Neue Themen
Mit der Vereinigung der beiden deutschen Staaten am 03. Oktober 1990 ergaben
sich auch neue
Themen für die Literatur. Wie lebte es sich in dem neuen -
alten Land, in dem sich der Alltag vor allem für viele Ostdeutsche
radikal geändert hat. Aus dieser Sicht waren die 90er-Jahre eine
Zeit des Übergangs. Kindheitserinnerungen
und Bücher darüber, wie man sich die jeweils andere Seite, den
"Westler" oder den "Ostler", vorstellte erschienen.
Einerseits sind Beobachtungen und Gefühle in der "Berliner Republik"
im Gegensatz zur "Bonner Republik" zu beschreiben.
Andererseits werden die Verluste und die neu gewonnenen Freiheiten in den Biografien ehemaliger DDR-Bürger konstatiert. Ältere Autoren beschreiben die psychischen Verletzungen, die sie in der DDR erlitten, sowie ihren Verlust an utopischen Hoffnungen. Ein Thema, das heftige emotionale Debatten auslöste, war das zum Verhältnis von Staatssicherheit und Literatur. Ihm wandten sich hauptsächlich ehemalige DDR-Autoren zu. Zwischen denen, die die DDR verlassen hatten und denen, die geblieben waren, gab es große Meinungsunterschiede, nicht selten Unverständnis oder unerbittliche Schuldzuweisungen. ERICH LOEST nannte seine Autobiografie in Anspielung auf den Privatsekretär GOETHEs "Die Stasi war mein Eckermann oder Mein Leben mit der Wanze" (1991). 1990 veröffentlichte REINER KUNZE Teile seiner Stasi-Protokolle ("Deckname Lyrik").
Ost-West-Diskussion
GÜNTER GRASS leitete mit "Ein Schnäppchen namens DDR"
(1990) die Ost-West-Diskussion
nach der Wende ein. 1991 wurde durch die Veröffentlichung von CHRISTA
WOLFs "Was bleibt" die Diskussion darüber weitergeführt.
WOLFGANG HILBIG beschäftigte sich in seinem Roman „Ich“
(1993) mit der doppelten Identität seiner Hauptfigur als Schriftsteller
und Stasispitzel. Dabei führt er die Utopien seiner Generation ad
absurdum, indem er W., seine Hauptfigur, ein gedankliches Geflecht von
Abhängigkeiten entwerfen lässt:
War dies nicht das unausgesprochene Ziel der großen Utopien, von
Platon über Bacon bis Marx und Lenin? Daß jeder jeden in der
Hand hatte, vielleicht war dies das letztendliche Ziel des utopischen
Denkens.
Diese erträumte "Überwachung des Gedankens" paraphrasiert
das volks-liedhafte "Die Gedanken sind frei". Der Held, der
einen Berufskollegen bespitzeln soll, erfährt, dass er lediglich
als Legendenbildner diente, damit der, den er bespitzelte, im Westen einen
Ruf als Stasi-Verfolgter erhielte. Als ihm Zweifel an seinem Tun kommen,
wird er verhaftet und in eine Heilanstalt eingewiesen.
BRIGITTE BURMEISTERs Roman "Unter dem Namen Norma" (1994) beschäftigt
sich aus der Sicht der Täter mit dem Stasi-Phänomen. Das Buch
spielt im Sommer 1992. Die Ich-Erzählerin Marianne Arends gibt vor,
Stasi-Spitzel gewesen zu sein. Auf dieses scheinbare Geständnis folgt
gesellschaftliche Ächtung und Ausgrenzung: Ihr Mann, der in West-Berlin
lebt, trennt sich von ihr.
Die Romanistin BURMEISTER sieht sich vom französischen Nouveau Roman beeinflusst.
GOETHEs Iphigenie in VOLKER BRAUNs "Iphigenie in Freiheit"(1992)
spürt den Verlust ihrer Ideale nach dem Fall der Mauer, die plötzlichen
ideellen Leerstellen, die auszufüllen sind mit den Versatzstücken
einer angenommenen westdeutschen Identifikation.
JUREK BECKERs "Amanda herzlos" (1992) beschäftigt sich
mit dem DDR-Alltag in den späten Achtzigerjahren: Drei Männer,
der Zeitungsredakteur Ludwig Weniger, der oppositionelle Schriftsteller
Fritz Hetmann und der Hamburger Rundfunkreporter Stanislaus Doll blicken
als (gewesene) Ehemänner auf die angeblich herzlose Amanda und ihr
Leben zurück. Erst mit dem letzten ihrer Ehemänner beschließt
Amanda die Ausreise in die Bundesrepublik. Dieser ist ausgerechnet ein
"Wessi". Deutbar ist der Schluss: Die Bundesrepublik nimmt die
verflossene DDR an die Hand in eine "Freiheit", wie sie sie
meint.
Wende-Roman
Der große "Wende-Roman",
vielfach in der Literaturkritik beschworen, ist bis heute nicht geschrieben.

"Helden wie wir"
Viele hielten THOMAS BRUSSIGs "Helden
wie wir“ (1996) für diesen "Wende-Roman". Wie auch in "Am kürzeren
Ende der Sonnenallee" (2001) wird hier versucht, die gesellschaftliche
Entwicklung über den historischen Zufall zu erklären. Damit gelangt man
bereits ganz nah an die Wahrheit, denn ein Zufall war es, der Günter Schabowski
(geb. 1929) 1989 erklären ließ, die Reisefreiheit für DDR-Bürger träte
mit sofortiger Wirkung in Kraft. Diese wahre Begebenheit barg nicht wenig
Komik in sich. Vielleicht deshalb setzten sich jüngere Autoren der ehemaligen
DDR humoristisch-satirisch mit dem Thema "Wende" auseinander. Für sie
war die DDR längst kein historischer Ort von Utopie mehr.
Inhalt von
"Helden wie wir"
BRUSSIGs komplexbeladener "Held" Klaus Ultzscht will mit seinem erigierten
Penis "die Berliner Mauer umgeschmissen" haben. Am legendären 4. November
1989 erleidet er einen Treppensturz. Als dessen Folge schwillt sein Penis
zu einer beträchtlichen Größe, die die Grenzer derart beeindruckt, dass
sie die Grenze öffnen. Die Geschichte wird so grotesk erzählt, dass sie
geeignet scheint, den Ereignissen die mythische Überhöhung zu nehmen.
An die Stelle des "geteilten Himmels" (Christa Wolf) tritt der "geheilte
Pimmel".
Der an CHARLES BUKOWSKI und JOHN IRVING geschulte BRUSSIG gibt uns Einblicke in die Lebensstationen seines Helden: Ultzscht auf der "Messe der Meister von morgen" und seine Arbeit bei der Staatssicherheit: in allem steckt das Absurde und Lächerliche, das ein wenig auch in der DDR steckte. Nur wird es mit dem Spott der Erlösung erzählt, mit Banalitäten und Obszönitäten angereichert, um den Sarkasmus zu verpacken, der in diesem Werk versteckt ist.
"Simple Storys"
INGO SCHULZEs (geb. 1962) "Simple
Storys" (1998), ein "Roman aus der ostdeutschen Provinz"
(Untertitel), erzählt in 29 Kapiteln Episoden aus der Zeit nach 1990.
SCHULZE zeigt das Alltagsleben nach der Wende in vielen kleinen Geschichten,
die lediglich über den Schauplatz Altenburg bzw. die Figuren zusamengehalten
werden. Eine Frau erzählt über ihre Erlebnisse auf einer Busreise
nach Italien. Sie reisen mit einem westdeutschen Pass und unter falschem
Namen, als BRD-Bürger. Eine Autopanne zwingt zum unfreiwilligen Halt,
als ein Bergsteiger die Kirchenfassade hinauf klettert. Davor bildet sich
eine Menschentraube, man fotografiert den Wahnsinnigen. Jemand hat ihn
erkannt, man ruft seinen Namen. Er hält auf dem Sims eine Anklagerede
gegen "den Bonzen im grünen Anorak", dann klettert er nach
unten, wird von Carabinieri in Empfang genommen. Die Menschentraube löst
sich auf. Von dieser Art sind SCHULZEs Geschichten, unspektakulär,
in "lakonischem, gänzlich unpathetischen Stil", der "an
die Tradition der amerikanischen Short Story" anknüpft (Klappentext).
Es sind die kleinen und großen Verletzungen der Seele, die berichtet
werden. Als Erzählmotiv wird genannt: "Weil man so schnell vergißt".
Bekannte Themen
BERNHARD SCHLINK griff in seinem Roman "Der
Vorleser" (1995) die nach dem Zweiten Weltkrieg viel diskutierte
Frage um die Schuld des Einzelnen an Holocaust und Massenmord wieder auf.
Der 15-jährige Hauptheld Michael Berg lernt die um vieles ältere
Analphabetin Hanna Schmitz kennen und lieben. Sie werden sehr vertraut
miteinander. Michael liest Hanna aus Büchern vor. Als er der Frau
viele Jahre später bei einem Prozess gegen ehemalige Kriegsverbrecher
wieder begegnet, ist er Jurastudent und erfährt, dass sie eine ehemalige
Aufseherin in einem KZ in Auschwitz gewesen ist. Michael versucht ein
bürgerliches Leben zu leben, heiratet eine Kommilitonin, von der
er sich jedoch bald wieder scheiden lässt. Er betreut die zu lebenslanger
Haft verurteilte Hanna im Gefängnis. Mithilfe von Kassetten, auf
denen er der ehemaligen Vertrauten vorliest, gelingt es ihr, Lesen und
Schreiben zu lernen. Kurz vor ihrer Entlassung begeht Hanna Selbstmord.
Sie hinterlässt ihr kleines Vermögen der Tochter eines ehemaligen
Häftlings.
Neue Subjektivität
Neue Subjektivität:
GÜNTER GRASS von den Kritikern arg gescholtenes "Ein
weites Feld" ist eine Geschichte über den FONTANE-Verehrer
Theo Wuttke (genannt "Fonty") und seinen Spitzel Hoftaller.
Sie verbalisiert GRASS Kritik an der Art und Weise der Wiedervereinigung
im Ausverkaufs-Stil und der Zerstörung ostdeutscher Lebensgefühle.
Eine weitere Tendenz zeigt sich im Fortbestehen der Neuen Subjektivität.
GÜNTER GRASS legte mit "Mein Jahrhundert" (1999) ein Erinnerungsbuch
vor, das ebenso hart diskutiert wurde, wie "Ein weites Feld".
STEFAN HEYMs autobiografische Geschichten "Immer sind die Weiber
weg" (1997) sind"komische und traurige und humorvolle
Geschichten", (Klappentext), die den Autor "von einer ganz neuen Seite"
zeigen, "sie gehören zu den eigenwilligsten, was er je geschrieben
hat" (ebenda).
Es sind Kurzgeschichten, die er seiner Frau Inge geschrieben hat.
Auch MARCEL REICH-RANICKI legte mit "Mein Leben" (1999) eine erfolgreiche
Autobiografie vor.
Neben den Texten der älteren Autoren und Literaturkritiker aus Westdeutschland
beschreiben die jüngeren des Leben
in der wohlhabenden Bundesrepublik und die jüngsten das Lebensgefühl
der Techno-Generation, für die die Love-Parade zu einem Symbol
des Spaßes und fast grenzenloser Freiheit geworden ist. In Literaturkritiken
wird diese Literatur als abgeklärt und illusionslos, verspielt und
z. T. elitär, glatt und makellos - als ein Teil der neuen Popkultur
charakterisiert.
Nachdem in den Diskussionen die Frage, ob jemand aus dem Osten
oder Westen kommt, immer weniger eine Rolle spielt, haben die Autoren
einen gemeinsamen Konfliktstoff. Er entsteht aus den unterschiedlichen
deutschen Vergangenheiten und Lebensformen im Deutschland des 21. Jahrhunderts,
dass seinen Platz im neuen Europa und der Welt finden muss. Was dies für
den Alltag und die individuellen Lebensphilosophien bedeutet, davon werden
die Autoren erzählen.