Neue Subjektivität
bezeichnet eine Richtung in der deutschen Literatur seit den Siebzigerjahren, die stark subjektive und autobiografische Tendenzen aufweist.
Die Neue Subjektivität grenzt sich ab von der stark politisierten Literatur
der Zeit um 1968. Den Begriff der Neuen Subjektivität prägte
MARCEL REICH-RANICKI.
Nach dem politischen Scheitern der Protestbewegung von 1968 sowie dem
Einmarsch sowjetischer Truppen in Prag ist in der deutschen Literatur
eine Hinwendung zum Privaten zu beobachten.
Diese Tendenz subjektiver Schreibweise hält nach wie vor an.

Die Tendenz gilt gleichermaßen für Ost wie West. Rückzug
ins Private meint jedoch nicht, dass die Literatur "entpolitisiert"
worden wäre. Vielmehr wird die eigene Biografie zum Schreibanlass:
eine Krankheit, eigene Empfindungen, Probleme im privaten Bereich, auch
das Erleben der geschichtlichen Abläufe. Letzterem widmeten sich
HERMANN KANT (geb. 1926) in "Der Aufenthalt" (1977) und CHRISTA
WOLF (geb. 1929) in "Kindheitsmuster" (1976). PETER HANDKE (geb.
1942) schrieb in "Wunschloses Unglück" (1972) eine Biografie
seiner Mutter und wandte sich in "Die linkshändige Frau"
(1976) und anderen Werken autobiografischen Momenten zu.
In seiner Erzählung „Jugend“ (1976) verarbeitete WOLFGANG KOEPPEN (1906 -1996) seine Erlebnisse in seiner Heimatstadt Greifswald in düsteren, melancholischen Tönen. "Greifswald war ihm bis ins Alter eine Stätte der Hassliebe, die ihn nicht losließ und die er nicht loslassen wollte" (GUNNAR MÜLLER-WALDECK).
Vor den Augen des Lesers ersteht keine Handlung, an der er sich festhalten kann. Sehr präzise, detailreiche Beobachtungen, tiefgründige Reflexionen sind aneinandergereiht, das Fragment eines Romans zerstört und baut das Bild einer Stadt und seiner Bewohner.
Auch CHRISTA WOLF in „Nachdenken über Christa T.“ (1968) nutzte autobiografische Elemente zur Gestaltung ihres Romans. "Was ist das: Dieses Zu-sich-selber-Kommen des Menschen?", fragt WOLF mit diesem Zitat des ersten Kulturministers der DDR JOHANNES R. BECHER. Die Autorin erzählt die Geschichte der Freundin Christa T., die an ihrer Krankheit, aber auch an dem Land, in dem sie lebt, scheitert und stirbt. Nicht verbürgt ist der autobiografische Anteil der Geschichte: Christa T. ist nicht gleich CHRISTA WOLF, aber viele Lebensumstände, die hier beschrieben werden, gleichen denen der WOLF. Die selbstzweifelnde Erzählerin ist mit der Suche nach der Identität der Freundin zugleich auch auf der Suche nach ihrer eigenen Identität, danach, "daß wir alle unseren Anteil an unseren Irrtümern annehmen müßten, weil wir sonst auch an unseren Wahrheiten keinen Anteil hätten". Christa T. ist auf dem Wege des Ich-Sagens in einer "Wir-Welt", als sie stirbt. Sie erkennt, dass nicht sie es ist, die sich an eine Welt des Kollektivs anpassen, sondern dass die "Gemeinschaft" sie als Subjekt, als ICH anerkennen muss. Die Ich-Erzählerin beginnt ihre Suche nach Christa T. im "Wir" und kommt zu ähnlichen Ergebnissen.
In der DDR standen die Staatsfunktionäre dem geschriebenen Wort
ängstlich gegenüber: Lediglich eine Kleinstauflage erschien
1968 im Mitteldeutschen Verlag Halle, die nur in internen SED-Kreisen
verteilt wurde. Der Rest der Auflage wurde in die Bundesrepublik verkauft.
Letzten Endes konnte man die Veröffentlichung des Werkes in der DDR
nicht verhindern. 1975 erschien die 1. Auflage von "Christa T."
im Aufbau-Verlag.
"Nachdenken über Christa T." wurde zu einem der meist diskutierten Werke
der Nachkriegsliteratur in der DDR.
Literarisch vorweggenommen hatte PETER WEISS (1916-1982) die Neue
Subjektivität 1961 mit seinem autobiografischen Buch "Abschied
von den Eltern". Mit "Die Korrektur" (1975) und "Beton"
(1982) legte THOMAS BERNHARD (1931 bis 1989) subjektiv gefärbte Prosa
vor. ELIAS CANETTI (1905 -1994) schrieb eine dreibändige Autobiografie.
Er begann mit "Die gerettete Zunge" (1977) "Die Geschichte
einer Jugend" (Untertitel) zu erzählen, setzte mit "Die
Fackel im Ohr" (1980) fort und beendete mit "Das Augenspiel"
(1985). BARBARA FRISCHMUTH (geb. 1941) untersuchte in "Tage und Jahre"
(1971) und anderen Werken das Verhältnis zur eigenen Kindheit. Auch
GABRIELE WOHMANN (geb. 1932) umkreist in vielen ihrer Werke das Verhältnis
zwischen Eltern und ihren Kindern.
"Schöne Tage"
FRANZ INNERHOFERs (geb. 1944) „Schöne
Tage“ berichtet aus seiner Kindheit im österreichischen
bäuerlichen Milieu. Der sechsjährige Holl wird von allen herumgestoßen,
von seinem Vater, dem der uneheliche Sohn eine billige Arbeitskraft ist,
von seiner Stiefmutter, von den Knechten und Mägden des Hofes. Niemand
kümmert sich um ihn. In der Schule sitzt er auf der "Fenstereselbank",
trotzdem gelingt es ihm einiges zu lernen, bekommt er ein Entlassungszeugnis.
"Eigentlich sollte ich ein Verbrecher werden" resümiert
er am Ende des Romans. Und erst in seiner Lehre kommt er zur Ruhe, lebt
er nicht mehr unter Bestien, sondern unter Menschen.
HUBERT FICHTE (1935 -1986) erzählt in „Das Waisenhaus“ (1965) die Erlebnisse des achtjährigen Detlev in einem katholischen Waisenhaus während des Zweiten Weltkrieges. Der Junge ist Halbjude, jedoch evangelisch getauft. So kommt es zu vielen Konflikten. Er selbst ist sich nicht bewusst, dass der Aufenthalt im Waisenhaus auch seinem Schutz gilt.
Protokoll-Literatur
Viel unmittelbarer als die erzählenden Texte der Neuen Subjektivität
nimmt die Protokoll-Literatur
ihre Stoffe aus der Wirklichkeit. ERIKA RUNGEs "Frauen. Versuche
zur Emanzipation" (1970), SARAH KIRSCHs (geb. 1935) "Die Panterfrau.
Fünf Frauen in der DDR" (1973), MAXIE WANDERs (1933 -1977)
"Guten Morgen, du Schöne" (1978) und KARIN STRUCKs "Klassenliebe"
(1973) sind Beispiele dafür. Sie basieren auf Tonbandinterviews und
versuchen, das "wirkliche Leben" in die Literatur einzubringen.
Literarisch knüpfen sie an die Neue Sachlichkeit der Zwanzigerjahre
an.
Lyrik der Neuen Innerlichkeit
Die Lyrik der Neuen
Innerlichkeit berichtet beiläufig Privates. Persönliche
Erfahrungen werden in den größeren gesellschaftlichen Zusammenhang
gestellt. Diese Lyrik ist gekennzeichnet durch ihre Einfachheit, Direktheit
und Authentizität. Sie wird charakterisiert durch Schlichtheit der
Sprache und Metaphernarmut. Die sogenannte Alltagslyrik
war auch eine Abgrenzung zur hermetischen Lyrik in den Fünfzigerjahren in der Bundesrepublik:
„So oder so/ Schön/geduldig/miteinander/langsam/alt und verrückt werden/andererseits/allein/geht es/natürlich/ viel schneller“
(Kiwus, Karin: Neununddreißig Gedichte. Stuttgart: Reclam, 1998)