

Kudrun im Kontext der germanischen
Sagenwelt
Der Name Kudrun oder Gudrun ist in der germanischen Sagenwelt dreimal überliefert.
WAGNERs Gutrun (in seiner Oper "Götterdämmerung") ist mit diesen Kudrun-Versionen nicht identisch, hat jedoch gewisse Ähnlichkeiten mit Kriemhild aus dem "Nibelungenlied".
Das Thema in "Kudrun"
Das Thema in der "Kudrun"
ist das altgermanische Vergeltungsdenken, das auch der Frau keinen Weg
offen lässt, sich ihm zu verweigern. In diesem Sinne ähnelt
die Heldin der Kriemhild aus dem "Nibelungenlied".
Auch hier wird Rache geübt für eine Bluttat.
Stoffgeschichte
Die Stoffgeschichte des
Heldenliedes ist nicht eindeutig geklärt. Fest steht: Das "Kudrun-Lied" entstand zwischen 1220 und 1250.
Die Zeit der Hohenstaufen (1137-1208: KONRAD III., FRIEDRICH I. BARBAROSSA, HEINRICH VI., PHILIPP
VON SCHWABEN; 1215-1254: FRIEDRICH II.), die der Niederschrift des Heldenliedes vorausging, kann als eine
der fruchtbarsten Zeiten der mittelhochdeutschen Hochklassik bezeichnet
werden und strahlt auf die wichtigsten Epen "Nibelungenlied"
und "Kudrun-Lied" zurück.
Das „Kudrun-Lied“ ist als einzige Abschrift in der Ambraser
Handschrift ("Ambraser
Heldenbuch") überliefert. Es umfasst 32 Aventiuren.
Die Dreiteilung des Werkes ist aufgrund seiner stilistischen Eigenheiten
einleuchtend: Der Hagen-Teil gilt als
relativ homogen. Man geht davon aus, dass dieser von einem einzigen Verfasser
geschrieben worden ist. Allerdings gibt es wörtliche Anklänge
an das "Nibelungenlied", was vermuten lässt, dass das "Kudrun-Lied"
aus mehreren Wurzeln stammt. Zudem ist die "Hilde"-Dichtung in der "Kudrun" rein germanischen Ursprungs. Auffallend ist,
dass das Heldenlied genealogisch gegliedert ist, d. h. beim Großvater
beginnt und bei der Enkelin aufhört. Dies ist jedoch eher ein Verfahren
des höfischen Epos. So lässt
sich sagen, dass die "Kudrun" zwischen den mittelalterlichen
literarischen Gattungen zu finden ist.
Was ebenfalls für mehrere Verfasser spricht, ist die Tatsache, dass die Struktur der sogenannten Kudrun-Strophe
nicht einheitlich durchgehalten worden ist.
Das Lied hat spielmännische Einschläge (die Brautwerbung), es
wendet sich an das höfische Publikum. Zudem ist die germanische Wurzel
vom heidnischen altgermanischen Götterglauben gereinigt und das Lied
christlich geprägt.
Inhalt der Kudrun
Der Inhalt der "Kudrun"
folgt dem genealogischen Prinzip.
Hagen-Teil: Der siebenjährige
Hagen wird von einem Greifen entführt, wird jedoch auf wundersame
Weise aus dem Horst des Greifvogels gerettet und begegnet drei früher
geraubten Königstöchtern in einer Höhle. Diese sorgen für
ihn, bis er groß genug ist, für sie zu sorgen. Er findet die
Waffen und Rüstung eines gestrandeten toten Kreuzritters, kann so
die Greifen erschlagen, also Vergeltung für das ihm und den Königstöchtern
angetane Leid üben. Es gelingt ihm, mit den Waffen umgehen zu lernen
und sich die Ritterkunst beizubringen.
Nun kann er versuchen, in seine Heimat zurückzukehren. Dazu begibt
er sich an den Strand und wird von dem Grafen von Garade auf dessen Schiff
mitgenommen. Es stellt sich heraus, dass gerade dieser ein Feind von Siegebrand,
Hagens Vater ist. Doch dem Helden gelingt es, bis in seine Heimat zu kommen.
Dort söhnt er die beiden Männer miteinander aus. Hagen heiratet
eine der drei Königinnen, die er mit in seine Heimat genommen hat.
Hagen wird König. Seine Tochter, die nach ihrer Mutter Hilde heißt,
wächst heran. Er tötet alle, die um die Hand seiner Tochter
anhalten.
Hilde-Teil: Hagen will nur demjenigen
die Hand seiner Tochter geben, der ihn im Kampfe besiegt. König Hetel
aus dem Hegelingenland schickt drei Helden aus, die um die Braut werben
sollen. Wate, seinen Waffenmeister, den Sänger Horand und Frute,
seinen klugen Berater. Sie wollen Hagen mit einer List besiegen und verkleiden
sich als Kaufleute. Es gelingt ihnen, durch den Verkauf exotischer Waren
den König und seinen Hof auf sich aufmerksam zu machen. Einer Einladung
Hagens folgen sie. Sie können sich am Hof des Königs außerordentlich
beliebt machen, und weil sie wissen, dass Hagen ihnen die Tochter nicht
aushändigen wird, weihen sie Hilde in ihren Plan ein, sie zu entführen.
Die Flucht gelingt, jedoch Hagen eilt seiner Tochter nach. Es kommt zu
einer schweren Schlacht zwischen den Helden, schließlich willigt
Hagen in die Heirat König Hetels mit Hilde ein. Ihnen werden zwei
Kinder geboren: Ortwin und Kudrun.
Kudrun-Teil: Kudrun wird ebenso
von einer Vermählung abgehalten, wie einst ihre Mutter. Hetel schickt
alle Freier nach Hause. Auch den Normannenfürsten Hartmut. Dieser
sinnt jedoch auf Rache.
König Herwig von Seeland, der mit einer Streitmacht vor dem Hof Hetels
auftaucht, wird die Hand Kudruns versprochen. Sigfrid von Morland, auch
ein abgewiesener Freier, führt Krieg gegen Herwig. Auf Herwigs Seite
nimmt auch Hetel, Kudruns Vater an den Kämpfen teil. Inzwischen entführt
der Normannenfürst Hartmut die Kudrun aus der verwaisten elterlichen
Burg. Hetel, Herwig, sogar der besiegte Sigfrid verfolgen den Entführer.
Auf einer Insel stellen sie den Normannenkönig. Es kommt zu einer
blutigen Schlacht, in deren Ergebnis der Vater Kudruns, Hetel, stirbt.
In der Nacht gelingt es den Normannen, von der Insel zu fliehen. Die Hegelingen
müssen erfolglos in die Heimat zurückkehren. Bei den Normannen
angekommen, verweigert sich Kudrun ihrem Entführer. Es gelingt Hartmut
nicht, sie zur Frau zu nehmen. Jedoch bleibt sie jahrelang seine Gefangene
und muss für seine Mutter niedere Arbeiten verrichten.
Ihr Verlobter Herweg ist unterdessen ausgezogen, sie zu suchen. Als er
sie schließlich findet, will er sie in Sicherheit bringen. Das entspräche
jedoch nicht den alten germanischen Ehrenkodexen. So muss die Abschluss-Schlacht
stattfinden zwischen Entführer und Verlobtem, in der Ludwig, Hartmuts
Vater den Tod findet. Der Weg zur Vermählung Herwegs mit Gudrun ist
frei.
Zentrale Motive: Entführung,
Rache, Brautwerbung
Die zentralen Motive in der "Kudrun" sind:
In allen drei Teilen der "Kudrun" findet eine Entführung statt. Im Hagen-Teil wird der Held durch die Kreatur (Greif) entführt. Er kann sich, erwachsen geworden, an ihr rächen. Die Versöhnung seines Vaters mit dem hilfreichen Grafen hat indirekt mit dieser Rache zu tun: Ohne den Greifen wäre Hagen nicht in die missliche Situation gekommen, fern der Heimat, sich selbst erziehend, aufwachsen zu müssen. Die Versöhnung der Eltern-Generation miteinander zielt auch auf eine Versöhnung Hagens mit der Natur, der er einst ausgeliefert war.
Im Hilde-Teil ist die Brautwerbung zentrales Motiv. Da Hagen eifersüchtig auf seine Tochter Hilde achtet und jeden Brautwerber erschlägt, wird die Entführung aus Liebe geschildert. Die Heldin liebt aufrichtig, deshalb endet in diesem Teil die Rache nicht mit dem Tode, sondern mit der Versöhnung Hagens mit Hetel, dem Entführer.
Im Kudrun-Teil wird die Rache wegen der Entführung aus verschmähter Liebe zum zentralen Motiv. Doch sie wird verhältnismäßig milde geführt: Zwar verbringt Kudrun ihre "besten Jahre" in der Hand des verschmähten Liebhabers, jedoch nur der Vater Hartmuts stirbt durch die Hand des Helden. Der Schwester und ihm selber begegnet man durch gütiges Verzeihen. Und es ist Kudrun selbst, die Mitleid mit ihrem Entführer zeigt, Gnade vor Recht ergehen lässt. Dieses ist bereits höfisches Verhalten des Hochmittelalters. Die bestehende Ordnung wird wiederhergestellt, und erst nach dem Kampf darf Verzeihen geschehen.
