erlebnis des Meeres schon als Dreijähriger
prägte ihn auch hinsichtlich seiner späteren Philosophieauffassung.
Für JASPERS ist es der "Hintergrund des
Lebens überhaupt", weil "immer
im Wandel", ein "Gleichnis von Freiheit
und Transzendenz". So wirkt das Meer für den Philosophen
"wie ein Spiegel des Lebens und des Philosophierens".
Die Ebene ist der überschaubare Raum mit einem klar gegliederten
Horizont. Berge dagegen verstellen ihm die Sicht. Die Welt wird für
ihn seit dieser Zeit zu einem wichtigen Medium der Philosophie:
"Wir sollen nach Kräften um Wahrheit bemüht sein und nach Kräften in dem Raum, der uns zur Verfügung steht, wirken ",
( Jaspers, Karl: Von der Wahrheit, München: R. Piper Verlag ,1947)
sagt er später. Der Mensch solle sich über sein Dasein, seine Existenz (das "Sein" der Philosophie) und über die Zusammenhänge in der Welt und damit über seine Möglichkeiten in ihr klar werden. Mit diesen Auffassungen schuf er sich den Ruf, Begründer der deutschen "Existenzphilosophie" gewesen zu sein.
Der junge KARL besuchte die Grundschule und anschließend 1892-1901 das humanistische Gymnasium in Oldenburg. Hier musste er sich zum ersten Mal gegen den blinden Gehorsam wehren, der zu wilhelminischer Zeit an deutschen Schulen herrschte. Auch dies wurde zu einem "Grunderlebnis" und fand Aufnahme in seinen "Existenzialismus".
Schon während der Schulzeit stellte ein mit der Familie befreundeter
Arzt bei dem Jungen Bronchiektasie
fest; das sind krankhafte Ausweitungen von Teilen des Bronchialsystems,
in denen sich vermehrt Schleim absetzt, der nicht oder nur schwer abgehustet
werden kann. Der Arzt riet KARL darauf zu achten, dass seine Bronchien
stets von Schleim frei wären, dann könnte er mit dieser Krankheit
sehr lange leben. Noch in hohem Alter erinnerte sich JASPERS dieses befreundeten
Arztes, der auch selbst bis in die Zwanzigerjahre seine schützende
Hand über ihn gehalten hatte.
Studium
JASPERS studierte seit 1901 in Heidelberg,
Freiburg (Breisgau) und München Jura, wechselte im Jahr darauf
in Berlin zur Medizin. 1903 studierte er in Göttingen, 1908 kehrte
er in das aus dem ersten Studienjahr vertraute "geistig beschwingte
Heidelberg" zurück.
Hier legte er sein Staatsexamen ab und war Medizinalpraktikant
an der dortigen psychiatrischen Klinik. Seine medizinische Promotion
schrieb er 1909 über "Heimweh und Verbrechen". Das Thema
seiner Arbeit verrät seinen Berufswunsch: JASPERS wollte "Arzt
in einer Irrenanstalt" - Psychiater - werden.
Erste Berufsjahre
In Heidelberg lernte JASPERS (Bild 2) den Soziologen und Nationalökonomen
MAX WEBER kennen, mit dem er in Freundschaft verbunden blieb und dessen
Anschauungen ihn stark beeinflussten. 1910 heiratete JASPERS die jüdische
Krankenpflegerin GERTRUD MAYER. Seine Heirat und seine Liebe zu seiner
Frau sollten später JASPERS Sicht auf das Dritte Reich und die Deutschen
stark beeinflussen.
Eine Habilitation an der
medizinischen Fakultät blieb ihm verwehrt, deshalb schrieb er seine
Arbeit nach Vermittlung durch WEBER bei dem Neukantianer WILHELM WINDELBAND
(1848-1915). Inmitten seiner Patienten hatte er begonnen, eine Verbindung
zwischen Psychologie und Philosophie zu suchen. Wie auch der französische
Existenzialist JEAN-PAUL SARTRE, der Begründer der Logotherapie und
Existenzanalyse VIKTOR FRANKL und der Mitbegründer der Humanistischen
Psychologie ROLLO MAY in ihren Werken, nahm JASPERS Bezug auf eine mögliche
Verbindung von Psychoanalyse und Existenzialismus. JASPERS' Habilitationsschrift "Allgemeine Psychopathologie" kennzeichnet diesen Übergang des jasperschen Denkens von der Psychologie
zur Philosophie: Er hatte sich intensiv mit der Philosophie EDMUND HUSSERLS
(1858-1938), zu dessen Studenten EDITH STEIN, MARTIN HEIDEGGER, LUDWIG
LANDGREBE und EUGEN FINK gehörten, und WILHELM DILTHEYS (1833-1911)
auseinandergesetzt. Außerdem sah er sich in der Nachfolge SØREN
AABYE KIERKEGAARDs, FRIEDRICH NIETZSCHEs und IMMANUEL KANTs. HANNAH ARENDT
sagte über den Philosophen, er sei
"in eigentlich jeder Hinsicht der einzige Nachfolger..., den
Kant je gehabt hat".
"Phänomenologie"
Sein erstes großes Buch wurde zu einer deutlichen Kritik an der
damals von SIGMUND FREUD vertretenen Psychoanalyse. Stattdessen führte
er die "Phänomenologie"
in die Psychiatrie ein. Phänomenologie (als "Lehre von den Erscheinungen"
bzw. im Sinne JASPERS' als "Lehre von den Gegenständen",)
hatte EDMUND HUSSERL in die Philosophie eingeführt durch seine Forderung:
"Zu den Sachen selbst!" und meinte damit
Wie die Humanistischen Psychologen sah JASPERS das aktive Streben des
Menschen nach einem erfüllten Leben, nach Anerkennung und Selbstverwirklichung
als Hauptzweck der Existenz an.
Der Erste Weltkrieg beeinflusste den jungen Psychologen stark. Er interessierte
sich für die psychologischen Auswirkungen des Krieges auf die Soldaten
und Zivilisten. 1916 begann JASPERS an der Heidelberger Universität
zuerst Psychiatrie zu lehren, und lernte hier ERNST BLOCH (1885-1977)
und GEORG LUKÁCS (1885-1971) kennen.
Philosophieprofessor in Heidelberg
1922 wechselte JASPERS zur Philosophie. Sein Werk "Psychologie
der Weltanschauungen" von 1919 enthält bereits die Grundpfeiler
seiner Existenzphilosophie. Dieses Buch machte ihn in ganz Deutschland
bekannt. Dem Ruf als Ordinarius nach Greifswald folgte er aus gesundheitlichen
Gründen nicht. Außerdem bekam er nun in Heidelberg eine ordentliche Professur. HANNAH ARENDT wurde
seine berühmteste Schülerin. 1919 hatte JASPERS MARTIN HEIDEGGER
kennengelernt. Mit ihm verband ihn eine langjährige Freundschaft,
die erst getrübt wurde, als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht
kamen und HEIDEGGER mit ihnen zu sympathisieren begann (HEIDEGGER wurde
beim Antritt seines Rektorats in Freiburg 1933 als "Kamerad Heidegger"
vorgestellt).
1922 veröffentlichte er "Strindberg und van Gogh", ein
Jahr später "Die Idee der Universität" (1923).
"Die geistige Situation unserer
Zeit"
JASPERS' Arbeit von 1931 "Die
geistige Situation unserer Zeit" wurde zu einer kritischen philosophischen
Zeitdiagnose. Der Nationalsozialismus wurde als gefährlicher Ausweg
des Menschen aus der damaligen gesellschaftlichen Krise gedeutet. Das
Menschsein als "Massenwesen" würde, so JASPERS, durch Kontrolle
über den Menschen gekennzeichnet sein. Diese Erscheinung wäre
durch die Moderne hervorgerufen worden,
in welcher der Apparat des Staates die Allmacht erreicht hätte. Dieser
Allmacht würden sich auch die geistigen Kräfte unterwerfen.
Selbst Autoritäten wären zu Funktionären
des Apparats geworden und somit ihrer Rolle als Vermittler beraubt.
"das alle Sachkunde nutzende, aber überschreitende Denken, durch das der Mensch er selbst werden möchte"
(zitiert nach: Der Bodenlose. In: DER SPIEGEL 36/1960, S. 44 ff.)
ein. Dazu müsste sich der Einzelne seiner selbst bewusst werden und seine Möglichkeiten stärker in sich selbst finden.
Hauptwerk "Philosophie"
Bereits 1930 hatte JASPERS "Die geistige Situation unserer Zeit"
beendet, aber er wartete, bis sein Hauptwerk
"Philosophie" 1932 endlich fertig war. Darin beschäftigte
er sich mit der Grundfrage der Philosophie "Was ist der Mensch?"
bzw. das daraus folgernde "Was ist Wahrheit?" (MARTIN HEIDEGGER
nennt sein Hauptwerk "Sein und Wahrheit"). JASPERS gliederte
seinen "Grundtext der modernen Existenzphilosophie" (LEONARD H. EHRLICH) in die drei großen Themenfelder traditioneller
Philosophie - Welt, Seele, Gott - in
· "Philosophische Weltorientierung" (Band I),
· "Existenzerhellung" (Band II) und
· "Metaphysik" (Band III).
JASPERS ist der Meinung, dass eine wissenschaftliche Weltorientierung
immer Grenzen habe, die der Philosoph aufzeigen müsse. Er habe die
Aufgabe, die Gesamtheit des Seins im
Auge zu behalten. Als Seinsweisen des menschlichen Daseins benutzt er
die Polaritäten der
Neben der bereits vom Vater angeeigneten Vernunft wurden Existenz und Transzendenz so zu zentralen Begriffen JASPERS'. Transzendenz (lat. transcendere - "überschreiten") meint jenen Bereich des Daseins, der die Grenzen der Erfahrung überschreitet, das Jenseitige, das sprachlich nur rudimentär zu vermitteln ist. Es ist verwandt mit PLATONS "ewigen Ideen". Philosophie solle nun die Möglichkeiten für den Einzelnen, für dessen Existenz aufzeigen. Sie dürfe nicht sein wissenschaftliches Denken bestimmen.
Deshalb stellte JASPERS die Frage nach dem Sein in den Mittelpunkt seines Werkes. Er meinte sogar, dass diese Frage von zeitgenössischen Philosophen zu lange ignoriert worden sei. Das menschliche Dasein ist für ihn "gegeben" und "hervorgebracht". Er fordert ein "zweckhaftes Handeln" des Einzelnen in der Welt - quasi das Einsetzen des Verstandes - und das Wissen um die Welt als Weisen der Weltorientierung. "Eigentliches Sein" ist für ihn transzendentelles Sein, denn
"der Mensch (ist) grundsätzlich mehr als er von sich wissen kann". (Jaspers, Karl: Kleine Schule des Philosophischen Denkens., München: Piper 1965, S.66)
Dieses "Absolute Wirkliche" steht im Mittelpunkt des zweiten Bands. Ihn interessieren verstärkt
"Fragen nach den Möglichkeiten und dem Scheitern des Menschen angesichts seiner Endlichkeit, der Vergeblichkeit seiner Lebensentwürfe, der Unsicherheiten in seiner Welterfahrung ..."
(Ulrich Sand. In: http://www.goethe.de/ins/tr/lp/prj/uak/ph2/jas/wir/deindex.htm)
Politischer Schriftsteller
Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 wurde JASPERS von der Universitätsverwaltung ausgeschlossen
und 1937 zwangsweise in den Ruhestand versetzt. 1943 erhielt er Publikationsverbot.
Wie sehr in Angst JASPERS in der Zeit des Nationalsozialismus gelebt hat,
zeigt, dass er und seine Frau stets Zyankalikapseln mit sich trugen, um
so dem Zugriff der GESTAPO zu entgehen.
Für den 14. April 1945 war die Deportation
JASPERS und seiner Frau vorgesehen.
Amerikanische Truppen befreiten Heidelberg kurz zuvor.
Nach dem Zweiten Weltkrieg war JASPERS vorwiegend als politischer Schriftsteller tätig. Er saß im "13er-Ausschuß zum Wiederaufbau der Universität" und wurde Senator der Heidelberger Universität. Er wollte ein Klima der Wandlung schaffen. Gleichzeitig sollte ein "Blick auf die Abgründe" der Deutschen geworfen werden. Deshalb gründete er mit WERNER KRAUS und MAX WEBERS' Bruder ALFRED WEBER die von DOLF STERNBERGER redigierte Zeitschrift „Die Wandlung“ die jedoch bald ihr Erscheinen einstellen musste.
"Die Wandlung" hatte keine ideologische Programmatik, sondern reduzierte auf Humanismus und Demokratie:
"Wir haben fast alles verloren: Staat, Wirtschaft, die gesicherten Bedingungen unseres physischen Daseins, und schlimmer noch als das: die gültigen uns alle verbindenden Normen, die moralische Würde, das einigende Selbstbewußtsein als Volk."
(Jaspers, Karl: Geleitwort zu: Die Wandlung. Nov. 1945, S. 3)
Ähnlich wie es HANS WERNER RICHTER im "Ruf" forderte, sollte in der "Wandlung"
"hinter der Wirklichkeit das Unwirkliche, hinter der Realität das Irrationale, hinter dem großen gesellschaftlichen Wandlungsprozeß die Wandlung des Menschen sichtbar werden". (ebenda)
JASPERS forderte die "sittliche Erneuerung" der Deutschen nach dem Krieg. Er erkannte die Notwendigkeit der Kommunikation zur "Überwindung der Grenzen zwischen Belasteten und Unbelasteten auf dem Weg zum rechten Ziel".
"Die Schuldfrage"
1946 begann JASPERS mit seiner Schrift „Die
Schuldfrage“ (Text 1) sich den politischen
Tagesfragen zu nähern. Er setzte sich der mit der Frage von Schuld und Verantwortung für die
Verbrechen des Nationalsozialismus auseinander. JASPERS wehrte sich gegen
den Begriff der "Kollektivschuld". Vielmehr meinte er, unterschiedliche
Motivation für das Schuldig-Werden des Einzelnen zu erkennen und
stellte vier Kategorien der Schuld auf:
Mit dieser Einteilung des Schuldig-Werdens klagte er die Mitverantwortlichkeit
der passiv Gebliebenen ein. Damit löste er heftige
Diskussionen aus. 1947 veröffentlichte er den ersten Band
seiner philosophischen Logik unter dem Titel "Von der Wahrheit".
In Basel
1948 verließ er Heidelberg und nahm ein Ordinat
an der Universität Basel an. Von hier aus beobachtete er die politischen Verhältnisse in der
Bundesrepublik sehr genau und nahm zu den politischen Problemen Stellung.
Dafür wurde er immer wieder kritisiert, aber auch geehrt, wie 1958,
als er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt und seine ehemalige Schülerin HANNAH ARENDT (Bild 3) die Laudatio
auf ihn hielt. 1957 erschien der erste Band der geplanten dreibändigen
Weltgeschichte der Philosophie "Die großen
Philosophen". In den Fünfzigerjahren wandte er sich
gegen Aufrüstung und Krieg, u. a. in "Die Atombombe und die Zukunft
der Menschheit" (1958).
1961 wurde JASPERS emeritiert. Auch in den Sechzigerjahren äußerte sich JASPERS häufig in Diskussionen um politische Gegenwartsfragen, so in "Wohin treibt die Bundesrepublik?" (1966), das zum Bestseller avancierte.
Aber nicht nur Parteienkritik bzw. Kritik an der - seiner Meinung nach - in der Bundesrepublik
herrschenden Parteienoligarchie wurde sein Thema. Er setzte sich mit den deutsch-deutschen Verhältnissen
auseinander. So forderte er die Anerkennung der Deutschen Demokratischen
Republik und den Verzicht der Bundesrepublik auf die Wiedervereinigung.
Damit wurde er zu einer der umstrittensten Figuren der deutschen Politik.
Die Wortschöpfung "Jasperletheater" machte die Runde. Andere
lobten ihn als neuzeitlichen "Praeceptor Germaniae" (Lehrer
Deutschlands). 1964 wurde ihm der Orden Pour le Mérite (Friedensklasse)
verliehen, der auf den preußischen König FRIEDRICH II. (1712-1786)
zurückgeht.
Am 26. Februar1969 starb KARL JASPERS in Basel.
JASPERS Werke (Auswahl):