

Geschichte der Literaturgeschichtschreibung
Die Literaturgeschichtsschreibung ist so alt wie die Menschheit selbst. Das Wort litteratura bezeichnete in der Antike alles Geschriebene. KALLIMACHOS systematisierte
erstmals das Schrifttum seiner Zeit in der sagenhaften Bibliothek
von Alexandria (3. Jahrhundert v. Chr.). SUETON war der bekannteste
Literaturhistoriker der Antike. Mit „De
viris illustribus“ (110 n. Chr.) verfasste er eine Abhandlung über
das Leben von Dichtern, Rednern, Historikern, Philosophen und Grammatikern.
HIERONYMUS bezeichnete 392 mit diesem Wort die Schriften heidnischer,
also nichtchristlicher Autoren. Für die Schriften christlicher Autoren
fand er das Wort sriptura. Im Mittelalter
entwarf HUGO VON TRIMBERG (auch: HÛC VON TRIMBERG, etwa 1235-nach
1313) mit seinem Werk "Registrum multorum auctorum" (1280) eine
der bedeutendsten lateinischen Literaturgeschichten in rhythmischen Versen.
Er trat selbst auch als Literat hervor und schrieb sieben deutsche und
fünf lateinische Werke, von denen jedoch nur wenige erhalten sind,
unter ihnen der "Renner",
ein enzyklopädisches Lehrgedicht in ca. 24600 Versen. 1682 schrieb DANIEL
GEORG MORHOF (geb. 1639 in Wismar - gest. 1691 in Kiel) mit dem Buch
"Unterricht von der Teutschen Sprache und Poesie" bereits eine
erklärende Literaturgeschichte. Er gilt als "Vater der deutschen
Literaturgeschichte". MORHOF machte sich auch als Dichter einen Namen:
Er klaget wegen der bösen Kriegszeit / und bittet um des Krieges Abwendung.
Ach / wo will die Welt hinaus!
Dieses schnöde Buben-Haus /
Das dem Laster Leben
Auff den Grund ergeben!
Sieht man doch
Jmmer noch /
Sich mit starcken Zügen
Alle Welt bekriegen.
Jst denn aus der Höllen Schooß /
Alle Schaar der Teuffel loß /
Die bey uns auff Erden
Wollen Bürger werden?
Sieht man doch /
Daß annoch
Sind mit Krieg und Streiten
Eine Pest der Zeiten.
Jst ein Winckel in der Welt /
Den man frey von Kriegen hält?
Schlagen nicht die Flammen
Uberall zusammen?
Menschen / Vieh
Fressen sie /
Was sie nicht berücken /
Muß von Rauch’ ersticken.
Alles liegt bey Krieges-Zeit /
Kunst / Zucht / Recht und Redligkeit /
Alle gute Sitten / Werden überschritten /
Raub und Brand /
Stürtzt das Land /
Edle / Bauren / Bürger /
Laster / Seuchen / Würger.
Kein Gesetze wird erhört /
Alles Gute wird verkehrt /
Hier seyn lauter Hencker /
Leib- und Seelen-Kräncker /
Denen Gott
Selbst ein Spott /
Leben / Haus und Stelle
Wird uns hier zur Hölle.
Komm / o Friedens-Geist / herein /
Tilge mit des Jahres-Schein’ /
Allen Höllen-Nebel /
Brich den Mörder-Sebel /
Gott steh’ auff /
Daß dein Hauff’
Hier nicht gantz erliege /
So greiff du zum Kriege!
(in: Marian Szyrocki: (Hrsg.): Lyrik des Barock. Bd. I. Reinbek: Rowohlt Verlag, 1971.)
MORHOFs Werk "Polyhistor literarius, philosophicus et practicus"
von 1688-1692 setzt sich umfassend mit der Geschichte
der Weltliteratur auseinander.
Zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert beschäftigte
man sich kaum mit literaturgeschichtlichen Fragen in Deutschland. Erst
die Romantiker mit FRIEDRICH VON SCHLEGEL und seinem Bruder AUGUST WILHELM
VON SCHLEGEL entdeckten dieses wissenschaftliche Feld wieder.
FRIEDRICH SCHLEGEL schrieb z. B. "Über die Sprache und Weisheit der
Inder" (1808). Seine "Geschichte der alten und neuen Literatur"
beinhalteten Universitäts-Vorlesungen, die er 1815 herausgab. AUGUST
WILHELM VON SCHLEGEL gab zwischen 1809 und 1811 "Über dramatische
Kunst und Litteratur" (3 Bände) sowie 1818 die "Observations
sur la langue et la littérature provençales" heraus. Seine "Geschichte
der deutschen Sprache und Poesie" wurde erst 1913 posthum veröffentlicht.
GERVINUS ist der Begründer einer nationalen Literaturgeschichtsschreibung.
Modernere Literaturgeschichten sind:
Eine unterhaltsame „Deutsche Literaturgeschichte in einer Stunde“ (PDF 1) schrieb KLABUND.
| Als Literaturgeschichte wird im allgemeinen der zeitliche Verlauf von National -bzw. Weltliteraturen bezeichnet. Im engeren Sinne bezeichnet der Begriff die Geschichte der Epochen, Autoren und Werke einer Nationalliteratur. |
Literatur ist eine Art kollektives
Gedächtnis einer Nation. Die Rezeption literarischer Texte
ist demzufolge immer auch eine Auseindersetzung mit der Vergangenheit,
der Gegenwart und der Zukunft. Die Geschichte der Literatur ist nicht
zu trennen von der Sprachgeschichte, der Kulturgeschichte und der politischen
Geschichte eines Landes.
Einteilungsmöglichkeiten der Literatur nach nationalem oder übernationalem
Aspekt:
Innerhalb dieser Literaturen kann man die Literatur einteilen nach:
Epoche
Epoche:
Mittels ideen-, geistes-, kultur-, oder sozialgeschichtlicher Perspektive
kann das Menschenbild einer Epoche, können die Werte und Vorstellungen
einer Gesellschaft erschlossen werden. Der Literaturhistoriker hat so
die Möglichkeit der Interpretation von Literatur. Die Literaturgeschichte
ist immer auch ein Schlüssel zur Gesellschaftsgeschichte.
Um Literatur zeitlich in die Geschichte
der Nationen eingliedern zu können, benutzt man den Epochenbegriff.
Die Epochenbegriffe wurden von Zeitgenossen oft nicht benutzt; sie sind
zu großen Teilen späteren Ursprungs, so redete man im 15. und
16. Jahrhundert nicht von Renaissance, stattdessen aber von "reformatio".
Auch das Wort "Antike" wurde später auf die griechische
und römische Altertumszeit angewendet. Viele Epochenbegriffe wurden
über den Umweg der Malerei auch auf die Literatur bezogen, so "Renaissance",
das im 19. Jahrhundert in der französischen Kunstgeschichts-Betrachtung
gebraucht wurde oder das Wort "Realismus", das eine Ausstellung
von COURBET betitelt hatte. Der Begriff "Barock" setzte sich
um 1860 als stilbeschreibender Begriff durch.
Der Epochenbegriff wird seit dem
18. Jahrhundert sehr unterschiedlich interpretiert: Sah man die Epoche
zunächst im Kontext literarischer Strömungen, Richtungen und
Gruppierungen, ging man später dazu über, die Literatur hinsichtlich
der Dichtungsauffassung, Stoffwahl, Formensprache zu untersuchen. Im 19.
Jahrhundert wurde die literarische Entwicklung als Geschichte der geistigen
und kulturellen Entfaltung einer Nation verstanden. Man betrachtete einzelne
Epochen, die man als geistige, kulturelle oder auch weltanschauliche Einheiten
empfand.
Seit Mitte der 60er Jahre werden Epochen verstärkt als Erscheinungsformen
ökonomischer, politischer und sozialer Entwicklungen verstanden.
Da seit dem 18. Jahrhundert, aber vor allem seit der Moderne verschiedene
Richtungen und Strömungen nebeneinander existieren, wird hier sowohl
der Epochenbegriff verwendet als auch eine historisch-politische Periodisierung
der Literatur vorgenommen.
Gattungen
Gattungen bildeten sich ebenfalls
erst langsam heraus. Sie entwickelten sich aus dem Gebrauch literarischer
Texte. Die Unterscheidung der drei literarischen Gattungen Lyrik, Dramatik,
Epik gilt seit dem 18. Jahrhundert (J. GOTTSCHED) als vereinbart. Die
Beschreibung der Geschichte der Gattungen ist Teil der Literaturgeschichte.
Stoffe
Literarische Stoffe werden seit den Kindertagen der Literatur immer wieder aufgegriffen und
variiert. Es sind Handlungsmuster, deren Geschichte und Varianten untersucht
werden können. Hier geht es um die Veränderungen, die literarische
Stoffe in Vergangenheit und Gegenwart unterworfen waren. Die Stoffgeschichte ist ein Teilgebiet der Komparatistik (vergleichende Literaturwissenschaft).
Motive
Auch literarische Motive können hinsichtlich ihrer Veränderungen, denen sie in der Literaturgeschichte
unterworfen waren, untersucht werden. Anders als bei der Untersuchung
literarischer Stoffe geht es bei der Untersuchung der Motive auch um deren
bedeutungsmäßige Beständigkeit. Beispielsweise anhand
der Bibel kann die Geschichte eines Motivs untersucht werden, etwa die
des verlorenen Sohnes oder die des Brudermörders Kain.
