




Literarische Zentren
Zu Beginn der
Achtzigerjahre des 19. Jahrhunderts bildeten sich die zwei wichtigsten Zentren Berlin
und München mit vielen kleinen literarischen Gruppen heraus (Bild 1). Viele waren
begeisterte Propagandisten der Werke ZOLAs.
Die Brüder HEINRICH
HART (1855-1906) und JULIUS HART
(1859-1930) waren Bahnbrecher des Naturalismus als Herausgeber von
"Wir rufen den Kritikern zu: Helft uns kämpfen gegen die Modedichterlinge und Poesiefabrikanten ... Laßt uns einig sein, laßt uns jeden Keim, der zu einem Schößling echt moderner und tief nationaler Dichtung auszuwachsen verspricht, hegen und pflegen ..."
"Freie
Volksbühne"
Am 8. August 1890 wurde in Berlin die "Freie
Volksbühne“ gegründet. Ihre Mitbegründer waren BRUNO WILLE
(1860–1928), WILHELM BÖLSCHE, OTTO ERICH HARTLEBEN (1864-1905), JULIUS HART, OTTILIE
BAADER (1847-1925) und OTTO BRAHM (1856-1912). Als erstes Stück wurde
am 19.10.1890 HENRIK IBSENs "Stützen der Gesellschaft" (1877) aufgeführt.
MICHAEL GEORG CONRAD attackierte in München die Großstadt als einen
"Ameisenhaufen in wahnsinnigem Aufruhr, ein wüstes Hin- und Her ...".
Naturalistisches
Zentralorgan war "Die Gesellschaft“
(seit 1885 hg. v. CONRAD). Es spiegelte die Kulturkampf-Atmosphäre
der Siebziger- und Achtzigerjahre wider. CONRAD zeigte die für den Naturalismus
typische Verschränkung von romantisch-konservativem Nationdenken und aufklärerischem
Kosmopolitismus.
Themenkreise des Naturalismus
In diesen Werken gibt es keine Helden mehr. Szenenreihen
sollten
die Wahrheit über den Menschen aufdecken.
Die Welt
der Industrie, der Maschine und der Technik hält Einzug in die Literatur,
sowohl in ihrer Bejahung als auch in der Ablehnung und skeptischen Haltung. Eine
Welt, in der auch die Gegenwelten und romantische Innerlichkeit neu an Bedeutung
gewinnt. In den Werken des Naturalismus findet sich selten eine rein sachliche
Darstellung der technischen Welt, wie das etwa bei der Neuen Sachlichkeit der
Fall sein wird. Autoren haben weniger Interesse an den Details der modernen Technik
als an dem generellen Problem, wie eine neue Sachlichkeit in der Literatur gefunden
werden kann. Man proklamierte den "Geist der
absoluten Objektivität". Ziel ist die Entfaltung einer realistischen
Ästhetik, die auf dem naturwissenschaftlichen Empirismus basiert.
" Der große Thienwiebel hatte nicht so ganz unrecht: Die ganze Wirtschaft bei ihm zu Hause war der Spiegel und die abgekürzte Chronik des Zeitalters." (Papa Hamlet)
"Experimentelles"/"Technisches"
Er
formulierte wahrscheinlich die stärkste, klarste und prägnanteste, geschlossenste Ästhetik des Naturalismus.
JOHANNES SCHLAF (1862-1941) und ARNO HOLZ (1863-1929) erprobten
in Studien und Skizzen, wie man stilistisch und technisch eine fotografisch
präzise Darstellung kleinster auch beiläufiger Vorgänge
und Handlungen geben kann. Ihnen gelang eine protokollarische Erfassung im sogenannten Sekundenstil.
Wie erzähle ich Langeweile, die Reinigung von Fingernägeln, das nicht enden wollende Sterben, bei dem jede Minute kein Ende nehmen will usw. z. B. im Skizzenbuch „Papa Hamlet“ (1889, unter dem Pseudonym Bjarne P. Holmsen, PDF 1, sowie eine Rezension von CONRAD/ALBERRTI, siehe PDF 2).
| Der Sekundenstil strebt eine vollkommene Deckungsgleichheit von Erzählzeit und erzählter Zeit an. Einzig die zeitliche Abfolge bildet die Organisationsstruktur, während der Autor völlig zurücktritt. Der Begriff wurde von ADALBERT VON HANSTEIN 1900 im Hinblick auf die Werke von SCHLAF/HOLZ geprägt. |
SCHLAF versuchte den Sekundenstil auch in der Lyrik (PDF 3) zu entwickeln. Wie HOLZ in der Lyrik trennten sich HERMANN SUDERMANN (1857 -1928) und GERHART HAUPTMANN (1862 -1946) von dem reinen "naturalistischen Schema" und verbanden ihn mit anderen Motiven und künstlerischen Elementen. HAUPTMANN war so fasziniert von dem "konsequenten" Naturalismus von HOLZ/SCHLAF, dass er ihnen "Vor Sonnenaufgang" widmete.
