




Konventionelle Empfindungsästhetik versus
Naturwissenschaftlicher Modernität
Charakteristisch für den
deutschen Naturalismus ist die Gleichzeitigkeit von
Naturalistische
Programmatiken
WILHELM BÖLSCHE (Bild 1) beschreibt in "Die naturwissenschaftlichen Grundlagen der Poesie. Prolegomena
einer realistischen Ästhetik", dass der Dichter in seiner Weise ein
Experimentator ist, wie der Chemiker, wobei der Autor Ausdruck des "poetischen
Genius" ist:
"Der Dichter ... ist in seiner Weise ein Experimentator, wie der Chemiker, der allerlei Stoffe mischt, in gewisse Temperaturgrade bringt und den Erfolg beobachtet. Natürlich: der Dichter hat Menschen vor sich, keine Chemikalien. Aber... auch diese Menschen fallen ins Gebiet der Naturwissenschaften. Ihre Leidenschaften, ihr Reagieren gegen äußere Umstände, das ganze Spiel ihrer Gedanken folgen gewissen Gesetzen, die der Forscher ergründet hat und die der Dichter bei dem freien Experimente so gut zu beachten hat, wie der Chemiker, wenn er etwas Vernünftiges und keinen wertlosen Mischmasch herstellen will, die Kräfte und Wirkungen vorher berechnen muß, ehe er ans Werk geht und Stoffe kombiniert."
(WILHELM BÖLSCHE: Die naturwissenschaftlichen Grundlagen der Poesie. Prolegomena einer realistischen Aesthetik, Leipzig: Carl Reissner, 1887, vgl. PDF 1)
Anmerkung: Hier wirkt der klassisch-romantische Genie-Begriff in der naturalistischen Doktrin weiter.
Dichtung ist für BÖLSCHE die Einheit von "Experiment" und "Phantasiewerk" als ein Versuch im poetischen Denken, Tradition und moderne Erkenntnisse miteinander zu verbinden. Dichtung verbindet sich mit dem Versuch, einen Entwurf der besseren Welt zu wagen.
KARL BLEIBTREU (1859 -1928, Bild 2) schreibt in "Revolution der Literatur" (1886) "dass die naturalistische Wahrheit der trockenen und ausdruckslosen Photographie sich mit der künstlerischen Lebendigkeit idealer Komposition verbindet".
ARNO HOLZ ("Es ist ein Gesetz, das jedes Ding ein Gesetz hat."), der Formexperimentator und Anhänger eines naturwissenschaftlichen Denkens, war mit seiner "Wortkunsttheorie" und seinem "Phantasus-Opus" einer der wichtigsten, wenn nicht der wichtigste Theoretiker des deutschen Naturalismus. Für seine Sprachexperimente interessierten sich nicht nur "naturalistische" Autoren, sondern auch Künstler des Expressionismus und der Konkreten Poesie des 20. Jahrhunderts. HOLZ versuchte eine echte Revolutionierung der Sprache zu erreichen, um neue Bewusstseinshorizonte zu erschließen und kommunizierbar zu machen.
"Lassen wir also alle sogenannte Intuition und Inspiration und wie dergleichen großbrockiges Zeug sich sonst noch betiteln mag ... beiseite ... und halten wir uns lieber hausbacken an die Tatsachen."
(A. HOLZ: Die Kunst. Ihr Wesen und ihre Gesetze. 1891, PDF 2)
ARNO HOLZ ist unter den Lyrikern Ausnahme und Außenseiter. Im Allgemeinen offenbart die naturalistische Lyrik den Widerspruch zwischen Erneuerungsanspruch und der Praxis, konventionell, schablonenhaft, epigonal zu schreiben am deutlichsten und beschränkte sich vor allem auf stoffliche Neuerungen. In der Regel versuchten die Autoren romantische Natur- und Stimmungsmotive mit neuen, modernen Zeitsujets zu verbinden. In den Texten stehen romantische Naturverbundenheit und neue zivilisatorische Großstadterfahrungen nebeneinander, sodass Klischees und falscher, unangemessener Pathos nicht selten sind.
Programmatische Gegenströmungen
Zur selben Zeit gibt es traditionsbetonte Literatur, die in verschiedenen Lesergemeinden (ländliche, städtische, Mundartengruppen, konfessionell gebundene wie katholische und protestantische) verankert ist.
